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Der Untermensch und andere Satiren

Rudolf Presber: Der Untermensch und andere Satiren - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleDer Untermensch und andere Satiren
authorRudolf Presber
firstpub1905
yearca. 1916
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Untermensch und andere Satiren
pages3-100
created20070322
sendergerd.bouillon
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Die gute Sache.

Es gibt tatsächlich Leute, die die Kunst vom »Können« ableiten. Und es erweist sich, daß die von solchem Vorurteil Geplagten eine merkwürdige Antipathie haben gegen alle Dilettantenvorstellungen.

Ich kannte einen durchaus achtbaren und sonst geistig gesunden Kollegen, der zu sagen pflegte: »Ich wette gern. Das ist mein Laster. Ich wäre imstande, um eine Wette zu gewinnen, in zu engen Lackschuhen den Aufstieg auf das Matterhorn zu riskieren oder im Löwenkäfig ein Rumpsteak zu frühstücken. Aber eine Vorstellung von Dilettanten zum Zweck, den Negerkindern am Sambesi blaugewürfelte Taschentücher zu beschaffen – nein, die zu besuchen oder gar zu leiten, dazu bringt mich keine Wette, keine Versprechung, keine Drohung. Nicht wegen des Zweckes. O nein, der Zweck ist immer gut. Und ich gönne allen Negerkindern am Sambesi blaugewürfelte Nastüchlein. Aber der Mittel wegen, die kein Zweck heiligt, tu' ich nicht mit. Und wenn ich wüßte, daß ich standrechtlich erschossen werde, wenn ich mich weigere. Quand même et malgré tout – nein!«

Ich hatte immer, wenn er so sprach und sein sonst so gutmütiges, joviales Gesicht einen fremden, scharfen Zug bekam, als wäre ihm plötzlich ein Mistkäfer in den Wein geflogen, den ganz bestimmten Eindruck, daß betrübende Erfahrungen, traurige Erlebnisse diesem sonst so lebensfrohen Menschen die Freude an solch barmherzigen Lustbarkeiten genommen haben müßten.

Eines Abends, als wir behaglich zusammen beim Wein saßen, brachte ich – scheinbar ganz harmlos – die Rede auf ein demnächst stattfindendes Wohltätigkeitskonzert, das alle Berufskünstler von der Mitwirkung ausschloß.

»Werden Sie hingehen?« fragte ich voll Arglist.

Sein Gesicht spiegelte ein unbeschreibliches Entsetzen, das sich allmählich zu einem sanften Bedauern milderte.

»Ich? . . . Hingehen? . . . Aber, mein Lieber, ich will das junge Nilpferd aus dem Zoologischen Garten so lange in der Kunstgewerbeausstellung spazieren führen und aufpassen, daß es nichts zertritt. Ich will mit der Riesendame von Barnum vor versammeltem Publikum eine Stunde links herum Polka-Mazurka tanzen. Alles – nur das nicht.«

»Hm. – Sagen Sie, lieber Freund, wollen Sie mir erst einmal ehrlich gestehen, woher Ihr wunderlicher Widerwille gegen solche harmlosen Vergnügungen kommt?«

»Harmlos! – daß ich nicht lache! Ich verstehe immer ›harmlos‹. Ich werd' Ihnen was sagen. Ich hab' als Kind die Masern gehabt und den Keuchhusten, bin von einer Mauer gefallen und hab' mir das Schlüsselbein gebrochen, verstehen Sie? . . .«

»Ja. Bis jetzt scheint mir Ihr Schicksal zwar betrübend in seinen Einzelheiten, doch weder ungewöhnlich für dieses Alter, noch allzu kompliziert.«

»Schön. Als Student hab' ich mir den Kaumuskel und die Temporalis in demselben Gang auf derselben Mensur durchschlagen lassen. Als junger Doktor hab' ich den Typhus gehabt und bin voriges Jahr nach einer Silvesterfeier in eine Glasscheibe gefallen. Aber unter allen diesen Fällen und Zufällen hab' ich nicht so gelitten, wie in der kurzen Zeit – lang, lang ist's her! – da ich in meinem Vaterstädtchen eine Wohltätigkeitsvorstellung arrangierte und leitete. Und – ich kann Ihnen sagen, wenn ich heute noch einmal wählen müßte: entweder noch einmal Arrangeur, Festordner und Maître de plaisir oder aber – na eben: oder eins von den anderen guten Dingen, so würde ich seufzend, aber ohne Besinnen entscheiden: Na also, dann bitte ich ganz ergebenst noch einmal um den Keuchhusten oder um eine hübsche Glasscheibe zum Hineinfallen.«

Ich mußte lachen über den feierlichen Ernst, mit dem er das alles vorbrachte.

