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Der Untermensch und andere Satiren

Rudolf Presber: Der Untermensch und andere Satiren - Kapitel 11
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Untermensch und andere Satiren
authorRudolf Presber
firstpub1905
yearca. 1916
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Untermensch und andere Satiren
pages3-100
created20070322
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Das echte Kostüm.

»Also du hältst wirklich an deinem verrückten Plane fest?« fragte mein lieber Freund Edgar, indem er mit unnachahmlicher Grazie seine Zigarrenasche auf meinen Teppich warf.

»Ist zwar nur imitiert Smyrna . . .« brummte ich melancholisch. »Ich habe übrigens zwei Aschenbecher zur gefälligen Benutzung neben dich gestellt.«

Edgar nahm durch beifälliges Kopfnicken von meiner liebenswürdigen Fürsorge Notiz und kam auf seine alte Frage im Tone überlegener (er war ein halbes Jahr in Berlin!) Ironie zurück: »Du willst also wirklich heute abend auf das Kostümfest?«

»Aber wie oft soll ich dir's denn sagen: Ja! Ich habe das echte Kostüm eines italienischen Banditenführers durch die Güte eines befreundeten Malers. Das wird prächtig aussehen. Echt, sage ich dir, echt von den Sandalen aus ungegerbtem Rindsleder bis zu dem durchlöcherten Hut aus altersgrauem Filz; echt bis auf das Amulett am Hals. Der einstige Besitzer wurde von Karabinieri vor zwei Jahren bei Frascati erschossen! Echt bis auf die abscheulichen langen Rattenschwänze, die Virginiazigarren, die mir aus der Tasche sehen.«

»Sind die auch aus der Erbschaft des Buschkleppers?«

»Nein, die habe ich mir gekauft; willst du eine rauchen?«

»Viel schlechter, wie deine gewöhnliche Liebeszigarre für dich besuchende Freunde können zwar die transalpinischen Glimmstengel auch nicht sein; dennoch verzicht' ich. Mir ist ohnehin etwas übel von dem Kampfergeruch hier im Zimmer . . . Sag' mal, was riecht denn nur so scheußlich?«

»Riechst du das nicht gern? Das ist nämlich mein Kostüm, dort in dem Einschlag. Hat vermutlich lange im Schrank gehangen bei dem Künstler, dem es gehört . . .«

Edgar besah mit ganz ernsten Mienen das Paket auf dem Sofa, zog dann die Luft ein wenig durch die Nase, wendete sich zu mir und klopfte mir mit fast beleidigendem Wohlwollen auf die Schulter: »Du, Nicki, hör' mal, ich glaube, daß heute, was man so sagt, dein Tag ist.«

»Wenn du die Güte hättest, mir deine delphischen Sprüche auch in mein geliebtes Deutsch zu übertragen, so wäre ich dir dankbar.« Ich ärgerte mich und meine Worte verrieten ihm das wohl, denn ein mildes Lächeln wetterleuchtete auf seinem feisten, sauber ausrasierten Sybaritengesicht.

»Na,« meinte er begütigend, »nur nicht gleich ›Krummer Hund‹ schimpfen! Ich meine bloß, daß du heute abend dein Glück bei den Damen machen wirst.«

Und da ich ihm forschend in die Augen, das heißt eigentlich in die Zwickergläser, die mich blendeten, sah, fuhr er nach einem Weilchen fort: »Weißt du, Nicki, die alten Jüngferchen von heute haben alle so eine kleine Schwäche für das romantische Banditentum, besonders – die alten.«

»Auf die lege ich nun gerade geringeren Wert,« versicherte ich ehrlich.

