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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 59
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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59.

So vergingen mir die nächsten Wochen in verhältnismäßigem Frieden und Behagen, einem anderen Frieden, als ich vor dieser Unterredung mit dem Arzt empfunden hatte, einem aktiveren, mit Plänen und Hoffnungen ausgefüllten Frieden. Ich schlief wieder schlechter, aber das konnte meine gute Stimmung nicht mehr beeinträchtigen: Ich war nur noch zu Gast in diesem Totenhaus. Ich erwartete täglich die Anklageschrift und die Ansetzung des Termins, und wenn sie doch wieder nicht gekommen war, so hoffte ich auf den nächsten Tag. Das Hoffen im Menschen ist wohl unverwüstbar, ich glaube, was als Letztes im Hirn eines Sterbenden vergeht, ist eine Hoffnung. Der Arzt ließ mich nicht mehr zu sich kommen, ich sah ihn nach dieser Unterredung nicht mehr, ein Zeichen, daß er sein Gutachten abgeschlossen und der Staatsanwaltschaft eingereicht hatte. Umsonst versuchten meine Kameraden, mich ängstlich zu machen.

»Trau du dem falschen Hund! Ins Gesicht sagt er es dir so, und auf dem Papier macht er es ganz anders.«

Ich lächelte überlegen. So etwas macht der Arzt vielleicht mit ihresgleichen, mir gegenüber hatte er sich so positiv ausgesprochen, daß an einem günstigen Ergebnis überhaupt nicht zu zweifeln war. Überhaupt wurde der Mann ganz falsch beurteilt – auch ich war ihm in der ersten Zeit nicht gerecht geworden. Das lag an seinem manchmal überheblichen, höhnischen Wesen, das einen abstieß. Aber er war ein Mann von Kenntnissen und Einsicht, wo er konnte, gab er jedem eine Chance. Wo es freilich ganz unmöglich war ...

Eine einzige Sache nur wirkte sich störend in dieser Zeit aus:

Die Folgen der Unterernährung machten sich auch bei mir bemerkbar, ich wurde ebenfalls von einer recht störenden Furunkulose befallen. Solange die meist unter der Epidermis sitzenden ›Schweinsbeulen‹ nur an den Armen und Beinen auftauchten, ging es noch einigermaßen, als sie aber auch im Nacken und auf dem Rücken auftauchten, litt ich doch recht unter ihnen. Namentlich, daß ich nachts nun auf dem Bauch liegen mußte, eine Stellung, in der ich nie habe schlafen können, war sehr unangenehm. Nun gehörte auch ich zu der langen Reihe derer, die jeden Morgen vor dem Arztzimmer antraten und von dem Oberpfleger gesalbt oder geschnitten und schließlich verpflastert wurden. Ich bin überzeugt, eine etwas vernünftigere Ernährung mit frischem Gemüse und Obst hätte die Ursache dieser als ganz selbstverständlich angesehenen Pest eher beseitigt als dieses ewige Herumdoktern an den Folgen. Aber daran dachte niemand. Uns wurde unser Pflasterrecht und damit fertig! Im ganzen konnte auch diese Plage mir freilich in meiner jetzigen hochgemuten Stimmung wenig anhaben.

›Wenn ich erst draußen bin ...‹, das war der Gedanke, den ich jeden Tag hundertmal hatte. Es war auch ganz selbstverständlich, daß ich mich jetzt wieder mehr mit meinem Äußeren zu beschäftigen anfing, da ich nun in vielleicht schon kurzer Zeit entlassen werden würde. Ich fing wieder an, meine Hände, besonders meine Nägel, zu pflegen, die unter der Arbeit gelitten hatten. Ich ließ mir die Haare schneiden und wusch zwei-, dreimal wöchentlich meine Füße. Vor allem aber beschäftigte ich mich mit meinem Gesicht. Zu jener Zeit war der Verband gefallen und meine Nase längst verheilt. Ich hatte mich immer gescheut, mein Gesicht zu besehen, und das war mir leicht gemacht, da es keinen offiziellen Spiegel in der Anstalt gab und das Rasieren von Lexer mit dem ›Clipper‹ besorgt wurde. Nun aber wurde das anders. Ich wußte, der Kalfaktor Herbst besaß einen kleinen Spiegel, den er beim Haarscheiteln ständig zu Rate zog. Ich borgte ihn mir jetzt manchmal von ihm aus.

Natürlich spottete er: »Wozu brauchst du denn einen Spiegel? Willst dir wohl deine Gurke betrachten? Das laß man, die ist auch ohne Ansehen schön genug!«

Er hatte genau das Richtige mit seiner Vermutung getroffen, aber das brauchte er nicht zu wissen. Ich murmelte etwas von meinen Schweinsbeulen.

Als ich meine Nase zuerst im Spiegel sah, erschrak ich sehr. Sie war durch den Biß völlig deformiert, kurz vor der Nasenspitze hatte sich ein tiefer Sattel gebildet, aus dem sich die Spitze schief und mit brandroten Narben bedeckt erhob. Sie sah wirklich abscheulich aus, ich war völlig entstellt.

(›Dieser verdammte Lobedanz! An meinem ganzen Unglück ist eigentlich dieser Lobedanz schuld!‹)

Auch die weitere Prüfung meines Gesichtes befriedigte mich nicht, die Folgen des Hungers prägten sich bereits deutlich in ihm aus. Es war fast aschfarben, die Augen tief in die Höhlen gesunken. Ein fünf Tage alter spitzstoppliger Bart bedeckte den unteren Teil des Gesichtes. Der Spiegel verriet nur, daß ich auch in diesem Sinne in dieses Totenhaus eingereiht war: ich sah wahrhaftig nicht besser aus als seine schlimmsten Gespenster! Nicht besser? Vielleicht schlimmer! Und ich war einmal ein leidlich gut aussehender Mann gewesen, gewohnt, einen guten Anzug unseres besten Schneiders mit Chic zu tragen. ›Was haben sie aus dir gemacht?!‹ sagte ich traurig zu meinem Spiegelbild.

Mit einem tiefen Seufzer gab ich den Spiegel an Herbst zurück.

»Na, nicht schön genug?« fragte er mit gespieltem Erstaunen.

»Diese verdammten Schweinsbeulen!« schimpfte ich. »Wenn wir wenigstens anständig zu fressen kriegten! Aber die Mohrrüben heute mittag waren wieder das reine Wasser! Dabei kann kein Mensch gesund bleiben!«

Damit hatte ich ihn bei dem unerschöpflichen Thema des Hauses: dem Fraß, und von meinem persönlichen Aussehen wurde nicht mehr gesprochen. In der Folge borgte ich mir noch öfter den Spiegel des Kalfaktors aus, von nun an aber in seiner Abwesenheit und ohne ihn zu fragen. Ich fand schon beim dritten oder vierten Mal heraus, daß ich mein Aussehen zu ungünstig beurteilt hatte. Als ich mich erst ein paarmal im Spiegel betrachtet hatte, fand ich, daß ich eigentlich ganz erträglich aussah. Jedenfalls gewöhnte man sich rasch an diese kleine Entstellung, ich hatte mich dran gewöhnt, Magda würde sich daran gewöhnen wie meine Mitbürger, wie jedermann. Es gab Teilnehmer des Weltkrieges, die viel schlimmer entstellt waren, und doch hatten sie hübsche junge Frauen heiraten können und lebten glücklich mit ihnen. Ich war völlig davon überzeugt, daß diese zernarbte Nase meinem Glück mit Magda keinen Eintrag tun würde.

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