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Der Ueberkater Band II

Johann Richard zur Megede: Der Ueberkater Band II - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJohann Richard zur Megede
titleDer Ueberkater Band II
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
volumeBand 2
printrunFünfzehnte bis siebzehnte Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Ueberkater Dritter Teil

Sechzehntes Kapitel

Welt hat Glück!

Ich habe mich also zu dem abschließenden dritten Teil meiner Memoiren entschlossen. Sie sollen in jenem objektiven Geiste beendet werden, der dem Katertum seine führende Stellung für alle Zeiten garantiert. Im alten Aegypten waren alle Katzen heilig, unter den Menschen von heute wird selbst ein Tolstoj lange warten können, bis ihn der Weltgeist heilig spricht. Dies ganz nebenbei.

Ich bin jetzt unter die Villenbesitzer gegangen. Schöne Gegend bei schöner Stadt. Eine Gesellschaftsdame, die ich begönnere: Gräfin Angern – eine Jungfer, die mich anbetet: Lina – Weiter ein Kutscher, ein Diener, ein Portier. Zu der dicken alten Köchin, einem Drachen von gemeinen Allüren, gehe ich nie. Sie liest am Sonntag Traktätchen und macht sich wochentags Schwänzelpfennige. Was Diebstahl und Frömmigkeit eigentlich gemein haben, weiß ich nicht. Allerdings auch im Olymp ist ja der Götterbote Merkur der Schutzherr der Kaufleute und Räuber. Im Jenseits dürften demnach wesentlich andre Ansichten über Mein und Dein herrschen als im Diesseits. Jedenfalls seitdem ich die dicke Küchenfee über einem Andachtsbuch erblickt habe, worin das Herz des Gottlosen abgebildet ist, und zwar im Querschnitt und recht anmutig bevölkert: der Belial als riesiger Ziegenbock frisiert auf einem Thron, um ihn ehrerbietigst Schlangen, Schweine, Katzen, Schildkröten, – bin ich keineswegs mehr erpicht auf das Herz des Frommen, das nur mit einem Himmelbett und einem dicken Posaunenengel ausstaffiert sein soll. Die unwürdige Attacke gegen mein Geschlecht verzeihe ich großmütig, aber daß die brave Schildkröte, die schon ihrer Suppen wegen im Geruch der Heiligkeit stehen sollte, noch ganz besonders als das Sinnbild der Gemeinheit und Lüsternheit begeifert wird, war mir denn doch ein zu niederträchtiger Ausfall gegen alle Feinschmecker. Nächstens wird noch der Milchtopf auf den Index kommen, weil doch wahrscheinlich des Teufels sorgliche Großmutter alle die ihr anvertrauten Seelen gewissenhaft mit saurer Sahne schmort. Die fromme Köchin spart darum schon jetzt mit der Morgensahne, um uns die Sünde, ihr die Schwänzelpfennige zu ersparen. Wenn die Küche nachläßt, würde auch meine Herzensgüte leiden. Denn nur ein fetter Mann ist ein guter Mann . . .

Es wird wohl überall das peinlichste Aufsehen erregt haben, daß ein so unvergleichlicher Diplomat und Weltreisender plötzlich von der großen Bühne abtrat. Gewiß, es gibt zuweilen Augenblicke, wo selbst ich mich ernst frage: »Carlo, hattest du auch ein Recht, auf die Königskrone der Sahara zu verzichten, ein Reich, größer als Europa, im Kampf errungen, mit Weisheit regiert, – um mit der Selbstverleugnung eines Apostels dritter, sage und schreibe dritter Klasse, das Paris der Sahara zu verlassen, während die Katerabgesandten von diesseits und jenseits des Wendekreises gramzerrissen, pfotenringend auf den flachen Dächern Neu-Biskras oder den Lehmmauern des Negerdorfes saßen, und der verzweifelte Ruf: ›Majestät müssen wiederkommen! Majestät dürfen uns nicht verlassen!‹ mir bis tief in den Atlas hinein in den Ohren gellte?!« Ja, bis Constantine selbst verfolgte mich dieser Schmerzensschrei eines ganzen Erdteils, bis Constantine, dessen bergige Straßen, dessen wilde Rumelschlucht ich im Scheine des Vollmonds durchstreift habe, während die weißen Burnusse gespenstischer wallten, der schauerliche Abgrund tiefer gähnte, während die schmachtendste Sophonisbe von jenseits des Rumels vergeblich nach ihrem Massinissa seufzte, bis der greise Syphax sie wutschnaubend heimtrieb. O, ich kenne Massinissa! Aber Massinissa blieb fest.

Einen vollen Monat und mehr habe ich nämlich ohne Wanken am Krankenbett eines sündhaften Geschöpfes gesessen, am Bette einer verräterischen Frau, die nur dank meiner Pflege genas und die mich nach der Gepflogenheit des Hauses Habsburg unter dem falschen Vorgeben, mein Anblick mache ihr Qual, in einem Spankorb zu ihrer Mutter expedierte, geleitet von einem Brief, daß ich niemals schlecht behandelt werden dürfte. Ich möchte den sehen, der es wagt, mich schlecht zu behandeln! Aber ich mache gern Glückliche und gönne darum der alten Dame an ihrem Lebensabend meine beglückende Nähe. Die alte Frau Gräfin sieht übrigens noch vorzüglich aus und kann sich dreist mit ihrer Tochter vergleichen, die, wie alle Sünde, schön und leidenschaftlich ist, aber nach einer langen Aussprache mit ihrem Gemahl sich zur kühlen mondaine bekehrt hat, die sie nebenbei auch immer war. Die Aussprache war derart, daß beide sehr blaß und stumm aus dem Hotelzimmer in Cannes traten, ein Zimmer, das sie zur Sicherheit vorher verriegelt und verschlossen hatten zugleich. Ich war niemals neugierig, und es kann deshalb nur einem sonderbaren Zufall zugeschrieben werden, daß die Jungfer Anna am Schlüsselloch auf der einen Seite und der Kater Carlo auf dem Fensterbalkon der andern Seite sich befunden haben sollen, wo wir auch nicht einen zusammenhängenden Satz ergattern konnten, obgleich wir auf das hingehendste horchten. Ja, diese verwünschten Doppelfenster und Doppeltüren!

Ich schwelge allerdings manchmal in Erinnerungen. Ich denke an den Samum, der am Tage nach meiner Abreise heulend die Wüste durchtobte wie der Schmerzensschrei der toten Natur selbst über mein Scheiden; ich denke an den Atlas, der sich mit dicken Regenwolken umflorte vor tiefer Trauer. Ich gedenke des Mittelmeers, das blau und leise raunte in banger Klage, – es kennt jetzt meine Abneigung gegen unvernünftiges Wogen . . . Als ich dann glücklich an Bord des »Abdel-Kader« war und wir auf hoher See, da begann wieder jener entsetzliche Daseinsekel, der mich zu unausgesetzten Opfern an meinen olympischen Oberkollegen Poseidon veranlaßte. Die Wassergötter waren stets meine Feinde . . .

