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Der unsterbliche Golowan und andere Geschichten

Nikolai Semjonowitsch Ljesskow: Der unsterbliche Golowan und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorNikolai Ljesskow
titleDer unsterbliche Golowan und andere Geschichten
publisherMusarion Verlag München
translatorAlexander Eliasberg
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide4c29799
created20061209
modified20170531
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Figura

Erstes Kapitel

Als ich noch in Kiew lernte und nicht im entferntesten daran dachte, Schriftsteller zu werden, verkehrte ich bei einer armen, aber hochanständigen Familie, die in einem eigenen kleinen Häuschen am entferntesten Ende der Stadt in der Nähe des aufgehobenen Kyrill-Klosters wohnte. Die Familie bestand aus zwei älteren unverheirateten Schwestern und ihrer alten Tante, die gleichfalls unverheiratet war. Sie lebten bescheiden von einer kleinen Pension und vom Ertrag ihrer Milchwirtschaft und ihres Gemüsegartens. Nur drei Menschen pflegten sie zu besuchen: der bekannte russische Abolitionist Dmitrij Petrowitsch Shurawskij, ich und ein sehr origineller, ganz wie ein Bauer aussehender Mann, welcher Wigura hieß, den aber alle »Figura« nannten.

Dies ist meine Gedächtnisrede auf ihn.

Zweites Kapitel

Figura, oder wie die Kleinrussen dieses Wort aussprechen, »Chwigura« war in der Zeit, als ich ihn kannte, an die sechzig Jahre alt, aber noch sehr kräftig und rüstig und beklagte sich niemals über seine Gesundheit. Er war riesengroß und wie ein Athlet gebaut; sein Haar war braun und dicht, fast gar nicht ergraut, aber der Schnurrbart ganz grau. Er pflegte zu sagen, daß er »wie ein Hund grau würde«, d. h. nicht wie die Menschen, mit dem Kopfe, sondern wie die alten Hunde mit dem Schnurrbart beginnend. Auch sein Kinnbart war grau, aber er rasierte ihn. Seine Augen waren grau und groß, die Lippen rot, das Gesicht sonnengebräunt. Sein Blick war kühn und klug, mit einem Anflug der versteckten kleinrussischen Ironie.

Figura lebte wie ein echter Vorstadtbauer im Vororte Kurinewka in einem eigenen Gehöft und führte selbst die Wirtschaft mit Hilfe einer jungen und auffallend hübschen Kleinrussin, namens Christja. Figura machte alles mit eigenen Händen und hielt alles in einer einfachen, aber tadellosen Ordnung. Er grub selbst die Beete um, säte selbst die Gemüse und brachte sie auch selbst auf den Getreidemarkt am Podol, wo er sich mit seinem Wagen neben den anderen Bauern aufstellte und seine Gurken, Kürbisse, Melonen, Kohlköpfe und Rüben feilbot.

Figura verkaufte besser als die anderen, weil seine Gemüse sich durch höchste Güte auszeichneten. Besonders berühmt waren seine zarten und süßen Kürbisse von ungewöhnlicher Größe, manchmal bis zu einem Pud schwer.

Auch seine Gurken, Rüben und Kohlköpfe waren die größten und besten.

Die Händlerinnen des Podoler Getreidemarktes wußten, daß man nirgends bessere Ware bekommen konnte als bei ihm; aber er verkaufte ihnen ungern, »damit sie die Leute nicht beschwindeln«, und zog es vor, die Sachen direkt an die Verbraucher abzusetzen.

Auf die Händler und Händlerinnen war Figura schlecht zu sprechen; er liebte es, hinter ihre Schliche zu kommen und über sie zu spotten. Mochte ein Händler oder eine Händlerin sich noch so geschickt verkleiden oder jemand anders zu Figura schicken, um bei ihm einzukaufen, er durchschaute sofort den Schwindel und antwortete auf die Frage: »Was kostet das Schock?«:

»Es kostet Geld, ist aber leider nichts für Euer Gnaden.«

Wenn aber der Betreffende zu versichern versuchte, daß er ein gewöhnlicher Mensch sei und für sich selbst einkaufe, so antwortete Figura, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen:

»So, so! Laß es, kriegst sowieso nichts!« Und er sagte kein Wort mehr.

Alle Leute auf dem Markte kannten ihn und wußten, daß er kein einfacher Mensch war und sich nur wie ein einfacher Mensch gebärdete, aber seinen wahren Stand und Namen, auch warum er ein so einfaches Leben führte, wußte niemand, und niemand versuchte auch dahinterzukommmen.

Auch ich wußte es lange Zeit nicht; seinen wirklichen Rang weiß ich aber auch heute nicht.

Drittes Kapitel

Figuras Häuschen war eine gewöhnliche kleinrussische Lehmhütte, die innen übrigens in ein Wohnzimmer und eine Küche abgeteilt war. Er aß nur Pflanzen- und Milchspeisen, die ihm auf die einfachste, bäuerliche Art die obenerwähnte auffallend hübsche Christja zubereitete. Christja war ledig, hatte aber ein Kind. Dieses Kind, ein auffallend hübsches Mädchen, hieß Katrja. In der Nachbarschaft hielt man sie für »Chwiguras Tochter«, aber Figura verzog nur das Gesicht und sagte:

»Gewiß ist sie mein Kind! Da mir Gott die Gnade erwies, daß ich sie ernähren kann, so ist sie mein; aber den Wohltäter, der sie in dieses Jammertal gesetzt hat, kenne ich nicht. Soll nur jeder glauben, was ihm paßt: von mir aus kann sie auch mein Kind sein, mir ist es gleich.«

Inbezug auf Katrja zweifelte man noch; was aber die schöne Christja selbst betrifft, so hielt man sie ohne jeden Zweifel für die »Freundin« Figuras.

Figura nahm auch das gleichgültig auf, und wenn jemand darüber Witze machte, so antwortete er bloß:

»Ihr seid wohl neidisch?«

Dafür trugen ja auch Figura und Christja und selbst die vollkommen unschuldige Katrja eine freiwillige Buße: keiner von den dreien aß Fleisch oder Fisch oder überhaupt etwas Lebendiges.

Die Weiber von Kurinewka glaubten zu wissen, wofür ihnen diese Buße auferlegt worden war.

Figura aber lächelte nur und sagte:

»Dumme Gänse!«

Viertes Kapitel

Das Verhältnis zwischen Christja und Figura war sehr nett, vermochte aber nichts zu enthüllen. Christja lebte im Hause nicht wie eine Magd bei einer Hausfrau, sondern wie eine Verwandte bei Verwandten. Sie schleppte Wasser aus dem Brunnen, scheuerte die Böden, tünchte die Stube, wusch und nähte die Wäsche für sich, Katrja und Figura, aber die Kühe melkte sie nicht, denn diese waren für sie zu groß und stark; dieses Geschäft besorgte Figura selbst mit seinen dazu geeigneten mächtigen Händen. Sie aßen alle drei am gleichen Tisch, wobei Christja die Speisen auftrug und das Geschirr abräumte. Tee tranken sie überhaupt nicht, »weil dies eine unnütze Angewohnheit sei«, tranken aber an Feiertagen einen Aufguß von getrockneten Kirschen oder Himbeeren, und zwar ebenfalls alle drei am gleichen Tisch. Zu Besuch kamen nur die erwähnten älteren Fräuleins, Shurawskij und ich. In unserer Gegenwart tat Christja sehr geschäftig, und man konnte sie nur mit Mühe bewegen, sich für eine Weile hinzusetzen; wenn aber die Gäste sich erhoben, um wegzugehen, sprang Christja schnell von ihrem Platze auf und beeilte sich, allen in die Mäntel und Galoschen zu helfen. Die Gäste widerstrebten, aber sie bestand darauf, und auch Figura trat für sie ein, indem er zu den Gästen sagte:

»Lassen Sie sie doch ihr Gesetz erfüllen.«

Christja beruhigte sich nur dann, wenn die Gäste ihr erlaubten, ihnen, »wie es das Gesetz vorschreibt«, in die Mäntel und Galoschen zu helfen. Das war eben ihr »Gesetz«, dem die gutmütige Schöne treu und gewissenhaft nachkam.

