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Der Tugendpreis

Guy de Maupassant: Der Tugendpreis - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDer Tugendpreis
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume16
year1920
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060127
projectid5b2ed0e9
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Eine Gesellschaft

Vicewachtmeister Varajou hatte acht Tage Urlaub erhalten, zu seiner Schwester Frau Padoie.

Varajou stand in Rennes in Garnison, lebte dort ziemlich lustig, saß aber jetzt auf dem Trocknen, und da er schlecht mit seiner Familie stand, schrieb er seiner Schwester, daß er ihr eine freie Woche widmen könne. Er liebte Frau Padoie, eine kleine fromme moralisierende, immer wütende Frau, nicht gerade sehr, aber er brauchte Geld, brauchte es sehr notwendig und erinnerte sich, daß von allen seinen Verwandten die Padoie die einzigen waren, die er noch nie angepumpt hatte.

Vater Varajou, früher Gärtner in Augeres, der jetzt kein Geschäft mehr besaß hatte dem Leichtfuß von Sohn seine Börse verschlossen und sah ihn seit zwei Jahren nicht mehr. Die Tochter hatte Padoie, einen einstigen Finanzbeamten, geheiratet, der zum Steuereinnehmer in Vannes ernannt worden war.

Varajou ließ sich also, nachdem er aus dem Zug gestiegen war, zum Haus seines Schwagers führen. Er fand ihn in seinem Bureau bei einer Unterredung mit Bretagner Bauern aus der Nachbarschaft. Padoie stand von seinem Stuhle auf, streckte über den papierbeladenen Tisch ihm die Hand entgegen und brummte: – Setz dich immer, ich stehe gleich zur Verfügung. – Dann nahm er wieder Platz, und die Unterhaltung mit den Leuten ging fort.

Die Bauern verstanden seine Auseinandersetzungen nicht, und der Steuereinnehmer nicht die ihrigen. Er sprach französisch, die anderen bretonischen Dialekt, und der Unterbeamte, der den Dolmetscher machen sollte, schien beide nicht zu verstehen.

Die Geschichte dauerte lange, sehr lange. Varajou blickte seinen Schwager an und dachte: Ist das ein Jammerkerl! Padoie mochte gegen fünfzig Jahre sein. Er war groß, hager, knochig, behaart; die Augenbrauen bildeten Haarwulste über seinen Augen. Er trug eine Samtmütze mit goldnem Streifen und blickte sich mit Gemütlichkeit um, wie er alles gemütlich that. Er sprach langsam, seine Bewegungen waren langsam und seine Gedanken waren langsam. Varajou sagte sich noch einmal: So ein Jammerkerl!

Er selbst war ein schneidiger Bursche, für den die höchsten Genüsse des Lebens das Café bedeuteten und eine Dirne. Außer diesen beiden Polen der ganzen Existenz kannte er nichts. Ein lärmender Renommist, voll Verachtung für die ganze Welt, sah er auf die gesamte Schöpfung von der Höhe seiner Unwissenheit herab. Wenn er einmal gesagt hatte: Gott verdamm' mich, so ein Fetz! so hatte er damit die größte Bewunderung, deren sein Geist fähig war, ausgedrückt.

Als Padoie die Bauern verabschiedet hatte, fragte er:

– Geht's gut?

– Wie Du siehst, nicht schlecht. Und Dir?

– Ganz gut, danke. Es ist sehr nett, daß Du Dich unser erinnert hast und mal gekommen bist.

– Ach, das war schon lange meine Absicht, aber weißt Du, bei den Soldaten kriegt man nicht immer Urlaub.

– O, das weiß ich, das weiß ich. Jedenfalls ist's sehr nett.

– Und geht's Josefine gut?

– Ja, ja, danke. Du wirst sie nachher sehen.

– Wo ist sie denn?

– Sie macht Besuche. Wir haben hier viel Bekannte, und es ist eine sehr nette Stadt.

– Das habe ich mir gedacht.

Aber die Thür ging auf, und Frau Padoie erschien. Sie schritt auf ihren Bruder zu, ohne sich weiter zu beeilen, hielt ihm die Wange hin und sagte:

– Bist Du schon lange da?

– Nein, kaum eine halbe Stunde.

– Ach, ich dachte, der Zug würde Verspätung haben. Willst Du in den Salon kommen?

Sie traten in das Nebenzimmer und ließen Padoie bei seinen Zahlen und Steuern zurück.

Sobald sie allein waren, sagte sie:

– Ich habe schöne Geschichten von Dir gehört.

– Wieso denn?

– Du scheinst Dich ja recht nett aufzuführen, betrinkst Dich, machst Schulden.

Er schien sehr erstaunt. – Ich? Fällt mir garnicht ein.

– Leugne nur nicht, ich weiß alles.

Er versuchte noch einmal, sich zu verteidigen, aber sie schloß ihm den Mund durch eine solche Schmähflut von Worten, daß er schwieg. Dann sagte sie:

– Wir essen um sechs, bis dahin bist Du frei. Ich kann Dir nicht Gesellschaft leisten, denn ich habe eine Menge zu thun.