Wenn ich so glänzend, aber ohne jede Uebertreibung erzähle – von den Pyramiden von Gizeh, von dem gewaltigen Nil, von den heiligen Katern der Urzeit, die meine direkten Ahnen sind –, dann lächelt die scheckige Portierkatze wie verzaubert. Sie ist dumm, bescheiden, über die erste Jugend hinaus. Aber sie lebt im Hause – es ist so bequem – der alternde Sultan wird sie einmal zu seiner Lieblingssklavin erkiesen. In diesem Punkte bin ich ganz Orientale geworden. Odalisten, scheckig, grau, gelb, Zoraide oder Mimili, mir ganz gleich, aber um Gottes willen keine Ehe mit Verpflichtungen und vor allem keine Frau mit einem Schlüsselbund! Zur Ehe ist ja auch in Deutschland der Mann niemals alt genug. Dabei schaue ich meine Lieblingssklavin verzehrend an wie ein Pascha, und sie neigt sich verschämt . . . Erst viel, viel später fällt mir dann wohl beiläufig ein, daß ich ja Aegypten nur aus den Traumoffenbarungen der heiligen Katzenahnen kenne, also niemals da war. Aber schließlich, ist es nicht größer, auf dem Wege der Offenbarung zu schauen, als mit den gemeinen irdischen Augen? Wer weiß, ob die Pyramiden, an mir gemessen, nicht doch etwas klein ausfallen, und ob meine Vorstellung vom heiligen Strome nicht wahrheitsgetreuer ist als dieser Strom selbst. Die Liebe ausgenommen, die nur in der Gegenwart schön ist, dürften alle Erlebnisse sich in der Vergangenheit vorteilhafter präsentieren.

Hier bin ich eigentlich weiter nichts als ein weiser Beduinenscheich. Als solcher benehme ich mich auch: maßvoll, gedankentief, schweigsam. Die vielen im Orient verbrachten Jahre haben einen gemäßigten Fatalismus in mir zurückgelassen – und wenn ich mich durch meine Gemächer bewege, langsam, fast feierlich, nur um die orientalische Würde nicht zu gefährden, glaube ich manchmal selbst der große Kalif von Bagdad zu sein, wie er majestätisch dahinschlurfte in goldgestickten Purpurpantoffeln, auf dem Haupte den leuchtenden Turban, vor dem Leib den edelsteinblitzenden Säbel. Ja, er war gerecht und weise – und wenn er bei seinen nächtlichen Inkognitobummeln durch Bagdad einmal aus Versehen einem Unschuldigen das Haupt abgesäbelt hatte, so betrübte ihn das tief, und er ließ sofort einen Schuldigen laufen! Nicht unpolitisch: denn den Unschuldigen gehört ja der Himmel, den Schuldigen aber die Erde . . . Es ist übrigens merkwürdig, daß die einzige Maskerade, die mir wirklich steht, immer nur die königliche ist. Es muß doch im Blute liegen.

Natürlich bin ich auch der Brennpunkt des Katzeninteresses hier. All die kleinen Mietzen, ob mit ob ohne Anhang, haben eine leidenschaftliche Passion für den »Beherrscher aller Gläubigen«, als welcher ich mich in einer zauberischen Neumondsnacht unter Beibehaltung des Beduinenscheich-Inkognitos meiner Scheckigen offenbart habe. In Frankreich Orden – in Deutschland Titel – es gibt nationale Verrücktheiten, mit denen man rechnen muß! – Und da Frauen äußerst verschwiegen, wenn der Geliebte Kunstreiter, aber rührend mitteilsam, wenn der Geliebte der Großherr selbst, so hat natürlich meine scheckige Portierunschuld allen alles gebeichtet – und noch mehr. Das war meine Absicht. In der Gesellschaft muß man scheinen – nicht sein . . . Der Durchschnitt stürzte von je mit Wonne Marmorbilder, streichelt aber Gipsmasken voll Sympathie, auch von je . . . Seitdem grüßen mich die Katzendamen höfisch tief und mit verstohlen sehnsüchtigem Augenaufschlag. Ja, Kinder, so 'ne gut dotierte Haremstelle bei Papa Sultan paßte euch wohl! Die Katzenherren verbeugen sich mit orientalischem Schick, das heißt die Vorderpfoten zu einem Salem aleikum gekreuzt, wie ich es eingeführt habe. Man erkundigt sich aufs genaueste nach meinen sonstigen Gepflogenheiten, zum Beispiel ob ich einen Tschibuk rauchte oder Haschisch äße, ob Gartenvögel kalt oder warm diniert würden nach mohammedanischem Ritus, ob es höchste Orientmode sei, von gebratenen Tauben nur die Bruststücke zu genießen, wie ein junger Kater einmal bei mir zu beobachten die Ehre gehabt habe. Ich werde um Autogramme ersucht, um Haarlocken. Rosige Billetdoux um Rendezvous flattern unausgesetzt in meinen Park, zugleich mit finsteren Morddrohungen wegen gekränkter Katerehre . . . Ich könnte wahrhaftig ein Tenor sein mit einer Papuaperücke und dem dreigestrichenen hohen C – bekanntlich das Höchste für Liebesekstase bei Menschen – so sehr lieben mich die Frauen und so sehr hassen mich die Männer! . . . Meine scheckige Odaliske, die gern intrigiert und mystifiziert, hat ausgesprengt, daß Vögelfangen von der Wüstenmode gänzlich verpönt sei – Kunststück! Ich will mal den sehen, der mitten in der Wüste sich auf den Schnepfenstrich begibt; – daß ferner Mäuse nur lebendig diniert werden dürften wie Austern; – daß, daß . . . Die weißen Haare als Andenken rupfen wir einem Portierkaninchen aus. Die Namenszüge machen uns gleichfalls viel Scherz – Die Kleine und ich schnörkeln irgend etwas Sinnloses, was selbst von Ben Akiba nicht enträtselt werden dürfte, während es diesen Gläubigen hier als der tiefste Gedankensplitter aus Mohammeds Geiste gilt . . . Es ist die Geschichte jeder Mode. Wenn der König Edward sich in die sieben Gazeröckchen seiner Lieblingstänzerin kostümierte, so würde kein Dandy des Kontinents anders als in Gazeröckchen gehen. Der untere Westenknopf, den dieser Diktator der Mode nur wegen beginnender Fettleibigkeit offen läßt, wird voll Andacht auch von den skelettiertesten Salonlöwen offen gelassen. Warum auch nicht? Affen sind auch Menschen! . . . Wir amüsieren uns wie gesagt köstlich. Und Mietze, die ein wenig die Scheu vor meinem Kalifat verliert, weil ich mich zu Hause gern als gemütlicher Sultan mit Schlafrock und Pantoffeln gebe, proponierte mir neulich, daß ich doch mal als höchste Modetorheit der Sahara ausposaunen solle, daß nur ein toter Kater ein wahrhaft schicker Kater sei. Sie fügte etwas dreist hinzu: »Dickerchen, das wäre nicht schlecht, wenn sich die ganze Gesellschaft gegenseitig massakrierte, dann gehörten uns sämtliche Gartenvögel und du dürftest wenigstens von unten zusehen, wie ich sie mir oben fange. Wenn ich satt bin, kriegst du auch einen, mein Alter!«

Darauf antwortete ich sehr von oben herab: »Liebes Kind, du wirst dreist. Ich werde dir wohl eine seidene Schnur zum Geburtstag schenken müssen. Im übrigen sind Katzen keine Menschen. Nur Menschen dürften deinem Vorschlag zugängig sein. Denn die Menschheit liebt nun einmal den Blödsinn um seiner selbst willen.« Darauf begab ich mich an mein philosophisches Werk.


Bis hierher habe ich mich geschickt um die Tatsache herumgedrückt, daß ich doch ein wenig älter geworden bin in der Zeit.

