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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 63
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
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63.

Wie ich die Nacht nach diesem furchtbaren Wiedersehen verbrachte, kann ich nicht sagen. Daß ich in ihr nicht eine Minute lang schlief, dessen bin ich sicher. Ich wäre in dieser Nacht wohl zerbrochen und hätte allem Jammer ein Ende gemacht, wenn mich nicht der Gedanke an Rache aufrecht erhalten hätte. Und ich würde diese Rache nehmen bis ins einzelne, aber nicht nur nach meiner Entlassung, sofort, morgen schon würde ich an die Ausführung meiner Pläne gehen. Ich würde mir einen jungen schneidigen Anwalt bestellen und Gegenklage erheben in der Scheidungssache Sommer gegen Sommer, und ich würde beantragen, Magda als schuldigen Teil zu verurteilen. Hatte ich doch einen Zeugen, den Oberwachtmeister Fritsch, vor dem sie selbst den Ehebruch zugegeben hatte. Ach, ich würde Magda noch alle Ursache geben, dieses unbesonnene Eingeständnis zu bereuen, und ich hatte allen Grund zur Hoffnung, daß auch dieser hochanständige, erfolgreiche Geschäftsmann Herr Heinrich Heinze ihr schwere Vorwürfe deswegen nicht ersparen würde! – Darüberhinaus würde ich aber noch den Antrag stellen, daß der scheidende Richter den beiden ehebrecherischen Teilen die Ehe miteinander für ewig verbieten sollte. Oh, sie sollte diese ersehnte Art Glücklichsein schon kennenlernen, die gute Magda, unter meiner Fuchtel! Ich würde mein Geschäft verkaufen und den beiden immer auf den Fersen bleiben, ein steter Racheengel, ein ewiges Mahnmal begangener Schuld! Mir würde das schon nicht überwerden, war ich ein schlechter Partner in der Liebe, wie Magda plötzlich entdeckt hatte, so war ich ein um so besserer im Hassen! Und ich malte mir aus, wie ich auf meinen Reisen im Hotelzimmer neben dem ihren schlafen und durch geheimnisvolle Klopfzeichen ihren Schlaf stören würde. Ich sah mich, unerkennbar verkleidet, in das gleiche Zugabteil wie sie steigen und hinter einer dunklen Brille hervor ihr Tun beobachten; ich fuhr mit einem Auto hinter ihnen drein und bremste erst im allerletzten Augenblick, mich an ihrer Todesangst weidend, und ich sah sie, herrlichstes Bild meiner Rache, sterben, hingemordet von mir, aber unentdeckbar, und ihn an ihrer Seite knien, völliger Verzweiflung hingegeben, und ich stand neben ihm und flüsterte ihm meine Tat ins Ohr, gewiß, sie war unentdeckbar. – Ich raste, die Bilder jagten sich in meinem Hirn, ich hatte Fieber. Meine Gefährten schliefen schon längst, und noch immer stand ich am Zellenfenster, spann das Gewebe meiner Rache immer dichter und verworrener, zum kalten Gefunkel der Sterne aufblickend.

Der Morgen kam und fand mich leer und in fast völliger Apathie. Ich werde mein Frühstück ja wohl mit den andern gegessen haben, erinnern kann ich mich nicht daran. Noch vor dem Antreten zur Arbeit benutzte ich einen unbewachten Augenblick und schlüpfte in meine Arbeitszelle hinüber, der Anblick meiner Leidensgenossen ekelte mich. Ich nahm ein paar Borsten zwischen die Finger und versuchte, sie in das Bürstenloch einzuführen, ich hatte zu viele gegriffen, wie in meiner ersten Anfangszeit! Ich ließ sie achtlos auf den Boden fallen und ging an den Schrank. Ich hatte jetzt in ihm Briefpapier und Umschläge, ich mußte den Brief an den Anwalt schreiben. Aber, so dringlich mir das auch in der Nacht noch erschienen war, jetzt konnte ich mich nicht dazu aufraffen. Ich starrte eine Weile auf das Papier, dann ging ich ans Fenster. Draußen herbstelte es schon – graue Nebelschwaden zogen über das Land, ich sah die ersten frühen Kartoffelbuddler zwischen den Reihen. ›Es wird Herbst‹, sagte ich zu mir. ›Das ist schlimm.‹ Ich wußte selbst nicht, was ich meinte. Ich wußte nur, daß es schlimm um mich stand, sehr schlimm. Zwei Zeilen eines Gedichtes, das ich einmal gelesen, zogen mir durch den Kopf: »Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz.«