»Lachen Sie nicht,« wehrte er ab. »Sehen Sie, drei Träume wechseln von Zeit zu Zeit in meinen unruhigeren Nächten miteinander ab. Der eine Traum ist höchst unsinnig. Ich träume dann, ich bin Gärtner und habe ein wundervolles Feld mit Hyazinthen gezogen, gelben und roten und veilchenblauen. Und wie ich eben einen Überschlag mache, was ich damit verdienen werde, kommt eine Herde Zebras dahergaloppiert, rennt mich über den Haufen und frißt mir die ganze schöne Hyazinthenernte ab.«

»Zebras? Aber ich dächte –«

»Ich weiß, ich weiß! Wo's Hyazinthen gibt, gibt's keine Zebras und umgekehrt. Sehr wahr. Aber, bitte, es ist doch ein Traum. Ich träume ihn seit meiner Kindheit von Zeit zu Zeit immer wieder. Es sind immer dieselben Zebras und immer dieselben Hyazinthen. Und sie rennen mich jedesmal auf ganz dieselbe Weise über den Haufen.«

»Aber das ist – –«

»Abscheulich? Ja. Aber man gewöhnt sich. Mein zweiter Traum, der auch in gewissen Zwischenräumen immer wiederkommt, versetzt mich nach Prima. Im Abiturium. Ich habe einen Frack an, der mir zu weit ist, und Lackstiefel, die mich drücken. Vor mir steht der Professor, neben mir steht der Direktor, und hinter mir steht der Schulrat. Und nun kommt jedesmal dieselbe Frage. In demselben Tonfall, mit denselben Worten: »Was wissen Sie von Ludwig dem Frommen?« Und jedesmal – ist es zu glauben! – jedesmal weiß ich nichts von Ludwig dem Frommen. Wie weggeblasen! Die drei könnten mich ebensogut nach der Staatsverfassung auf dem Sirius oder der Lebensdauer der Mondkälber fragen. Und dabei bereite ich mich regelrecht vor auf diesen Traum! Ich habe den Abschnitt aus Schlossers Weltgeschichte auswendig gelernt, der von Ludwig dem Frommen handelt. Aus Vorsicht hab' ich sogar Karl den Dicken noch mitgelernt. Aber im Traume – weg, rein weggewischt und ausgetilgt. Ich schwitze dann Blut.«

»Aber das ist ja höchst –«

» Höchst abscheulich? Ganz recht. Aber man gewöhnt sich. Auch ans Blutschwitzen. – Aber jetzt kommt der furchtbarste, der dritte Traum.«

»Ah, ich verstehe, da träumen Sie, Sie seien –«

»Richtig. Da träume ich, ich sei verurteilt, noch einmal verurteilt, eine Liebhabervorstellung in meiner schönen Vaterstadt Wisenheim zu inszenieren und zu leiten. Das geht noch über die Zebras und Ludwig den Frommen, sag' ich Ihnen. Aber während die anderen Träume freie Phantasiegebilde sind – denn ich habe nie Hyazinthen gepflanzt und niemals ein Zebra in der Freiheit gesehen und im Abiturium bin ich in der Geschichte nur nach Nebukadnezar gefragt worden – wiederholt mir dieser letzte und grauenvollste meiner drei Rundreiseträume mit einer Gedächtniskraft, die mir im Wachen und bei weit erfreulicheren Dingen leider nur allzu oft abgeht, die albernsten Kleinigkeiten. Nichts fehlt, nichts ist vergessen. Und in einer verhältnismäßig kurzen Zeit – denn ich habe um sechs Uhr noch auf die Uhr gesehen und um halb sieben Uhr werde ich geweckt – durchlaufe ich diese ganze Schreckenszeit von der ersten vorbereitenden Sitzung, die mich zum verantwortlichen Leiter dieser Veranstaltung erhob, bis zu jenem Schlußtableau, da der mitleidige Vorhang über eine schaudervolle Darstellung zweier Moserschen Schwänke sich gütig niedersenkte. Der erste Tag aber ist von meinem Traume stets ganz besonders mit allen Details der Wirklichkeit geschmückt.

Ich hielt mich damals ›zu meiner Erholung‹ in meinem Vaterstädtchen auf. Man wußte, daß ich ein paar Bücher geschrieben hatte, daß ich im künstlerischen Leben der Hauptstadt mitzuschwimmen versuchte. daß ein Drama von mir aufgeführt worden war. Das Drama war viel besprochen worden, weil – nun, ich will ehrlich sein, weil nach dem letzten Akt zwei Herren im Parkett, verschieden an Meinungen, gleich an Temperament, sich geohrfeigt hatten. Im ›Lesezirkel‹ meiner Vaterstadt hatten sie das Stück mit verteilten Rollen gelesen. Es hatte gefallen. Leider, sag' ich heute. Denn das war der Anfang meines Martyriums.

