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Der Ueberkater Band II

Johann Richard zur Megede: Der Ueberkater Band II - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJohann Richard zur Megede
titleDer Ueberkater Band II
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
volumeBand 2
printrunFünfzehnte bis siebzehnte Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Ja, es ist Winter geworden! Winter auch in meinem Herzen. Das Rheuma zwickt. Ich trage das Bein umwickelt wie ein alter Leiermann, und sehe einem afrikanischen Sultan a. D. ungefähr so ähnlich wie ein Derwisch dem Propheten. Suleika, die sich der Köchin wegen auf die fromme Seite gelegt hat, steckt mir mit stechendem Blick Traktätchen zu. ›Das Herz des Gottlosen!‹ Ja, ja, ich weiß schon, wie es in meiner Seele aussieht . . .

Aber daß Suleika derweilen die besten Fleischstücke allein verzehrt und offenbar mit dem besten Appetit, daß sie wütend faucht, wenn ich der Lampretenschüssel auch nur humpelnd zu nahen wage! . . . Es soll eine Buße sein, eine Prüfung. Aber ich halte vom Büßen ungefähr so viel wie ein Strafgefangener, dem man den eingeschmuggelten Tabak abnimmt, während sich der Anstaltsdirektor gerade eine Importe anzündet . . . Ich möchte um mich kratzen wie nie, aber ich fühle, daß ich bei einem etwaigen Versuche gegen meinen Hausdrachen der allein Gekratzte sein würde. Und kratzen halte ich darum mit Recht für gemein, weil meine Krallen stumpf sind!

Es ist überhaupt wunderbar, wie unsre Moral wächst, während unsre Kräfte sinken! Ich möchte an ein Wunder glauben . . . Denn meine Moral wächst wirklich! Ich bedaure aufs tiefste meinen früheren lasterhaften Lebenswandel, und wenn ich noch einmal anfangen sollte, würde mein Leben absolut sittenrein und beschaulich, wenigstens vor der Welt, sein. Ich habe, glaube ich, eine verdammte Aehnlichkeit mit einem alten Diplomaten, dem, als Vater der Lügen abgedankt, fortan nichts mehr übrigbleibt, als nur noch in seinen Memoiren zu lügen. Ich verdrehe in tugendhafter Zerknirschung derart die Augen, daß ich fürchte, zeitlebens zu schielen. Aber Suleika bleibt hart. Dabei bin ich zu allem bereit. Ich gestehe unter Tränen, daß ich eigentlich nur Carlo heiße, von einer sittenlosen Mutter in die Welt gesetzt bin und auf mein Saharakönigreich ungefähr so viel Anrecht habe wie ein Findelkind auf seinen Vatersnamen, ein Geständnis, was mir furchtbare Qual verursachte, weil es ausnahmsweise keine Lüge war . . . Ich gehe mit der Absicht um, Suleika zu heiraten, obgleich ich für die Ehe so viel Neigung habe wie ein Hühnerhund für sein Stachelhalsband. Aber der Jugend die Liebe, dem Alter die Ehe! Wenn Baiser mit Schlagsahne dem Kadetten auch noch so köstlich schmeckt, als Major wird er dahinter kommen, daß man mit Rindfleisch und Meerrettich seine Tage vernünftiger beschließt. Ich bin, wie gesagt, in der Lage dieses älteren Stabsoffiziers, und wäre glücklich, die Liebe mit der Schlagsahne für die Ehe mit der Rinderbrust einzutauschen. Aber Suleika sagt kalt: Buße!

Da ich bei den vollkommen derangierten Verhältnissen dieses Hauses weder bei der alten Gräfin noch bei der jungen Baronin irgendwelche Unterstützung finde – die Menschen vergessen nur zu gern, wenn man ihnen alles geopfert hat –, so bleibt mir in der Tat nichts übrig als die Buße . . . Ich schlürfe demütig die blaue Milch, von der Suleika eben die gelbe Sahne abgeschleckt; ich knacke wehmütig an den Knochen, von denen sie das sündige Fleisch aufs akkurateste entfernt hat; ich kampiere auf der Portiersstrohmatte fröstelnd, wahrend Suleika in meinem Daunenbett behaglich schnarcht. Es fehlt beinahe nichts, und ich schreibe allen Ernstes ein Erbauungsbuch, eine Art Vademekum für sündhafte Katzenjünglinge auf dem Wege zum tugendhaften Alter. Suleika wird immer dicker und ich immer dünner. Mein, weißes Fell schlägt Falten wie ein echter königlicher Hermelin. Nächstens bin ich nur noch Seele. (Wie meine Seele wirklich aussieht, würde mich interessieren!) Dazu zwickt das Rheuma immer ärger . . .

Darauf habe ich meine Taktik geändert, zog mich in die äußerste Bodenecke zurück, machte mein Testament. Suleika wird meine Universalerbin danach. Enorme Schätze, die ich auf einer Insel der Südsee erworben habe – wo ich, nebenbei gesagt, niemals war –, fallen ihr somit zu. Dann versteckte ich das Kodizill unter meiner Strohmatte, war furchtbar mißtrauisch, duldete keinerlei Annäherung und hatte darum die große Freude, daß Suleika sich auf das Testament in dem Augenblicke stürzte, als ich verstohlen nächtlich einmal den Ort verlassen mußte. Eine selige Hoffnung durchzitterte mich, daß diese Megäre, habsüchtig, wie sie natürlich ist, sich sofort aufmachen würde, um, da der Himmel dort blau und das Meer tief, niemals zurückzukehren. Aber nur in einem zähen Taubenflügel, der ihren Zähnen siegreich widerstanden hatte, dokumentierte sich ihre Dankbarkeit.

Später schrieb ich, womöglich noch geheimnisvoller, eine kleine moralische Erzählung mit Handzeichnungen, wonach ein junges, schamloses Geschöpf (meine Adoptivtochter), das nur durch die verruchtesten Toilettenkünste über seine Seelengemeinheit täuschte, einen würdigen Gentleman mit Sündenlisten umgarnt, bis der Betreffende durch die Erkenntnis seiner wahren Liebe und die glückseligste Ehe mit ihr – das dazugehörige Porträt war dermaßen geschmeichelt, daß Suleika vor Wonne und ich vor Scham erröten muß – dem Himmel und der Tugend wiedergegeben wurde. Sie überreichte mir darauf selbst einen Bückingskopf, den ich aber wie eine höllische Versuchung ablehnte. Das stimmt insofern, als ich in meinen schlimmsten Träumen von des Teufels Großmutter höchst eigenhändig mit diesem Unrat gefüttert werde und ihn natürlich auch fressen muß. Suleika redete mir trotzdem zu. Ich aber sprach nur von Buße und Tod und benahm mich überhaupt so würdig, daß ich auch ohne Gichtbein ein Heiliger gewesen wäre. Sie wurde weicher, redete mir immer sanfter ins Gewissen. Ich wackelte nur tugendhaft mit dem Kopf wie ein Porzellanchinese: »Suleika, laß mich! Dein Anblick ist mir Qual . . . Wenn ich bedenke, daß ich ein solches Wesen beinahe hintergangen hätte . . . Ich bin nicht wert . . .« und so weiter. Endlich nahm ich auch die Dichter sehr in Schutz, begeisterte mich für die Professoren und versicherte, daß wahrscheinlich das Universum selbst ein Ausfluß der Kathederweisheit sei . . . Kurz, wenn die beiden Berufssorten, die ich in meinem Leben am meisten gehaßt habe, weil die einen nur den Weltgeist, die andern nur sich selbst als Obermimen der Schöpfung anerkennen, mich nicht sofort zum korrespondierenden Mitgliede ihrer Körperschaften ernennen, so liegt das nicht an meinem Geiste, sondern an ihrer Torheit selbst . . . Suleika wurde immer weicher, deklamierte ein Gedicht, was nicht zu verstehen der Dichter am Eingang triumphierend selbst verkündete. Sie zitierte einen Geschichtsprofessor, der die Chronik der Stadt Schilda vom 31. Dezember 1403 bis zum 29. Februar 1404 zum Spezialstudium seines Lebens gemacht, und so weiter.