Er ließ sich nicht irre machen. »Da wirst du Erfolg haben,« fuhr er fort, » Veni, vidi, vici kannst du wohl morgen früh als Siegesdepesche an unseren Frühschoppenstammtisch im ›Hirschen‹ telephonieren. Einer deiner berühmteren Ahnen hat das offenbar für deine Situation ausgedacht, am Rubikon glaube ich – ach nein, verzeih, da hat er wieder was anderes gesagt, aber immer klassisches Latein.«

Ich hatte das unbehagliche Gefühl, ganz gegen meinen Willen zugleich Ausgangspunkt und Zielscheibe von meines Freundes humoristischer Laune zu sein und verharrte mit düsterem Schweigen in meiner defensiven Stellung

Edgar betrachtete einige Familienporträts meiner Wirtsleute, steife dicke Matronen in spiegelnden Seidenkleidern, verwitterte Männer in kühnen Zylindern und mächtigen Halsbinden und Kinder im Kommunionsstaat mit Gesangbüchern und bekränzten Kerzen in den viel zu großen Handschuhen . . . Ein perfides Interesse heuchelnd, fragte er über die Achsel: »Das sind wohl alles Angehörige deiner lieben Familie?«

»Ach laß die schlechten Witze!« bat ich, »du siehst recht gut, daß diese Wanddekorationen den Geschmack meiner Wirtin verraten, ebenso wie die Gesichter der Dargestellten die Verwandtschaft mit ihr nicht verleugnen können.«

»Man muß immer vorsichtig sein,« gab der Freund zurück. »Seitdem ich mal eine junge Dame auf die komischen Rokokobeine eines älteren Herrn aufmerksam gemacht habe, mit dem sie sich am nächsten Morgen verlobte, urteile ich prinzipiell nicht mehr öffentlich über Beine, die nicht mir gehören. Übrigens hier das weiße Kommunionskleid, das Kränzlein im Haar, das Buch in Goldschnitt und die schöne lange Kerze – das wäre schließlich, wenn du den Kampferbanditen nicht darstellen wolltest, auch höchst originell für heute abend.«

»So, Edgar,« sagte ich, da meine Geduld beträchtlich abgenommen hatte, »und nun danke ich dir herzlichst für deinen lieben Besuch. Empfiehl mich deiner kleinen Therese vom Ballett, die ich gestern in geschlossener Droschke mit dem baronisierten Bierbrauer zur Bahn fahren sah – das erstaunt dich? Ach, ich dachte, du hättest sie selbst in Gnaden entlassen, weil du dich mit Fräulein von Linkshain verloben wolltest. Schade, sie hat sich nun schon dem reichen Linoleumfabrikanten versprochen; sie opfert zwei Zacken von ihrer Krone, aber sie soll ihn wirklich aus Neigung nehmen . . .«

Ich wußte selbst kaum, woher mir so viel Bosheit kam; und als ich die letzten Worte ausgesprochen, bereute ich sie schon. Denn ich dachte nicht anders, als ich habe dem Freund empfindlich wehe getan. Aber Edgar ist eine merkwürdige, unberechenbare Natur. Als ich ihn jetzt ansah, lächelte er, ja wahrhaftig er lächelte, als habe ich ein spaßhaftes Erlebnis aus meiner Kinderzeit in der lieblichsten Harmlosigkeit zum besten gegeben.

»Ich werde es meinem Vetter, dem Zoologen, mitteilen,« sagte er heiter, »daß seine Wissenschaft eine Stümperei ist. Denn in welchem zoologischen Buche steht die Weisheit zu lesen, die ich, der Nicht-Zoologe, soeben entdeckt habe und also zu formulieren geneigt bin: ›In der verbreiteten Säugetierklasse des homo sapiens existiert eine Spielart, genannt Referendarius innumeratus – zu deutsch: unbesoldeter Rechtspraktikant – der bei ihrer ersten Häutung, aus der ihre Exemplare als transalpinische Banditen hervorgehen, im vierundzwanzigsten Jahre die . . . Giftzähne wachsen.‹ Paß auf, Nicki, ob ich auf diese Entdeckung hin nicht in vier Wochen korrespondierendes Mitglied von fünfundzwanzig Akademien bin. Dir aber als meinem gütigen Versuchsobjekt bin ich zu so tiefgefühltem Danke verpflichtet, daß ich's noch nicht übers Herz bringe, dich jetzt schon zu verlassen, wie du ganz irrtümlich vorhin befürchtetest.«