Ein Komitee für einen wohltätigen Zweck, den ich damals schon nicht recht verstand und heute vergessen habe, bat mich, den ›künstlerischen Teil‹ des Programms zu leiten. Schön. Ich war erfreut über das Vertrauen, ich hatte Lust und Zeit, also – warum nicht?

Kaum war meine Zusage bekannt geworden, als ich Besuch auf Besuch empfing. Lauter sehr freundliche, liebe Leute, die nur eine Kleinigkeit von mir wollten, o nur eine ganze Kleinigkeit . . .

Als erste, ich erinnere mich noch gut, kam eine alte Dame mit dem Kopf einer melancholischen Ziege, auf dem ein Hut mit sehr merkwürdigen Levkojen saß. Es war eine Tante des Bürgermeisters; sie hatte einen Sohn – ›einen Spätgeborenen, ein Nesthäkchen‹, wie sie mit schämiger Schalkhaftigkeit bemerkte. Der Sohn deklamierte so schön. Ich zeigte mich erfreut über dieses Talent. Er ging nach Quarta. Ich bemerkte, daß es dann doppelt hoch anzuschlagen sei, wenn er schon so schön deklamiere. Er wechselte zwar gerade die Stimme, sagte die Dame, aber er habe ein prächtiges Gefühl und ›Auffassung‹, wie ein Erwachsener. Ich dachte, daß mich das den Teufel anginge und lächelte erfreut und interessiert. Und nun kam's! Ob er nicht den ›Ring des Polykrates‹ deklamieren könne auf unserem Fest? Ich bat sie, einzusehen, daß wir mehr auf heitere, kleine Stücke, als auf ein nicht unbekanntes klassisches Programm bedacht sein müßten. Sie schlug ›Die Kraniche des Ibykus‹ vor. Die seien weniger bekannt Einer Dame in ihrem ›Kränzchen‹ seien sie ganz neu gewesen. Ich gab zu, daß man dieser Dame dann vielleicht noch manche Freude machen könne, zum Beispiel mit dem ›Taucher‹ und dem ›Handschuh‹, blieb aber doch dabei, daß wir Schillersche Balladen, von einem Quartaner vorgetragen, bei der Wahl unserer Vortragsstücke ausscheiden lassen müßten. Die Dame mit dem Levkojenhut verließ mich sehr ungnädig und sprach im Weggehen die Befürchtung aus, daß mein Programm wohl für das hiesige Publikum zu ›modern‹, gewagt und am Ende verletzend ausfallen könnte.

Eine halbe Stunde später, ich hatte gerade einen ›Vertreter großer auswärtiger Blätter‹ mit schmelzender Freundlichkeit hinausbegleitet, der drei Freiplätze auf der ersten Reihe erbat, weil seine Schwiegermutter schwerhörig sei und sonst nicht folgen könne, erschien ein älterer Herr mit einer blauen Brille, die auch auf einer minder dicken Nase schlecht ausgesehen hätte.

»Kaputzke,« stellte er sich mit gnädigem Nicken vor; »Sie werden mich kennen.«

»Sehr erfreut.« Ich habe keine Ahnung.

»Ich habe ein Drama geschrieben, das die Erfindung des Schießpulvers durch Bertold Schwarz behandelt. Bei dem großen Interesse, das man meinen Schöpfungen in meiner Vaterstadt allgemein entgegenbringt, bedarf es zwar keiner weiteren Empfehlung. Ich habe Ihnen aber Grüße von Stadtrat Schulz zu bringen. Hier.«

Er überreichte mir mit gelassener Würde einen gesiegelten Brief. Ich erbrach ihn und las, während der Dichter mit der blauen Brille mit meinem Papiermesser spielte, bis es kaputt war.