Andern Sand in die Augen streuen – sehr mein Fall. Aber warum soll ich eigentlich dieses Manöver vor mir selbst produzieren?! Ja, Carlo ist in der Tat in jenes beschauliche Alter gekommen, das die Menschen nach dem Jenseits, die Kater nach dem Nirwana schielen läßt . . . Man lächelt über Kindertorheiten, man verachtet Leidenschaften, man hegt einen hüstelnden Haß gegen alle sündhaften Triebe. Aus Erkenntnis? – O nein, aus Notwendigkeit! Ich sehe auch gar nicht ein, wie z. B. eine Achtzigjährige anders als tugendhaft sein könnte. Nur der Magen, der vielleicht in der leichtsinnigen Jugend weniger strapaziert worden ist als das Herz, muß jetzt für alle Sünden der übrigen Glieder büßen. Gerade alte Menschen leisten nächst der Heiligkeit im Essen das meiste. Und wer in Sommerfrischen alte Damen beobachtet, der wird finden, daß sie mit der sanften Klage über Appetitlosigkeit einen wahren Wolfshunger verbinden – und wenn ihnen abends Hummern verboten sind, so essen sie gerade Hummern. Mir kam's immer vor, als wollten sie sich instinktiv an ihrer eignen Tugendseligkeit rächen. Alte Damen tragen häufig Brillen und sehen infolgedessen nur was sie wollen, auch bei Tisch! Freilich, alte Junggesellen gerieren sich gar nicht heilig, erzählen schauderhafte Geschichten und nehmen, was noch vom Leben zu nehmen ist; die guten Ehemänner sitzen wehmütig dabei und könnten auch Lästerliches erzählen und erzählten's sehr gern, aber Madame Xanthippe erlaubt nicht.

Zu diesen Alten gehöre ich natürlich nicht! Ich zähle, nach Menschenjahren gerechnet, ungefähr fünfundfünfzig Lenze, sogenannte »beste« Jahre, die je nach der Witwe, die einen zu ehelichen gedenkt, auch bis an die Siebzig dauern können . . . Ich mache noch immer die sorgfältigste Toilette, vielleicht sorgfältiger als früher, jedoch die Leutnantstaille hat sich empfohlen, und meine Figur ist die eines wohlkonservierten Stabsoffiziers, der sich nach dem Manöver bestimmt einen Regenschirm zu kaufen gedenkt. Zur Zierde des älteren Gentlemans, dem bewährten Bauch, gehört natürlich auch eine bewährte Moral, zur bewährten Moral wiederum ein festes Heim, und so bin ich eigentlich zur Tugend gekommen, wie andre zur Sünde. Wenn ich eine Nachtigall sehe, erfreue ich mich herzlich an ihrem Gesang – und bleibe unten. Die Krallen wollen nicht mehr, wie ich will. Und wenn ein Krammetsvogel serviert wird, so halte ich mich an die saftigen Teile und erkläre Knochendiners für eine Barbarei – die Angst um meine Zähne ist die Mutter dieser Mäßigung.

Wenn ich die nächtlichen Liebespfade meide und mir lieber daheim von einer Zuleika den Hals krauen lasse, so bin ich eben durch die Erfahrungen meiner letzten Brautschaft gewitzigt. Es war, wie gesagt, eine allerliebste kleine Kanaille, die mich so entzückte, daß ich sie reell zu ehelichen gedachte, ganz ohne Nebengedanken, nur weil sie jung und ich alt war – und ich hätte sie geehelicht! – Aber auch Katzenjungfrauen gehen lieber mit dem leichtfüßigsten Leutnant durch, als daß sie den knickebeinigsten General heiraten. Das ist so der Lauf der Welt. Der knickebeinigste General bin ich natürlich nicht! – Da ich nicht der Auserwählte war von wegen vorgerückten Alters, habe ich die kleine Kanaille für ein ganz verworfenes Geschöpf erklärt, das öffentlich gestäupt werden müßte – und alle alten Kater, die gleichfalls vergeblich heisere Minnegesänge zu dem Dachfirst hinaufgesandt hatten, stimmten mir bei.

So habe ich mich denn auf mein Altenteil zurückgesetzt, ohne im übrigen irgend etwas verreden zu wollen. In unserm Katzenkalender gibt es nämlich zweimal Mai alljährlich . . . Aber ich sehe doch mit ziemlicher Gewißheit voraus, daß ich mich definitiv auf Tugend und Sitte werde zurückziehen müssen. Das Alter hat schließlich auch seine Meriten: den großen Blick, der über ganze Epochen und Kontinente hinwegschaut, sanft vereint mit der herzlichen Freude am kleinen Klatsch. Auch die ältesten Könige der Menschen hören in den Pausen ihres glorreichen Tagewerks gern, wie der Flügeladjutant über das leichtgeschürzte Corps-de-ballet denkt . . . Der Geist muß eben Balance halten. Und wenn man ihn auf der einen Seite für ganz besonders groß hält, muß man ihm auf der andern Seite das ganz besonders Kleine zugestehen.

Ich bin ja auch heute noch ein großer Kalif, und mein staatsmännischer Blick überschaut die ganze Sahara. Ja, groß bist du noch, Carlo, überlebensgroß! Und da höre ich den Diener mit dem silbernen Kaffeeservice für die Gräfin über den Teppich schleichen. Ich denke an die fette gelbe Sahne, und sofort bin ich wieder echt königlich klein.


Herbst. Und wenn ich ein Tagebuch beginne, so ist es nur recht und billig, daß es im Herbst geschieht.

Ich bin über sechzig Jahre. Nicht, daß ich mich irgendwie alt fühlte, weder körperlich noch geistig, aber ich bin's nun doch einmal. Daran ändert auch nichts, daß mir der Spiegel und die Menschen immer schmeichelnd wiederholen: ›Was ist doch die Gräfin Angern noch hübsch und jugendlich!‹ Ich hör's gern, und hör's doch wiederum nicht gern. Frauen, die sich so merkwürdig konservieren, haben entweder nie etwas erlebt oder haben's nie erleben können. Das ist gar kein Ruhm. Ich aber habe das Meinige erlebt! . . . Wenn alle Menschen, selbst mein Kind, wähnen, daß dies Herz nie den sündigen Schlag, dies Auge nie die bittere Reueträne gekannt hat, so muß ich wehmütig lächeln. Ich war doch auch mal jung! Ich habe geliebt, gesündigt, gekämpft. Und wenn ich heute sagen darf, daß dies alles weggespült ist durch Jahre stummer Buße, wenn ich wieder rein dastehe vor mir selbst, so ist dies nicht das Verdienst einer starken, entschlossenen Natur, sondern vielmehr das einer ängstlichen, gut gearteten, die sich an das festklammerte, was ihr Herz durfte, nicht an das, was es vielleicht mußte. Aus dem Holze schnitzt man keine Helden. Ich habe auch nie einer sein wollen. Und wenn andre immer wieder versuchten, durch Fels und Busch auf die Höhe zu dringen, so habe ich die gegebene Straße vorgezogen, wohl in dem richtigen Gefühl, daß Weg und Steg dazu da sind, daß man auf ihnen wandelt. Nach einem kurzen Irrpfad habe ich mich selbst so erzogen und meine Tochter so erzogen. Es ist das richtige! Alle Höhenmenschen sind tragische Gestalten. Und ich möchte die Mutter sehen, die wünschte, daß ihre Tochter einmal tragisch endet! . . . Doch davon nun genug.

