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Der Tugendpreis

Guy de Maupassant: Der Tugendpreis - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDer Tugendpreis
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume16
year1920
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060127
projectid5b2ed0e9
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Das Fenster

Ich machte die Bekanntschaft von Frau von Jadelle diesen Winter in Paris. Sie gefiel mir augenblicklich ausnehmend. Sie kennen sie übrigens ebensogut wie ich, nein, pardon ... beinahe so gut wie ich. Sie wissen, wie phantastisch und poetisch sie gesinnt ist; sie benimmt sich frei, unbefangen, ist allen Eindrücken zugänglich, keck, eigenwillig, emanzipiert, unternehmend, gewagt, kurz, hat keine Vorurteile, und trotzdem ist sie zart, sentimental, zärtlich, schamhaft und leicht verletzt.

Sie war Witwe. Ich ziehe Witwen vor, aus Faulheit. Ich wollte mich damals wieder mal verheiraten und begann ihr den Hof zu machen. Je näher ich sie kennen lernte, desto mehr gefiel sie mir, und ich meinte, der Augenblick sei gekommen, bei ihr anzuhalten. Ich war in sie verliebt und in Gefahr, es zu sehr zu werden. Wenn man sich verheiraten will, muß man seine Frau nicht zu sehr lieben, sonst macht man Dummheiten, man verliert die Besinnung und wird zugleich albern und brutal. Man muß sich beherrschen. Wenn man am ersten Abend den Kopf verliert, läuft man große Gefahr, ein Jahr später ....

Ich erschien also eines Tages bei ihr in weißen Handschuhen und sagte:

– Gnädige Frau, ich habe das Glück, Sie zu lieben und komme, um Sie zu bitten, falls ich Hoffnung habe, Ihnen zu gefallen, ob Sie meine Frau werden wollen.

Sie antwortete ganz ruhig: – Nun, ich weiß durchaus nicht, ob Sie mir früher oder später mal gefallen werden, aber ich will gern die Probe machen. Äußerlich gefallen Sie mir ganz gut, nur müßte ich noch wissen, wie Ihr Charakter ist, Ihre Gewohnheiten und Ihr Herz. Die meisten Ehen werden unglücklich, oder es passieren gar böse Sachen, weil man sich, wenn man sich heiratet, nicht genügend kennt. Ein Nichts genügt, irgend eine eingewurzelte Gewohnheit, eine verrannte Meinung über irgend eine Frage der Moral, Religion oder Gott weiß was, eine Bewegung, die einem nicht gefällt, eine Angewohnheit, ein kleiner Fehler oder sogar irgend eine unangenehme Eigenschaft, um zwei unversöhnliche Feinde zu schaffen, zwei wütende Feinde, die bis zum Tode miteinander verknüpft sind, während es vorher das zärtlichste, verliebteste Brautpaar gewesen ist. Ich werde mich nicht verheiraten, ohne ganz genau alle Ecken und Winkel der Seele des Mannes zu kennen, dessen Dasein ich teilen soll, und ich will ihn ganz in der Nähe monatelang nach Belieben studieren können.

Ich schlage Ihnen also folgendes vor: Kommen Sie diesen Sommer zu mir auf mein Gut Lauville, und dort werden wir in aller Ruhe sehen, ob wir für einander geschaffen sind.

Sie lachen, Sie haben einen Hintergedanken. Oh, wenn ich meiner nicht sicher wäre, würde ich Ihnen gewiß diesen Vorschlag nicht machen. Ich habe vor der Liebe, wie ihr Männer sie gewöhnlich versteht, einen solchen Abscheu, einen solchen Ekel, daß eine Schwäche meinerseits nicht denkbar, ist. Wollen Sie annehmen?

Ich küßte ihr die Hand.

– Wann reisen wir ab?

– Am zehnten Mai. Sind Sie einverstanden?

– Vollkommen.

Einen Monat später kam ich bei ihr an. Es war wirklich eine sonderbare Frau, sie studierte mich vom Morgen bis zum Abend. Da sie Pferde liebte, ritten wir stundenlang durch die Wälder, sprachen über alles, denn sie suchte meine intimsten Gedanken genau so zu erforschen, wie sie meine geringsten Bewegungen beobachtete.

Ich aber wurde wahnsinnig verliebt und hatte keine Angst weiter vor Verschiedenheit unserer Charaktere. Bald bemerkte ich, daß ich sogar im Schlaf beobachtet wurde. Irgend jemand schlief in einem kleinen Zimmer neben meinem, das sehr spät erst betreten wurde mit äußerster Vorsicht. Diese fortwährende Spioniererei machte mich endlich ungeduldig, ich wollte die Lösung schnell herbeiführen und ward eines Abends unternehmend. Sie antwortete mir dermaßen, daß ich von jedem neuen Versuch abstand. Aber der glühende Wunsch überkam mich, ihr auf irgend eine Art und Weise diese Polizeibewachung, der ich unterworfen ward, zu vergelten, und ich suchte nach einem Mittel.