Ich war zwar froh, daß Edgar meine kleinen Ausfälle mit gutem Humor parierte; aber ich war über sein Bleiben doch nicht besonders entzückt. Ich sah auf die Uhr: »Ja, lieber Edgar,« begann ich, »nimm mir's nicht übel, aber ich muß mich jetzt ankleiden.«

Edgar entzündete eine neue Zigarre an dem Stummel der alten. »Bitte.« brummte er nur.

»Ja, hast du vor, dabei zu bleiben?«

»Ich denke, du bist keine höhere Tochter und kannst ohne Erröten und ohne spanische Wand deine Vermummung vornehmen, die mich von mehr als einem Gesichtspunkt sehr interessieren wird. Also enthülle meinen Augen die Reize deiner ambrosischen Glieder und wenn ich vielleicht irgendwo helfen kann nachher – vielleicht Sicherheitsnadeln so zu stecken, daß sich kein weißer Mädchenarm verletzt, wenn er sich liebeswarm um deinen Nacken rankt – dann bitte ich ganz über meinen guten Willen und meine ungeschickten Hände zu verfügen.«

Mit diesen Worten ließ sich Edgar in die Ecke des ehemals grünen Sofas fallen und legte beide Beine auf die Armlehne des nächsten Sessels. Dann zog er, wie um meine Geschwindigkeit im Umziehen zu kontrollieren, die Uhr aus der Tasche. »Aber, Mensch, ums Himmels willen; um acht Uhr ist offizieller Anfang, um halb neun kommen also die ersten Narren – Pardon, Gäste – und nun ist es Dreiviertel auf sechs. So früh fängt ja kein Backfischchen seine Toilette an, das zu seinem ersten Kaffeekränzchen eingeladen ist, wie du, der Bandit, bei dem jede Unordnung in der Toilette malerischer und echter ist.«

»Das letzte,« stimmte ich etwas beschämt bei, »trifft ja zu. Aber, siehst du, eine wirklich malerische Unordnung zu bewirken, kostet viel mehr Zeit, als sich anständig, säuberlich und ordentlich anzuziehen. Ich hatte zum Beispiel auf der Universität einen Bekannten, der aus nicht ganz einleuchtenden Gründen von sich behauptete, er sei eine ›geniale Künstlernatur‹; dieser Mensch hat täglich den Vormittag damit vertrödelt, sein Zimmer, das vom Mädchen schon in Ordnung gebracht war, in den Zustand genialer Unordnung zu versetzen. Wer ihn zum erstenmal besuchte – er nahm nur nachmittags, wenn das Zimmer präpariert war, Besuche an – der stieß sich zunächst den Kopf an einer zerbrochenen Ampel, trat dann unfehlbar in einen Cellokasten und hatte – er mochte angreifen was er wollte – beim Fortgehen die Hände voll Tinte.«

»Da war das Heiligtum des Genies gewiß ein beliebtes Rendezvous der studierenden Schöngeister,« lachte Edgar und da ich noch immer vor ihm stand, fügte er hinzu: »So ziehen Sie sich doch an, Signore Rinaldo. Dadurch, daß ich den Räuber stückweise vor mir entstehen sehe, werde ich schließlich seinem Totaleindruck mit männlicher Fassung zu widerstehen vermögen.«

Es war nichts zu machen; er blieb da. So knüpfte ich denn seufzend das weiße Leintuch auseinander, in das das Kostüm des unberechtigten Steuererhebers aus der Campagna eingeschlagen war. Ein ungemein kräftiger Kampfergeruch schlug mir sofort entgegen und berührte selbst mein nicht sonderlich empfindliches Riechorgan unangenehm.