Ich sah mich im Geiste bereits wieder in alle meine Ehren eingesetzt und überlegte, wie ich meinem Hausdrachen am besten die Treue und meiner Adoptivtochter am besten die Liebe beweisen könnte. Jedoch als ich in sanfter Schwärmerei die Augen zu Suleika hob, begegnete ich dem prosaischen Mißtrauen der nüchternen Hausfrau. »Du hast so oft gelogen, Carlo, du hast –« »Und doch nur dich geliebt, Suleika!« rief ich.

Darauf murmelte sie noch allerlei, und wie im Leben nach der Ansicht der Köchin alles auf die Prüfung ankomme und wie auch ich noch eine große Probe zu bestehen haben würde, ehe mir das Standesamt an ihrer Seite sicher sei. Sie war überhaupt alles andre als ein gläubig anbetendes Ehegespons, was gerade der moderne Mann daheim verlangen kann, nachdem er sich draußen genügend amüsiert hat . . . Ja, diese modernen Frauen! Wer soll denn an uns glauben, wenn sie es nicht tun? . . . Ich selbst habe niemals an mich geglaubt, nicht einmal, wenn ich mich selbst systematisch belog, was bei den Menschen eigne Seelenanalyse genannt wird. Sie haben überhaupt immer so klare Ausdrücke für unklare Vorgänge. Jedenfalls überließ mir Suleika abends ein Putenbein, was sie selbst wohl nicht mehr bezwingen konnte.

In mein Herz ziehen wieder Liebe, Glaube, Hoffnung ein.

Einige Tage später fand ich im Gartenschnee ein geheimnisvolles Billetdoux. Teils mir wirklich unbekannte, teils scheinbar verstellte Handschrift. Als Sachverständiger vor Gericht würde ich erkennen, daß Suleika und meine Adoptivtochter gemeinsam diese Teufelei als letzte Prüfung ausgeheckt hätten. Vor meinem reinen Herzen brauche ich das nicht so genau zu nehmen – Die Ueberschrift lautete: Einzig geliebter Schatz! – Die Unterschrift: Deine sehnsüchtige Angora X. X.

Es könnte allerdings eine Falle sein. Denn ich werde zu einem Rendezvous ausgerechnet auf das Pferdestalldach geladen und zu einer Zeit, wo die Stallterrier immerfort durch den Hof schnüffeln . . . Aber gerade der Gedanke, bei diesem Stelldichein den Stallterriern und Suleika zugleich einen Possen zu spielen, lockt mich doch gewaltig! . . . Und schließlich – wenn es auch die große Prüfung wäre . . . Prüfungen sind dazu da, daß man sie besteht, und zwar auf seine Weise. Der eine kommt durchs Examen, weil er mogelt, der andre fällt durch, weil er nicht mogelt. Ich hab's immer mit dem Mogeln gehalten.

Heute ist der Tag. Ich bin einfach bezaubernd zu Suleika – gleichzeitig übe ich hinter ihrem Rücken kräftig mit meinem Gichtbein für die Dachpromenade. Jetzt empfiehlt sich mein teures Ehegespons zum Besuch einer Freundin. Ich empfehle mich gleichfalls zum Besuch einer Freundin.

»Auf Wiedersehen, meine Liebe – auf Wiedersehen!«


Ich kann nur sagen, daß sich beim Hören dieses Namens etwas krampfhaft in mir zusammenzog. Ich wäre auf jeden Namen vorbereitet gewesen, auf jeden Menschen. Warum mußte gerade dieser Name kommen! . . . Es ist eine Zufälligkeit, dieser Gleichklang Rhyn und Rin, aber es ist doch eine merkwürdige Zufälligkeit. Ich kann nur sagen, daß das Gefühl des Verzeihens, Verstehens, was ich vielleicht jedem Geliebten meiner Tochter doch wohl entgegengebracht hätte, sich gerade bei diesem Namen in das Gegenteil verkehrte. Ich wurde kalt, nüchtern – ich verstand meine Tochter nicht! . . . Es gibt Empfindungen, gegen die man nicht kann. ›Warum muß es gerade der sein?‹ dachte ich immer . . . Sie hat für ihn einmal viel übriggehabt – gewiß! Aber damals war sie ein Kind. Der Reiz der Neuheit, der Zauber einer geschlossenen Persönlichkeit . . . Ich gebe mir alle Mühe, ihm gerecht zu werden, und kann's doch nicht! Die instinktive Scheu vor diesem Manne, die ich immer empfand, wird mir zur tiefsten Abneigung. Ich nehme jetzt innerlich Partei für Peter, sehe in dem andern nur den frechen Eindringling, der er doch auch von Anfang an war . . . Wenn er sich in eine Braut verliebt, reist der vornehme Mann auf der Stelle ab – und er blieb gerade! Er hatte später auch nicht einmal Achtung vor der verheirateten Frau . . . Es mag Hochmut im Spiele sein bei mir, aber warum mußte Josefa, der schon seit ihrer frühesten Mädchenzeit so viele Männer zu Füßen lagen, gerade einem Herrn Rin zum Opfer fallen?

Mir tut Peter leid, mir tut dieser Graf Bloome leid, vor allem aber Josefa selbst! Es muß ein perverser Reiz sein bei uns Gundingens, daß wir unser Herz immer und an Männer wegwerfen, die dieses Herz nicht verdienen . . . Aber was auch in dem Brief steht, wenn Josefa ist wie ich, wird sie trotz allem doch den Weg wieder zu sich selbst finden! Es war eine Leidenschaft, sinnlos, töricht wie die meine, und wie ich ist auch sie beschmutzt worden zuletzt . . . Es empört, es erbittert mich, daß gerade dieser Herr Rin . . . Ich habe mich doch wenigstens mit meinesgleichen versündigt, bis es mir klar wurde, daß es trotzdem nicht meinesgleichen war!

Ich habe lange hin und her überlegt. Die Sache mit Peter ist natürlich irreparabel. Aber wenn denn einmal geschossen werden muß, so mag die Kugel den Mann treffen, der sie verdient. Ich werde mir diesen Herrn Rin morgen früh hierherkommen lassen, ich werde des Briefes natürlich nicht die geringste Erwähnung tun, aber ich werde ihm sonst die ganzen Angelegenheiten klarlegen. Ist er überhaupt ein Ehrenmann in unserm Sinne – was ich nicht weiß –, so wird er Peter sofort aufsuchen, sich erklären, und ich hoffe zu Gott, daß meinem Schwiegersohn dann einfach die Hände sinken. Und wenn nicht, so mag der Verführer ernten, was der Verführer gesät hat!

Ich lese den Brief Josefas mit Absicht nicht noch einmal auf diese Persönlichkeit hin durch – ich darf nicht sentimental sein in einer Angelegenheit, die nüchterne Sinne verlangt. Unter dem ersten Eindruck dieses Briefes hätte ich Peter wahrscheinlich kniefällig gebeten, einen Menschen zu schonen, der Josefas Herz so ganz besitzt. Das käme mir jetzt lächerlich, deplaciert vor . . . Es ist eine große Wandlung in mir vorgegangen, ich weiß eigentlich nicht warum, aber ich weiß, daß diese Wandlung vorgegangen ist. Wir Frauen müssen immer unsre instinktiven Ab- und Zuneigungen zu Hilfe nehmen, wo unser Urteil nicht langt. Ich habe den Schlüssel der Angelegenheit in der Hand, und ich werde ihn gebrauchen!

Ich schickte noch am Abend meinen Diener in das andre Sanatorium mit einem Brief, worin ich Herrn Rin in einer dringenden Angelegenheit morgen früh zehn Uhr um eine Unterredung bei mir ersuchte. Er schrieb zurück, daß er kommen würde, aber hoffe, daß diese Unterredung kurz sei, weil er bereits mittags von Dresden abreisen müsse. – Das wird sich ja finden . . . Ich wünsche niemand etwas Böses, auch ihm nicht, aber ich denke an meine eigne verpfuschte Jugend und Josefas trostlose Zukunft und werde hart.