Der Stadtrat schrieb: »Verehrtester! Ich schicke Ihnen anbei einen der größten Narren des Jahrhunderts. Sehen Sie, wie Sie ihn aus gute Art hinauswerfen. Ich konnte ihn nicht anders loswerden, als durch diese Empfehlung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie darauf aufmerksam machen: ein Neffe von mir, Kandidat Rösicke, der Sie heute noch besuchen wird, hat Goethes ›Hermann und Dorothea‹ in ein sehr reizvolles Lustspiel umgeschrieben. Ich glaube, das wäre für unser Fest geeignet. Den Apotheker spielt er gern selbst. Er hat einen kleinen Sprachfehler, der in dieser Rolle schon an sich fein komisch wirkt. Es wäre mir lieb, wenn der junge Mann gefördert würde. Er hat kürzlich das Unglück gehabt, in Kassel durch den Referendar zu fallen und möchte, da ihn die Juristerei innerlich nicht befriedigt, zur Literatur umsatteln. Ich habe die Ehre usw . . . .«

Es war nicht leicht, dem Sänger des Bertold Schwarz klar zu machen, daß wir die dramatische Erfindung des Schießpulvers einem Berufstheater überlassen müßten. Aber diese Unterredung war noch geradezu angenehm zu nennen, verglichen mit der Besprechung mit dem tüchtigen Kandidaten der Rechte.

»Ich bin ein nervöscher Mensch,« wiederholte der junge Mann immer wieder, wobei sich's erwies, daß sein Zungenfehler ihn daran hinderte, ein reines s zu sprechen. »Schie müschen Rückschicht nehmen.«

Ich suchte ihn zu besänftigen, sprach von den lyrischen Schönheiten des ›Hermann und Dorothea‹-Stoffes, Schönheiten, die gerade durch Dilettanten leicht verdorben würden.

»Aber isch schage Ihnen doch, isch schpiele den Apotheker schelbscht,« zischte er dazwischen.

Auch das konnte mich nicht locken. Ich teilte ihm mit, daß ich nur ganz leichte, kleine Lustspielchen gewählt hätte, die von Dilettanten kaum umgeworfen werden könnten, »Der Schimmel« von Moser und –

»Schie werden schehen, dasch zschieht nischt!« prophezeite der poetische Kandidat als er ging.

Ich will kurz sein. Ich hatte an diesem ersten Tag noch Besuch von einer Mutter mit drei Töchtern, sommersprossigen, späten Mädchen, die sehr neckisch taten. Sie wollten auf dem Fest gern das Terzett der drei Damen der Nacht aus der »Zauberflöte« singen: »Stirb Ungeheuer durch unsre Hand« Der Text konnte ja entsprechend freundlicher gestaltet werden.

Ein Zigarrenhändler kam, mir seine Kunst als Bauchredner anzubieten, und erklärte sich bereit, den Monolog aus dem »Faust« so zu sprechen, daß jeder Satz scheinbar aus einer anderen Saalecke käme, was in der Wirkung verblüffend und äußerst reizvoll sei.

Ein Weinreisender erbot sich, auf Kosten der von ihm vertretenen Firma eine ganze Stuhlreihe sofort aufzukaufen, wenn ich den glücklichen Liebhaber nach geschehener Verlobung auf der Bühne die Worte sprechen lasse: »Und eines, Geliebte, schwöre mir: In unserem jungen Haushalt darf als einziges Getränk nur auf den Tisch kommen der ungemein herrliche Blau-Blümchen-Sekt der Firma Teiteles in Bacharach, erhältlich in allen besseren Weinhandlungen. Zu vier Mark die Flasche ohne Glas. Verpackung wird nicht berechnet.«

Ein pensionierter Ballettmeister vom Walhalla-Theater in Norkitten machte mir in einem siebzehnseitigen, in seiner Orthographie höchst merkwürdigen Brief den Vorschlag, das Leben Bismarcks als Ballett in sieben Bildern mit einer durch Beleuchtungseffekte zauberhaft wirkenden Schlußapotheose – fünfunddreißig Personen, sieben Pferde, drei Ulmer Doggen – für zusammen nur neunhundert Mark zu inszenieren. »Mit Wasserkunst« fünfzig Mark mehr.

Daß ich am Abend nicht verrückt war, verdanke ich nur meiner guten Natur. Aber ich hatte am selbigen Abend einen Haufen Feinde.

Die Mutter, deren Sohn so gern den »Taucher« aufgesagt hätte, kam mit der Mutter, deren drei Töchter die Damen der »Königin der Nacht« singen wollten, überein, daß der Dichter Kaputzke ganz recht hätte, wenn er mit dem Urteil übereinstimme, das der Kandidat a. D. in einer entrüsteten Unterredung mit dem Ballettmeister, der Bismarcks Leben für fünfunddreißig Personen, sieben Pferde und drei Ulmer Doggen choreographisch gedichtet, über mich gefällt hatte: »Ein anschtändiger Mensch isch er – vielleicht; aber ein Eschel!«

Und wie gesagt, ich träume lieber von den Zebras, die mich in die Hyazinthen warfen und munter über mich hintrampeln, als von jenem Tag . . .

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