Edgar hielt sich die Nase zu und hustete vor sich hin: »Abscheulich!«

»Manche Leute riechen das sehr gern,« bemerkte ich verteidigend, obschon ich selbst nicht zu diesen Leuten gehörte und das eigne Unbehagen nur mühsam unterdrückte. »Das bißchen Geruch fällt auch gar nicht mit ins Gewicht,« fuhr ich fort, indem ich mich bemühte, mir den Zweck verschiedener Lumpen klar zu machen, deren malerische Unsauberkeit sie zu einem Hauptbestandteil der Banditenkleidung zu prädestinieren schien, »denn siehst du, die Hauptsache bleibt doch, daß das Kostüm echt ist. Und daß es echt ist, darauf kann ich . . . Ja, müssen eigentlich die Löcher in der Jacke bleiben?« fragte ich ziemlich ratlos den Freund.

»Jedenfalls. Denn es sind, daran ist nicht zu zweifeln, echte Löcher, und unter den Löchern – dafür mußt du Sorge tragen – muß man echtes Fleisch sehen. Mit echtem Banditenfleisch kannst du nun freilich nicht dienen, aber das Publikum wird ein Auge zudrücken, wenn es nur Fleisch sieht.«

Ich hatte unterdessen die hohen Strümpfe gesucht und war nicht wenig erstaunt, keine zu finden.

»Edgar hast du vielleicht, um einen deiner beliebten Scherze zu machen, ein Paar langer Strümpfe aus dem Bündel genommen?«

»Heilige Unschuld,« höhnte der Freund, »ein Bandit und Strümpfe! Die Lumpen, die dort oben aufliegen, mußt du um die Beine wickeln und mit den Riemen der Sandalen festbinden. Das ist für einen modernen Menschen, wie du, der rotseidene Socken und ausgeschnittene Schuhe trägt, nicht gerade sehr bequem, aber du wirst sehen, es sieht erstaunlich echt aus.«

»Ich bin doch froh, daß du dageblieben bist,« gestand ich etwas kleinlaut, »wer weiß, wie ich zurecht gekommen wäre. Der Mantel hier ist übrigens großartig. Sieh nur, lauter aufgesetzte farbige Flicklappen und die Schmutzflecken . . . appetitlich ist ja anders, aber echt ist auch was. Und auf so einem Künstlerfest, wo die Kostümkundigen zu Hunderten mit kritischen Blicken an den Wänden stehen . . .« Ich stockte, denn ich hatte soeben die unerfreuliche Entdeckung gemacht, daß an den Hosen des Banditen keinerlei Vorrichtung für einen Hosenträger zu finden war.

Edgar phantasierte laut vor sich hin. »Du wirst zweifellos in die Zeitung kommen. Da wird es heißen: Vor allen anderen schönen Masken zog ein lumpiger, schmieriger, übelriechender und somit durchaus echter Bandit in einem durchlöcherten und verschwitzten Kostüm das forschende Malerauge auf sich; und wenn wir zahllosen zärtlich blickenden Fragerinnen verraten wollten, daß unter den Lumpen ein männliches Herz schlug, so edel und schön, wie es die moderne Natur fast verlernt hat, zu bilden . . .«

»Spar' dir den Unsinn und zeige mir lieber, wie diese Kniehose am Leibe befestigt wird. Ich sehe gar keine Knöpfe.«

»Ein Bandit und Knöpfe.« Edgar lachte aus vollem Hals. »Die Unaussprechlichen eines Briganten kennen den Luxus eines Hosenträgers natürlich nicht. Solch müßige Erfindung eines Gigerlhirns wird durch den einfachen Leibgurt ersetzt, den du die ganze Zeit unter die Füße trittst.«