Im Gespräche titulierten Figura und Christja einander verschieden: Figura sagte zu ihr »du« und nannte sie Christino oder Christja, sie sagte aber zu ihm »Sie« und nannte ihn mit dem Vor- und Vatersnamen. Das Kind nannten alle beide »Tochter«, Katrja sagte aber zu Figura »Papa« und zu Christja »Mama« ... Katrja war neun Jahre alt und ihrer schönen Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Fünftes Kapitel

Weder Figura noch Christja hatten Verwandte. Christja war eine »Waise ohne Anhang«; Figura (eigentlich Wigura) hatte zwar Verwandte, von denen der eine sogar Universitätsprofessor war, unterhielt aber zu jenen Wiguras keinerlei Beziehungen, – »weil sie mit noblen Herren verkehrten«, was nach Figuras Ansicht zwar nicht gerade tadelnswert, aber für ihn »unpassend« war.

»Gott sei mit ihnen; sie sind vielleicht Assessoren oder gar Räte, wir gehören aber, wie ihr seht, zu den einfachen Schweinen.«

Im Charakter und in allen Handlungen Figuras zeigte sich eine so originelle Persönlichkeit, daß das Sprichwort, welches behauptet, ein geschlagener Mensch sei wertvoller als ein nicht geschlagener, seine scheinbare Widersinnigkeit verlor.

Hier ist eine seiner Handlungen, die die größte Bedeutung für sein ganzes Leben hatte und dieses Leben überhaupt bestimmte. Die Geschichte war und ist wohl kaum jemand bekannt, ich aber habe sie von Figura selbst gehört und will sie wiedergeben, soweit ich mich ihrer erinnere.

Sechstes Kapitel

Ich lebte in Kiew in einem sehr verkehrsreichen Stadtteile, zwischen der Michaels- und der Sophienkathedrale; dazwischen gab es noch zwei Holzkirchen. An Feiertagen konnte man es hier vor Glockengeläute kaum aushalten, in allen Straßen, die auf den Kreschtschatik mündeten, gab es eine Menge von Branntweinschenken und Bierhallen, auf dem Platze aber allerlei Buden und Schaukeln. Darum rettete ich mich an solchen Tagen zu Figura. Bei ihm war es still und ruhig: das hübsche Kind spielte im Grase, die schönen Frauenaugen leuchteten gütig, und der immer vernünftige und immer nüchterne Figura sprach leise und gemessen.

Einmal beklagte ich mich bei ihm über den Lärm, der in meinem Stadtteile schon am frühen Morgen zu beginnen pflegte, und er antwortete mir:

»Sprechen Sie mir nicht davon. Unsere russische Art, die Feste zu begehen, konnte ich schon als Kind nicht leiden und fürchte sie auch jetzt noch. Als ich Kadett war, führte man uns manchmal zu den Schaukeln und sagte uns: ›Seht, das sind volkstümliche Belustigungen!‹ Ich dachte mir aber schon damals: was ist dabei Gutes, wenn es auch volkstümlich ist ! Beim Propheten Amos lesen wir: ›Ich bin euren Feiertagen gram,‹ und ich hatte nicht umsonst das Gefühl, daß ich einmal bei solchem Feiern etwas Schlimmes erleben werde. So kam es auch, aber es ist gut, daß alles Schlechte sich für mich doch zum Guten gewendet hat.«

»Darf ich wissen, was es war?«

»Ich denke, ja. Sehen Sie.... als Sie noch bei Ihrer Großmutter im Ärmel saßen, hatten wir zwei Armeen: die eine hieß die erste, und die andere hieß die zweite. Ich diente unter Osten-Sacken Graf D. J. Osten-Sacken (1790-1881), russischer General, zeichnete sich im persischen Kriege 1826 aus. ... Es ist derselbe Dmitrij Jerofejitsch, der auch heute noch seine Akathiste Akathistos in der griechischen Kirche Gesang zu Ehren Christi, der heiligen Jungfrau und der Heiligen. Anm. d. Ü. singt. Er war ein großer Beter vor dem Herrn, betete immer auf den Knien oder legte sich auch auf den Boden und lag lange da; bei jedem Schritt und bei jeder Bewegung bekreuzigte er sich. Viele Offiziere der Armee bemühten sich damals, ihm nachzuahmen, um sich bei ihm einzuschmeicheln ... Manchen, die es konnten, gelang es auch gut ... Auch mir half es einmal so, daß ich auch heute noch eine Pension beziehe. Die Sache war so.«

Siebentes Kapitel

»Unser Regimentstand im Süden, in einer Stadt, und daselbst befand sich auch der Stab Jerofejitschs. Es fügte sich, daß ich in der Nacht auf den Ostersonntag zur Bewachung der Pulverkeller kommandiert wurde. Ich trat den Wachtdienst am Sonnabend um zwölf Uhr mittags an und mußte bis Sonntag mittag stehen.

Ich hatte bei mir meine Soldaten, zweiundvierzig Mann und außerdem sechs berittene Kosaken.

Als der Abend anbrach, beschlich mich eine Trauer. Ich war jung und meinen Angehörigen zugetan. Meine Eltern waren noch am Leben, auch meine Schwester ... aber das Wichtigste und Wertvollste für mich war meine Mutter ... meine wohltätige Mutter! ... Eine herrliche Mutter habe ich gehabt, seelengut und herzensrein, in Güte geboren und in Güte gehüllt... Sie war so barmherzig, daß sie niemand, weder einem Menschen, noch einem Tiere ein Haar krümmen konnte, – sie aß sogar kein Fleisch und keine Fische aus Mitleid mit den Tieren. Mein Vater machte ihr manchmal Vorwürfe: ›Erlaube doch, sag mal, wie lange sollen sie sich noch vermehren? Es bleibt bald für uns kein Platz übrig.‹ Und sie antwortete: ›Nun, das kann noch eine Weile dauern, ich habe sie aber selbst großgezogen, und sie sind mir wie Verwandte. Ich kann doch nicht meine Verwandten essen.‹ Auch bei den Nachbarn aß sie sie nicht: ›Ich habe sie doch lebend gesehen,‹ sagte sie, ›sie sind meine Bekannten, und ich kann meine Bekannten nicht essen.‹ Dann wollte sie auch die Unbekannten nicht essen. ›Es ist ganz gleich,‹ pflegte sie zu sagen, ›sie sind doch gemordet.‹ Der Geistliche versuchte sie zu überreden, sagte, daß der Fleischgenuß von Gott befohlen sei, und zeigte ihr im Brevier das Gebet zur Weihe des Fleisches, sie blieb aber bei ihrer Meinung und sagte: ›Schön, da Sie es gelesen haben, so essen Sie es nur.‹ Der Geistliche sagte zu meinem Vater, sie habe es wohl von irgendwelchen Weibern, die in die Häuser eindringen und alle verführen, die ewig lernen und doch niemals Vernunft annehmen können. Meine Mutter sagte aber zum Vater: ›Das ist Unsinn: ich kenne keine solchen Weiber, aber es ekelt mich einfach, daß ein Geschöpf das andere auffrißt.‹

