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Der unheimliche Graf - Der Werwolf - Die fliegenden Lichter

Theodor Däubler: Der unheimliche Graf - Der Werwolf - Die fliegenden Lichter - Kapitel 4
Quellenangabe
authorTheodor Däubler
titleDer unheimliche Graf - Der Werwolf - Die fliegenden Lichter
publisherBanas & Dette
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181104
projectidce8d7916
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Die fliegenden Lichter

In einer sehr schwer verwickelten Angelegenheit wurde ich von meinen Eltern nach Wien berufen. Sofort brach ich von Neapel auf; wurde aber dann durch ein sehr großes Unglück sechs Wochen in Rom festgehalten: unterdessen ereignete sich, was ich in Wien hätte ablenken sollen, vielleicht können. Jedenfalls stand meine Familie gerade damals unter einem Unheilsstern. Nie mehr gelang es uns seitdem, und es sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, – was damals zusammenbrach, wieder aufzurichten. Eines Abends hatte ich endlich vollkommene Sicherheit, abfahren zu können. Sofort kaufte ich mir einen Fahrschein von Rom bis an die Grenzstation Pontafel. Die Reise brachte ich in so großer Nervosität zu, daß ich beschloß, irgendwo zu übernachten. Zuerst sollte es Venedig sein, dann dachte ich an Pontafel, schließlich fiel mir Villach in Kärnten ein; endlich entschloß ich mich zu einem Abstecher zu Verwandten und zwar von Villach aus. In der kleinen Stadt Völkermarkt in Unterkärnten lebte eine Schwester meiner Mutter; sie war mit einem Beamten verheiratet. Ich hing sehr an dieser Frau, hatte ihren Mann gern, und war ganz glücklich über den Einfall, vor Wien erst dorthin zu fahren. Kaum hatte ich diesen Entschluß fassen können, als sich schon meine Erregtheit anfing zu legen. Frohgemut setzte ich nunmehr meine Reise fort, es dürfte von Udine an gewesen sein.

Ich blieb zwei Tage bei Tante und Onkel! Dann mußte ich mit einem Schnellzug, der von Villach über Marburg a. D. nach Wien fährt, abreisen. Er kam gegen ein Uhr nachts in Völkermarkt durch. Der Bahnhof liegt vom Städtchen mehrere Kilometer entfernt: ich sollte ihn im Wagen erreichen. Etwa eine Viertelstunde vor Mitternacht gings ab. Ich hatte sehr herzlich Abschied genommen! In einer großen Schleife fuhr ich nun durchs Dunkel, um Völkermarkt herum, talwärts. Es war eine kühle Frühlingsnacht: der Wind rauschte in den Pappeln, tief unten brauste hörbar die Drau. Wir mußten über die hinweg, auf der andern Seite wiederum in einer Schleife empor, dem Bahnhof zu. Keine zehn Minuten Einsamkeit, liebe Stille im Wagen mochte ich gekostet haben, als der Kutscher mir plötzlich in seiner angenehmen Kärntner Mundart zurief, ich sollte mich umdrehn und sehn, was da kommt! Er schlug recht stark aufs Pferd ein: ich sah, wie uns ein Licht nachjagte.

»Das ist ein Landauer!« Meinte ich. »Gott gäbs!« Antwortete der Kutscher: »Es wird aber wohl anders sein.« Ich blieb umgewendet. Eine zweite, eine dritte, eine vierte, fünfte, sogar eine sechste, schließlich eine siebente, wie ich meinte, Laterne folgten uns. Nun, die werden uns gleich eingeholt haben, dachte ich: wir waren unterdessen zu einer Biegung gekommen und fuhren nun auch sehr schnell, in neuer Richtung, der Drau zu. Etwa fünf hundert Meter Pappelallee mochten es noch bis zur Brücke sein. »Merken Sie nicht, daß die Lichter in verschiedner Höhe dahergefahren kommen? Übrigens ist keines auf der Landstraße, und andre Wege gibt es dort nicht!« Sagte der Kutscher. Das stimmte: mir begann unheimlich zu werden. Trotzdem folgten die Lichter irgendwo der Landstraße; sie waren ganz naturgemäß, einen Augenblick lang alle sieben mit der Straßeneinbuchtung, durch die wir vor ein paar Minuten gefahren waren, verschwunden. Plötzlich stand ein tanzendes Siebengestirn über der Straße; einige hundert Meter hinter uns, ungefähr dort, von wo aus der Kutscher das erste Licht erblickt hatte. Dieses rhythmisch bewegte Sternbild überragte in seinen höchsten Lichtern beträchtlich Wald und Hügel. Es war eine herrliche Erscheinung. Wie verzückt blickte ich hin, der. Kutscher ebenfalls, ganz starr, obschon er bloß aufs Pferd hätte achten sollen. Wir waren vor der Brücke angelangt: sie mußte erst geöffnet werden. Ein kleines Mädchen huschte aus dem Brückenwächterhäuschen und ließ die Schranke hochgehn. »Blicken Sie dorthin!« Rief der Kutscher. »Hilfe!« Schrie das erschreckte Kind und stürzte ins Haus zurück.