Ich hob den Lederriemen, der ziemlich schmal war, und nirgends eine Schnalle hatten auf und betrachtete ihn nicht ohne Besorgnis. »Ich fürchte sehr, daß ich einige Unbequemlichkeiten mit der Hose erleben werde. Mein Leib beginnt sich seit einigen Monaten etwas zu runden, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er dem Gürtel den nötigen Halt gewährt. Jedenfalls wäre mir, wenn ich ehrlich sein soll, die hierzulande übliche Befestigungsart bedeutend lieber gewesen.«

»Das kann ich dir ungefähr nachfühlen,« gab der Freund zu, »aber wo bliebe die Echtheit, wenn du immer das beschämende Gefühl hättest: Ich sehe zwar aus wie ein ganz gemeiner Strauchritter und rieche noch schlechter, aber unter der Lumpenlüge trage ich die Hosenträger eines preußischen Referendars.«

»Ich glaube, du machst dich über mich lustig,« sagte ich und begann mich dabei auszukleiden. »Das ist mir aber sehr einerlei. Du wärest natürlich als Ritter mit einem Pappendeckelhelm und Goldpapierschild, mit einer hölzernen Lanze und einem Schwert, das gar keine Klinge hat, auf das Fest gegangen. Aber laß dir sagen: So was ist lächerlich. So gehen die Tapezierer und Maurer mit den Köchinnen des Sonntags aufs Fastnachtskränzchen, trinken ihr dünnes Bier und stampfen einen Walzer. Wer aber nur das geringste künstlerische Empfinden hat, der schämt sich – – – Das Hemd ist aber wirklich sehr kurz . . . das muß beim Waschen eingegangen sein.«

In besagtes Untergewand hatte ich mich eben gehüllt und konnte Edgars Heiterkeit wohl verstehen, wenn sie mich auch nicht gerade sehr angenehm berührte. Ich fuhr schnell mit der Toilette fort und hatte Gelegenheit, alsbald zu konstatieren, daß die Hosen des bei Frascati erschossenen Banditen mein armes Fleisch aufs peinlichste einschränkten. Kleine und vorsichtig im Tempo abgewogene Schritte konnte ich allenfalls wagen, aber eine rasche Wendung, eine Verbeugung oder gar ein Tanzschritt – ganz unmöglich. Ich teilte dem Freunde meine Wahrnehmungen und Befürchtungen mit.

»Was schadet das?« meinte er, »Verbeugungen? Wer hat gehört, daß ein echter Bandit sich vor irgend jemandem verbeugt? So ein Kerl duckt zum erstenmal den Kopf unterm Galgen. Und tanzen? Du wirst doch nicht tanzen wollen?«

»Das hatte ich allerdings stark vor. Antonie Grollmann, du weißt, das blonde Töchterchen des Professors, kommt mit Mama . . .«

»Ja, mein Lieber, dein echtes Kostüm wird dich mehr befähigen, in stehender Grandezza die Mutter zu unterhalten, als mit der Tochter Polka-Mazurka zu tanzen. Das mag ja nicht ganz im Sinne des Erfinders sein, wie der Professor sagen würde, aber Würde bringt Bürde und der Selige von Frascati verlangt von seinem Nachfolger den Anstand, den er hatte, als er's Licht noch sah – frei nach Friedrich von Schiller.«

Er sagte und zitierte noch mehr; aber ich war ganz von einem neuen Mißstand, den ich soeben entdeckt hatte, in Anspruch genommen. Ich suchte in heller Verzweiflung in dem Beinkleid des Räubers nach einer Tasche und fand keine. »Ja, um des Himmels willen,« jammerte ich, »wo soll ich denn meinen Hausschlüssel hinstecken . . . und meine Wachszündhölzer . . . ich will doch nicht auf der dunklen Treppe den Hals brechen . . . Sieh du doch mal nach, Edgar, ob du irgendwo an mir eine Tasche entdeckst . . . Vielleicht in der roten Weste?«