Von meiner Mutter kann ich gar nicht ruhig sprechen, ich muß mich immer aufregen. So geschah es auch damals. Ich sehnte mich so nach meiner Mutter! Ich gehe auf und ab, beiße vor Langeweile an einem Strohhalm und denke mir: jetzt gehen alle ins Kirchdorf zur Frühmesse, sie sammelt aber alle abgerissenen und ungewaschenen Waisenkinder bei sich, wäscht sie am Ofen, kämmt ihnen die Haare und zieht ihnen reine Hemden an. So schön ist es mit ihr! Wäre ich nicht adlig, so wäre ich bei ihr geblieben, hätte gearbeitet und nicht den Pulverkeller bewacht. Was bewachen wir da? Schießpulver, das zum Töten dient ... Aber ich darf mich gar nicht beklagen ... Ich sollte mich schämen! Ich bekomme doch mein Gehalt, werde befördert, aber der Soldat, der ist ein ganz unglücklicher Mensch, man prügelt ihn auch noch ohne Erbarmen, er hat es unvergleichlich schwerer ... und doch lebt er und duldet alles und murrt nicht ... Kopf hoch, alle diese Gedanken werden schon vergehen. Ich denke mir: Was ist wohl das Beste, was der Mensch tun kann, wenn es ihm schwer ums Herz ist? Ich denke mir das eine, das andere, das dritte, und schließlich muß ich wieder an meine Mutter denken; sie pflegte zu sagen: ›Wenn es dir schlecht geht, so gehe zu denen, denen es noch schlechter geht ...‹ Nun, den Soldaten geht es noch schlechter als mir ...

›Ich will mal den armen Soldaten,‹ sage ich mir, ›eine Freude machen! Ich will sie bewirten, mit Tee traktieren, will mit ihnen auf meine Kosten das Osterfest begehen!‹

Dieser Gedanke gefiel mir gut.«

Achtes Kapitel

»Ich rief die Ordonnanz, gab ihr Geld aus meinem Beutel und schickte sie, ein viertel Pfund Tee, drei Pfund Zucker, ein Schock rote Eier und für den Rest Safranbrot zu kaufen. Ich hätte noch mehr kaufen lassen, aber ich hatte nicht mehr Geld bei mir.

Die Ordonnanz brachte alles, ich setzte mich an den Tisch, schlug den Zucker in Stückchen und vertiefte mich in die Berechnung: wieviel Stück kommen auf einen Mann.

Die Arbeit war nicht groß, aber sie vertrieb meine Langeweile. Ich sitze vergnügt da, zähle die Stücke und denke mir: es sind einfache Menschen, niemand ist gut zu ihnen, diese Aufmerksamkeit wird ihnen angenehm sein. Wenn ich die Glocken höre und die Leute aus der Kirche gehen, werde ich meinen Leuten gratulieren: ›Kinder! Christ ist erstanden!‹ und werde ihnen meine Gaben darbieten.

Wir lagen aber draußen vor der Stadt, denn die Pulverkeller befinden sich immer weit von Menschenwohnungen. Als Wachtstube diente uns aber der Vorraum eines leeren Kellers, in dem damals kein Pulver war. Im gleichen Raum saßen die Soldaten und ich, die Wachtposten standen draußen... drei Kosaken waren bei den Soldaten, und drei waren ausgeritten.

Nun hören wir in der Stadt die Glocken läuten und sehen auch Lichter. Auch nach der Uhr sehe ich, daß der Gottesdienst gleich zu Ende gehen muß, – also werde ich gleich meine Leute bewirten. Ich stehe auf, um nach den Posten zu schauen, und höre plötzlich einen Lärm ... ein Handgemenge ... Ich gehe hin, und von dort fliegt mir etwas unter die Füße, und im gleichen Augenblick bekomme ich eine Ohrfeige ... Was schauen Sie mich so an? Ja, eine richtige Ohrfeige, und im gleichen Nu fliegt mir ein Epaulett von der Schulter!

›Was ist das? ... Wer hat mich geschlagen?‹

Dabei ist es stockfinster.

›Kinder!‹ schreie ich: ›Brüder! Was geht da vor?‹

Die Soldaten erkannten meine Stimme und antworteten:

›Euer Wohlgeboren, die Kosaken haben sich betrunken und hauen um sich.‹

›Wer hat sich eben auf mich gestürzt?‹

›Auch Sie, Euer Wohlgeboren, haben eben von einem Kosaken eine Maulschelle gekriegt. Da liegt er ganz besinnungslos, zwei andere sind im Keller und werden gebunden. Sie wollten mit ihren Säbeln hauen.‹«

Neuntes Kapitel

»In meinem Kopfe wirbelte plötzlich alles durcheinander. Die schwerste Beleidigung! Ich war jung und sah alles nicht mit eigenen Augen an, sondern wie man es mir eingedrillt hatte; so dachte ich damals: ›Wenn man dich geschlagen hat, ist es entehrend, wenn aber du schlägst, so macht es nichts, so ist es sogar eine Ehre ...‹ Ich hätte den Kosaken auf der Stelle erschlagen müssen! ... Ich erschlug ihn aber nicht. Wozu tauge ich noch? Ich bin ein geohrfeigter Offizier. Nun ist für mich alles zu Ende ... Ich schwöre, daß ich ihn erstechen werde! Ich muß ihn erstechen! Er hat mir meine Ehre genommen, er hat mir meine ganze Karriere verdorben. Ich muß ihn erschlagen, auf der Stelle umbringen! Ob das Gericht mich freisprechen wird oder nicht, – meine Ehre wird aber gerettet sein.

In meinem Innersten spricht aber eine Stimme: ›Du sollst nicht töten!‹ Und ich begriff, wessen Stimme es war! Es war Gott, der so zu mir sprach, meine Seele war davon überzeugt. Wissen Sie, es war eine so feste und unwankbare Überzeugung, daß ich keines Beweises bedurfte. Es ist Gott! Er steht doch über Sacken selbst! Sacken kommandiert und wird einmal mit einem hohen Orden verabschiedet werden. Gott wird aber die Welt in alle Ewigkeit kommandieren! Wenn Er mir nicht erlaubt, den zu töten, der mich geschlagen hat, was soll ich dann mit ihm anfangen? Was soll ich machen? Mit wem soll ich mich beraten?... Am besten doch mit Dem, der es selbst erfahren hat. Jesus Christus!... Hat man Dich nicht auch geschlagen?... Man hat Dich geschlagen, und Du hast verziehen... was bin ich aber vor Dir... ein Wurm... eine Null! Ich will Dein sein: ich habe verziehen! ich bin Dein... Dabei muß ich aber weinen... und ich weine, weine!

