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Der Tugendpreis

Guy de Maupassant: Der Tugendpreis - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDer Tugendpreis
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume16
year1920
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060127
projectid5b2ed0e9
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Die Beichte

Als der Rittmeister Hector Marie von Fontenne Fräulein Laura von Estelle heiratete, waren die Verwandten und Freunde alle der Ansicht, daß es eine schlechte Ehe werden würde.

Fräulein Laura war hübsch, zart, schlank, blond, keck, hatte mit zwölf Jahren schon die Sicherheit einer Frau von dreißig. Sie war eine jener kleinen Pariserinnen, die geboren zu sein scheinen, alles im Leben zu wissen, alle Frauenlist sich zu eigen zu machen, keck in Gedanken, von jener Geistesfrische, die gewisse Wesen geradezu vorherbestimmt, bei jedem, was sie auch anfassen, anderen Menschen einen Possen zu spielen und sie zu betrügen. Alles was sie thun, scheint beabsichtigt, alles Berechnung, jedes Wort ist sorgsam abgewogen, ihre ganze Existenz nichts als ein Komödienspiel mit ihresgleichen.

Sie war auch reizend, lachte gern, lachte, daß sie sich nicht mehr halten und sich nicht wieder beruhigen konnte, wenn etwas ihr amüsant und komisch erschien. Sie lachte den Leuten aufs Unverschämteste ins Gesicht, aber so liebenswürdig, daß man ihr nicht gram sein konnte.

Sie war reich, sehr reich. Ein Priester war der Mittelsmann, sie mit dem Rittmeister von Fontenne zusammenzubringen. Er war in einer geistlichen Anstalt auf das strengste erzogen und hatte ins Regiment klösterliche Ansichten mitgebracht, Unduldsamkeit und strengste Grundsätze.

Er war einer jener Menschen, die unausbleiblich entweder Heilige oder Nihilisten werden, die eine Idee, die sie einmal gepackt hat, nicht wieder gelosläßt, deren Glaube unbeugsam ist und deren Entschluß unerschütterlich.

Er war ein großer, brauner, ernster, naiver Mensch von einfachem Verstand, kurz angebunden und eigensinnig, einer jener Männer, die durch das Leben gehen, ohne jemals die Unterströmungen, die Feinheiten und Unterschiede des Daseins nur zu ahnen, die nichts erraten, keinen Verdacht haben und die nicht zulassen, daß man anders denkt, urteilt, glaubt und handelt, als sie selbst.

Fräulein Laura sah ihn, durchschaute ihn sofort und willigte ein, seine Frau zu werden.

Sie führten eine ausgezeichnete Ehe. Sie war schmiegsam, geschickt klug, und verstand es, sich ihm so zu zeigen, wie sie hätte sein müssen, immer bereit, wohlthätig zu sein und auch wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, in der Kirche zu sein wie im Theater, eine Frau von Welt, dabei mit leichtem Ausdruck von Ironie, mit einem Blitzen im Auge, wenn sie ernst mit ihrem ernsten Mann sprach. Sie erzählte ihm ihre Wohlthätigkeitsfeldzüge mit allen Priestern der Gemeinde und der Umgegend und benutzte diese fromme Beschäftigung dazu, von früh bis abends auszugehen.

Aber manchmal, wenn sie von irgend einem Wohltätigkeitsgang erzählte, packte sie plötzlich ein tolles Lachen, eine nervöse Krisis, die sie nicht zurückhalten konnte. Der Rittmeister war erstaunt und etwas verletzt, wie er so seiner Frau gegenüberstand, die lachte zum Ersticken. Wenn sie sich etwas beruhigt hatte, fragte er: – Was hast Du denn Laura? – Sie antwortete: – Nichts. Ich denke an etwas Komisches, das mir passiert ist. – Und sie erzählte irgend eine Geschichte.

Da geschah es, daß im Sommer 1883 der Rittmeister Hektar von Fontenne an den großen Manövem des 32. Armeekorps teilnahm.

Eines Abends, als man in der Nähe einer Stadt im Quartier lag, nach zehn Tagen Feldleben im Biwak, zehn Tagen Anstrengungen und Entbehrungen, beschlossen die Kameraden des Rittmeisters einmal gut zu essen.

Herr von Fontenne wollte sie zuerst nicht begleiten, als man sich aber dann darüber aufhielt, war er von der Partie.

Sein Tischnachbar Major Favre goß ihm, während er von militärischen Operationen sprach, das einzige, wofür sich der Rittmeister interessierte, ein Glas nach dem anderen ein. Es war an dem Tag sehr heiß gewesen, eine schwere, trockene, erregende Hitze. Und der Rittmeister trank, ohne es sich zu überlegen, ohne zu merken, daß allmählich ihn die Heiterkeit überkam, eine glühende Lebensfreude, die Lust am Dasein, daß Wünsche aufstiegen, ihm unbekannte Regungen und ein ungewisses Gefühl der Erwartung.

Beim Nachtisch war er betrunken: er sprach, lachte, regte sich auf, eine lärmende Trunkenheit kam über ihn, die tolle Trunkenheit des Menschen, der gewöhnlich vernünftig und ruhig ist.