Edgar schüttelte verneinend den Kopf. »Der richtige Bandit hat seine Hände, wie du wissen solltest, immer in anderer Leute Taschen. Daher ist es nur logisch gedacht, wenn der für Banditen arbeitende Schneidermeister seinen Kunden keine eignen Taschen an die Hosen anbringt. Wenn ich wirklich noch einen Augenblick gezweifelt hätte, ob dein Kostüm wirklich ganz echt ist – ich tue Abbitte. Die Taschen fehlen. Es ist echt! – Es werden sich dadurch bei deinen pedantischen Rentiergewohnheiten allerdings kleine Schwierigkeiten herausstellen, zum Beispiel hast du, glaube ich, noch nicht gelernt, ein Taschentuch ganz zu entbehren . . .«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht; aber – und das fühlt mir jeder nach, dem nicht alles Menschliche fremd ist – ich brauchte nur daran zu denken, um es sofort nötig zu haben.

»Heiliger Antonius, wie soll das werden?« klagte ich, während ich ein frisches Taschentuch aus dem Schrank holte und meine Nase schneuzte, »und ich habe auch noch dazu einen Anflug von Schnupfen!«

»O, das macht nichts,« begütigte Edgar, »du hast ja zweifellos eine Unzahl Bekannter auf dem Fest. Du winkst dir den einen um den andern in eine stille Ecke des Saals, und er hilft dir mit dem seinen aus. Dabei kommt's dir noch zustatten, daß die meisten Leute bei solchen festlichen Gelegenheiten ganz frische Nasentüchlein zu sich gesteckt haben. Mit dem Hausschlüssel ist es freilich ein ander Ding. Da kann dir kaum jemand aushelfen. Wie hat's denn wohl der selige Campagnasohn gemacht? Ja so, der hatte ja keinen Hausschlüssel. Du mußt den Hausknochen eben den ganzen Abend in der Hand halten . . . nein, das geht nicht, dazu ist er nicht klein genug. Warte, jetzt hab' ich's. Du ziehst ihn an einem Bande um den Hals unter das Hemd an, so wie ein Amulett.«

»Ach ja, das geht.« Und ich zog, von dem Freunde unterstützt, zwei zusammengeknüpfte Zigarrenbänder durch den Schlüssel und befestigte ihn mir so um den Hals. Es fror mich zwar über die ganze Körperhaut, wie das kalte Eisen auf die Brust niederglitt, aber Edgar tröstete mich darüber: »Du strahlst so viel tierische Wärme aus,« sagte er, »daß der Schlüssel – du erinnerst dich vielleicht noch aus dem Physikunterricht: Eisen ist ein guter Wärmeleiter; Beispiel: dein eiserner Ofen, der hier das Zimmer in eine Temperatur hineingeheizt hat, mit der die zarteste Kaffernprinzessin zufrieden sein könnte – daß also dein Schlüssel, sage ich, bald die Gluten deines Herzens teilen wird. Ich wette, wenn Fräulein Antonie erscheint, wird der Schlüssel weißglühend.«

Ich bemühte mich unterdessen, die Sandalen an den Füßen zu befestigen und kam zwar zu keinem Resultat, aber zu folgender Betrachtung, mit der ich des Freundes physikalische Erörterungen abschnitt: »Es ist eigentlich eine rechte Dummheit von mir gewesen, zuerst die engen Hosen und die wollene rote Weste anzuziehen, ehe diese verwünschten Sandalen an den Füßen festsitzen.«

»Zu einem ganz festen Sitz bringen es solche Sandalen eigentlich nur bei dem, für dessen Fuß sie geschnitten sind. Mir will es vorkommen, als ob deine Pedale die des ehemaligen Besitzers dieser Fußbekleidungen in allen drei bekannten Dimensionen um ein Beträchtliches überträfen.«

»Aber erlaube mal . . .« wollte ich einwenden, aber er ließ sich nicht irre machen.