Die Soldaten glauben, daß ich vor Kränkung weine; ich weinte aber, Sie verstehen doch... gar nicht vor Kränkung...

Die Soldaten sagen:

›Wir werden ihn erschlagen!‹

›Was fällt euch ein!... Gott sei mit euch!... Man darf einen Menschen nicht töten!‹

Und ich frage den Ältesten: ›Was hat man mit ihm gemacht?‹

‹Wir haben ihm die Hände gebunden und ihn in den Keller geworfen.‹

›Bindet ihm sofort die Hände auf und bringt ihn her.‹

Sie gingen hin, um ihn aufzubinden, und plötzlich geht die Kellertüre weit auf, und der Kosak fliegt wie auf Flügeln auf mich zu, fällt mir wie ein Sack vor die Füße und schreit:

›Euer Wohlgeboren!... ich bin ein unglücklicher Mensch!...‹

›Gewiß bist du ein unglücklicher Mensch.‹

›Was haben sie mit mir gemacht!...‹

Dabei weint er bitter und heult sogar.

›Steh auf!‹ sage ich ihm.

›Ich kann nicht aufstehen, ich bin meiner Sinne noch nicht mächtig...‹

›Warum bist du deiner Sinne nicht mächtig?‹

›Ich trinke nie, sie haben mich aber betrunken gemacht... Ich habe ein junges Weib und kleine Kinder daheim... und alte Eltern... Was habe ich angestellt!..‹

›Wer hat dich betrunken gemacht?‹

›Die Kameraden, Euer Wohlgeboren, – sie zwangen mich, für die Lebenden und für die Toten zu trinken.. Ich trinke sonst nie!‹

Und er erzählte mir, daß die Kameraden ihn in eine Schenke geführt und gezwungen hätten, um des Auferstehungsfestes willen beim ersten Glockenläuten zu trinken, damit es alle Lebenden und Toten ›leicht hätten‹; ein Kamerad hätte ihm ein Gläschen spendiert, ein anderer – ein zweites, das dritte hätte er sich aber schon selbst gekauft und auch die anderen traktiert; er wisse nicht mehr, wie es ihm eingefallen sei, sich auf mich zu stürzen, mich zu schlagen und mir das Epaulett herunterzureißen.

Eine schöne Bescherung! Jetzt wälzt er sich mir zu Füßen, weint wie ein Kind, der ganze Rausch ist verflogen... Er jammert:

›Meine Kindchen, meine Täubchen! ... Meine armen Eltern! ... Meine unglückselige Frau! ...‹«

Zehntes Kapitel

»Der arme Kerl jammert, alle Soldaten schauen ihn an, und ich sehe es ihnen an, daß es ihnen schwer zu Mute ist; mir ist es aber schwerer als allen. Wie ich mir aber die Sache ein wenig überlegte, beruhigte sich mein Herz; ich denke mir: hätte er mich unter vier Augen geschlagen, so würde ich nicht einen Augenblick geschwankt haben; ich würde ihm sagen: ›Gehe in Frieden und tue es nicht wieder.‹ Aber es war doch vor den Augen meiner Untergebenen geschehen, denen ich mit dem Beispiel vorangehen mußte ...

Dieses Wort rettete mich ... Mit welchem ›Beispiel‹ muß ich ihnen vorangehen? Ich kann es doch nicht vergessen ... ich kann nicht an Jesus denken und zugleich den Menschen ganz anders behandeln ...

›Nein,‹ denke ich mir, ›das geht nicht ... ich habe mich verirrt, – ich will es lieber vorerst bei Seite lassen ... wenigstens für eine Weile, und nur das sagen, was sich gehört ...‹

Ich nehme ein Ei in die Hand und will schon sagen: ›Christ ist erstanden!‹ – aber ich fühle, daß ich schwindele. Jetzt bin ich nicht mehr Sein, ich bin Ihm fremd ... Ich will es aber nicht ... ich will mich Ihm nicht entfremden. Warum handle ich aber so wie die, denen es mit Ihm schwer war ... wie der, der da sagte: ›Herr, gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!‹ Ohne Ihn ist es natürlich leichter ... Ohne Ihn kann man mit allen Menschen auskommen ... sich allen anpassen ...

Das will ich aber nicht! Ich will nicht, daß es mir leichter sei! Ich will es nicht!

Da fällt mir etwas anderes ein ... Ich will Ihn nicht bitten, daß Er von mir gehe, sondern ich will Ihn zu mir rufen ... Komm näher! Und ich beginne: ›Jesu Christ, Du wahrhaftes Licht, das jeden Menschen, der in Frieden geht, erleuchtet...‹

Die Soldaten spitzen die Ohren ... jemand spricht mir nach:

›Jeden Menschen!‹

›Ja‹, sage ich, ›jeden Menschen, der in Frieden geht.‹ Und ich lege die Worte so aus, daß Er den erleuchte, der von Feindschaft zum Frieden gehe. Und ich rufe noch lauter: ›Das Licht Seines Antlitzes erleuchte uns Sünder!‹

›Es erleuchte uns! ... es erleuchte uns!‹ hauchen alle Soldaten in einem Atem ... Alle erzittern ... alle schluchzen ... alle haben das höchste Licht erblickt und drängen sich zu ihm.

›Brüder!‹ sage ich: ›Wollen wir schweigen!‹

Alle begreifen es sofort.

›Mögen unsere Zungen verdorren,‹ antworteten sie, ›wir werden nichts sagen.‹

›Gut,‹ sage ich: ›Christ ist erstanden!‹ Und ich küsse zuerst den Kosaken, der mich geschlagen hat, und fange dann an, auch die anderen zu küssen. ›Christ ist erstanden!‹ – ›Er ist in Wahrheit erstanden!‹

Und wir umarmten einander in wahrhafter Freude. Der Kosak weinte aber noch immer und sagte: ›Ich will nach Jerusalem pilgern und dort zu Gott beten ... Ich will den Geistlichen bitten, daß er mir eine Buße auferlege.‹ ›Gott sei mit dir,‹ sagte ich ihm, ›geh nicht nach Jerusalem, sondern trinke lieber nicht mehr.‹

›Nein,‹ sagte er weinend, ›ich werde keinen Schnaps mehr trinken, Euer Wohlgeboren, und auch zum Geistlichen gehen ...‹

›Nun, wie du willst.‹

Es kam die Ablösung, wir kehrten zurück, und ich meldete, daß alles in Ordnung sei; auch alle Soldaten schwiegen. Aber es fügte sich doch so, daß unser Geheimnis ans Licht kam.«

Elftes Kapitel

Am dritten Feiertag ruft mich der Kommandeur zu sich, sperrt sich mit mir ein und sagt:

›Wie konnten Sie bloß, als Sie das letzte Mal vom Wachtdienst kamen, melden, daß alles in Ordnung sei, während bei Ihnen etwas Schreckliches passiert war?‹

Ich antworte:

›Zu Befehl, Herr Oberst, der Vorfall war wirklich schrecklich, aber Gott hat uns erleuchtet, und alles ist gut abgelaufen.‹