Als er allein geblieben war, schwankte er, ob er schlafen sollte oder spazierengehen. Abwechselnd sah er die Thür an, die zu seinem Zimmer führte und die zur Straße. Endlich entschloß er sich für die Straße.

Er ging also aus, irrte herum, langsam, mit schleppendem Säbel durch die traurige, bretonische Stadt, die so ruhig war, so eingeschlafen, so tot an ihrem Binnensee, Le Morbihan geheißen, lag. Er sah die kleinen grauen Häuser, die wenigen Vorübergehenden, die leeren Läden und brummte: – Vannes scheint ja nicht gerade zum Totschreien zu sein. Es ist eine blödsinnige Idee, daß ich her gekommen bin.

Er ging an den ebenfalls traurigen Hafen, kehrte durch eine zum Verzweifeln traurige, einsame Straße zurück, so daß er vor fünf Uhr da war. Da warf er sich aufs Bett, um bis zu Tisch zu schlafen.

Das Mädchen weckte ihn, indem es an die Thür klopfte:

– Es ist angerichtet.

Er ging hinunter.

In dem feuchten Eßzimmer, dessen Tapete unten am Boden sich abgelöst hatte, wartete auf einem runden Tisch ohne Tischtuch eine Suppenschüssel und drei melancholische Teller daneben.

Herr und Frau Padoie traten mit Varajou zugleich ein.

Man setzte sich. Mann und Frau machten das Zeichen des Kreuzes über dem Magen, dann teilte Padoie die Suppe aus, eine dicke Suppe.

Nach der Suppe kam Rindfleisch, zu sehr gekocht, halb geschmolzenes Fett, das auf dem Teller auseinanderfiel. Der Unteroffizier kaute es langsam, mit Ekel, müde, voll Verzweiflung.

Frau Padoie sagte zu ihrem Mann:

– Gehst Du heute abend zum Präsidenten?

– Ja, meine Liebe.

– Bleib nicht zu lange. Du übermüdest Dich jedesmal, wenn Du ausgehst. Du bist für Geselligkeit nicht geschaffen bei Deiner schlechten Gesundheit.

Nun sprach sie von der Gesellschaft von Vannes, von der ausgezeichneten Gesellschaft, in der die Padoie mit Achtung empfangen wurden, dank ihrer Frömmigkeit.

Dann kam Kartoffelbrei mit kaltem Fleisch zu Ehren des Gastes.

Darauf Käse, dann war es aus. Kaffee gab es nicht.

Als Varajou merkte, daß er den Abend mit seiner Schwester allein zubringen, ihre Vorwürfe, ihre Strafpredigten hören sollte, und nicht einmal ein Gläschen Schnaps kriegen würde, um die Geschichte hinunter zu würgen, fühlte er, daß er diese Qual nicht aushalten könnte, und erklärte, er müsse auf die Polizei gehen, um wegen seines Urlaubs etwas in Ordnung zu bringen.

Um sieben Uhr drückte er sich.

Kaum stand er auf der Straße, so schüttelte er sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und brummte: – Gott verdamm' mich, Gott verdamm' mich, ist das ledern!

Und er suchte nach einem Café, dem besten Café der Stadt. Auf einem Platz, von zwei Gaslaternen erleuchtet, fand er es. Darin saßen fünf oder sechs Männer, halb Herren, die ziemlich stumpfsinnig tranken, leise sprachen, auf die kleinen Tische gestützt, während zwei Billardspieler um das grüne Tuch, auf dem die Kugeln aneinander klapperten, herumliefen.

Man hörte ihre Stimmen zählen: – Achtzehn – neunzehn – Au! Das war nichts. Fein! Gut gespielt. – Wirklich eine elf. – Sie müssen mit dem roten spielen. – Zwanzig. – Zwölf. Hatte ich nicht recht?

Varajou bestellte einen schwarzen Kaffee und einen Schnaps. Aber vom besten!

Dann setzte er sich und wartete, bis man es ihm brächte.

Er war gewöhnt, die freien Abende mit seinen Kameraden lärmend im Pfeifenrauch zu versitzen. Dieses Schweigen, diese Ruhe brachte ihn zur Verzweiflung. Er begann zu trinken, erst seinen Kaffee, dann seinen Schnaps, endlich einen zweiten. Und jetzt überkam ihn die Lust zu lachen, zu schreien, zu singen, irgend jemand zu prügeln.

Er sagte sich: Na, nun gehts ja wieder. Heute abend muß ich mal was loslassen. Und sofort kam ihm der Gedanke, ein paar Mädchen aufzusuchen, um sich zu unterhalten.

Er rief den Kellner:

– He Wirtschaft!

– Bitte schön.

– Sagen Sie mal, Herr Oberkellner, wo amüsiert man sich denn hier?

Der Mann schaute bei der Frage dumm drein:

– Ich weiß nicht, mein Herr, – hier.

– Was, hier? Was nennst Du denn amüsieren?

– Ich weiß nicht, mein Herr, gutes Bier trinken oder guten Wein.

– Na, hör mal, alter Stiefel, giebt's denn keine Mädel?

– Mädchen? Ach so, ach so!

– Jawohl, giebt's denn Mädel hier?