Sie kennen Cäsarine, ihre Jungfer, ein hübsches Mädchen aus Granville, wo alle Mädchen hübsch sind. Aber während ihre Herrin braun ist, war sie blond.

Ich zog also die Jungfer eines Nachmittags in mein Zimmer, steckte ihr hundert Franken zu und sagte:

– Liebes Kind, ich will nichts Schlechtes von Dir, aber ich möchte Deiner Herrin vergelten, was sie mir anthut.

Das Mädchen lächelte listig, und ich fuhr fort:

– Ich werde Tag und Nacht überwacht, das weiß ich. Man beobachtet mich beim essen, trinken, ankleiden, rasieren, das weiß ich.

Das Mädchen stammelte: – Fürwahr, gnädiger Herr ... Dann schwieg sie. Ich fuhr fort:

– Du schläfst im Nebenzimmer, um aufzupassen, ob ich schnarche, ob ich im Schlaf spreche, leugne es nicht.

Jetzt begann sie laut zu lachen und sagte: – Fürwahr, gnädiger Herr ... – dann schwieg sie wiederum.

Ich wurde lebhafter:

– Nun, mein Kind, Du verstehst, daß es doch nicht recht ist, wenn man alles von mir wissen will und ich nichts von der Person wissen soll, die meine Frau werden wird. Ich liebe sie von Herzen. Sie hat die Züge, das Herz, den Geist, den ich mir nur je gewünscht habe, und ich bin in dieser Beziehung der glücklichste der Menschen. Nur etwas möchte ich gern wissen.

Cäsarine entschloß sich, mein Hundertfranken-Billet in die Tasche zu stecken, und ich begriff, daß wir handelseinig waren.

– Also hör mal zu, mein Kind. Wir Männer geben etwas auf gewisse ... gewisse .... Einzelheiten .... körperliche, die eine Frau nicht daran hindern, reizend zu sein, aber die in unsern Augen doch ihren Wert verändern können. Du sollst mir nichts Böses über Deine Herrin sagen, nicht einmal geheime Gebrechen, wenn sie solche hat, antworte nur offen auf meine vier oder fünf Fragen, die ich Dir stellen will. Du kennst Frau von Jadelle wie Dich selbst, da Du sie täglich aus- und ankleiden hilfst. Nun sage mir mal, ist sie so voll, wie sie zu sein scheint?

Das kleine Ding antwortete nicht. Ich fuhr fort:

– Nun mein Kind, Du wirst ja wissen, daß es Frauen giebt, die sich mit Watte, weißt Du, Watte da oder dort ausstopfen ... kurz Watte dorthin stopfen, wo man die kleinen Kinder nährt oder dorthin, worauf man sich setzt. Sage mir mal, stopft sie sich mit Watte aus?

Cäsarine hatte die Augen niedergeschlagen, sie antwortete schüchtern:

– Fragen Sie nur, gnädiger Herr, ich werde schon jedesmal antworten.

– Nun also, mein Kind, es giebt auch Frauen, die haben X-Beine, so daß bei jedem Schritt die Kniee sich scheuern, und dann giebt es auch welche, die haben 0-Beine, wie ein Brückenbogen, durch den man die ferne Landschaft erblickt. Beides ist sehr hübsch. Nun sag' mir mal, wie sind denn die Beine deiner Herrin?

Das Mädchen antwortete nicht.

Ich fuhr fort:

– Es giebt auch welche, die haben einen so schönen Busen, daß er unten eine Falte macht. Es giebt welche, die haben dicke Arme und eine enge Taille, es giebt welche die vorn sehr stark sind und hinten garnicht, andere wieder sind hinten sehr stark und vorn garnicht. All das ist sehr hübsch, reizend, aber ich möchte gern wissen, wie Deine Herrin ist. Sag mir's ganz offen, und ich werde Dich gut belohnen.

Cäsarine blickte mir in die Augen und antwortete aus vollem Herzen lachend:

– Gnädiger Herr, abgesehen davon, daß sie schwarzes Haar hat, ist die gnädige Frau genau so wie ich! –

Dann lief sie davon.

Ich war der Lackierte.

Ich kam mir sehr albern vor und beschloß mich zu rächen durch das unverschämte kleine Mädchen selbst.

Eine Stunde später trat ich vorsichtig in das kleine Zimmer, von dem aus sie mich belauschte und riegelte auf.

Gegen Mitternacht erschien sie auf ihrem Beobachtungsposten. Ich folgte ihr sofort. Als sie mich sah, wollte sie schreien, aber ich verschloß ihr den Mund mit der Hand und überzeugte mich ohne zu großen Widerstand, daß, wenn sie nicht gelogen hatte, Frau von Jadelle sehr gut gewachsen sein mußte.