»Es kommt hier, wie manchmal auch im sonstigen Leben, weniger auf meine Erlaubnis als auf eine Probe an. Sei so freundlich, mir deine Postamente mal nach der Reihe, so viele du hast, entgegenzustrecken . . . so. Siehst du, zu kurz sind sie, deine Ferse steht hinten vor, aber das macht nichts. Stecknadeln, in die du treten könntest, werden keine im Saal liegen. Breit genug sind sie auch nicht ganz; aber wir haben ja die tüchtigen Riemen, mit denen wir deinen Fuß auf geringeren Raum zusammenschnüren können.«

Ich seufzte.

»Während du da oben seufzest, werde ich mir erlauben, deinen Kammerdiener vorzustellen. So; nun tritt mal zunächst in die Lumpen, jetzt in die Sandalen – so, und nun laß mich mal fröhlich losschnüren. Du mußt nicht immer ›Au‹ sagen; ganz ohne dich zu kneifen, halten die Riemen natürlich nicht. Ich schnüre dir die Blutzirkulation ab, sagst du? Ja doch, du Wißbegieriger, es ist nötig, sonst gehen die Riemen los. Sitzt auch nichts zu locker? Das kannst du beschwören? Um so besser. Und nun marschiere einmal, daß ich sehe, wie das Werk gelungen ist.«

Ich machte einen kleinen Schritt und noch einen. »Edgar,« röchelte ich, »das geht nicht.«

»Gut geht's freilich nicht, aber es geht. Und nun, mein Lieber, werde ich dich mit der braunen Schminke, die ich da auf dem Tisch sehe, vermalen und zum richtigen Banditen machen. Denn dein Gesicht bedarf der ganzen Wildheit, die mit den vorhandenen Mitteln geleistet werden kann, um annähernd so echt zu werden, wie dein Kostüm.«

Und er drückte mich auf einen Stuhl und begann mich mit der Schminkstange zu bearbeiten. Bald fuhr er mir in den Mund, bald in die Nase und ich hatte einen abscheulichen Fettgeschmack auf der Zunge und entsprechenden Geruch in der Nase.

»So,« beendigte er nach einer guten Weile sein Werk, »nun gehe ich und schicke dir eine Droschke. Denn zu Fuß – –« Er stand schon an der Tür, den Hut auf dem Kopf und den Mantel umgeworfen. Da wandte er sich nochmals um, sah mich an und brach in schallendes Gelächter aus.

»Was ist denn los,« erkundigte ich mich ängstlich.

»Ich weiß nicht, aber wenn ich dich so als Banditen sitzen sehe, es geht mir immer wie dem Schusterjungen, der neben des alten Wrangel Gaul herging und übers ganze Gesicht lachte.«

»Wieso denn? Hab' ich noch etwas in Unordnung an mir?«

»Das nicht. Aber wie der Schusterjunge dem ärgerlichen Wrangel antwortete auf seine Frage, warum er immerzu grinste . . .«

»Na, was antwortete er denn?«

»Papa Wrangel,« meinte der Schusterjunge, »wann ick dir sehe, muß ick lachen!«

Ich warf mein Schwammgestell nach ihm, aber er war schon draußen . . .

 

 

Na, was soll ich nun von dem Künstlerfest und meinem sogenannten Amüsement auf demselben erzählen. Sie haben ja das Unglück schon kommen sehen, und ich – wie ich so meine Einkleidung zum Banditen berichte – wundere mich selbst, daß ich damals in der Droschke einen Augenblick den naiven Gedanken, der sich unter des Freundes erbarmungslosen Witzen schon zu sterben anschickte, nochmals belebte, den Gedanken nämlich, daß ich mich in engen Hosen, verschnürten Füßen, verklebtem Mund, ohne Taschen und Hosenträger, einen schweren, kantigen Hausschlüssel auf der bloßen Brust einen Augenblick amüsieren werde.