– Mädel?

– Nun ja, Mädel.

Der Kellner näherte sich ihm und sagte leise:

– Sie meinen, wo das Haus ist?

– Nun ja, natürlich.

– Die zweite Straße links und dann die erste rechts, Nummer fünfzehn.

– Danke mein Alter. Da hast Du was.

– Danke, mein Herr.

Und Varajou ging hinaus, indem er für sich wiederholte: – Die zweite links und die erste rechts, Nummer fünfzehn. Aber nach ein paar Sekunden dachte er: – Die zweite links, ja, das stimmt, aber muß man vom Café kommend rechts oder links gehen? Ach was, wir wollen mal sehen.

Und er ging weiter, bog in die zweite Straße links ein, dann in die erste rechts und suchte die Nummer fünfzehn. Es war ein großes Haus, dessen erleuchtete Fenster man durch die Läden im ersten Stock sah. Die Thür stand halb offen, und eine Lampe brannte im Flur. Der Unteroffizier dachte:

– Hier ist's.

Er trat also ein, und da niemand kam, rief er:

– He! he!

Ein kleines Dienstmädchen erschien und blieb erschrocken stehen, als sie einen Soldaten sah. Er sagte:

– Guten Tag, mein Kind. Sind die Damen oben?

– Jawohl.

– Im Salon?

– Jawohl.

– Ich brauche nur die Treppe hinaufzugehen?

– Jawohl.

– Die Thür gleich gegenüber?

– Jawohl.

Er ging hinauf, öffnete eine Thür und gewahrte in einem, durch zwei Lampen, den Kronleuchter und zwei Lichter hellerleuchteten Raum vier dekollettierte Damen, die jemand zu erwarten schienen.

Drei von ihnen, die jüngeren, saßen auf, mit rotem Samt überzogenen, Stühlen etwas geziert, während die vierte, etwa fünfundvierzig Jahr alt, Blumen in eine Vase steckte. Sie war sehr dick und trug ein grünes Seidenkleid, durch das, wie aus den Blättern einer mächtigen Blume, ihre gewaltigen Arme und ihr riesiger Busen, rosa gepudert, herausschauten.

Der Unteroffizier begrüßte sie:

– Guten Abend, meine Damen.

Die Alte drehte sich erstaunt herum, aber verbeugte sich:

– Guten Abend.

Er setzte sich.

Aber da er sah, daß man ihn nicht sehr begeistert aufnahm, dachte er, daß hier wahrscheinlich nur Offiziere verkehrten, und der Gedanke störte ihn. Dann sagte er sich auch: Ach, wenn einer kommt, kann ich immer noch sehen, was daraus wird. Und er fragte:

– Nun, geht's gut?

Die dicke Dame, offenbar die Wirtin, antwortete:

– Sehr gut, danke.

Dann wußte er nichts mehr zu sagen, und alle schwiegen.

Aber schließlich schämte er sich über seine Schüchternheit und lachte verlegen:

– Na, amüsiert ihr euch denn nicht? Ich schmeiße 'ne Flasche Wein.

Er hatte kaum den Satz beendet, als die Thür aufging und Padoie im schwarzen Rock erschien.

Da stieß Varajou einen Freudenruf aus, stand auf, lief seinem Schwager entgegen, umarmte ihn, tanzte mit ihm im ganzen Salon herum und brüllte:

– Da ist Padoie! Da ist Padoie! Da ist Padoie!

Dann ließ er den vor Staunen erschrockenen Steuereinnehmer stehen und rief ihn an:

– Ha, ha, ha! Alter Kerl, alter Kerl! Du schwiemelst also auch 'rum, alter Kerl, und meine Schwester läßt Du sitzen. Was?

Und nun dachte er an alle Vorteile dieser Lage, daß der andere ihm nun etwas pumpen müsse, daß er jetzt einer Erpressung nicht mehr entging. Und da warf er sich der Länge nach aufs Sofa und begann so fürchterlich zu lachen, daß das ganze Möbel krachte.

Die drei jungen Damen fuhren in einer einzigen Bewegung auf, liefen davon, während die Alte bis zur Thüre zurückwich, bereit, in Ohnmacht zu fallen.

Nun erschienen zwei Herren mit Orden, beide im Frack. Padoie stürzte sich auf sie:

– O, Herr Präsident, er ist ja verrückt, er ist verrückt. Man hat ihn uns geschickt, damit er sich bei uns erholen sollte. Sie sehen doch, er ist verrückt.

Varajou hatte sich aufgerichtet. Er begriff das alles nicht, aber er erriet plötzlich, daß er irgend eine kolossale Dummheit gemacht hatte. Da stand er auf und wendete sich zu seinem Schwager:

– Wo sind wir denn hier?

Aber Padoie packte plötzlich eine unsinnige Wut, und er rief ihn an:

– Wo? wo? wo? Wo wir sind? Unglücklicher, elender Schuft! Wo wir sind? Bei dem Herrn Präsidenten. Bei Herrn Präsident von Mortemain! Von ... von ... von ... von ... Mortemain. Oh, Du Lump, Du Lump! Lump! Lump! Lump!

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