›Ein Gemeiner hat einen Offizier tätlich beleidigt und ist ungestraft geblieben ... das nennen Sie glücklich abgelaufen? Wissen Sie denn nichts von Subordination und von Ehrgefühl?‹

›Herr Oberst,‹ sage ich ihm, ›der Kosak hat sonst nie getrunken und war wahnsinnig geworden, weil man ihn mit Gewalt betrunken gemacht hatte.‹

›Trunksucht ist keine Entschuldigung!‹

›Auch ich halte sie nicht für eine Entschuldigung, – Trunksucht ist eine Verderbnis, aber ich hatte nicht den Mut, den Vorfall zu melden, damit man nicht meinetwegen einen unvernünftigen Menschen bestrafe. Verzeihung, Herr Oberst, ich habe ihm vergeben.‹

›Sie hatten kein Recht, ihm zu vergeben!‹

›Ich weiß es sehr gut, Herr Oberst, aber ich konnte mich nicht beherrschen.‹

›Sie können nach dem Vorgefallenen nicht mehr im Dienst bleiben.‹

›Ich bin bereit, meinen Abschied zu nehmen.‹

›Ja, reichen sie ein Abschiedsgesuch ein.‹

›Zu Befehl.‹

›Sie tun mir leid, aber ihre Handlungsweise ist ganz unstatthaft. Machen sie dafür sich selbst verantwortlich und den, der Ihnen solche Anschauungen eingegeben hat.‹

Diese Worte stimmten mich sehr traurig; ich bat um Entschuldigung und sagte, daß ich niemanden verantwortlich machen würde, am allerwenigsten aber den, der mir solche Anschauungen eingegeben, da ich sie der christlichen Lehre entnommen hätte.

Das gefiel dem Obersten gar nicht.

›Was kommen Sie mir mit Ihrem Christentume!‹ sagte er. ›Ich bin doch kein reicher Kaufmann und keine Dame. Ich kann weder eine Glocke spenden, noch verstehe ich einen Teppich für die Kirche zu sticken; von Ihnen verlange ich aber, daß Sie Ihre Dienstpflicht tun. Der Soldat muß die christlichen Regeln aus seinem Diensteid schöpfen; wenn Sie aber das eine mit dem anderen nicht in Einklang bringen konnten, so hätte Ihnen der Geistliche alles aufgeklärt. Sie sollten sich doch schämen, daß der Kosak, der Sie geschlagen, besser gewußt hat, was er zu tun hatte: er ging zum Geistlichen und gestand ihm alles! Nur dieses hat ihn gerettet, und nicht Ihre Verzeihung. Dmitrij Jerofejitsch hat ihm nicht Ihretwegen verziehen, sondern dem Geistlichen zu Liebe, aber alle Soldaten, die mit Ihnen auf der Wache waren, werden degradiert werden. Bemühen Sie sich nun zu Sacken; er wird mit Ihnen selbst reden, ihm können Sie von Ihrem Christentume erzählen: er kennt die kirchlichen Bücher so gut wie das Militärstatut. Nehmen Sie es mir nicht übel: alle sind der Ansicht, daß Sie, nachdem Sie, mit Verlaub zu sagen, eine Maulschelle bekommen, dem Kosaken nur darum zu verzeihen geruht haben, damit die Ihrer Ehre zugefügte Beleidigung Ihnen nicht im Wege sei, im Dienste zubleiben ... Das geht nicht! Ihre Kameraden wollen mit Ihnen nicht länger dienen.‹

Dies kam mir damals, da ich noch jung war, grausam und kränkend vor.

›Zu Befehl, Herr Oberst,‹ sagte ich ihm, ›ich gehe zum Grafen Sacken, melde ihm den Sachverhaltund erkläre ihm, was mich bewegte, so zu handeln, – ich will ihm alles gewissenhaft erzählen. Vielleicht wird er die Sache mit anderen Augen anschauen.‹

Der Kommandeur winkte nur mit der Hand.

›Sagen Sie ihm alles, was sie wollen, aber es wird Ihnen nichts helfen. Sacken kennt wohl die kirchlichen Satzungen, das stimmt, aber jetzt folgt er doch noch dem Militärstatut. Er ist noch nicht Bischof.‹

In Offizierskreisen erzählte man sich damals allerlei Unsinn über Sacken: die einen sagten, er hätte Visionen und wisse von einem Engel, wann er eine Schlacht zu beginnen habe; andere erzählten noch merkwürdigere Dinge; der Regimentszahlmeister aber, der einen großen Bekanntenkreis in der Kaufmannschaft hatte, versicherte, daß der Moskauer Metropolit Philaret dem Grafen Protassow gesagt habe: ›Wenn ich sterbe, so ernennen Sie um Gotteswillen weder Murawjow zum Ober-Prokurator des Synods, noch den Kiewer Rektor Innokentij zum Moskauer Metropoliten. Sie scheinen nur gut, werden aber ihre Sache nicht gut machen; ernennen Sie an Ihre Stelle Sacken und an meine irgendeinen bescheidenen Mönch. Sonst werde ich Ihnen nach dem Tode in einem finsteren Leuchten erscheinen.«

Zwölftes Kapitel

Ich wollte damals nicht dulden, daß Sacken glaube, ich hätte die erhaltene Ohrfeige nur darum verheimlicht, um im Dienste bleiben zu können. Furchtbar dumm! Ist es denn nicht ganz gleich? Jetzt erscheint es mir lächerlich, aber in meinem damaligen rasenden Zustande sah ich meine Ehre wirklich in solchen Dummheiten wie eine fremde Meinung ... Ich hatte schon mehrere Nächte nicht geschlafen: die eine Nacht auf der Wache und die folgenden drei Nächte vor Aufregung ... Es kränkte mich, daß die Kameraden schlecht von mir dachten, und daß Sacken schlecht von mir dachte! Sehen Sie, ich wollte, daß alle von mir gut denken! ...

Deswegen schlief ich wieder die ganze Nacht nicht, am nächsten Morgen stand ich aber früh auf und ging zu Sacken. Im Empfangssaal befand sich erst nur ein Auditor, dann versammelten sich auch noch mehr Leute. Sie tuscheln leise miteinander, ich habe aber keine Bekannten da, – ich schweige und fühle, wie mich ganz ungelegen der Schlaf überwältigt. Die Augen fallen mir zu. Lange wartete ich mit den anderen auf Sacken, an diesem Morgen wollte er wie absichtlich nicht kommen: er betete noch immer in seinem Schlafzimmer vor dem wundertätigen Heiligenbilde. Er war ja ungemein fromm: jeden Tag sprach er alle Morgen- und Abendgebete und noch drei Akathiste dazu; manchmal dauerte das unendlich lange. Es kam vor, daß er müde wurde zu knien und auf den Teppich hinfiel, dann betete er liegend weiter. Ihn dabei zu stören oder sein Gebet zu unterbrechen, Gott behüte davor einen jeden! Dazu würde sich wohl auch vor einem Sturmangriff niemand entschließen, denn ihn beim Beten zu stören war dasselbe, wie ein Kind, das nicht ausgeschlafen hat, zu wecken. Dann wurde er launisch und zänkisch, und man konnte ihn mit nichts beschwichtigen. Seine Adjutanten wußten das, – die einen waren ebenso fromm wie er, die anderen verstellten sich bloß. Er machte keinen Unterschied, und liebte und begünstigte alle gleich.