Unser Wagen holperte über die Holzbrücke: unter uns ging die Drau hoch. Die Nacht war sternlos. Wir blickten auf das prachtvolle und rätselhafte Lichtspiel. Mit ausgereckten Hälsen, jeder auf seinem Sitz umgewendet. Das Pferd fuhr uns ahnungslos und sicher über Bretter, dann geräuschloser auf der Landstraße dem Bahnhof zu. Plötzlich schossen die sieben Lichter in eines zusammen und hetzten als solches riesengroß der Drau entlang. Gleich darauf war der Spuk verschwunden. Ich hoffte, wir würden uns nun erholen. Der Wagen fuhr langsam die Schleife bergan. »Das bedeutet was! Nichts Gutes, vermute ich.« Begann der Kutscher zu erzählen: »Vor etwa zwei Jahren ist mir etwas Ähnliches geschehn! Damals holte ich eine Dame aus Völkermarkt, die in Klagenfurt Einkäufe gemacht hatte, zum gleichen Zug ab. Als wir schon über der Brücke, durch die Pappelallee, durch waren, sahen wir, es dürfte kurz vor ein Uhr gewesen sein, – uns ein Licht entgegenkommen. Gleich darauf ein zweites. Mir mochte es wohl aufgefallen sein, daß die Lichter in verschiednen, nicht der Landstraße entsprechenden Höhen erschienen waren; dachte mir aber nichts dabei. Die Dame auch nicht. Als wir etwas später durch die innre Schleife hinauffuhren, meinte sie: ›Nun müßten wir aber den Wagen begegnen, man sieht sie gar nicht, wo mögen sie hin sein?‹ Auch ich war erstaunt, da doch kein Fahrweg irgendwo dort von der Landstraße abbiegt. ›Sie werden umgekehrt sein!‹ Vermutete und antwortete ich. Ein paar Minuten später leuchtete es knapp vor mir, etwa einen Meter über meinem Kopfe, ganz hell auf. Das Pferd bäumte sich furchtbar erschreckt. Die Frau und ich schrien vor Entsetzen. Eine Hand ohne Arm, mit einer Landauerlaterne flog über uns, neben uns her. Vielleicht so lang, bis man von zwanzig bis dreißig zählen kann: etwa zehn Sekunden. Dann löschte sie aus. Alles finster!« Nach dem, was ich soeben erlebt hatte, konnte ich fürwahr nicht ungläubig sein. »Und dann?« fragte ich atemlos. »Das Licht war weg; ich hab auch bis heute keins mehr gesehen, nur der Brückenwärter und seine kleine Tochter haben, auch einmal so eine ähnliche Lichtjagd erlebt. Ein paar Tage darauf ist ihnen ein Verwandter gestorben. Nun, und mir, als ich damals nach Hause kam, lag meine Mutter zu Bett. Während ich zur Bahn war, hat sie der Schlag gerührt. Zwei Tage darauf ist sie verschieden. Der Frau, mit der ich die Laterne gesehn habe, ist der Mann bald darnach auf einer Hochtour in den Karawanken verunglückt: also auch dort ein Todesfall!« Von da an schwiegen wir beide. Zuerst gings ein Weilchen langsam bergan, dann noch eine Strecke, ganz leicht und schnell dem Bahnhof zu. »Grüßen Sie in Völkermarkt, kommen Sie gut nach Hause!« Verabschiedete ich mit Händedruck den Kutscher. Am nächsten Morgen war ich in Wien.

Nach etwa einem Jahr kam ich wiederum in Völkermarkt an. Bei Tag. Am Bahnhof erwartete mich ein Wagen: der gleiche Kutscher. Ich erkannte ihn sofort, obschon ich ihn erst damals bei Sonnenlicht genau besehn konnte. Er war noch sehr jung, hochaufgeschossen, nervös: das Auge verriet Geisterseherei. Sofort gab ich ihm die Hand. Er blickte mich sehr wehmütig an. »Ihre Frau Tante!« Lispelte er. Mir wurde dabei ein Zusammenhang, den ich früher nicht beachtet hatte, klar. Meine Tante war, nach jenem gespenstischen Erlebnis gestorben. Da ich krank zu Bett lag, konnte ich nicht zu ihrer Beerdigung. Erst damals war es mir möglich geworden, ihr Grab zu besuchen. »Ja, meine arme Tante!« Gab ich zur Antwort und blickte ihn fest an. Eine Träne stand in jedem seiner merkwürdigen Augen und er schluchzte, brachte nur atemlos hervor: »Noch eine Woche, bevor Ihre Frau Tante von uns gegangen ist, habe ich meine einzige Schwester verloren!«

*

 

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