Ich schreibe diese Unterredung hier nieder, wie sie geschah. Hinzuzufügen habe ich nichts.

Herr Rin erschien Schlag zehn. Ich hatte das Loggiazimmer oben gewählt, um durchaus ungestört, vielleicht auch um stark zu sein in Josefas Interesse. Ich sah ihn vom Fenster aus, wie er durch den Garten ging, und hatte angesichts dieses sehr entschlossenen Schrittes seiner hohen Gestalt die richtige Empfindung, daß ich einer schweren Unterredung entgegenging.

Es war die schwerste meines Lebens!

»Frau Gräfin haben mich gewünscht . . .«

»Herr Rin« – ich machte eine einladende Bewegung nach einem Fauteuil, die er aber absichtlich zu übersehen schien, so daß auch ich stehen blieb – »Herr Rin, ich habe Sie um diese Unterredung ersucht, weil ich mit Ihnen, so schwer es mir auch wird, über meine Tochter sprechen muß. Sie haben mit meiner Tochter ein Liebesverhältnis gehabt, und obgleich ich nicht verstehe –«

Er unterbrach mich eisig: »Sind Sie, Frau Gräfin, von Ihrer Frau Tochter beauftragt?«

»Nein, im Gegenteil.«

Darauf sehr pointiert er: »Dann tut es mir leid, Ihnen jede Auskunft verweigern zu müssen.«

Ich sah in dieses festverschlossene Gesicht und wußte nicht weiter.

Endlich sagte ich: »Sie erinnern sich unsers gemeinsamen Aufenthaltes am Garda, Herr Rin?«

»Gewiß.«

»Sie erinnern sich vielleicht auch, daß meine Tochter damals bereits verlobt war?«

»Dessen erinnere ich mich auch.«

»Sie haben, Herr Rin, schon damals versucht, sie mit allen Mitteln ihrem Bräutigam zu entfremden!«

»Dessen erinnere ich mich nicht, Frau Gräfin.«

Ich sah ihn wieder an und war wieder am Ende. Aber diese eisige Ruhe machte mich allmählich warm.

Ich sagte: »Sie haben, Herr Rin, später meiner Tochter sich wieder zu nähern versucht, und zwar in einer Weise . . .«

»Ich muß Sie bitten, Frau Gräfin, dieser Unterredung eine andre Richtung zu geben. Ich bin bereit, jede Auskunft zu geben, aber erst, nachdem Sie mich darüber versichert haben, daß Frau von Lasowitz selbst Sie orientiert hat. Ich kann das letztere nicht glauben.«

»Das ist ja auch nicht nötig, Herr Rin.«

»Dann bitte ich, die Unterredung zu endigen, Frau Gräfin.«

Ich wurde rot. »Ich dachte, Herr Rin, das bestimmte sonst die Dame, die diese Unterredung gewünscht hat . . .«

»Nein, Frau Gräfin, das bestimme in diesem Falle nur ich.«

Es war so provozierend konsequent gesagt, daß ich auf einen Augenblick die Ruhe und die Ueberlegung ganz verlor.

»Sie wünschen zu markieren, Herr Rin, daß Sie aus einer andern Gesellschaftssphäre sind?«

»Ja, Frau Gräfin, das wünsche ich allerdings!«

»Das zeigen Sie ja auch auf der Straße, indem Sie uns nicht grüßen, und ich kann nur auf das tiefste bedauern, daß ich Sie jemals an unsrer Geselligkeit teilzunehmen bat . . . Ich habe das getan, vielleicht beeinflußt durch den Namen, der meine Erinnerung an einen verschollenen Grafen Rhyn wachrief, mit dem ich seinerzeit auch am Garda gewesen bin. Es war zwar nur eine sehr wenig liebenswerte Persönlichkeit, wie mir erst spät genug klar geworden ist, aber es war immerhin ein Graf Rhyn.«

Er sagte darauf nur: »Lassen wir doch diesen Grafen Rhyn aus dem Gespräch! Sie erwähnten ihn schon einmal früher und daß Sie ihn nur ganz oberflächlich gekannt hätten . . . Man soll im Leben kein abschließendes Urteil über Leute abgeben, die man nur ganz oberflächlich gekannt hat.« Den letzten Satz sprach er anmaßend, als wenn er mich rektifizieren wollte.

Ich rief: »Ich ihn oberflächlich kennen? Ich kenne diesen Grafen Rhyn nur zu genau!«

Da lächelte er hochmütig: »Dann kannten Sie einen sehr vornehmen Mann, Frau Gräfin – es war mein Vater.«

Ich muß in dem Moment sehr fühlbar zusammengezuckt sein, und er muß in dem gleichen Moment mehr erraten haben, als uns beiden lieb, denn er trat auf mich zu, und zwar so nah, daß ich instinktiv zurückwich.

»Haben Sie, gnädigste Gräfin, vielleicht mit meinem Vater je korrespondiert?«

»Wozu wollen Sie das wissen?« sagte ich mühsam.

»Weil ich« – er zog ein Portefeuille aus der Tasche mit einem Brief –, »weil ich, Frau Gräfin, für mein Leben gern wissen möchte, wer diese Zeilen an ihn gerichtet hat! Ich trage den Brief seit zwei Jahren immer bei mir, als ein Amulett gegen die Frauen!« Er sprach scharf, aber kaum hörbar: »Kennen Sie diese hübsche, glatte, feige Schrift wirklich nicht? Sie brauchen sie nicht zu kennen. Sie brauchen sie wirklich nicht zu kennen, – aber Sie kennen sie, Frau Gräfin!« Und während er, den Brief in der Hand, immer näher auf mich zukam, wich ich immer weiter zurück.

Es war mein Brief, mein letzter Brief: ich erkannte ihn auf der Stelle . . . Und auch den Mann erkannte ich jetzt, wo ihm die grauen Augen so dunkel und böse geworden waren. Er brauchte es mir nicht noch höhnisch zu versichern, daß er der einzige Sohn seines Vaters und der letzte Graf zu Rhyn sei!

Endlich fand ich mich wieder. »Gut, wenn ich auch diesen Brief geschrieben habe, und wenn er Ihnen auch nicht gefällt, – es sind vierzig Jahre her, und auch Sie haben kein Recht, mich hier . . .«

Er ließ mich nicht aussprechen. »Und dennoch habe ich dies Recht! Wer auf meinen Vater Steine wirft, wie Sie vorhin, der hat ihn nie gekannt. Und Sie, Gräfin Angern, sollten die letzte sein, einen Stein zu werfen! . . . Ich will Ihnen etwas sagen, das außer mir niemand weiß. Mein Vater nahm den Abschied und ging gewissermaßen in die Verbannung, weil er sein Ehrenwort gebrochen für Sie! . . . Denn eines Tages kam Ihr Gatte zu ihm und sagte ungefähr: ›Graf Rhyn, Sie sollen zu meiner Frau in mehr als freundschaftlichen Beziehungen gestanden haben. Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß dies nicht der Fall war?‹ Mein Vater gab dieses Ehrenwort, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war niemals feige, und er gab's jedenfalls nicht für sich, sondern für Sie. Er beschmutzte sein Wappen, um das Ihre rein zu halten. Er hat daran gekrankt sein Lebenlang, wie er an Ihnen gekrankt hat – das weiß ich! Und wenn ein so leidenschaftlich hochmütiger Mensch, wie es mein Vater im Grunde seines Herzens war, auf seinen vornehmen Namen verzichtete und in die Allgemeinheit zurücktauchte, so tat er damit nur seine schwere Gentlemanpflicht. Denn ein beschmutzter Name ist kein Name mehr . . . Ich habe das erst als erwachsener Mensch und kurz vor seinem Tode von ihm selbst erfahren, weil er die Schuld, die ihn drückte, wenigstens dem Sohne beichten wollte. Und auch ich habe mich so wenig wie er entschließen können, unsern beschmutzten alten Namen weiterzuführen, weil es mir ehrenhafter erschien, meinen neuen zu Ehren zu bringen, – und soweit ich konnte, habe ich ihn auch zu Ehren gebracht! Sie, Frau Gräfin, haben nicht die Konsequenz Ihrer Taten gezogen, aber wir Rhyns haben sie gezogen. Und werfen Sie in Zukunft keinen Stein mehr auf Menschen, die adliger empfinden als Sie!«

Das alles sagte er scheinbar ohne Erregung, scharf und kalt, und ich saß, während er sprach, auf dem gleichen Sessel, wo der Schatten seines Vaters mir neulich erschienen war, und er stand auf dem gleichen Platze, wo auch der Schatten seines Vaters gestanden hatte . . . Es war wohl eine Stunde und ein Erkennen, die alles über den Haufen warfen. Ich hatte ihn demütigen wollen, und er demütigte mich!