Vor einem Jahre habe ich mir diese Villa gebaut, die der Architekt prunkender herstellte, als mir eigentlich lieb war. Ich hänge nicht am Luxus. Er ist immer und mit Recht ein Stein des Anstoßes für alle diejenigen, die ihn auch gern haben möchten und doch nicht haben können. Ich bin, was man reich nennt, und das ist wahrlich kein Verdienst! Ich verbrauche niemals die Zinsen meines Vermögens. Dennoch scheinen die fünf Dienstboten, die ich aus alter Gewohnheit auch für mich allein bedarf, gewiß manchem eine sündhafte Anmaßung. Die Annehmlichkeit, diese Leute zu haben, empfinde ich kaum mehr, während ich ihr Fehlen natürlich schwer empfinden würde . . . Und der Arme wähnt nun, daß Reichtum an und für sich schon Glück sei, obgleich er doch nur eine goldene Fessel ist. Die Zinsen, die ich erspare, sammle ich voll heimlicher Hoffnung und freudigen Herzklopfens für meinen Enkel oder meine Enkelin, die sich aber viel weniger nach einer Großmutter zu sehnen scheinen, als die Großmutter nach ihnen. Ach, wie wollte ich sie lieb haben! Nächstens werde ich wohl die Hoffnung auf diese schönste Freude des Alters aufgeben müssen. Josefa ist nun über fünf Jahre, und wie ich glaube, glücklich verheiratet, aber auf alle mündlichen oder schriftlichen Andeutungen hat sie mir entweder gar nicht oder ausweichend erwidert. Dies ist der Punkt, wo ich meine geliebte Tochter nicht begreifen kann . . . Es sind eben andre Zeiten! Schmerzlich fühle ich's dennoch . . . Ja, das Glück durch den Reichtum hat auch seine Grenzen!

Wenn ich meinen Kindern gesagt habe, daß das Leben auf dem Lande in dem alten großen Schlosse mir mit der Zeit doch zu einsam sei – daher die Villenidee –, so war es wohl viel mehr noch der Nebengedanke, daß ein so schöner alter Besitz wie diese Herrschaft doch weit eher bestimmt sei für ein junges frisches Ehepaar mit jungen frischen Kindern. Wenn Peter als Rittmeister quittierte, wie es mein Mann ja auch tat, wie lebendig könnte es dann in diesem Familienschlosse zugehen, und wie gern würde ich dann bei meinen Lieben weilen, als ein bescheidener glücklicher Gast! . . . Es war eine sanfte Beschwörung des Schicksals, als ich hierher ging.

Vielleicht läßt sich das Schicksal noch erbitten. Es ließ sich ja auch bei mir erbitten nach mehr als zehnjähriger Ehe . . . Ach, Kind, wenn du wüßtest, wie du ersehnt, erhofft, dem Himmel abgerungen bist! Wie habe ich dein Kommen mit köstlichem Bangen gespürt, wie habe ich dich mit Freudentränen begrüßt auf der Welt! Niemand, dein Vater zuletzt, ahnte, daß eine Sklavin des Vergangenen zum erstenmal frei wieder aufgeatmet hat bei deinem ersten Lallen. So viel Jahre des dumpfen Vorwurfs ausgelöscht durch dein erstes Lächeln! Und wie habe ich Tag und Nacht an deinem Bette gebetet, daß alles Kleine und Schwache in mir sich in dir wandeln möge zum Großen und Starken . . . O, ich weiß, warum ich Gott so bat! Wenn nur das heißeste Gebet zum Thron des Höchsten steigt – ich habe es gebetet. Ich bin innerlich ganz frei geworden in diesem Gebet. Ja, eine Stimme schien mir zu antworten: ›Dein Wunsch wird sich erfüllen. Wenn du eine schwere Sünde tatst, deine Liebe wird sie wegwaschen. Wenn ein leidenschaftliches Herz von dir mit heißer Verwünschung schied, dein Kind wird diesen Fluch sühnen.‹

Und von Stund' an ist der Egoismus von mir abgefallen, die Eitelkeit wie ein schlechtes Kleid. Ich habe in diesem Kinde gelebt, wie dieses Kind einst in mir. Ich bin Mutter geworden, nur Mutter! Alles hat sich durch dieses Kind geläutert. Mein Mann starb – ich habe ihn ehrlich betrauert. Ein andrer Mann ist verschollen – ich habe seiner in Freundschaft gedacht . . . Ich habe über meinem Kinde gewacht, über seiner kleinsten Herzensregung. Ich habe mich gefreut, wie nur eine Mutter sich freuen kann, daß ein guter Mensch erwuchs, schöner als ich, heißblütiger als ich – mein Ebenbild und doch ganz gewiß nicht mein Ebenbild! Ich habe diesem Kinde jeden Stein aus dem Weg geräumt, habe alles Böse von ihm ferngehalten, soweit ich's vermochte; ich habe sie verheiratet bei der ersten reinen Herzensregung, nachdem ich sie sanft bekehrt hatte von einem Backfischwahn, – ich habe nur das Gute gewollt für sie. Von einem Knaben würde ich vielleicht gesagt haben: ›Nur im Sturme bewährt sich der Mann,‹ obgleich ich nie den Sturm geliebt habe. Von einem Mädchen sage ich: ›Die Blüte entfaltet sich am vollsten im ruhigen Licht,‹ obgleich gerade sie immer den Sturm geliebt hat. Ich bin auch gar nicht gekränkt oder böse, daß im Laufe ihrer Ehe sie sich von mir abgewandt zu haben scheint. Die Frau, die den Mann liebt, gehört dem Mann, der die Frau liebt . . . Ach, wenn sie nur glücklich sind! Ich möchte gewiß ihr ganzes Kindervertrauen wieder besitzen. Da ich's nicht mehr habe, muß ich doch vernünftig sein. Das Alter versteht die Jugend wohl niemals mehr recht. Und nun gar die Jugend von heute! Da heißt's immer nur Kampf und wieder Kampf! Wie's in dem Punkte bei Josefa aussieht, weiß ich nicht. Sie schreibt regelmäßig, aber es sind so andre Briefe! Sie besucht mich wohl auch, aber es sind so kurze Besuche. Seit den zwei Jahren, wo sie in Afrika war – ich kann mich ja irren –, aber sie ist nicht mehr die alte.

Sie stehen jetzt in Hannover. Die Rennreiterei ist wieder im vollsten Gang. In der Sportwelt der Lasowitzsche Stall an erster Stelle . . . Ich war mal drüben bei ihnen, aber mir war gar nicht, als wenn ich zu meinen Kindern kam. Peter reiste gleich in der ersten Nacht nach Iffezheim; Josefa ging zu irgendeiner Fürstlichkeit zum afternoon-tea. Immer Gesellschaft und Jagden! Beide reiten so hardi, als wenn das Leben nur dazu da wäre, riskiert zu werden. Ich wurde ohnmächtig, als Josefa vor meinen Augen ein sogenanntes grobes Hindernis sprang und über das stürzende Pferd weit wegflog. Es war ihr nichts geschehen, sie bemühte sich im Gegenteil rührend um mich, aber als ich sie bat, doch nie wieder so töricht zu sein, da zuckte sie nur die Achseln und sagte: »Mama, das kann ich dir nicht versprechen. Es stirbt sich übrigens nicht so leicht. Sieht alles nur so aus.« Sie ist so elegant und so exklusiv. Ob sie's freut, weiß ich nicht. Ja, ich hatte wohl die Empfindung, daß sich eine merkwürdig gleichgültige Natur entwickelt, der der Reichtum so wenig Freude macht, als andern die Armut Sorge. Dabei versichert sie mir ernsthaft, daß sie zufrieden sei und ihre Ehe glücklich . . . Leute, die so viel vorhaben, eigentlich nie allein sind, die können doch nicht glücklich sein!