Wenn er in den Saal trat, so erkannten seine Stabsoffiziere sofort, ob er sich sattgebetet hatte; dann war er in guter Laune, und man brachte ihm alle Papiere zur Unterschrift.

Ich hatte gerade dieses Glück: sobald Sacken im Empfangssaal erschien, sagte ein erfahrener Mann zu mir:

»Sie haben es gut getroffen, heute kann man ihn um alles bitten, er hat sich sattgebetet.«

Ich fragte:

»Woran erkennen Sie das?«

Der erfahrene Mann antwortete mir:

»Sehen Sie denn nicht: seine Knie sind weiß, und über den Brauen hat er helle Fleckchen ... es ist wie ein Leuchten ... Also wird er freundlich sein.«

Das Leuchten über den Brauen sah ich nicht, die Hose war aber an den Knien wirklich weiß.

Er sprach mit allen und entließ sie, mich behielt er aber als den letzten zurück und befahl mir, ihm ins Kabinett zu folgen.

– Nun – denke ich mir – jetzt kommt das Ende. – Und mein Schlaf war verflogen.

Dreizehntes Kapitel

In seinem Kabinett stand ein großes Heiligenbild mit kostbaren Beschlägen auf einer eigenen Erhöhung, und davor brannte eine dreiflammige Lampe.

Sacken ging zuerst zum Heiligenbild, bekreuzigte sich und verneigte sich bis zur Erde, dann erst wandte er sich zu mir um und sagte:

»Ihr Regimentskommandeur tritt für Sie ein. Er lobt Sie sogar, er sagt, Sie seien ein guter Offizier gewesen, aber ich kann Sie doch nicht im Dienste behalten.«

Ich antworte ihm, daß ich darum gar nicht bitte.

»Sie bitten nicht darum? Warum bitten Sie nicht?«

»Ich weiß, daß es nicht geht, und bitte nicht um etwas Unmögliches.«

»Sie sind stolz!«

»Zu Befehl, nein.«

»Warum sprechen Sie dann vom »Unmöglichen«? Es ist französischer Geist! Hochmut! Bei Gott ist alles möglich! Stolz!«

»In mir ist kein Stolz.«

»Unsinn! ... Ich sehe es. Es ist die französische Krankheit! ... Willkür! ... Sie wollen Ihren Willen duchsetzen. Aber ich kann Sie wirklich nicht behalten. Ich habe auch meine Vorgesetzten über mir ... Ihr freigeistiger Streich kann auch dem Kaiser zu Ohren kommen ... Was war das auch für ein Einfall! ...

»Der Kosak,« sage ich ihm, »hat sich durch ein schlechtes Beispiel verleiten lassen, sich bis zur Bewußtlosigkeit zu betrinken, und war, als er mich schlug, seiner Sinne nicht mächtig.«

»Und Sie haben es ihm verziehen?«

»Ja, ich konnte nicht anders! ...«

»Aus welchem Grunde?«

»Es war eine Eingebung meines Herzens.«

»Hm! ... Des Herzens! ... Im Dienste kommt erst die Pflicht und nicht das Herz ... Sie bereuen es doch wenigstens?«

»Ich konnte nicht anders.«

»Sie bereuen es also nicht?«

»Nein.«

»Und Sie bedauern es auch nicht?«

»Ihn bedauere ich wohl, mich aber nicht.«

»Und Sie würden ihm vielleicht auch zum zweitenmal verzeihen?«

»Ich denke, zum zweitenmal würde es mir leichter fallen.«

»So, so! ... So denken Sie also! ... Der Soldat hat ihn auf die eine Backe geschlagen, und er will ihm auch die andere anbieten.«

Ich denke mir: Halt! Untersteh dich nicht, über solche Sachen zu scherzen! – Und ich sah ihn stumm mit diesem Ausdruck an.

Er schien etwas verlegen, setzte aber gleich wieder die Generalsmiene auf und fragte:

»Wo bleibt dann Ihr Stolz?«

»Ich hatte eben die Ehre, Ihnen zu melden, daß ich keinen Stolz habe.«

»Sind Sie Edelmann?«

»Ja, ich bin adliger Abstammung.«

»Und Sie haben diesen ... noblesse oblige ... Adelsstolz nicht?«

»Nein.«

»Ein Edelmann ohne Stolz?«

Ich schwieg und dachte mir dabei:

– Nun, ja, ja: ein Edelmann ganz ohne Stolz. Was wirst du mit mir wohl anfangen? –

Er läßt aber nicht locker und sagt:

»Warum schweigen Sie denn? Ich frage Sie nach diesem edlen Stolz?«

Ich schwieg wieder, er fuhr aber fort:

»Ich frage Sie wieder nach dem edlen Stolz, der den Menschen erhebt. Jesus Sirach hat befohlen: ›Siehe zu, daß du einen guten Namen behaltest‹ ...«

Ich sah mich schon als entlassen und darum als frei an und antwortete ihm, daß ich im Evangelium nichts von einem edlen Stolze gelesen hätte, wohl aber vom satanischen Hochmut, der dem Herrn ein Greuel ist.

Sacken ließ mich plötzlich los und sagte:

»Bekreuzigen Sie sich! ... Hören Sie: ich befehle es Ihnen, bekreuzigen Sie sich!«

Ich bekreuzigte mich.

»Noch einmal!«

Ich bekreuzigte mich wieder.

»Noch ein drittes Mal!«

Ich bekreuzigte mich zum dritten Mal.

Nun ging er auf mich zu, bekreuzigte mich auch selbst und flüsterte:

»Sprechen Sie nicht vom Satan! Sie sind doch orthodox?«

»Ja, orthodox.«

»Ihre Paten haben sich bei Ihrer Taufe vom Satan losgesagt, auch vom Hochmut und von allen seinen Taten, und haben ihn angespuckt. Er ist ein Mörder von Anfang und der Vater der Lüge. Spucken Sie aus.«

Ich spie aus.

»Noch einmal!«

Ich spie noch einmal aus.

»Ordentlich! ... Noch ein drittes Mal!«

Ich spie aus, auch Sacken spie aus und zerrieb den Speichel mit den Füßen. So bespien wir den Satan von oben bis unten.