Erst nachdem er gegangen, erinnerte ich mich, daß ich alte Frau doch eigentlich nichts und mein junges Kind doch alles bedeute. Ich ließ ihn zurückrufen. Er kam äußerlich höflich, aber innerlich mit Widerstreben. Ich konnte nur sagen: »Herr Graf, lesen Sie diese Zeilen, ich bitte Sie darum!« Ich gab ihm Josefas Brief. Er schob ihn in die Tasche wie etwas Gleichgültiges und ging. Später fand ich das vergilbte Kraut auf dem Teppich liegen. Ich hob's vorsichtig auf und sah's lange an und wollte weinen; aber ich weinte nicht.

Und der weiße, weiche Schnee rieselt noch immer lautlos und dicht, aber seine Flocken erzählen mir nicht mehr von Weihnachten und Kindern.


Keine zwei Stunden später kam Josefa. Sie sah müde aus, abgespannt, und lächelte wohl nur freundlich der Leute wegen. Sie fragte vor allem, wie es dem Kinde ginge. Ich fragte wie geistesabwesend zurück: »Welchem Kinde?« So fern liegen mir plötzlich die nächstliegenden Dinge.

Sie wollte hinuntergehen ins Souterrain, ich aber hielt sie zurück. »Du bist da unten nicht unbedingt nötig . . . Es geht wohl nicht besonders gut . . . Josefa, Peter war hier.«

»Ja, ja,« antwortete sie nervös. »Ich konnte es mir ungefähr denken. Ich bin in Hannover gewesen, eigentlich nur, um mit ihm über Bloome zu sprechen. Er war nicht mehr da, und ich habe ihn auch in Berlin nicht finden können, wohin er gereist sein sollte. Ich kann auch nicht mehr tun, als ich bereits getan habe . . . Peter muß wahnsinnig sein! Und einem Wahnsinnigen gibt man keine Satisfaktion: das habe ich Bloome persönlich jetzt noch in Berlin gesagt . . . Er schrieb mir in der Angelegenheit, und darum reiste ich so plötzlich . . . Peter hat nicht den geringsten Anhaltspunkt als das Rennen selbst, wo ich allerdings zugeben muß . . . Aber das hatte doch ganz andre Gründe! Ich konnte ihm auch nur brieflich wiederholen, was ich ihm schon damals gesagt habe: daß mir dieser Bloome nichts ist, weniger als nichts! Er soll sich doch damit begnügen, daß ich alles tragen will, selbst den Makel des Ehebruchs, obgleich's doch in seinem Sinne wahrhaftig kein Ehebruch war! . . . Den wahren Namen erfährt er doch niemals von mir . . . Und daß er sich nun durchaus mit dem Bloome schießen will – was weiß er denn überhaupt? Nichts! Es ist alles Vermutung, alles leere Vermutung!«

Ich fragte Josefa darauf, ob sie vielleicht einen versiegelten Brief ohne Aufschrift vermisse?

»Ja, den vermisse ich allerdings. Ich habe Tag und Nacht in Hannover nach ihm herumgesucht; ich muß ihn also in meiner Briefkassette hierher mitgenommen haben. Meine Jungfer hat dir wohl gesagt?«

»Josefa, mache dich auf das Schlimmste gefaßt: Peter hat den Brief erbrochen und gelesen.«

»Erbrochen und gelesen?« Sie wurde blutrot, und ihre Lippen bebten so, daß sie ein paar Augenblicke sprachlos war. »Nein, das kann nicht sein! Dazu ist er nicht fähig!«

»Er war doch dazu fähig, mein Kind!«

Aber Josefa, die wohl seit Jahren gewöhnt ist, auch die blutigste Träne unter einem kühlen Lächeln zu verschleiern, fand sich doch sehr rasch und sagte mit verhältnismäßiger Ruhe: »Dann war es eben die höchste Zeit, daß wir uns trennten . . . Der Brief sagt übrigens nichts, kein Name ist genannt . . .« Sie wurde wieder erregter. »Allerdings, wenn er kombinierte? Wenn er richtig kombinierte? Aber das wird er nicht tun, das kann er nicht tun! Er hat mich doch nie verstanden im Leben. Und sollte mich hier verstehen? . . .« Die Stimme war ihr bei den letzten Worten ganz hohl geworden. »Ja, ich habe kein Glück, ich habe wirklich kein Glück!«

Sie setzte sich in eine Sofaecke und stierte vor sich hin. Ich ahne wohl, was in ihr vorgeht! Aber ich hatte nicht den Mut, in diesem Augenblick ihr das Schlimmere und das Schlimmste zu sagen. Ich fühlte wohl auch, daß ich hier überflüssig war, ganz überflüssig. Sie wollte allein sein, und ich ließ sie allein.

Nach einer Stunde, während deren ich im Nebenzimmer angstvoll auf jeden Laut von ihr gehorcht hatte, kam ich wieder. Sie war aufgestanden und sagte:

»Mama, ich gehe hinunter zu dem Kinde. Aber ich bitte dich, nimm keinen Menschen an, wer auch kommen möge, und gib mir keinen Brief, was auch drin stehen möge! Ob's nun Peter oder Bloome ist, ich will niemand sprechen, niemand sehen! Und, Mutter« – sie trat ganz nahe zu mir und sagte leise, aber befehlend – »sprich nichts dagegen! Ich weiß, daß ein Mord passieren wird, und daß ich ihn mit einem einzigen Worte hindern könnte. Aber dieser Mord muß passieren! Hörst du, er muß! Und ehe es zu spät ist!« Als ich die Antwort nicht gleich fand, fuhr sie mit vibrierender Stimme fort: »Gut, du sollst es wissen – mein Geliebter war Bloome, wenn du es auch nicht verstehen wirst. Stirbt er, werde ich ihn als solchen vor aller Welt betrauern. Denn er war mein Geliebter, er und kein andrer.« Und damit ging sie.

Ich hätte meine Tochter vielleicht vor wenig Stunden nicht verstanden. Jetzt verstehe ich sie. Es muß doch ein Gefühl geben, das stärker ist als das Gewissen, und vor dem der Tod nichts bedeutet. Und wenn ich selbst mich auch nicht durchgekämpft habe bis zu diesem Gefühle, so will ich's doch bei denen ehren, die sich's selbst errangen.

Ich bin auch nicht unten bei dem Kinde mehr gewesen. Ich will Josefa weder mit meiner Gegenwart noch mit der Wahrheit quälen. Und was ist mir schließlich auch dieses fremde Kind?

Ich habe in meinem Zimmer gesessen und geschrieben und gelauscht, wenn die Klingel ging, es kam aber niemand.


