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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 61
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6f71392f
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61.

Nach meinen raschen höhnischen Worten ist eine tiefe Stille eingetreten, ich habe es nicht eilig, sie zu unterbrechen. Magda bewegt sich etwas unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, ich bin gespannt, was sie nun vorbringen wird. Aber als sie dann zu sprechen anfängt, ist es nur ein Dank für die übersandte Generalvollmacht.

»Ich brauchte sie eigentlich gar nicht. Weder auf der Post noch auf der Bank haben sie wegen meiner Unterschrift Schwierigkeiten gemacht. Aber ich verstehe es schon, wie du es meintest, Erwin, und ich danke dir für deine gute Meinung.« Sie reicht mir ihre Hand über den Tisch, und ich fasse sie vorsichtig und kühl, hüte mich, sie wärmer zu drücken. Die Hand kehrt etwas enttäuscht zu ihrer Besitzerin zurück.

»Und wie gehen die Geschäfte?« frage ich, um nur etwas zu fragen.

Magda aber belebt sich.

»Ich freue mich, dir sagen zu können, Erwin, daß die Geschäfte gut gehen, jawohl, ausgesprochen gut. Die Ernte ist recht befriedigend ausgefallen, und wir haben einen sehr schönen Umsatz erzielen können. Besonders in Hülsenfrüchten habe ich ein unglaubliches Glück gehabt. Ich kaufte, ehe die Preise dann so plötzlich anzogen ...«

Eine Weile reden wir nun ruhig von den Geschäften. Wirklich eine tüchtige Frau, ganz unbestreitbar. Wie ihr Auge leuchtet, ihre Stimme lebendig wird, wenn sie davon spricht! So leuchtete ihr Auge vorher nicht, als es um ihren Mann ging. Aber so war es schon immer bei ihr, das Geschäft, der Garten, das Haus: alles war ihr wichtiger als der Mann. Ich könnte eifersüchtig werden auf diese toten Dinge, wenn das nicht doch ein bißchen lächerlich wäre. Aber vielleicht nicht so lächerlich wie diese auch vom Arzt gerühmte Tüchtigkeit. Würde sie einigermaßen vernünftig überlegen, sie machte sich die ganze Plage nicht, verpachtete das Geschäft gegen eine kleine Rente und lebte behaglich in unserem Eigentum. Aber auf so etwas kommt natürlich so eine Frau nicht.

So gehen meine Gedanken immer weiter, während ich zerstreut Magdas eifrigem Reden lausche, das die Erinnerung an alte Kunden wachruft, an Fahrten durch abseits liegende Dörfer, glückliche Abschlüsse ... Aber plötzlich werde ich hellhörig, denn Magda hat plötzlich von unserer Konkurrenz gesprochen, jenem jungen Anfänger, der sich mir zum Trotz in meiner Vaterstadt etablierte und mir schon ein paarmal recht zu schaffen machte. Irre ich mich, und klingt jetzt noch ein ganz besonderer Unterton in Magdas Stimme, etwas Wärmeres als vorher? Ich höre sehr aufmerksam an, was Magda da erzählt.

»Ja, denke dir, Erwin, ich habe Herrn Heinze jetzt persönlich kennengelernt. Ich hatte mich eines Tages doch zu sehr über dieses ständige gegenseitige Unterbieten geärgert, bloß um einander die Kunden abzufangen, wodurch wir schließlich nur alle beide verloren. Da bin ich einfach zu ihm auf sein Büro gegangen und habe ihm gesagt: ›Ich bin Frau Sommer, Herr Heinze, und nun wollen wir doch einmal sehen, ob wir beide nicht zu einem vernünftigen Abkommen gelangen können! Für beide Firmen gibt es ein Auskommen hier in der Stadt, aber wenn wir uns weiter so unterbieten, werden wir alle beide Pleite machen!‹ Das habe ich ihm gesagt!«

Magda sieht mich triumphierend an.

»Und was antwortete er?« frage ich gespannt.

»Nun«, sagt sie, und wieder fiel mir der warme Unterton in ihrer Stimme auf, »Herr Heinze ist nicht nur ein gebildeter, sondern auch ein kluger Mann. In fünf Minuten waren wir zu einem Abkommen gelangt. Jeden Morgen, Mittag und Abend verständigen wir uns über die Preise, die wir zahlen, keiner bietet auch nur einen Groschen mehr oder weniger, und nach Kunden angeln gehen ist überhaupt abgeschafft!«

»O du Ahnungslose«, rief ich. »Der wird dich schön reinlegen, der Heinze ist doch ein ganz gerissener, mit allen Salben gesalbter Halunke! Ins Gesicht verspricht er dir natürlich alles, aber hintenrum fischt er dir einen Kunden nach dem anderen weg. Schließlich hat er das Geschäft fest in Händen, und du stehst ohne alles da!«

»Armer Erwin«, sagte Magda, »immer noch so voll Mißtrauen. Nein, ich habe Herrn Heinze recht gut kennengelernt – ich bin auch so manchmal mit ihm zusammen –.«

Ich wunderte mich, was hinter diesem ›auch so manchmal‹ steckte, aber Magda war nicht errötet. Sie fuhr fort: »So weit kenne ich die Menschen doch, daß ich sagen kann: Herr Heinze ist ein innerlich vollkommen sauberer, anständiger Mann, auf den ich mich blindlings verlasse. Und wenn du mich für vertrauensselig hältst, Erwin, so genügt dir vielleicht der Beweis aus unseren Büchern: wir haben unseren Umsatz in diesem Herbst um das Anderthalbfache gesteigert. Das wäre doch wohl kaum der Fall, wenn Herr Heinze uns die Kunden weggeschnappt hätte!«

Sie sah mich mit triumphierenden, freudeglänzenden Augen an. Ich sagte eisig: »Die Zahlen allein beweisen auch noch nichts. Du sagst, die Ernte war gut, und das Wetter war einem frühen Drusch bestimmt günstig, da kann der Umsatz für eine kurze Zeit sehr wohl steigen, und einem dabei doch Kunden verloren gehen ... Übrigens, ich erinnere mich gar nicht, war dieser Heinze nicht verheiratet?«

»Doch!« nickte Magda. »Aber er ist seit einem Jahr geschieden.«

»So, so«, antwortete ich möglichst gleichgültig. »Also geschieden. – Natürlich schuldig geschieden?«

»Wie du auch fragen kannst!« rief Magda beinahe zornig. »Ich habe dir doch gesagt, er ist ein ganz sauberer Mann. Natürlich lag die Schuld auf der anderen Seite!«

»Natürlich ...«, wiederholte ich ein wenig spöttisch. »Entschuldige nur, du bist ja direkt begeistert von diesem Mann, Magda!« Einen Augenblick zögerte sie, dann antwortete sie mit fester Stimme: »Das bin ich auch, Erwin!« Wir sahen uns eine lange Zeit stumm an. Viel Ungesagtes lag in der Luft. Selbst Oberwachtmeister Fritsch hatte was gemerkt, er hatte sich auf seinem Stuhl vorgelehnt, die Ellbogen auf die Knie gestützt und betrachtete uns beide gespannt. Übrigens war die übliche Sprechstundenzeit längst überschritten.

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