»Ja so! ... Und jetzt ... sagen Sie mal ...Was werden Sie anfangen, wenn Sie Ihren Abschied genommen haben?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Haben Sie Vermögen?«

»Nein.«

»Das ist nicht gut! Haben Sie einflußreiche Verwandte?«

»Auch nicht.«

»Das ist schlimm! Auf wen hoffen Sie noch?«

»Nicht auf die Fürsten und nicht auf die Menschensöhne: ohne Gott fällt auch nicht ein Sperling auf die Erde, und ich erst recht nicht.«

»Oho, wie belesen Sie sind ...Wollen Sie Mönch werden?«

»Zu Befehl, nein, ich will nicht.«

»Warum nicht? Ich könnte Innokentij schreiben.«

»Ich fühle keinen Beruf dazu.«

»Was wollen Sie dann?«

»Ich will nur, daß Sie nicht denken, ich hätte die empfangene Ohrfeige verschwiegen, um im Dienste zu bleiben: ich tat es einfach, um ...«

»Um Ihre Seele zu retten! Ich verstehe Sie sehr gut! Darum sage ich Ihnen auch: werden Sie Mönch.«

»Nein, ich kann nicht Mönch werden, auch dachte ich gar nicht an die Rettung meiner Seele; mich dauerte einfach der Mensch, daß er nicht zu Tode geprügelt werde.«

»Die Strafe ist oft von Nutzen. »Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er.« Sie haben doch alles gelesen ... Übrigens tun Sie mir doch leid. Sie leiden für Ihre Überzeugung! ... Wollen Sie in die Kommissariats-Kommission?«

»Nein, ich danke ergebenst.«

»Warum denn nicht?«

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen wahrheitsgemäß erklären soll ... ich bin dazu ungeeignet.«

»Dann in die Proviantverwaltung?«

»Auch dazu bin ich ungeeignet.«

»Dann ins Zeughaus! Es kommen dort mitunter auch ehrliche Beamte vor.«

Er hat mich mit seinen Fragen einfach hypnotisiert, ich bin so schläfrig, daß ich mich kaum noch halten kann.

Sacken steht aber vor mir, nickt im Takte mit dem Kopf und zählt an den Fingern ab:

»Ist in der Schrift belesen; hat keinen edlen Stolz; ist geohrfeigt; will nicht in die Kommissariats-Kommission; will nicht in die Proviantverwaltung, will auch nicht ins Kloster! Aber ich glaube, jetzt verstehe ich, warum Sie nicht ins Kloster wollen: Sie sind verliebt?«

Ich will aber nur schlafen.

»Zu Befehl, nein, ich bin in niemand verliebt.«

»Haben auch nicht die Absicht zu heiraten?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich habe einen schwachen Charakter.«

»Das sieht man Ihnen an! Auf den ersten Blick! Sind Sie schüchtern, fürchten Sie die Frauen, ja?«

»Manche Frauen fürchte ich.«

»Sie tun gut daran! Die Frauen sind eitel und ... es gibt auch sehr böse; aber nicht alle Frauen sind böse und nicht alle betrügen.«

»Ich fürchte, selbst Betrüger zu sein.«

»Wieso? ... Warum?«

»Ich hoffe nicht, eine Frau glücklich zu machen.«

»Warum? Fürchten Sie die Verschiedenheit der Charaktere?«

»Ja,« sage ich ihm, »die Frau kann mißbilligen, was ich für gut halte, und auch umgekehrt.«

»Beweisen Sie ihr, daß Sie recht haben.«

»Man kann alles beweisen, aber das führt nur zu Streitigkeiten, und der Mensch wird dadurch schlechter und nicht besser.«

»Sie lieben die Streitigkeiten nicht?«

»Ich kann sie nicht leiden.«

»Dann gehen Sie doch, mein Lieber, ins Kloster! Was haben Sie dagegen?! Als Mönch werden Sie es ja mit Ihrer Stimmung sehr gut haben.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum? Warum glauben Sie das nicht? Warum?«

»Ich fühle keinen Beruf dazu.«

»Sie sind im Irrtum: Beleidigungen verzeihen, ehelos leben, – das ist ja der mönchische Beruf. Was bleiben denn sonst noch für Schwierigkeiten? Kein Fleisch essen? Ist es das, was Sie fürchten? Aber es ist doch nicht so streng ...«

»Ich esse niemals Fleisch.«

»Dafür haben Sie vorzügliche Fische.«

»Ich esse auch keine Fische.«

»Was, auch keine Fische? Warum?«

»Es ist mir unangenehm.«

»Wie kann es unangenehm sein, Fische zu essen?«

»Es ist wohl angeboren: meine Mutter aß keine geschlachteten Tiere und auch keine Fische.«

»Wie sonderbar! Sie essen also nur Pilze und Gemüse?«

»Ja, auch Milch und Eier. Es gibt ja noch viele andere Sachen, die man essen kann.«

»Nun, dann kennen Sie sich selbst nicht: Sie sind ein geborener Mönch, und man wird Sie sofort in den strengsten Orden aufnehmen. Das freut mich sehr! Das freut mich sehr! Ich will Ihnen gleich einen Brief an Innokentij mitgeben!«

»Durchlaucht, ich gehe doch nicht ins Kloster!«

»Nein, Sie gehen hin, – solche, die auch keine Fische essen, gibt es nur sehr wenige! Sie sind ein Asket! Ich schreibe gleich den Brief.«

»Schreiben Sie ihn bitte nicht: ich gehe nicht ins Kloster. Ich will mein Brot im Schweiße meines Angesichts essen!«

Vierzehntes Kapitel

Sacken verzog das Gesicht.

»Sie haben,« sagte er, »zu viel in der Bibel gelesen, lesen Sie die Bibel nicht. Das paßt für die Engländer: sie sind schwach im Glauben und legen alles falsch aus. Die Bibel ist gefährlich, sie ist ein weltliches Buch. Ein Mensch mit asketischen Anlagen soll sie nicht in die Hand nehmen.«

– Mein Gott! – denke ich mir. – Was ist das für ein Peiniger!

Und ich sage ihm:

»Durchlaucht, ich habe Ihnen schon gesagt: in mir sind keinerlei asketische Anlagen.«

»Macht nichts, gehen Sie auch ohne die Anlagen ins Kloster! Die Anlagen kommen später; am wertvollsten ist, daß es Ihnen angeboren ist: Sie essen nicht nur kein Fleisch, sondern auch keine Fische. Was wollen Sie noch mehr!«

Ich verstumme. Ich verstumme und denke nur noch daran, wann er mich endlich entlassen wird, damit ich schlafen gehen kann.

Er aber legt mir seine Hände auf die Schultern, blickt mir lange in die Augen und sagt:

»Lieber Freund! Sie sind schon berufen, aber Sie verstehen es selbst noch nicht! ...«

»Ja,« antworte ich ihm, »ich verstehe es nicht!«

Ich fühle, daß mir schon alles gleich ist, daß ich sofort im Stehen einschlafen werde, darum antworte ich ihm instinktiv:

»Ich verstehe es nicht.«

»Nun, dann wollen wir,« sagte er, »zusammen vor diesem Heiligenbild eifrig beten. Dieses Bild habe ich in Frankreich, in Persien und an der Donau mitgehabt ... Viele Male fiel ich vor ihm zweifelnd nieder, und wenn ich mich erhob, war mir alles klar. Knien Sie auf dem Teppich nieder und verneigen Sie sich bis zur Erde ... Ich fange an.«

Ich kniete nieder und verneigte mich, und er begann mit andächtiger Stimme: »Eröffne mir den ewigen Rat ...«

Weiter hörte ich nichts mehr, ich fühlte nur, daß ich, sobald ich den Teppich mit der Stirn berührte, wie ein Nagel zu sinken begann, immer tiefer und tiefer zum Mittelpunkt der Erde.

Ich fühle, daß es nicht das ist, was ich brauche: ich müßte wie eine leichte Feder emporfliegen, sinke aber wie ein Nagel in die Tiefe, in das nach Goethes Worten »Unbetretene, nicht zu Betretende«.