Hartnäckig kamen sie wieder, sie wiederholten sich in mir mit einer verzweifelten Hartnäckigkeit.

»Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz.« Zwei Worte gesellten sich noch dazu: »Fliege fort, fliege fort!«

Ja, wer fortfliegen könnte von dieser beschmutzten Erde, von diesem besudelten Ich! Und immer wieder: »Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz.« Und immer nachklingend die Mahnung: »Fliege fort! Fliege fort!«

Ich sah nach dem starken Schneidemesser hinüber, mit dem ich die Borsten glattschnitt. Es würde ein leichtes sein, sich mit ihm den Arm aufzuschneiden, daß ich verblutete. Aber ich wußte, ich würde nie den Mut dazu haben. Denn ich war feige, in dieser Minute gestand ich es mir rückhaltlos ein, daß ich ein Feigling war; bei der Aufzählung meiner schlechten Eigenschaften hatte Magda diese noch vergessen.

»Fliege fort!« Und doch zu feige ...

So fand mich der Oberpfleger, der mich unter den zu Verbindenden vermißt hatte. Er fuhr mich hart an: Meine Furunkel würden nie besser werden, wenn ich nicht selbst für regelmäßiges Verbinden sorgte! – Ich folgte ihm vollständig gleichgültig ins Arztzimmer. Der Strom der Leidenden hatte sich schon verlaufen, ich war der Letzte. Der Oberpfleger riß mir die Verbände ab, salbte und jodierte oder stach auch einmal in einen ihm reif scheinenden Furunkel. Und so empfindlich ich sonst gegen Schmerz bin, an diesem Morgen machte mir das alles gar nichts. Ich war völlig stumpf. Dann klingelte das Telephon im Glaskasten. Der Oberpfleger ging dorthin, die Tür weit offen lassend. Einen Augenblick stand ich noch regungslos, dann suchte mein Blick den Medikamentenschrank, seine Tür stand weit offen. Rasch trat ich einen Schritt auf ihn zu. Dort lag Vergessen für viele Stunden, Auslöschen der unerträglichen Qual, unter der ich jetzt lebte. Gute, Frieden schenkende Schlafmittel für viele Tage. Meine Hand griff nach einem Glasröhrchen, als mein Blick auf eine Reihe Flaschen fiel, die im untersten Fach standen. Gleich vorn an stand eine halbe Flasche mit dem Etikett: Alkohol 95%. Ich hatte keinen Entschluß gefaßt, ich handelte rein mechanisch. Ich kümmerte mich auch nicht um die offenstehende Tür oder den Oberpfleger, der jeden Augenblick zurückkommen mußte. Ich nahm die Flasche und ging zu dem in die Wand eingelassenen Waschtisch. Ich nahm ein Wasserglas und füllte es zu zwei Drittel mit Alkohol, dann füllte ich Wasser nach, sehr vorsichtig. Meine Hand hat dabei nicht gezittert. Ich setzte das starke Gemisch an den Mund und trank es mit drei, vier Schluck leer. Einen Augenblick stand ich wie betäubt, eine ungeheure Helle breitete sich rasch in mir aus. Ich lächelte, ach, das Glück, noch einmal das schrankenlose, herrliche Glück. Meine Elinor, du reine d'alcool! Wie ich dich liebe! Wie – ich – dich – liebe! – Ich bin vornüber bewußtlos zu Boden gestürzt, gerade auf mein geschändetes Gesicht. –

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