Aber sie sind's, sie sind's ganz gewiß! Ich allein sehe Unglück, weil ich von meinem Kinde so wenig habe. Sie sind eben Gesellschaftsmenschen, sie sollen's ja auch sein, – aber wenn sich's so jagt und hastet alles, daß sie immer todmüde heimkommen müssen, solche Menschen sind eben schlechterdings nicht mehr sie selbst. Bei Leuten, die keine Kinder haben, aber Zeit und viel Geld, da kann's nicht anders kommen. Sie können nicht immer traulich beieinander sitzen wie Turteltauben! Ich selbst kann doch ein Lied von einer kühlen Vernunftehe am Berliner Hofe singen . . . Freilich für mein Kind habe ich eine reine Liebesehe erhofft. Dann wird mir manchmal angst! Es überläuft mich siedend heiß, ich frage mich: ›Hast du denn auch das Richtige getroffen mit deiner Erziehung? Denn schließlich hast du ihr doch den Mann ausgesucht, weil er dir gefiel, weil er ihr gefiel, weil sie sich gefielen, und als sie aus dieser Verlobung mit aller Gewalt herauswollte, da hast du sie nicht gelassen‹ . . . Aber die beiden paßten doch nun einmal zusammen, während die beiden andern nie zusammengepaßt hätten! Und dann werde ich wieder vernünftig, sage mir: ›Sie lieben sich, wie sie sich immer liebten, aber das Kind fehlt. Es ist nur das Kind, was sie zum vollen Glücke noch brauchen.‹

Warum haben sie das Kind nicht? Es sind junge, hübsche Menschen. Aber woran's auch liegt, es muß reparabel sein! . . . Josefa schreibt mir, daß sie ihren Herbsturlaub in Biarritz verbringen möchten. Nun, dann gehen sie einfach nicht hin oder er allein! Ich muß mit Josefa vernünftig reden, wenn sie auch nicht will. Das Sanatorium hier hat schon Wunder über Wunder getan. Darum mögen's die Aerzte nicht. Ich würde mich auch so kindisch freuen, wenn sie käme und wenn's zum guten Ende käme. Aber ich werde vorsichtig schreiben, sehr vorsichtig.

Ach, vielleicht danken mir schon übers Jahr mit Freudentränen die beiden ihr verjüngtes Glück!


Ich glaube nicht, daß sie kommt. Sie liebt ja nur Luxusbäder, aber schon der Gedanke, daß sie vielleicht doch kommen könnte, regt mich an.

Sie kann bei mir wohnen. Es sind keine fünf Minuten bis zum Sanatorium. Ich lasse das Loggiazimmer im ersten Stock für sie als Boudoir einrichten, das Schlafzimmer daneben. Ich habe ihre ganze Einrichtung aus der Mädchenzeit mit hierhergenommen. Die soll sie nun hier bis aufs kleinste wiederfinden. Es fehlt nichts, nichts, nicht mal der erste törichte Malversuch hinter Glas und Rahmen. Ob sie's freut? Es muß sie freuen! Sie ist ja meine Tochter . . . Und wir lieben doch schließlich alle unsre Kindererinnerungen!

Ich kann mir schon alles vorstellen. Wenn ich sie dann frühmorgens selbst wecke, auf dem gleichen Bettrand plaudernd sitze, auf dem ich jeden Morgen gesessen habe seit ihrer Einsegnung. Sie war immer so stürmisch und zog mich lachend in die Kissen, um mir lachend die Haarfrisur dort noch mehr zu verderben. Was war sie hübsch, was war sie jung! Wie glücklich mußte sie doch den Mann machen, der sie einst liebte und den sie wiederlieben würde . . . Ich bin bei jedem Stück dabei, was der Tischler rückt. Genau an der Stelle stand auch zu Haus ihr Schreibtisch, sie schaute träumend hinaus ins Grüne. Sie liebte die alten, großen Parkbäume so sehr, die ihr das Fenster beschatteten. Und wenn bei Wind ein Zweig an die Scheiben pochte, da pochte sie wieder und winkte. Hier muß sie sich schon an das bunte Herbstlaub gewöhnen, an dies stumme, feuchte Siechen der Natur. Aber wenn die Sonne erst durch diesen bronzeflammenden Fasching lacht, die ganze Dresdener Heide ein leuchtendes, lächelndes, gaukelndes Farbenmeer; oder wenn der Sturm die Blätter zaust und alles wallt und wirbelt wie der letzte törichte Faschingstanz vor dem Aschermittwoch, da werden die schönen hellen Augen sich wieder wärmen an dem Bild. Sie wird denken: ›Es ist doch eine Lust, wieder einmal daheim zu sein bei seiner lieben alten Mutter.‹ Und wenn sie morgens beim Aufstehen aus ihrem Schlafzimmer auf Dresden hinabblickt, wenn so taufrisch das ganze Elbtal glänzt, oder abends beim Zubettegehen, wenn das Lichtmeer aus dem Tal hinaufflackert, flimmert, so lustig, so lockend, und dazwischen der Stromspiegel aufblinkt, trübe, geheimnisvoll, die Schiffe mit ihren Signallaternen düster, unbeweglich, wie große Gespenster über dem Wasser . . .

Ich freue mich schon heute so mit ihr. Ich schleiche oft allein hinauf, betaste die Chaiselonguekissen, die Nippes, selbst die roten zierlichen Saffianpantoffeln vor dem Bett. Ich habe alles treu bewahrt, und alles strömt für mich den wundervollen Duft ihrer keuschen Jugend noch heut aus . . . Und wenn sie nun nicht kommt? Oder nur auf einen Tag? Wenn sie ihre eigne Jugend nicht mehr versteht? Das wird sie mir nicht antun! Sie ist doch mein Kind, mein einziges Kind . . .

Ach, wenn sie doch käme! Ich würde auch wieder den Weg finden zu ihrem Herzen, das rührende Kindervertrauen, das ich bewußt niemals mißbraucht habe. Ich werde dabei so weich, so gerührt im Mutterherzen, die Tränen, die ich vor Menschen nie weinen würde, hier fließen sie von selbst. Ich wehre ihnen nicht. Es sind ja wehmütige Freudentränen! Ich bin überhaupt eine weiche Natur, die immer lieber den Stoß aushielt, als ihn zu erwidern. So war sie auch, meine Josefa. Aber wie ist sie jetzt? Und da kommen die Gespenster . . .