Und die Stunde rinnt und der Schnee rieselt. Es ist weit nach Mitternacht. Und die Stutzuhr tickt und das Holz knackt. Ich fühle mich so leer. Und das Licht drinnen und der Schnee draußen schauen so leichenhaft stumm. Ich gehe im Zimmer auf und ab, weil ich die dumpfe Erstarrung kommen fühle . . . O, ich will nicht erstarren, ich darf nicht! Und ich setze mich wieder und will beten und falte die Hände und höre den pedantisch langsamen Schlag meines eignen Herzens – und kann nicht beten. Was soll ich beten? Zu wem soll ich beten? Und das Wesenlose, Entsetzliche, Tödliche kommt näher, immer näher. Ich strecke beide Arme wie zur Abwehr aus, und es packt mich doch, würgt mich. Ein Gespenst mit Riesenfittichen, das mich erdrücken will – und das mich erdrückt.

Ich habe so Stunde um Stunde gesessen, ohne Gedanken, ohne Kampf, eingehüllt von dem Unfaßbaren, Unerbittlichen, das man nicht einmal anfleht, weil das Flehen doch nutzlos.

Gegen drei kam Josefa und erlöste mich. Sie sagte nichts, und ich sagte nichts. Sie legte sich auf eine Chaiselongue. Ich dachte nach einer Weile, sie sei eingeschlafen, denn sie rührte sich nicht. Ich rührte mich auch nicht und wandte nur ein wenig den Kopf. Da lag sie mit offenen, heißen Augen und starrte in das Licht, und sah das Licht doch nicht . . . Und wie ich sie so lange ansah, – das liebe, liebe Gesicht, – da war's mir innerlich, als wenn langsam der Alp wiche, als wenn die Hoffnung ganz leise an das Fenster pochte. Es schneite nicht mehr. Ich dachte an den Brief und daß »Er« ihn hat, er, der zwischen den Zeilen lesen kann, wenn überhaupt einer zwischen den Zeilen lesen kann. Und er wird, er muß kommen, er kann nicht so scheiden, wie sein Vater schied! . . . Sie liebt ihn ja, und er liebt sie! Was auch dazwischen geschah, mit diesem Brief muß es ausgelöscht sein.

Und Josefa liegt und starrt. Ich weiß, warum sie so starrt. Sie sieht ihr Schicksal, sieht's mit offenen Augen und kann doch nur wie ich sagen: »Herr, dein Wille geschehe.« Sie kann, sie darf den Namen nicht sagen, auch um den Tod nicht. Das fühle ich mit. Und ihre Seele schreit: Es darf nicht sein! Und ihr Wille antwortet: Es muß sein!

Und ich zermartere mein Hirn, suche nach dem winzigen Hoffnungslicht, das längst wieder verglommen. Und ob ich gleich genau weiß, daß »Er« nicht kommen darf und daß ich ihn nicht sprechen darf, – denn er ist ein Rhyn, und wenn er den sicheren Tod vor Augen sähe, er ginge gerade in den Tod, weil er sicher ist, – dennoch fühl' ich instinktiv, daß, wenn es überhaupt noch eine andre Lösung gibt, diese Lösung nur von ihm kommen kann.


Und er ist gekommen!

Es war fast genau um dieselbe Stunde wie gestern. Josefa war gerade bei mir. Mit dem Portierkinde geht es wahrscheinlich zu Ende . . . Sie war nicht so übernächtig wie ich, sondern ruhig und gefaßt. Es geschah auch etwas Sonderbares. Als ich mechanisch die Morgenpost durchblätterte – ich dachte nicht an Lesen –, fiel mein Blick auf eine Zeitungsnotiz, die ich lesen mußte:

»Der bekannte Forschungsreisende Rin, der wegen Tropenfiebers monatelang in einer sächsischen Nervenheilanstalt weilte, hat sich gestern nach Berlin begeben, um Seiner Majestät dem Kaiser über seine projektierte Tibetexpedition, die von Nepal vorstoßen und womöglich über Lhassa, die Hauptstadt des Dalai-Lama, vordringen soll, persönlich Bericht zu erstatten.«

Ich legte die Zeitung beiseite, Josefas wegen. Da kam der Diener und meldete, daß ein Herr Frau Gräfin unbedingt zu sprechen wünsche.

»Welcher Herr?«

»Der Herr von gestern.«

Ich überlegte nichts, ich sagte sofort: »Ich lasse den Herrn Grafen bitten.«

Josefa sah mich von der Seite an: »Mama, du sollst doch nicht . . .«

»Mein Kind, ich weiß. Es ist auch weder Peter noch Bloome. Aber laß uns, bitte, allein!«

Sie ahnte offenbar nichts. Sie ging fort. Aber als sie die Tür öffnete, standen sich die beiden gegenüber. Das hatte ich nicht gewollt! Er sah sie, sie sah ihn. Sie waren beide wie gebannt.

»Frau von Lasowitz . . .«

»Herr Graf . . .«

»Ich bin gekommen . . .«

»Bitte, da ist meine Mutter.«

»Ich kam Ihretwegen, Frau von Lasowitz.«

»Ich wüßte nichts, was ich mit Ihnen zu sprechen hätte, Herr Graf.«

Er aber sagte warm: »Gnädige Frau, sagen Sie das nicht – ich muß mit Ihnen sprechen!«

»Aber ich will nicht.«

»Sie werden wollen müssen, gnädige Frau . . . Ich habe den Brief gelesen.«

»Welchen Brief?« Sie sah ihn an.

»Den mir gestern Ihre Mutter gab.«

»Den Brief von Peter? Du hättest . . .« Sie wandte sich todblaß zu mir. Dann zu ihm. »Ich habe keinen Brief an Sie geschrieben, Herr Graf.«

»Sie haben ihn doch geschrieben, gnädige Frau!«

Sie unterbrach ihn mit bebender Stimme. »Ehe Sie weiter sprechen, muß ich Ihnen sagen, daß dieser Brief nur durch eine unglaubliche Indiskretion meiner Mutter in Ihre Hände gelangt sein kann. Mein fester Entschluß jedenfalls war, diesen Brief zu zerreißen.«

Ich wollte hinausgehen. Sie duldete es nicht. »Bleib! Ich wünsche keine Unterredung unter vier Augen mit Herrn Rin.«

Er trat einen Schritt zurück. »Ich wünsche sie dann schließlich auch nicht. Ich wünsche Ihnen nur zu sagen, daß ich nach Tibet gehe und keine Ahnung habe, wann und ob ich zurückkehre. Und nachdem ich diesen Brief gelesen habe – ob Sie ihn nun zerreißen wollten oder nicht, das tut mir nichts zur Sache –, möchte ich Sie herzlich bitten, mir zu verzeihen. Mehr kann und will ich Ihnen nicht sagen. Ich wünsche auch keineswegs, daß ein gewisser Moment in meinem und Ihrem Leben ausgelöscht wird – solche Momente lassen sich schlechterdings nicht auslöschen –, aber ich wünsche, daß Sie mich auch verstehen, nachdem ich Sie auch erst jetzt verstanden habe. Ich habe lange gezögert, aber es war mir doch zu schwer und erschien mir innerlich fast ehrlos, im Groll von der einzigen Frau, die ich ehrlich geliebt habe, vielleicht fürs Leben zu scheiden, nachdem auch mir klar geworden ist, daß sie mich ehrlich geliebt hat. Wollen Sie mir Ihre Hand zum Abschied und zur Verzeihung geben?«

Josefa stand unbeweglich. Die Hand hing ihr schlaff. Sie hatte die Zähne aufeinander gebissen.

»Dann also nicht. Mehr kann ich nicht tun.« Er wandte sich zur Tür und sagte noch einmal: »Wenn Sie mir den Schlag ins Gesicht, wie Sie ihn nennen, nicht verzeihen können – und das verstehe ich –, so glauben Sie wenigstens einem Manne, der wissentlich noch nie gelogen hat, daß er ihm so weh getan hat wie Ihnen.«

Darauf hielt sie ihm die Hand hin, aber sie wandte den Kopf weg.

Er küßte die Hand und wollte nun wirklich gehen.

Ich aber litt es nicht. Wie ich die beiden Menschen so beieinander sah, da fühlte ich, daß die beiden auch zueinander gehören durch ein höheres Gesetz und ein höheres Gefühl, als ich es je gekannt. In solchem Anblick ermannt sich auch der Feige, Schwache, wächst hinaus über die Konvenienz, wächst hinaus über sich selbst . . . Und wenn's auch die letzte Stunde eines Sündenglücks wäre – sie sollen sie haben!