Es wurde vorgeschlagen, den Abend ins Theater zu gehen. Er begleitete die Kameraden. Einer von ihnen traf eine Schauspielerin wieder, mit der er früher ein Verhältnis gehabt; ein Souper wurde ins Werk gesetzt, an dem ein Teil des weiblichen Personals des Theaters teilnahm.

Der Rittmeister erwachte am anderen Morgen in einem unbekannten Zimmer und in den Armen eines kleinen, blonden Mädchens, das zu ihm sagte, als er die Augen öffnete: – Guten Morgen, Dicker.

Er begriff zuerst nicht, dann allmählich kam ihm die Erinnerung wieder, aber etwas unbestimmt.

Nun erhob er sich, ohne ein Wort zu sagen, kleidete sich an und legte Geld auf den Kamin.

Ein Gefühl der Schwäche packte ihn, als er, den Säbel umgeschnallt, in Uniform in dem Chambre garnie stand mit den alten Vorhängen, mit dem Sofa, das voller Flecke verdächtig aussah, und er wagte nicht, fortzugehen die Treppe hinunter, wo er Menschen begegnen würde, am Portier vorüber und vor allen Vorübergehenden und Nachbarn auf die Straße treten mußte.

Das Mädchen fragte ununterbrochen: – Was hast Du denn? Du kannst wohl nicht mehr sprechen? Gestern hast Du doch genug geredet. So ein Schaf!

Er grüßte sie förmlich und entschloß sich zur Flucht. Dann rannte er mit eiligen Schritten seinem Quartier zu, überzeugt, daß man seiner Haltung, seinen Manieren, seinem Gesicht ansähe, daß er von einer Dirne kam.


Und die Gewissensbisse quälten ihn, fürchterliche Gewissensbisse eines strengen, ernsten Mannes.

Er beichtete, kommunizierte. Aber er blieb immer noch in unangenehmer Stimmung, denn sein Sündenfall verfolgte ihn wie das Gefühl, als hätte er eine Schuld, eine heimliche Schuld gegen seine Frau.

Er sah sie erst nach vier Wochen wieder, denn sie war während der Manöver bei ihren Eltern gewesen.

Sie kam ihm mit offenen Armen entgegen; er empfing sie mit der befangenen Haltung des Schuldigen, und bis zum Abend vermied er mit ihr zu sprechen.

Sobald sie allein war, fragte sie:

– Was hast Du denn nur? Ich finde, Du bist sehr verändert.

Er antwortete verlegen:

– Garnichts, liebes Kind, garnichts.

– O bitte, ich kenne Dich, ich bin überzeugt, daß Du irgend etwas hast, einen Kummer, eine Unannehmlichkeit, – ich weiß nicht, was.

– Ja, mir ist eine unangenehme Sache passiert.

– Und was?

– Das kann ich Dir nicht sagen.

– Mir nicht. Warum nicht? Das beunruhigt mich.

– Ich kann Dir den Grund nicht auseinandersetzen.

Sie hatte sich auf ein kleines Sofa gesetzt, und er ging, die Hände auf dem Rücken, indem er den Blick seiner Frau mied, mit langen Schritten auf und nieder. Sie sagte:

– Nun, ich muß Dir doch beichten, das ist meine Pflicht, und ich fordere von Dir Wahrheit, das ist mein Recht. Du darfst vor mir ebensowenig ein Geheimnis haben, wie ich vor Dir.

Er sagte, indem er ihr den Rücken wendete, am hohen Fenster stehend: – Liebes Kind, es giebt Dinge, die man besser nicht sagt, und das, was mich quält, ist eine von diesen Sachen.

Sie erhob sich, ging durchs Zimmer, schloß ihn in die Arme, und nachdem sie ihn gezwungen, sich herumzuwenden, legte sie ihm beide Hände auf die Schultern, schlug die Augen auf und sagte schmeichelnd und lächelnd:

– Sei doch gut, Marie, (sie nannte ihn, wenn sie zärtlich sein wollte, Marie). Du kannst mir nichts verbergen. Ich glaube sonst, daß Du etwas Böses gethan hast.

Er flüsterte: – Ich habe etwas sehr Böses gethan. – Und sie sagte heiter:

– Etwas so Böses? Das wundert mich aber von Dir.

Er antwortete lebhaft: – Ich kann Dir nicht mehr sagen, Du darfst mich nicht mehr quälen.

Aber sie zog ihn bis zum Lehnstuhl, zwang ihn, sich hinzusetzen, nahm selbst auf seinem rechten Knie Platz und sagte, indem sie einen leichten flüchtigen Kuß auf den emporgewirbelten Schnurrbart drückte:

– Wenn Du mir das nicht sagst, ist's auf immer aus.

Er flüsterte in der Qual der Gewissensbisse und von Angst verzerrt: – Wenn ich Dir sagte, was ich gethan habe, würdest Du mir das nie vergeben.

– Im Gegenteil, mein Liebling, ich würde Dir sofort verzeihen.