Es ist spät abends und herbstlich kühl und dunkel hier oben. Ich sehe durch die Dämmerung die unsicheren Umrisse einer hohen Gestalt vor mir stehen, nur die heißen Augen blitzen durch jede Nacht. Ich höre mich wieder sagen: ›Josef, laß mich! Ich habe dich lieb, und das muß dir genügen. Aber es muß auch mit heut zu Ende sein – es muß! Ich bleibe, wo ich bin.‹ Ich sehe deutlich, wie sich der Schatten durch die Dämmerung entfernt ohne Abschied, auf dem weichen Teppich der Stahlsporn leise klirrt von dem leichten, elastischen Männerschritt – Da sprang ich auf und eilte ihm nach und mußte ihm sagen: »Gott segne dich zum letztenmal, Josef!« Und noch heut spüre ich, wie eine harte Reiterhand mir das Handgelenk packt und mich zurückstößt, daß ich taumle, eine haßerfüllte Stimme zischt: »Gott segne mich? Nun, dich segne der Teufel! . . . Habe übrigens keine Angst! Ich werde bald heiraten, und wenn ich einen Sohn haben sollte, so will ich ihn auch dem Satan geloben. Ihr habt kein Herz, darum habt ihr auch keinen Mut! Und dieser Sohn soll mich rächen an euch allen, an euch allen – aber vor allem an dir! Das ist mein letztes Wort. Und wenn's einen Teufel gibt, so soll der mich hören und führen. Ich will lieber in seine heiße Hölle, als in euren lauen Himmel!« Ich wankte zurück auf meinen Stuhl, ich hielt die Hände vor die Augen, in den Ohren brauste es mir von dem Schrecklichen, was ich gehört. Er hat mir damals den Abschied leicht gemacht. Wer so scheidet, der hat nie geliebt! Ich aber hatte gehandelt, wie ich handeln mußte. Ich liebte meinen Mann nicht, aber gerade darum mußte ich bleiben. Und das Leben hat mir recht gegeben. Ich taugte weder zur Geliebten noch zur durchgegangenen Frau. Da er das eine oder andre bis zur letzten Konsequenz verlangte, mußte ich ihn gehen lassen, so sehr ich ihn auch liebte. Die Starken mögen sagen: ›Ich stehe, wo ich will!‹ Die Schwachen müssen sich klar machen, daß sie da bleiben müssen, wo sie hingestellt sind. Und Gott hat mir diese scheinbare Schwäche in meiner Tochter gesegnet!

Doch ist die Macht der Erinnerung heute so groß, daß ich wie damals, vor mehr als vierzig Jahren, vorsichtig, mit verhaltenem Atem, ans Fenster trete, als wäre es damals. Unten: etwas Dunkles wie geballt, es sind wohl meine Leute, die schwätzen. Ein müder Herbstwind weht. Damals freilich war's ein Orkan, der die besten Parkbäume knickte. Und wie damals schaue ich ängstlich hinab. Mir ist fast, als hörte ich wieder den Sturm rasen und die Stämme stöhnen. Ein Pferd tänzelte. Zwei Menschen sprachen. Einer in Zivil, der andre im Uniformmantel, den Kragen hochgeschlagen. Mein Mann, der wohl eben von der Jagd zurückgekommen sein mochte, sagte: »Aber, lieber Graf . . .« Den Namen trug der Wind hinweg, und er soll ihn weggetragen haben für alle Zeiten! »Sie können bei dem Wetter nicht reiten! Sie werden entweder im Wald draußen von den Bäumen erschlagen, oder der Sturm weht Sie mitsamt dem Gaul die Schlucht hinab. Bleiben Sie doch zur Nacht!« Und eine harte, höhnische Stimme antwortete darauf: »Was die Garde nicht durchdrückt, das drückt die Linie noch allemal durch. Wir sind alte Reiter, und wen der Teufel holen soll, den holt er auch ohne Gebet.« Dann sitzt er auf. Die junge englische Stute schnaubt und windet sich und will nicht vorwärts unter dem Schenkel. Darauf ein verbissener Fluch, die Rennpeitsche zuckt, das Pferd steigt und will sich überschlagen. Darauf wieder mein Mann: »Aber so bleiben Sie doch!« – »Nein, Angern, ich bleibe nicht!« Und dann höre ich nur noch, wie der Sturm heult und wie die Kiesel knirschen. Mein Mann fragte mich später verwundert: »Hatte der eigentlich was getrunken? Aber ein ganz toller Reiter ist er doch!«

Was weiter kam, weiß ich nicht. Ich hab's auch nie wissen wollen. Er soll später mit meinem Manne irgendwo eine Aussprache gehabt haben. Worüber, weiß ich nicht. Sie fand in Berlin statt, und er nahm gleich darauf seinen Abschied. In der Zeit war auch mein Mann eigentümlich. Sonst habe ich niemals wieder von ihm oder über ihn gehört. Diejenigen, bei denen ich mich viele Jahre später erkundigte, antworteten mir: »Er war schon in den letzten Monaten unerträglich. Jedenfalls ist er verschollen.« Tot für mein Gefühl war er schon längst . . .

Diese Erinnerung, die selten so unerbittlich klar vor meine Seele getreten ist, hatte mich doch sehr aufgeregt. Es war alles so unnatürlich lebend, daß ich wie damals auf Zehen hinunterschlich, um meinem Manne nicht zu begegnen, und im Stall nachzusehen, ob vielleicht der Reiter doch zurückgekehrt sei. Ich ging wirklich hinunter in den Stall, natürlich ohne zu wissen, was ich eigentlich wollte. Als mich der Kutscher, der mich wohl zum erstenmal da nächtlich gesehen hat, etwas merkwürdig anstarrte, fiel mir zum Glück ein, daß Josefa vielleicht Reitpferde mitbringen könnte und deshalb zwei Boxen wieder eingerichtet werden müßten. Seltsamerweise hatte es draußen wirklich zu stürmen angefangen. Das Klappern der Droschkenpferde auf der nahen Chaussee klang eigentümlich verschwommen, wie jener Hufschlag damals. Wir können doch nicht von unsern Erinnerungen.

An dem Abend hatte ich noch eine große Freude: Josefa kommt, und zwar allein! Auf wie lange stand in dem Telegramm nicht.


Ich habe das Jahr hier oben ziemlich einsam gelebt. Ein paar alte Beziehungen zur hiesigen Hofgesellschaft wurden zwar wieder angeknüpft – ich habe ja doch meinen ersten Ballwinter hier erlebt. Aber die Leute sind auch älter geworden, viel älter, und gerade die Jugendbekannten, auf die ich mich vielleicht gefreut hätte, waren mir innerlich völlig fremd. Die Frauen mögen mich vielleicht darum beneiden, daß ich immer zehn Jahre jünger taxiert werde, als ich bin. Ich färbe mich ja nicht, ich gebe mir keine jugendlichen Airs. Oder hat mich der Reichtum manchem entfremdet, der Reichtum, der mir von Jahr zu Jahr reichlicher zugeflossen ist? Meine Verwandten starben alle, und alle ohne Erben. Ist das Geschlecht verbraucht? Ich jedenfalls bin es nicht! Nur vor dem vielen Gelde habe ich ein gewisses Grauen zuweilen. Warum fließt's immer mir nur zu, die ich schon übergenug habe? Ja, wenn Josefa Kinder hätte! Aber so ist dieser goldene Regen nur eine lächelnde Ironie. Warum strömt er nicht zu jenen, die ihn so heiß ersehnen, ihn so bitter nötig brauchten? Aber was mir fehlt, das haben die wieder in Ueberfülle.