Ich sagte: »Graf Rhyn, bleiben Sie! Denken Sie an Ihren Vater, wie ich auch an Ihren Vater denke in dem Augenblick!«

Er ist geblieben, und Josefa hat's gelitten.

Und auf einmal kam mir der ganze Sonnenschein der Hoffnung wieder. Es wird, es muß alles gut enden! Die Geschicke, die die Eltern auseinander geführt, führen die Kinder wieder zusammen . . . Ich hatte innerlich wirklich die Ueberzeugung, daß Peter doch inzwischen vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt sein müsse und sich mit der Scheidung begnügen würde . . . Es kam dabei die sichere Klarheit über mich, daß die Wintersonne, die heute zum erstenmal seit langem und recht kühl auf das schneeglitzernde Dresden schaute, ja doch dieselbe Sonne ist, die die Knospe weckt und die Frucht reift. Es muß sich alles, alles wenden!

Ich ließ die beiden auch bald allein im Salon und ging hinunter zu den Portiersleuten. Ich sah auch hier, daß das Kind schwer, vielleicht hoffnungslos krank, und dachte doch auch hier hoffnungsfreudig, daß es nur die Krisis sein könne, der Weg zum Gesunden. Die Ingen, die sich nicht von sich selbst betören läßt, dachte anders. Sie glaubte nicht mehr ans Gesunden. Aber sie tat doch so tapfer ihre Pflicht, wenn sie die Kanüle reinigte oder das Fieber maß! Sie ist überhaupt so ein guter, tapferer Kamerad, der nicht viel fragt, sondern handelt . . . Ich dachte dann wieder an Josefa und was die beiden jetzt sprechen würden oben.

Zu Mittag aßen wir alle vier zusammen, die Ingen eingerechnet. Es war auch zwischen uns gar keine Befangenheit, wir kannten uns ja alle schon lange vom Garda! . . . Ob die Ingen etwas ahnt, ahne ich nicht. Aber selbst wenn sie ahnte – was tut's!

Nach Tisch, wo ich sonst zu schlafen pflege, schrieb ich ins Tagebuch.

Als ich später zu den beiden in den Salon ging, wurde mir wieder recht bange. Josefa sah so furchtbar angegriffen aus. Sie ist wohl froh, aber sie sinniert und sinniert wieder, sie kann an ein Glück noch nicht glauben!

Rhyn weiß übrigens, daß Josefa so gut wie frei ist, aber er ahnt natürlich nicht, wie's kam und wie's noch weiter kommen kann . . . Ich saß gerade einen Augenblick dabei, als er von seiner harten Jugend erzählte. Mir tat's wohl und weh zugleich. Daß ich Josefa die ganze Wahrheit einmal sagen muß, das liegt auf der Hand. Ich möchte es nur jetzt nicht tun . . . Und dann erzählte er, daß er in seinem Leben nichts so gehaßt habe als die Feigheit, und daß er lieber den qualvollsten Tod erleiden wolle, als jemals innerlich feige sein. Es klang so männlich schön, und Josefa hing an seinem Mund mit leuchtenden Augen. Aber gleich erlosch auch das Licht jäh. Sie sah mit leeren Augen in den Schoß, und ihre Hände zitterten.

Sie geriet nachher fast in einen lethargischen Zustand. Ich glaubte, daß es Nervosität sei, der Mangel an Schlaf in den letzten Tagen. Ich konnte unmöglich ahnen, welchen Kampf sie kämpfte. Und sie kämpfte ihn doch, den schwersten Kampf, den vielleicht ein Mensch kämpfen kann!


Am Spätnachmittag kam Peter.

Er ließ sich bei Josefa melden wie ein Fremder. Wir drei saßen im Salon zusammen, im Zwielicht, als der Diener kam. Draußen klirrte ein Sporn. Er war wohl in Uniform, aber ich habe ihn nicht mehr gesehen.

Josefa war bei dem Namen ihres Mannes zusammengezuckt. Ich sagte leise: »Nimm ihn nicht an!«

Sie zögerte einen Augenblick, die Augen ganz leer und tot. Aber als wenn sie mich überhaupt nicht gehört hätte, stand sie dann auf und sagte merkwürdig fest: »Führen Sie Herrn von Lasowitz hier herein.«

Wir beiden andern gingen ins Nebenzimmer. Ich lehnte die Tür nur an, ich wollte, ich mußte hören! Robert Rhyn sah mich etwas von der Seite an. Er setzte sich möglichst fern der Tür, in die Ampelecke, und begann sofort in einem Buch zu blättern.

Die Unterredung in dem Salon derweilen war nur kurz. Zwei Menschen, die vollkommen miteinander fertig sind und nicht einmal mehr Vorwürfe haben füreinander.

Peter: »Ich habe dir nur noch mitzuteilen, daß ich mich übermorgen mit Graf Bloome schießen werde. Die Satisfaktion seinerseits mußte ich mir etwas brutal erzwingen. Es ging nicht anders. Der Herr wollte durchaus nicht 'ran. Er leugnet durch seinen Zeugen zwar auch jetzt noch, aber er hat mir endlich die Forderung geschickt, die ich haben muß. Einer von uns beiden kommt nicht lebendig vom Platz . . . Da du einsehen wirst, daß nun Lügen keinen Sinn mehr hat, ersuche ich dich in aller Ruhe, den Brief herauszugeben, den ich in meiner wohlbegreiflichen Aufregung bei deiner Mutter gelassen habe und der jetzt wahrscheinlich in deinen Händen ist. Fällt Bloome, so muß ich diesen Brief haben, um nicht vor manchem doch als Mörder dazustehen. Bist du bereit, diesen Brief herauszugeben?«

Josefa schwieg.

Ich sah mich unwillkürliche nach Rhyn um, der aber ohne ein Zeichen der Erregung weiterblätterte.

Peter fuhr fort: »Du willst also nicht? Das konnte ich mir ungefähr denken! Du möchtest natürlich, wenn dein ›Freund‹, wie ich hoffe und wünsche, nicht mit dem Leben davonkommt, wenigstens die gesellschaftliche Konsequenz des Duells von dir abwenden.«

»Das will ich nicht.«

»Das willst du doch! . . . Du willst mich weiter belügen und die Welt auch, wie du in deiner ganzen Ehe gelogen hast bis auf den heutigen Tag.«

»Ich habe dich nicht belogen.«

»Das hast du doch getan! Du bist und warst immer feige.«

»Ich bin nicht feige . . . Ich werde dir jetzt den Namen des Mannes sagen, der zwar nicht in deinem Sinne mein Geliebter gewesen ist – aber in meinem.«

Sie hielt inne. Vor mir drehte sich alles.

»Ich lüge nicht, Peter! Der Mann war: Graf Rhyn.«

Peter schien das nicht so schnell begreifen zu können, denn er sagte erst nach längerer Pause: »Es tut mir leid . . . Es wird ja dann auch wohl so sein. Aber an den habe ich allerdings nie gedacht, weil ich ihn für einen unbedingten Gentleman hielt. Da er es nicht war, hat er natürlich vor Bloome den Vorzug. Das wird sich übrigens schnell ermitteln lassen. Er ist, wie du wohl besser weißt, in einer Nervenheilanstalt hier. Ich sprach mit ihm auf dem letzten Rennen, ehe ihr kamt. Er benahm sich allerdings sehr merkwürdig, wie mir nicht etwa nachträglich einfällt, – er gab sich ja immer merkwürdig zugeknöpft und ablehnend, am Garda sowohl, aber noch mehr in Biskra. Ich glaubte, das sei überhaupt so seine Art . . . Aber wie gesagt: es tut mir leid.«

Josefa sagte nichts darauf, und er ging.