Ich trat ein in den wunderbar geschmückten Festsaal. Der Portier lächelte und prüfte meine Eintrittskarte sehr genau, fast beleidigend genau. Ich behielt sie in der Hand, denn ich hatte ja keine Taschen.

Ein paar Mädchen kreischten auf, als ich vorbeikam. Ein bekannter Maler, der sehr nobel und beneidenswert appetitlich als Chinese bei einer bildhübschen Holländerin stand, fand mich »sehr echt«.

Das hob mein Selbstbewußtsein. Ich entdeckte Antonie, meine Antonie – das heißt damals und nur in meinen Träumen »mein«. Sie hat später einen schwerhörigen Apotheker geheiratet, der ein Mittel gegen den Hundewurm entdeckt haben soll, sehr vermögend ist und eine blaue Brille mit dicken Gläsern trägt.

Antonie erkannte mich nicht. Ich fand das sehr scherzhaft und ließ sie raten, wer ich sei. Da riet sie aber auf einige Herren, mit denen Körperbau oder Gesichtszüge zu teilen, mir nie als ein erwünschter Vorzug erschienen war. Etwas indigniert nannte ich meinen Namen.

»Ach – Sie!« Und sie lachte hell auf.

Ihr Lachen aber klang wie das des Freundes, als er gesprochen hatte, wie der Schusterjunge zum Papa Wrangel.

Und dabei sah sie so reizend aus als Elsässerin in ihrem kurzen Mieder, dem knappen, koketten Röckchen und dem Riesenschlupp über den reichen braunen Zöpfen.

»Haben Sie noch einen Tanz für mich?«

Sie ward rot und musterte mein echtes Kostüm, dann sagte sie ganz verwirrt: »Ach, wie schade, nun habe ich gerade den letzten Null-Tanz vergeben.«

Ich machte auf dem Absatz Kehrt. Ich war sehr erbittert und dachte bei mir: »Gans!« Damals hätte ich sie dem Apotheker gegönnt und den Apotheker ihr.

Ich steuerte durch die Türken, Ägypter. Araber, Griechen, Russen und Indianer ans Büfett. Da stand der Professor Knickser, der Bildhauer, der das Fest arrangierte. Als ich an ihn herantrat, zog er die Luft durch die Nase: »Hören Sie, Sie riechen aber wie eine wandelnde Zacherlin-Reklame! Und wie Sie aussehen, Menschenkind. Echt ist ja schöne aber so echt! Wo bleibt da der Idealismus!« Und er streckte pathetisch den Arm aus der Toga – denn er war als alter Römer erschienen. »Der Idealismus fehlt, und wo der fehlt, ist keine wahre Kunst!« Auch das noch! – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe kein Talent, mich zu langweilen; aber einmal in meinem Leben habe ich mich wahrhaftig sträflich gelangweilt; und das war auf jenem Künstlerfest.

Haben Sie schon einmal fünf Stunden lang nicht gesessen und keinen raschen Schritt gewagt, nichts essen können und engverschnürte Füße schmerzlich empfunden? Haben Sie schon mal fünf Stunden nach Kampfer und Schminke gerochen, kein Taschentuch besessen, aber eines nötig gehabt? Haben Sie schon einmal fünf Stunden unausgesetzt mit der furchtbaren Ahnung gekämpft, daß im nächsten Augenblick Ihre Hosen fallen, und dabei Ihren Hausschlüssel verloren? Haben Sie schon einmal zwanzig Minuten in der Nacht im Regen vor einem Hotel Ihrer Vaterstadt gestanden, und sind schließlich der Schrecken eines schlaftrunkenen Hotelpersonals geworden, das Sie für einen Gauner hielt? Nicht? Na, dann kommen Sie zu mir; ich gebe Ihnen die Adresse eines befreundeten Malers, der leiht Ihnen sein »echtes Banditenkostüm« und Sie gehen darin auf ein Kostümfest!

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