Ich habe jetzt wieder Josefas wegen einige Besuche gemacht. Sie braucht Welt – sie soll sie haben! Besonders abgesehen habe ich's dabei auf eine Prinzessin Wechtenfeld, die jung und elegant ist, dabei überglückliche Mutter. Außerdem – noch eine Gundingen, die aber kaum mehr mit mir verwandt ist, Sächsin, in der Luft dieses altväterischen Königshofes groß geworden, welche Luft mir eigentlich auch immer lieber gewesen ist als das kalt-vornehme, aber mindestens ebenso klätschige Hof-Berlin. Jeder steigt hier wie dort auf die Schulter des andern, nicht um zu sehen, sondern um gesehen zu werden. Bei Lichte besehen ist auch der größte Hof erschrecklich klein. Mein Mann, der eine Zeitlang diensttuender Kammer- Herr war, sagte später oft: »Wenn eine Majestät niest, fällt die ganze Bande voll Ehrfurcht auf den Rücken, aber bei den größten Fêten habe ich mich manchmal nach einem Stück Wurst aus der Regimentskantine gesehnt. Ist man nun glücklich 'raus aus dem ganzen Unsinn und möchte mal so ganz frei aufatmen – da geht's nicht, geht absolut nicht! Hofluft ist miserabel, aber man muß sie haben.« Es war kurz vor seinem Tode. Es lag auch nicht an der Luft, es lag an seinen Lungen, daß er nicht mehr frei aufatmen konnte . . . Jedenfalls erinnerte mich die junge Gräfin Gundingen, die ein ganz unverfälschtes Sächsisch spricht, an den alten Geheimen Kommissionsrat, der mir, wie die meisten Menschen, sympathisch war, aber von Josefa erbarmungslos durch die Zähne gezogen wurde. Jener ganze verregnete Gardafrühling wurde mir wieder lebendig. Vielleicht ist der eine oder der andre von jener Gesellschaft durchs Schicksal auch hierher verschlagen. Meine Tochter könnte dann in Erinnerungen schwelgen, was immer wohltut. Nur diesen Rin möchte ich nicht! Es war zwar nur ein Strohfeuer, dessen sich Josefa sicher heute schämt, und jedenfalls nur ein schönes Mitleid mit dem seltsamen Toren hatte sie damals veranlaßt, seinen Vornamen dem leider, leider toten Sohne zu geben. Andre tun's auch. Und bei allen heißt's: »Es ist zu Ende, absolut zu Ende, mein Freund!« Aber es ist ein Mensch, der mir immer unheimlich war. Ich habe gar kein physiognomisches Gedächtnis, aber ihn sehe ich immer genau: nicht hübsch, aber schön gewachsen und sehr Mann. Schon jemand, der so unbedingt seine eignen Wege geht und selbst, wenn er lächerlich wird, nicht lächerlich ist. Das sind gefährliche Leute. Es gibt ihrer nicht viele. Ich mag mich wohl, ohne es zu wollen, am Klang des Namens gestoßen haben. Obgleich sein Gesicht keinen Zug zeigt, der mich auf Gedanken bringen könnte, ist es mir dennoch eigentümlich bekannt. Es zieht an, es stößt ab. Ich hatte bei diesem Gesicht immer eine Art Angstgefühl, – daher war ich als echte Frau besonders liebenswürdig gegen ihn. Anständig war bei ihm jedenfalls, daß er auch nie den geringsten Annäherungsversuch späterhin gemacht hat.

So habe ich mir denn das Dresdener Adreßbuch und die Kurliste aus dem Sanatorium kommen lassen. Und siehe da! Jeanette Quedenberg mit ihrem Mann wohnt kaum eine Viertelstunde von mir. Sie haben auch eine Villa, beinahe ein Schloß, ich kann den Turm von meinem Garten aus sehen. Das Fräulein von Ingen, die Komissionsratsnichte, ist sogar in dem Sanatorium, wie es scheint ohne ihren Onkel, was mir für Deutschland auch lieber ist. Ich werde beide aufsuchen Josefas wegen.

Zuerst war ich bei der Ingen, weil das nur ein paar Schritte sind. Sie wohnt sehr einfach, fast unter dem Dach, in einer der Sanatoriumsvillen, und ich habe darum die wunderhübsche Aussicht über Dresden ganz besonders bewundert. Sie empfing mich, fast geniert über so hohen Besuch, – ein bißchen sehr Juno, sonst hübsch und liebenswürdig. Vom Onkel Kommissionsrat nur ein paar ganz flüchtige Worte, offenbar ist da etwas nicht in Ordnung. Als sie warm geworden war, was mir gegenüber, wenn ich will, der Jugend sehr leicht wird, das Geständnis, daß sie verlobt sei, glücklich verlobt seit mehr als zwei Jahren mit einem Architekten, der nichts hat – sie wahrscheinlich noch weniger. Aber sie war so glücklich! Das Mädchen dürfte vor Josefas Augen kaum Gnade finden – sie kann's ja auch eigentlich gar nicht –, denn das ist doch eine ganz andre Gesellschaftssphäre offenbar! Am Ende wurde mir dieser Besuch fast leid. Es ist ja gewiß hübsch, und sie hatte dabei so warme Augen, als sie mir beim Abschied sagte: »Ja, Frau Gräfin, wenn ich das ein Jahr früher geahnt hätte, daß Sie sich hier oben eine Prachtvilla bauen wollten, ich wäre sicher betteln gekommen! Mein Bräutigam hätte es wohl ebenso hübsch gebaut, vielleicht noch hübscher – verzeihen Sie, Frau Gräfin, es ist ja auch so wunderhübsch –, aber für uns wäre es ein großes Glück gewesen. Seit zwei Jahren sparen all die reichen Leute so sehr.« Dieser etwas dringliche Herzenswunsch war mir peinlich in der Seele des Mädchens. Die Leute kommen doch rasch 'runter. Obgleich ich nun gar keine Vereinsdame bin, doch unter der Hand viel und gern gebe, so habe ich nachträglich auch an das Mädchen geschrieben und ihr eine größere Summe zur Verfügung gestellt. Sie machte mir einige Tage später ihren Gegenbesuch. Mein Anerbieten lehnte sie ohne Empfindlichkeit dankbar ab. Dafür erzählte sie mir, daß ihr Bräutigam gerade jetzt in Geschäften in Hannover gewesen sei und sehr viel von der schönen und vornehmen Frau von Lasowitz gehört habe. Für diese Nachricht bin ich ihr herzlich dankbar. Mütter hören immer wieder gern auch von Fremden, daß ihre Töchter schön und vornehm sind, obgleich sie das aus besserer Quelle schon längst wissen.

Auf Quedenbergs bin ich neugierig.