Als sie den Namen Graf Rhyn ausgesprochen hatte, fuhr ich auf, wollte hineinstürzen zu den beiden, aber Rhyn selbst zwang mich, sitzen zu bleiben und zu schweigen. Er hat die schmale, nervige Hand seines Vaters, der unsereiner nicht widersteht . . . Ich blieb also sitzen. Als Josefa gleich darauf zu uns ins Zimmer trat, war ich auch tatsächlich nicht imstande, aufzustehen.

Josefa sagte verhältnismäßig ruhig: »Robert, ich habe meinem Mann gesagt, daß du . . .« Es war zum erstenmal, daß ich den Vornamen und das Du von ihr hörte.

Er war ihr entgegengegangen und unterbrach sie mit einer weichen, fast vibrierenden Stimme: »Ich hörte alles. Du hast nur getan, was du mußtest, mein Schatz . . . Und glaube mir, daß ich dich in keiner Stunde meines Lebens so geliebt habe, wie ich dich jetzt liebe. Ich kann dir nur sagen: Josefa, ich danke dir, ich danke dir.«

Er wollte ihr die Hände küssen, sie aber warf sich an seine Brust und schluchzte.

Er beabsichtigte wohl, möglichst bald in sein Sanatorium zurückzukehren, um das Weitere dort zu erwarten. Er tat's in Rücksicht auf mich und meine Menschenfurcht. Aber so klein bin ich denn doch nicht mehr! Ich war die erste, die ihn herzlich bat, bei uns überhaupt zu bleiben, da doch jede Minute seiner Gegenwart Josefa und damit auch mir köstlich sei. Was bedeutet Menschenmoral, wenn der Tod an die Tür klopft? Und wenn ich auch noch so alt sein mag und kleinmütig, es gibt doch Stunden, wo vielleicht wider Willen auch unsereiner von dem Besseren und Größeren getragen wird, was nur schlummert auch in jedem Herzen. Ich weiß es nicht mehr genau, aber wahrscheinlich habe ich um den Ausgang gebetet: daß der andre sterben soll, den sie nicht liebt, und er leben, den sie liebt. Aber gewußt habe ich trotzdem, daß das nicht sein kann, weil das Leben doch in seiner letzten Konsequenz keine Komödie ist, sondern eine Tragödie.

Vor den Leuten im Hause haben wir uns natürlich benommen, wie es der Anstand verlangt. Sie mögen ahnen, aber sie sollen nicht wissen.

Dem Kind soll's besser gehen. Das war uns beiden Frauen eine gewisse Erleichterung.

Ich habe dann in »seinem« Beisein Josefa mit Daten erzählt, daß ich seinen Vater gewissermaßen unglücklich gemacht habe, und daß es nun der Sohn ist, der meine Tochter doch glücklich gemacht hat.

Er bemerkte darauf mit ruhigem und feinem Verstehen: »Ich bitte Sie, Mama, machen wir auch darunter einen Strich! Es lebt sich eben jeder aus, wie er kann. Mir jedenfalls ist das Häßliche der Erinnerung tot, und ich meine, daß für uns alle drei diese Tage zu den besten unsers Lebens gehören müssen.«

Ich habe es nicht zu so starkem Gefühl bringen können in meinem Leben, aber angesichts dieses Tages begreife ich wenigstens und begreife es mit andächtigem Schauer, daß die Tat alles auf Erden ist. Wer sein Liebstes opfert wie Josefa, der opfert sich selbst. Und erst wer bis zu diesem Opfermut durchdringt, ist er selbst. Ich habe darum den Wunsch gehabt, daß diese beiden letzten Tage sich die beiden ganz angehören sollen, und dabei das sichere Gefühl, daß sie auch jetzt sich erst ganz angehören durften. Denn erst jetzt waren sie beide ganz sie selbst.

Am andern Morgen kam der blonde hübsche Gardereiter, der damals beim Rennen war, im Auftrage Peters mit Robert zu verhandeln. Das gleiche Regiment stellte auch ihm einen Zeugen zur Verfügung, weil er hier unbekannt ist, mehr wohl noch auf Bloomes Betreiben, der anfangs darauf bestehen wollte, daß sein Ehrenhandel vorginge. Robert überzeugte ihn, daß er in der Form, aber nicht in der Sache recht habe. Für sein Gefühl müsse er unbedingt der erste sein. Josefa fand das auch, und ich mußte es wenigstens finden.

Diese beiden letzten Tage habe ich meinen Kindern so sonnig zu machen versucht, wie es nur ging. Ich war innerlich ganz sicher, daß es letzte Tage waren. Man hat manchmal solchen Instinkt.

Gerade der letzte Abend war so rein, so ruhig, niemand hätte ahnen können, daß es ein letzter Abend war.

Das Duell findet hier und zwar in der Dresdner Heide statt. Morgens sieben Uhr. Später schießen sich Peter und Graf Bloome, weil natürlich eine tätliche Beleidigung auch beim besten Willen nicht mit einer Abbitte ausgeglichen werden kann.


Das Duell hat stattgefunden. Robert Rhyn wurde tödlich verwundet und starb noch auf dem Transport in unser Haus, wo er auch aufgebahrt ist. Peter bekam in dem zweiten Duell einen Schuß in den Unterleib, der nach Bloomes Aussage schwer, aber nicht lebensgefährlich ist. Er wurde in ein Dresdner Krankenhaus gebracht. Josefa hat ihn nicht besucht. Das war nach Lage der Dinge selbstverständlich. Früher hätte ich wohl anders gedacht. Jetzt weiß ich, daß Menschen, die nicht zueinander gehören, auch nicht zueinander kommen sollen. Einen Riß, der durchs Leben geht, heilt am letzten der Tod.

Die eigentliche Leichenfeier fand in der Wohnung bei uns statt. Ob nun der Tote gläubig war oder nicht, haben wir es doch für unsre Pflicht gehalten, die Leiche durch einen Geistlichen einsegnen zu lassen. Wir Frauen glauben beide, wenn auch Josefa anders wie ich. Der katholische Priester, an den wir uns wandten, weigerte sich entschieden, weil ihm bekannt geworden sei, daß Graf Rhyn bei Lebzeiten nie Messe oder Beichte besucht habe. Der berühmte Diakonus, auf den die beiden wohltätigen Damen so viel halten, machte Schwierigkelten wegen des andern Glaubens und des Ehebruchs. So hat denn mein alter, unberühmter protestantischer Pfarrer die Rede gehalten, – für mein Gefühl warm und ergreifend. Er hielt sich an den Geist der Bibel, der alles verzeiht, aber nicht an den Buchstaben, der nur die Hoffart verzeiht. Der fast schmucklose Sarg stand im Salon, den wir in einen Palmengarten umgewandelt hatten auf Josefas Wunsch. Es ist die Erinnerung an die Palmen von El-Kantara. Wir beiden waren natürlich in tiefster Trauer. Josefa hat nicht geweint, aber ich habe geweint, und zwar bitterlich. Es klingt merkwürdig nach dem allen: »Doch ist es nicht am Ende auch mein Sohn, mein einziger Sohn? . . .«

An dem Akt im Hause nahmen teil: Graf Bloome, der mit finsterem Gesicht dabei stand und wohl denken mochte: ›Warum kann der andre nicht hier liegen?‹ Er ist nun einmal Mann, aber er war auch sicher ein Freund, ein guter Freund, trotz aller Leichtfertigkeiten. Weiter die Ingen mit ihrem Bräutigam, gute, warmherzige Menschen. Außer seinem Sekundanten aus Dresden niemand. Wäre ich vielleicht gekommen? Es gibt ein ehernes Gesetz innerhalb der Gesellschaft: wen man betrauern muß, wenn man auch im Herzen hohnlacht, und wen man nicht betrauern darf, wenn man auch im Herzen stirbt.