– Nein, das ist unmöglich.

– Das verspreche ich Dir.

– Ich sage Dir, das ist unmöglich.

– Ich schwöre, daß ich Dir verzeihe.

– Nein, meine liebe Laura, das kannst Du nicht.

– Du bist doch zu naiv, um nicht zu sagen albern. Wenn Du mir nicht sagen willst, was Du gethan hast, so glaube ich, daß Du unerhörte Dinge gethan hast und ich würde immer daran denken und ich würde wegen des Schweigens ebenso böse sein wie wegen der unbekannten That. Wenn Du mir dagegen offen alles sagst, ist morgen alles vergessen.

– Ja, aber ...

– Was denn?

Er errötete bis zu den Ohren und sagte ernst:

– Laura, ich beichte Dir, wie ich einem Priester beichten würde.

Jenes flüchtige Lächeln lief über ihre Lippen, wie manchmal, wenn sie ihm zuhörte, und sie sagte in einem Ton, als machte sie sich lustig:

– Ich bin ganz Ohr.

Er begann: – Du weißt, liebes Kind, wie nüchtern ich bin, ich trinke nur Wein und Wasser, niemals Schnaps, das weißt Du.

– Ja, das weiß ich.

– Nun denke Dir, gegen Ende des Manövers habe ich mich vergessen und habe eines Abends etwas getrunken. Ich war sehr müde, sehr schlapp ... und ...

– Du hast Dich betrunken, pfui, das ist häßlich!

– Ja, ich habe mich betrunken.

Sie nahm einen ernsten Ausdruck an:

– Aber Du hast Dich sehr betrunken, gestehe nur, so, daß Du nicht mehr gehen konntest.

– Nun, so nicht gerade. Jedenfalls hatte ich die Vernunft verloren, wenn auch nicht das Gleichgewicht. Ich erzählte, lachte, ich war ganz verrückt.

Als er schwieg, fragte sie:

– Ist das alles?

– Nein.

– Nun und was dann noch?

– Ja, und dann habe ich eine Niedrigkeit begangen.

Sie blickte ihn unruhig, etwas verlegen, bewegt an:

– Was dann, lieber Freund?

– Wir haben mit ... Schauspielerinnen soupiert, und ich weiß nicht, wie es gekommen ist, Laura, ich habe Dich betrogen.

Er hatte das in ernstem feierlichen Ton gesagt.

Sie fuhr zusammen, und plötzlich leuchtete jähe Heiterkeit, eine unwiderstehliche Lachlust aus ihren Augen.

Sie sagte:

– Du ... Du ... Du hast ...

Und sie lachte nervös trocken, gequält, drei Mal während sie sprach:

Sie versuchte wieder ernst zu sein, aber jedesmal, wenn sie ein Wort sprechen wollte, kam ihr das Lachen wieder in die Kehle, entfuhr ihr, sie zwang sich, aber es begann immer von neuem, wie die Kohlensäure aus einer entkorkten Champagnerflasche steigt, aus der man den Schaum nicht mehr zurückhalten kann. Sie legte die Hand auf ihre Lippen, um sich zu beruhigen, um jenen entsetzlichen Heiterkeitsausbruch zu bannen. Aber das Lachen glitt ihr zwischen den Fingern durch, schüttelte ihre Brust und klang trotz alledem. Sie stammelte: – Du ... Du ... hast mich betrogen! Ha, ha, ha ...

Und sie blickte ihn ganz sonderbar an, so keck, daß er ganz erstaunt und erschrocken sie anstarrte.

Plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten, und nun brach es los, und nun begann sie zu lachen, mit einem Lachen wie ein Nervenanfall: kleine abgerissene Lachsalven platzten ihr aus dem Munde, als kämen sie aus der Tiefe der Brust, und beide Hände in die Seite gestemmt kamen lange Krämpfe über sie, bis zum Ersticken wie Hustenanfälle beim Keuchhusten.

Und jedesmal wenn sie sich, um sich zu beruhigen einen neuen Stoß gab, bei jedem Wort, das sie sprechen wollte, wand sie sich stärker vor Lachen.

– Mein ..... mein .... mein armer Freund. Ha, ha, ha, ha ...

Er erhob sich, ließ sie allein im Stuhl, wurde plötzlich ganz bleich und sagte:

– Laura, das schickt sich nicht.

Sie stammelte in einem wahren Delirium von Heiterkeit:

– Ja, was willst Du denn? Ich ... ich ... ich kann nicht .... was ... wie ... Du bist so komisch! Ha, ha, ha, ha ....

Er wurde totenbleich und blickte sie jetzt mit starren Augen an, in denen ein seltsamer Gedanke aufstieg. Plötzlich öffnete er den Mund, als wollte er etwas rufen, aber er sagte nichts, wendete sich auf dem Absatz herum, ging hinaus und warf die Thür zu.

Laura lag zusammengekrümmt, erschöpft, dem Sterben nahe da, und sie lachte noch immer mit verlöschendem Ton, und nur manchmal, wie die Flamme eines fast gelöschten Feuers, flackerte ihr Lachen wieder auf.

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