Ich war bei Quedenbergs. Ja, was sind das für Leute eigentlich? Ich bin doch auch von Herzen fromm. Aber diese Menschen werden ja dem Herrgott lästig mit ihrer Frömmelei. Frömmelei! Ich finde keinen andern Ausdruck. Der Diener kohlschwarz, die Jungfer kohlschwarz, im Vestibül Kirchengerüche. Alles von einer schweren, düsteren Pracht. Er paßt nun schon gar nicht hinein, der arme blonde Tropf, der jetzt seine Tage pedantisch zwischen Lackschuhpromenaden und Wappensammeln teilt. Aber sie paßt hinein – beinahe zu sehr! Gott will doch warme, vertrauende Herzen, die bußfertig vor ihm knien. Die Frau mag oft knien, vielleicht zu viel, aber sie ist doch eine kalte, hoffärtige Pharisäerin, die in eine finstere Inquisitionepoche weit eher paßt als in unser helles Luthertum. Sie muß nach meinem Kalkül Mitte Dreißig sein und hat sich innerlich sehr, äußerlich kaum verändert. Das blonde Gesicht schärfer, die blauen Augen härter, die kleine Hand, die sich wohl kaum der zahllosen Ringe erinnert, die sie einst schmückten, sehr energisch. Mir ging von ihr ein Hauch strenger Klösterlichkeit aus, der mich beengte. Sie war sehr höflich, aber sehr kühl, was sie ja beides eigentlich immer war. Sie ist ganz große Vereinspräsidentin, wie natürlich und dementsprechend auch die Gesellschaft, die ich traf. Eine Stiftsoberin aus Holstein mit dem goldenen Ordenskreuz, ein massives, aber sympathisches Gesicht; ein ungelenk dienernder Kollektenmann mit einem Aktenfaszikel und fettglänzenden Ellbogen. Außerdem noch eine wohl nicht ganz reinblütige Gräfin; sehr scharfgeschnittene Züge, hinter der Brille zwei graue Augen, halb fanatische Nächstenliebe, halb weltfremde Zerstreutheit. Später habe ich erfahren, daß sie der Schrecken der Aerzte und das Kreuz der Pastoren ist. Sie besucht mit rührender Hingabe Arme und Kranke aller Sorten, verteilt Geld, verbindet Wunden, singt Kirchenlieder dabei. Das ganze Jahr vergeht in einer wilden Flucht: von der Bibelstunde in den Frauenverein, von den protestantischen Wöchnerinnen in das Siechenhaus, von der Nähstunde in den Sittlichkeitsverein. Eine wahre Manie des Wohltuns, die ihr aber vorzüglich bekommt! Ueberall dirigiert, instruiert, kommandiert sie, aber wer nicht Wachs in ihren Händen ist, dem begegnet sie kühl. Mein Arzt erzählte mir, daß sie mit ihren Kirchenliedern die Fiebernden ganz verrückt mache; den Schwerkranken erlaube er alles, nur nicht diesen Besuch. Wie alle Aerzte ist er wenig gläubig und murmelte noch verschiedenes über ganz übel angebrachte Nächstenliebe, die im Grunde nur krasse Herrschsucht sei, was ich jedoch absichtlich überhörte. Jedoch der kluge alte humoristische Pfarrer aus Dresden, der mich zuweilen besucht, gestand mir lächelnd, daß sie zwar seine Predigten jeden Sonntag nachschreibe und mit einem ewig fallenden Bleistift die Umsitzenden rebellisch mache. Ihr Christentum sei wohl über allen Zweifel erhaben, aber es könne ihr, der Protestantin, passieren, daß sie aus Versehen in die katholische Kirche geriete, inbrünstig mitsänge und gleich darauf aus Zerstreutheit beim Traktätchenverteilen den katholischen Knaben das Leben Luthers und den protestantischen ein Heiligenbild übergebe, so daß er sowohl wie sein katholischer Amtsbruder in aller Freundschaft hätten einschreiten müssen. »Die ganze Frau ist nichts als werktätige Nächstenliebe – aber nur für den, der nach ihrer Pfeife tanzt, was nicht alle können. Sie hat mir selbst geschrieben, daß die Privatbibelstunde mir doch über alles andre auf Erden gehen müsse, und ich habe ihr darauf geantwortet, daß mir dies vorzuschreiben nicht ihres Amtes sei, und daß Weib und Kind wohl auch nach der heiligen Schrift über einen Verein gingen, dessen Vorsitzende sie sei.« Soweit der Pfarrer.

Es ist sehr schlecht, aber ich habe Tränen lachen müssen, und der Pfarrer lachte auch Tränen und sagte: »Daß uns doch Gott in Gnaden vor dem Zuviel bewahren möge, auch im Guten!« Dagegen sprach er von der Quedenberg fast mit Ehrfurcht. Sie sei eine so willensstarke und pflichttreue Natur, die keinen verfehlten Schritt je täte, sich nie hervordränge, aber nach jeder Richtung hin die eigentliche Seele einer rein protestantischen Propaganda sei. Sie lebe mit einem herzlich unbedeutenden Mann sehr glücklich, und ob sie vielleicht auch schwere Anfechtungen habe durchmachen müssen, so sei sie eine Natur, die gerade aus dem Schwersten geläutert hervorgehe.

Ich will ihr nichts bestreiten. Ich liebe wärmere Herzen und ein fröhlicheres Christentum. Daß auch ich die Frau nicht gerade angezogen habe, obgleich ich eigentlich nie ein Stein des Anstoßes bin für kräftigere Naturen, das sichere Gefühl hatte ich beim Abschied. Aber da sie eine Freundin von Josefa war oder noch ist, sich sogar meines Wissens mit ihr duzte, so habe ich das Ehepaar in der nächsten Woche zu einem kleinen Souper eingeladen. Sie sagten zu, aber er ungleich liebenswürdiger. Hoffentlich gelingt die Ueberraschung. Bei dem Fräulein von Ingen war es mir noch zweifelhaft, ob sie in den Kreis paßt. Aber sie ist ein armes Ding, und vielleicht macht's ihr auch Freude. Als Mittelglied habe ich die Wohltätigkeitsgräfin eingeladen, die, weil ich zu Fuß gekommen, mich nach Hause begleitete. Sie hatte nicht übel Lust, mit hineinzugehen wegen eines Portierkindes, das Keuchhusten hat, und für das ich ganz von selbst alles tun lasse, was für ein Kind getan werden kann. Allein heute geht mir solche Werktätigkeit auf die Nerven. Ich machte also die Dame durch die Einladung für später unschädlich. Die Nase mußte sie aber trotzdem noch in die Portierstube hineinstecken, worauf ich etwas kühl wurde. Sie hat überhaupt so eine starke, gebogene Nase, die sich ganz von selbst in fremde Angelegenheiten steckt.

Also Quedenbergs – natürlich nur sie – haben mich enttäuscht. Aber das ist der Fehler des Alters und der Erinnerungen, daß die Vergangenheit rosig scheint, die Gegenwart grau. Ich war eine im besten Sinne einseitige Mutter. Darum habe ich mich wohl auch gewöhnt, einseitig zu sehen. Mein Maßstab war immer meine Josefa, und das ist ein hoher Maßstab.


Das alles, was ich geschrieben habe bis jetzt, mögen Ansichtssachen sein, was ich aber heute erlebte, das ist keine Ansichtssache. Ich habe mich wirklich geärgert.

Ich habe den Herrn Rin gesehen bei einem Spaziergang in der Dresdener Heide. Er sah mich auch, grüßte aber nicht. Gutherzig, wie ich leider immer noch bin, wähnte ich, der mir gegenüber doch noch junge Herr, an dem naturgemäß so vielerlei Gesichter vorübergehen, könne das meine eher vergessen haben als ich das seine, weil an mir doch viel weniger vorübergeht. Ich sprach ihn an, nur aus Herzensfreundlichkeit. Er schien sich erst nicht erinnern zu können und fragte dann steif: »Vielleicht Gräfin Angern?« – »Allerdings. Und wie geht's Ihnen, Herr Rin?« – »Ich bin hier in einem Sanatorium, aber nicht in dem großen. Ich lebe ganz zurückgezogen.« – »Aber mich können Sie doch mal besuchen!« – »Nein, Frau Gräfin, das kann ich nicht.« Er fügte auch kein Wort zur näheren Begründung hinzu. Hatte überhaupt in Haltung und Sprache etwas eigentümlich Gespanntes. Darauf sagte ich aus Verlegenheit und weil mir bei seiner einsilbigen Art gerade nichts andres einfiel: »Wenn meine Tochter, Frau von Lasowitz, hier wäre, so würde sie sich sicher herzlich freuen, Sie wiederzusehen.« Und er antwortete eisig: »Sind Sie dessen ganz gewiß, Frau Gräfin?« Da habe ich ihn denn mit einem kurzen Adieu stehen lassen.

Ich hoffe, er erkennt mich auch das zweitemal nicht. Und wenn, wie ich sicher glaube, der Mann in Josefas Leben jetzt weiter nichts mehr ist als ein hoffnungslos welkes Blatt, so erspare ich beiden vielleicht eine peinliche Begegnung. Man soll nicht in törichter Gutmütigkeit seine Liebenswürdigkeiten an Leute verschwenden, die sie nicht verstehen. Es war doch ein großes Glück, daß ich damals fest blieb.

Morgen um die Zeit ist mein geliebtes Kind schon bei mir. Ich freue mich kindisch!


Josefa ist gekommen.


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