Ich kehre nach einer längeren Weile aus der Tiefe an die Oberfläche zurück und erkenne nichts mehr: die dreiflammige Lampe brennt, in den Fenstern ist es dunkel, vor mir schläft auf dem Teppich irgendein General, zu einem Knäuel zusammengerollt.

»Was ist das für ein Ort?« Im Schlafe hatte ich alles vergessen.

Ich erhebe mich leise, setze mich auf und frage mich: Wo bin ich? Ist das wirklich ein General, oder kommt es mir nur so vor? ... Ich berühre ihn ... er ist warm; da sehe ich, daß auch er erwacht und sich rührt ... Auch er setzt sich auf und schaut mich an ... Dann sagt er:

»Was sehe ich? ... Figura!«

Ich antworte: »Zu Befehl.«

Er bekreuzigte sich und befahl auch mir:

›Bekreuzige dich!‹

Ich bekreuzigte mich.

›Wir waren doch zusammen dort?‹

›Jawohl.‹

›Wie war es da?‹

Ich sagte nichts.

›Welche Seligkeit!‹

Ich verstehe nicht, was er meint, aber er fährt glücklicherweise fort: ›Sahen Sie diese Heiligkeit?!‹

›Wo?‹

›Im Paradiese!«

›Im Paradiese? Nein,‹ sage ich, ›ich war nicht im Paradiese und habe nichts gesehen.‹

›Wieso haben Sie nichts gesehen! Wir sind doch zusammen geflogen ... Dorthin ... hinauf!‹

Ich antworte, daß ich geflogen bin, doch nicht hinauf, sondern hinunter.

›Wieso, hinunter?‹

›Zu Befehl, ja.‹

›Hinunter?‹

›Zu Befehl, ja.‹

›Unten ist die Hölle!‹

›Das habe ich nicht gesehen.‹

›Hast du die Hölle nicht gesehen?‹

›Nein.‹

›Was für ein Dummkopf hat dich hereingelassen?‹

›Der Graf Osten-Sacken.‹

›Ich bin der Graf Osten-Sacken.‹

›Jetzt,‹ sage ich, ›sehe ich es.‹

›Bisher hast du es nicht gesehen?‹

›Verzeihung,‹ sage ich, ›mir ist, als hätte ich geschlafen.‹

»Du hast geschlafen?«

»Zu Befehl, ja.«

»Dann marsch hinaus!«

»Zu Befehl,« sage ich ihm; »aber es ist hier dunkel, und ich weiß nicht, wie ich hinaus soll.«

Sacken stand auf, öffnete mir selbst die Tür und sagte auf deutsch:

»Zum Teufel!«

So verabschiedeten wir uns, wenn auch etwas trocken, aber seine Gnadenbeweise waren damit noch nicht zu Ende.

Fünfzehntes Kapitel

Ich war vollkommen ruhig, weil ich wußte, was mir teurer als alles war: meine Freiheit, die Möglichkeit, nach einem und nicht nach mehreren Geboten zu leben, nicht zu streiten, mich an niemand anzupassen und niemand etwas beweisen zu wollen, wenn es ihm von oben eingegeben – und ich wußte, wo ich diese Freiheit finden konnte. Ich wollte keine Stellung mehr annehmen, weder eine, wo man den edlen Stolz braucht, noch eine, wo man ganz ohne Stolz auskommen kann. Der Mensch kann in keiner Stellung er selbst sein; er darf nichts im voraus versprechen und dann nach seinem Versprechen handeln; ich sehe aber, daß ich verdorben bin und weder etwas versprechen kann, noch darf, denn der Sabbat ist für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat ... Wenn mein Herz Mitleid fühlt, so kann ich das gegebene Versprechen auch nicht halten: wenn ich einen leidenden Menschen sehe, so beherrsche ich mich nicht und verstoße gegen den Sabbat! Im Dienste muß man eine unwankbare Festigkeit haben und sich selbst zu überreden verstehen, ich aber habe diese Gabe nicht. Ich brauche etwas ganz Einfaches ... Ich überlegte mir lange, wo ich dieses Einfache finden kann, wo ich mich nicht zu überreden brauche, und kam zum Schluß, daß es das Beste sei, die Erde zu bearbeiten.

Mich erwartete aber noch eine Belohnung.

Kurz vor meiner Abreise erklärte mir der Oberst:

»Es war doch von Nutzen für Sie, daß Sie mit Dmitrij Jerofejitsch gesprochen haben. Er war damals in bester Laune, da er sich am Morgen sattgebetet hatte; ich glaube, er hat dann auch noch mit Ihnen gebetet?«

»Gewiß,« sage ich, »wir haben gebetet.«

»Sind zusammen in den paradiesischen Gefilden gewesen? ...«

»Das heißt ... wie soll ich es Ihnen sagen ...«

»Sie sind ja ein vorzüglicher Politiker! Sie haben es auch erreicht, Sie haben ihm außerordentlich gefallen. Er läßt Ihnen sagen, daß er Ihnen auf besonderem Wege eine Pension erwirken wird.«

»Ich habe,« sage ich, »keine Pension verdient.«

»Nun, jetzt ist es zu spät, nachzurechnen, er hat schon die Eingabe gemacht, ihm wird man es nicht abschlagen.«

So bekam ich eine Pension von sechsunddreißig Rubel im Jahre, und ich beziehe sie auch jetzt noch. Die Soldaten verabschiedeten sich von mir sehr schön.

»Macht nichts,« sagten sie, »wir sind mit Ihnen, Euer Wohlgeboren, sehr zufrieden und haben uns über nichts zu beklagen. Uns ist es ganz gleich, wo wir dienen. Ihnen wünschen wir aber, Euer Wohlgeboren, daß Sie bei uns Pope werden, um uns auf dem Schlachtfelde zu segnen.‹

So viel Gutes wünschten sie mir!

Statt ihren frommen Wünschen nachzukommen, habe ich mir aber dieses Gehöft gekauft ... Das Gehöft ist nicht groß, aber gut ... Vielleicht wird hier einmal Katrja mit ihrem Manne wirtschaften ... Die arme Katrja! Ich habe sie einmal mit ihrer Mutter unter den Pappeln des Podol-Gartens aufgelesen ... Die Mutter wollte sie in fremde Hände geben und selbst Amme bei irgendeiner Gnädigen werden. Ich wurde aber böse und sagte ihr:

›Bist du von Geburt so dumm oder verrückt? Wie denkst du nur daran, dein eigen Kind zu verlassen und herrschaftliche Kinder mit deiner Milch zu ernähren! Soll nur die feine Dame, die sie geboren, sie mit ihrer eigenen Milch großziehen: so hat es Gott geboten. Komm aber einfach zu mir und ernähre dein Kind.‹

Sie stand auf, wickelte Katrja in ihre Lumpen und ging mit mir. Sie sagte:

›Ich will gehen, wohin mich mein Schicksal führt!‹

So leben wir, ackern und säen, und wenn uns etwas fehlt, so sehnen wir uns nicht danach. Denn wir sind einfache Leute: die Mutter ist eine heimatlose Waise, die Tochter ist klein, und ich bin ein geohrfeigter Offizier, ganz ohne jeden edlen Stolz. Eine ganz traurige Figur!«

*

Figura ist nach meinen Informationen Ende der fünfziger oder Anfang der sechziger Jahre gestorben. In der Literatur habe ich nichts über ihn gefunden.

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