Von Jeanette Quedenberg hätte ich wenigstens einen Kranz erwartet. Sie war doch sonst nicht feige. Und nach unsrer letzten Begegnung steht es mir außer Zweifel, daß der Verstorbene ihr Freund gewesen ist, wenn nicht mehr. Ich habe sie den Sonntag darauf gesehen, wie sie zur Kirche fuhr. Wir machten beide keine Miene, uns zu kennen. An dem Grabe soll sie gewesen sein, sogar herzbrechend geweint haben. Jetzt erst begreife ich, daß die beiden Frauen sich haßten und sich eigentlich hassen mußten . . . Jeanette Quedenberg wird durch das Kind den Weg zurückfinden oder hat ihn schon gefunden. Daß Josefa den Weg durch das Kind nicht zurückfinden wollte und nicht zurückfinden konnte, beweist mir ihren tieferen Wert auch in der Sünde . . . Ja, man ändert sich doch, und es ist gut, daß man sich noch ändern kann!

Lächeln müssen habe ich über die Wohltätigkeitsgräfin. Sie wandte sich kalt ab, als Josefa sie grüßte. Es war auf unserm Wege nach dem Kirchhof.

Es war ein schöner Frosttag, an dem wir ihn begruben. Die herzbeklemmende Kühle, die uns sonst beim Anblick von geöffneten Wintergräbern durchfröstelt, konnte angesichts der vollen roten Sonnenfluten, die den Friedhof vergoldeten, bei uns keinen Eingang finden. Nach stillschweigender Uebereinkunft waren Josefa und ich an dem Grabe fast allein. Wir haben lange gekniet und gebetet und uns dann geküßt in dem Gefühle innerlichsten Verstehens und Verzeihens. Wer Steine werfen will, mag es. Ich fühle mich dem rein Menschlichen zurückgegeben, was wohl immer das reinste Irdische war und ist.

Ob ich Josefa das Leben wünschen soll, weiß ich nicht. Denn wenn sich auch nach Jahren die Lebensfreudigkeit vielleicht wiederfindet, wie ich sie seinerzeit ja auch wiedergefunden habe, so würde es bei ihr doch nur die Lebensfreudigkeit der barmherzigen Schwester sein. Eine Barmherzige-Schwester-Natur ist sie nicht, und gebüßt hat sie, denke ich, genug. Jedoch, wie Gott will . . .

Wenn sich Josefa von dem Grabe trennen kann, werden wir bald nach dem Süden gehen und dort ganz einsam leben.

Das Portierskind ist beinahe außer Gefahr, das freut mich.

Es gehört eigentlich nicht hierher, und nur wegen des merkwürdigen Zusammentreffens notiere ich es: die weiße italienische Katze, die ja eigentlich der beiden Bekanntschaft am Garda vermittelte, ist an dem gleichen Tage, wo Robert starb, von den Terriers im Stall totgebissen worden. Das Tier war schon reichlich alt und griesgrämig, aber ich hätte ihm doch ein sanfteres Ende gewünscht.


Das Schwerste war mir noch vorbehalten.

Als wir vom Kirchhof zurückkamen, ging Josefa zu den Portiersleuten und herzte das Kind. Sie tat's mit feuchten Augen. Ich verstehe meine Tochter gar wohl. Es war die Regung jenes mütterlichen Gefühls, das uns alle gerade die kraftlose Kinderhand suchen läßt im tiefsten Kummer. Ich habe diese Kinderhand auch gesucht, freilich ganz anders. Das Portierskind ist übrigens ein liebes Kind, für das zeitlebens zu sorgen ich mir schon damals vornahm. Aber als Josefa zum Abschied es so lange küßte, da ging's mir doch durch und durch. Ich weiß, daß die Ansteckungsgefahr noch nicht vorüber, und ich hätte Josefa am liebsten wegreißen mögen von diesen Lippen. Ich habe es aber nicht getan. Wohl hatte ich einen Augenblick das dunkle Gefühl, als wenn gerade an diesem Kinderbette das Verhängnis stumm und erbarmungslos stehe, seine letzte Konsequenz zu ziehen, aber gerade darum habe ich es nicht getan. Wenn die Vorsehung den Tod will, ist es nutzlos, um das Leben zu flehen.

Josefa ist gestorben, an der gleichen Diphtherie, von der sie das Kind rettete. Und dennoch – es ist gut so . . .

Was ich dabei empfinde, wird nur ermessen, wem sein einziges Kind im Leben alles war – aber es ist gut so . . .

Sie hat zwei Tage schwer gelitten, jedoch der Tod selbst war leicht. Ich hielt ihre Hand in meinen Händen bis zuletzt, und erst der Arzt mußte mir sagen, daß es die Hand einer Toten war, die ich hielt. Ihre letzten Worte waren, ehe sie die Besinnung verlor: »Mutter, wir sehen uns alle wieder.« Das hoffe ich zu Gott.

Sie wurde aufgebahrt in dem gleichen Salon wie Robert. Und jetzt, wo vor der Welt auch das Letzte gesühnt schien, wollte auch alle Welt kommen zu diesem Sühnegrab. Ich hab's allen abgeschlagen. Die Menschen und ihre äußerliche Teilnahme brauche ich nicht mehr. Die Eitelkeit und Kleinheit dieser Welt habe ich endlich überwunden. Ich habe an Josefas Sarge allein das Abendmahl genommen und mir allein die Leichenpredigt halten lassen. Es wäre mir wie eine Entweihung erschienen, wenn an diesem letzten Gange auch noch andre teilgenommen hätten als der Geistliche und ich. Ich will allein begraben, was ich allein mit ganzer Seele geliebt habe. Und wie Josefa an seinem Grabe, so fehlten mir an ihrem Grabe die Tränen. Der höchste Schmerz ist stumm.


Und wieder sitze ich an meinem Schreibtisch wie in jener Nacht. Und wieder will mich das Gefühl unerträglicher Leere umklammern und ersticken. Aber ich lasse mich nicht ersticken! Ja, ich war vielleicht nie in meinem Leben innerlich so ruhig und so klar. Ich weiß, daß ich gefehlt habe durch mein ganzes Leben. Und diese Fehler mußten sich notwendig an dem Liebsten rächen, was mir im Leben ward. Am Leben rächt sich nur das Leben. Und wenn es überhaupt eine Moral im Leben gibt – und es gibt eine –, so heißt die: Lebe das Leben, wie du mußt, und laß andre das Leben leben, wie sie müssen! Und wer schwach gewesen für sich, der soll sein Kind stärken für sich! Denn unsre Sünde auf Erden ist die Schwäche, nicht die Kraft. Und wer die Tiefen der Sinne und der Leidenschaft sein Lebtag ängstlich gemieden hat, weil er selbst nie tief war, der soll sie doch ehren bei andern als das Große, Unverstandene. Und wer sieht, wie seinem Kinde die Flügel wachsen und es hinausdrängt in den Sturm, der soll nicht die Flügel ihm ängstlich beschneiden und beten, daß der Sturm nie komme, sondern er soll beten, daß der Sturm kommt und daß sein Kind ihn besteht. Denn was ist schließlich der Glaube ohne Kampf, die Unschuld ohne Versuchung! . . . Und die, die ihr Lebtag immer nur vorwärts gingen, um zurückzugehen, die Feigen, die Schwachen – ich gehöre zu ihnen –, die müssen am Ende am schwersten büßen, weil sie sich immer wieder beugen müssen vor jedem Windhauch, indes die andern selbst im Sturme aufrecht stehen. Und die Tragik ihres Lebens wird wenigstens für die Besseren darin bestehen, daß sie weiterleben müssen, wo andre sterben dürfen. Ich möchte gewiß gern sterben, da mir die Erde nichts mehr bietet, aber gerade ich darf's nicht! Darin fühle ich konsequent.

Was mir im Leben lieb, das hat doch schließlich seinen Weg gefunden ohne mich, und ich bin ihm nur ein Stein gewesen auf diesem Wege. Sie waren alle tragische Gestalten, weil sie wollten, weil sie mußten! Sie sündigten mit der Tat, sie büßten auch mit der Tat. Ich habe nur mit der Schwäche gesündigt und mit der Schwäche gebüßt. Nun steh' ich allein – in diesem Drama wie zum Hohne die letzte tragische Gestalt.


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