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Der Untermensch und andere Satiren

Rudolf Presber: Der Untermensch und andere Satiren - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Untermensch und andere Satiren
authorRudolf Presber
firstpub1905
yearca. 1916
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Untermensch und andere Satiren
pages3-100
created20070322
sendergerd.bouillon
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Weihnachten in einer kleinen Garnison.

( Aushängebogen aus dem neuesten patriotischen Roman eines Bilse-Schülers.)

. . . Der Rittmeister Nulpe rülpste. Er hatte sich das so angewöhnt; und alle Vorstellungen der Kommandeuse, die das nicht leiden konnte, hatten ihn nicht davon abgebracht. Seit er den liebeglühenden Brief der Kommandeuse an den Piccolo im »Blauen Dorsch« in Händen hatte, war er überhaupt ganz taub gegen das Geschnatter der Kommandeuse. Wenn sie zusammen eingeladen waren, ließ er sich von ihr die Käsebrötchen schmieren. Und einmal – bei Blödemanns – mußte sie ihm sogar die Stiefel ausziehn, weil er der perversen kleinen Frau des Hauptmanns von Lindhengst seine Hühneraugen zeigen wollte.

Rittmeister Nulpe sah ärgerlich nach der Uhr, die er erst vorgestern beim Juden abgehängt hatte. Daß auch seine Frau nicht kam! Er wußte es ja, sie war mit dem Fähnrich von Hinkelsporn im Hinterzimmer der »Krone«, wo das alte Ledersofa stand, das die schönere Hälfte der Regimentsgeschichte hätte erzählen können. Aber gerade heute hätte sie doch mal die kleine Rücksicht nehmen können, früher nach Hause zu kommen. Es war doch schließlich Weihnachten!

Na ja, er war dem Fähnrich fünfzehn blaue Lappen schuldig. Aber dafür wußte er doch auch, daß der Fähnrich den Stabsarzt neulich mit gezeichneten Karten um sein ganzes mütterliches Erbe geprellt hatte. Der Stabsarzt hatte sich später im Stall an einer Trense erhängt. Es war eine unangenehme Geschichte; besonders weil gerade am Nebenhaken noch der Trompeter vom Tag zuvor hing, den die besoffene Stallwache abzuschneiden vergessen hatte . . .

Im Nebenzimmer tobten die Kinder und wollten beschert haben. Na, in drei Teufels Namen, so mußte der Rittmeister eben selbst den Baum putzen. Denn schließlich – Weihnachten! Man muß doch »Christentum markieren«, wie die rote Anne damals sagte. als er ihr unter der Bluse das Heiligenbildchen hervorzog . . .

Also los. Konfekt – war nicht da. Der Rittmeister aber war ein kluger Kopf, was sich schon äußerlich darin zeigte, daß er entsetzlich schielte und daß ihm immer die Nase lief. Er band also ein Dutzend Revolverpatronen an grüne Fädchen und ein Dutzend Hühneraugenringe, die er immer bei sich hatte, an blaue Fädchen und schnitt aus sieben unbezahlten Rechnungen und einem Ehrengerichtsprotokoll rasch ein paar Papierquästchen. Zu dumm, daß er gerade gestern den Burschen halbtot geprügelt und der jetzt mit einem Schädelbruch im Lazarett lag. Wie schön hätte der ihm helfen können!

Der Gouvernante war nichts zuzumuten. Sie stand, ebenso wie die Köchin, direkt vor der Niederkunft; und wenn er die beiden Weiber ins Zimmer ließ, plagten sie ihn mit Vorwürfen. Einfach ekelhaft! Ja, wenn er seinen Humor nicht gehabt hätte!

So pfiff er das schöne Lied: »Karlinchen mit dem Selleriekopp – Allez, hopp, hopp, hopp – Allez, hopp, hopp, hopp –« vor sich hin und schmückte den Christbaum.

Die Kinder im Nebenzimmer machten gräßlichen Radau. Die Gouvernante las im Hinterzimmer Sacher-Masoch. Der Rittmeister hatte ihr die pikanten Stellen alle blau angestrichen und noch ein paar saftige Bemerkungen an den Rand geschrieben.

So waren die Kinder sich selbst überlassen. Der Älteste hatte einen Wasserkopf, ganz denselben Wasserkopf, wie der Friseur der Frau Rittmeister. Das Mariechen sah dem hübschen Briefträger zum Verwechseln ähnlich und stahl auch schon lustig Briefmarken. Fritzchen, der Kleinste, aber war ganz schwarz. Die Frau Rittmeister sollte sich damals an dem Holzneger im Kinkelmannschen Zigarrengeschäft »versehen« haben. Im Kasino hatte man eine einfachere Erklärung. Man erinnerte sich jener Hagenbeck-Karawane von Sudannegern und des kräftigen Ali Ben Mehmed, der immer in den Kaffeekränzchen der Regimentsdamen den Schwertertanz tanzen mußte.

Die Frau kam immer noch nicht.

Jetzt war ihm schon alles egal. Sollte er wegen den dummen Gören sein Rendezvous mit Minchen Müller mit den aufregenden Sommersprossen, der hübschen Tochter des Schlächtermeisters versäumen? Und gerade heute, wo sie doch gestern erst den Lehrling, den Aufpasser, mit Strychnin vergiftet hatten und also nichts zu fürchten war . . .

Ärgerlich goß er Petroleum über den Baum – Lichter aufzustecken war denn doch zu kindisch und mühsam – und steckte ihn an.

Gerade als die Gardinen anfingen zu brennen und die Kinder hereingelassen waren, kam auch die Frau. Sie war recht betrunken und roch nach schwedischem Punsch. Er war ärgerlich und gab ihr eine solche Ohrfeige, daß ihr die Mütze des Fähnrichs, die sie sich aus Neckerei aufgesetzt hatte, vom Kopf fiel.

Die Köchin schrie aus der Küche in Kindsnöten. Der Wasserkopf und das Mariechen sangen: »Stille Nacht, heilige Nacht.« In dem kleinen Neger aber waren wildere Ahnentriebe erwacht. Er nahm ein Küchenmesser, tanzte um den brennenden Baum mit funkelnden Augen und sang eine blutdürstige Sudanweise dazu.

Draußen schlich sich gerade mit aufgestelltem Rockkragen der Oberst vorbei. Er hatte eine Axt und eine Schippe unter dem Mantel und ging auf den jüdischen Friedhof, die Leiche der Frau Rosa Mandelbaum auszugraben, die, wie er wußte, mit drei Brillantringen am Finger beerdigt worden war. Und morgen wurde die Regimentskasse revidiert.

 

Ende.

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