Mir gefiel sogar diese Feststellung sehr gut, die übrigens, als ich sie genau unternahm, Cäsarine nicht zu mißfallen schien.

Sie war wahrhaftig ein reizendes Beispiel für die niedernormannische Rasse, kräftig und zart zugleich. Es fehlten ihr vielleicht einige Finessen, die Heinrich IV. sehr gestört haben würden. Ich machte sie schnell damit bekannt, und da ich die Parfüms liebe, schenkte ich ihr am selben Abend noch eine Flasche Lavendelmilch.

Wir waren bald intimer miteinander, als ich es für möglich gehalten hätte, beinah gute Freunde. Sie wurde eine köstliche Geliebte von natürlichem Geist und sehr amüsant. In Paris wäre sie eine berühmte Kokotte geworden.

Das Glück, das ich bei ihr genoß, gestattete mir ohne Ungeduld den Schluß der Prüfung der Frau von Jadelle zu erwarten. Ich bekam einen wunderbaren Charakter, gefällig, schmiegsam und gelehrig.

Meine Braut schien mich jedenfalls köstlich zu finden, und ich sah an einzelnen Zeichen, daß ich wohl bald in Gnaden angenommen werden würde. Ich war gewiß einer der glücklichsten Menschen der Erde, indem ich ruhig die eheliche Umarmung einer Frau, die ich liebte, erwartete und zwar in den Armen eines jungen, schönen Mädchens, für das ich Zuneigung empfand.

Hier, gnädige Frau, bitte ich, sich etwas abzuwenden. Ich komme zu einem schwierigen Punkt.

Frau von Jadelle beklagte sich eines Abends, als wir vom Spazierritt heimkehrten, daß die Stallleute nicht für ihr Tier so sorgten, wie sie es verlangte, und sagte ein paar Mal: – Die sollen sich nur in Acht nehmen, die sollen sich nur in Acht nehmen, ich kann sie beobachten. – Ich brachte die Nacht ruhig im Bett zu und wachte voll Lebenslust und Frische zeitig auf und zog mich an.

Ich hatte mir angewöhnt, jeden Morgen eine Cigarette auf einem Türmchen des Schlosses zu rauchen, in das eine Wendeltreppe hinaufführt, die durch ein großes Fenster in Höhe des ersten Stockes Licht erhält.

Ich ging ohne Geräusch, Lederhausschuhe mit wattierten Sohlen an den Füßen, die ersten Stufen hinan, als ich plötzlich Cäsarine gewahrte, die sich aus dem Fenster beugte und hinunterblickte.

Ich sah Cäsarine nicht ganz, nur eine Hälfte von ihr, die andere Hälfte. Ich hatte dieses zweite Gesicht ebenso gern, wie das erste. Bei Frau von Jadelle hätte ich vielleicht das erste vorgezogen. Diese Hälfte, die sich meinen Blicken rund, kaum mit einem dünnen weißen Röckchen bekleidet, darbot, war reizend.

Ich näherte mich so leise, daß das junge Mädchen nichts hörte, kniete nieder, nahm mit viel Vorsicht den Rock an zwei Zipfeln, hob ihn schnell und erkannte sofort, frisch, rund, weich, dick, das heimliche Antlitz meiner Geliebten und drückte darauf, ich bitte Sie um Entschuldigung, gnädige Frau, einen zarten Kuß, den Kuß eines Liebhabers, der alles wagen darf.

Ich war erstaunt, es roch nach Verbenen. Aber ich hatte garnicht Zeit, darüber nachzudenken, denn ich bekam einen Stoß ins Gesicht, daß mir beinah die Nase gebrochen wäre. Ich hörte einen Schrei, daß sich mir die Haare sträubten, die Gestalt hatte sich herumgedreht, es war Frau von Jadelle.

Sie fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, wie eine Frau, die den Verstand verliert, schnappte ein paar Sekunden nach Luft, machte eine Bewegung, wie um mich zu schlagen, und entfloh.

Zehn Minuten später brachte mir Cäsarine, ganz außer sich, einen Brief, und ich las:

»Frau von Jadelle hofft, daß Herr von Brives sie augenblicklich von seiner Gegenwart befreien wird.«

Ich reiste ab. Nun, ich bin heute noch nicht getröstet. Ich habe alle Mittel angewendet, alle möglichen Auseinandersetzungen, um Verzeihung zu erlangen, aber nichts hat geholfen.

Und seit diesem Augenblick, wissen Sie, riecht mir alles nach Verbenen, so daß ich das unausgesetzte Bedürfnis habe, diesen Geruch noch einmal zu genießen.

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