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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 58
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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58.

Dieser Besuch veränderte auf einen Schlag mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes Leben. Plötzlich sah ich diese jüngst vergangene Zeit mit ganz anderen Augen an: nicht in einer fast behaglichen Wunschlosigkeit und Selbstgenügsamkeit hatte ich gelebt, sondern in einer Lähmung meines Willens, in einer fast völligen Hoffnungslosigkeit, in Apathie. Jetzt erst begriff ich, wie gering meine Hoffnung gewesen war, diesem grauenhaften Hause zu entrinnen, wie ich fast schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Holzens Freude an den kleinen Dingen dieser Erde schien mir nun billig und dumm, und ich elendete abends den Geduldigen mit langen Tiraden über all das an, was ich nach meiner Entlassung tun würde. Denn ich hatte die Absicht, sehr tätig zu sein. Wohl hatte mich der Arzt wegen seiner Offenheit um Entschuldigung gebeten, aber die Bemerkung von der überlegenen Tüchtigkeit Magdas konnte ich ihm nicht verzeihen. Je länger ich darüber nachdachte, um so falscher schien sie mir. Wenn ich erst wieder draußen war, würde ich ihm und Magda und aller Welt beweisen, wie tüchtig ich erst sein konnte. Und ich plagte den guten Holz mit langen Schilderungen über die Möglichkeiten des Landesproduktenhandels, Möglichkeiten, die ich natürlich alle blitzschnell erfassen und ausnutzen würde. Umsonst warnte mich der durch langes Dulden Erfahrene.

»Sommer, du bist noch nicht draußen! Mach nicht zuviel Pläne! Wer weiß, was nicht noch alles passieren kann!?«

Ich rief: »Was soll denn noch passieren? Von mir hängt jetzt alles ab, und meiner selbst bin ich sicher.«

Auch in meinem Arbeiten an den Bürsten hatte ich mich sehr geändert. Nicht, daß ich schlechter gearbeitet hätte, das konnten meine Hände schon nicht mehr, sie konnten schon den leitenden Verstand entbehren, und meine Ablieferung wurde auch kaum geringer. Aber ich arbeitete ganz stoßweise. Einen halben Tag stand ich am Zellenfenster, sah stundenlang die rasch ziehenden Wolken am Himmel an, freute mich an Wiese, Vieh und Wald und sah lächelnd den auf ihren Rädern vorüberflitzenden Mädels nach. Bald würde ich wieder zu alledem gehören, ein Teil der Welt sein, nicht mehr herausgelöst aus ihr und bei lebendigem Leibe schon tot! Dann wieder dachte ich an die Worte des Medizinalrates und stürzte mich mit Feuereifer in die Bürstenmacherei. Die Arbeit flog mir nur so durch die Hände. Jeder Griff saß, in zwei Stunden war die feinste Nagelbürste fertig. Manchmal dachte ich dabei mit Sehnsucht an Magda und empfand den lebhaften Wunsch, sie möchte mir bei meiner Arbeit einmal zusehen. Auch ich konnte tüchtig sein, ungewöhnlich tüchtig! Selbst das Verhältnis zu meinen Arbeitskameraden war seit dieser Unterredung wesentlich verändert. War ich ihnen bisher still aus dem Wege gegangen, hatte mich nie in ihre Streitereien gemischt, und jedem seine Art gelassen, sie mochte noch so abstoßend sein, so befähigte mich meine jetzige gute Laune, lebhaft in die Unterhaltung einzugreifen und auch einmal einem unangenehmen Menschen zuzurufen: »Thiede, leck doch den Tisch nicht mit der Zunge ab! Ist Sauce verkleckert, so nimm deinen Löffel!«

Ich kann nicht behaupten, daß meine Leidensgenossen diese Veränderung meines Wesens ins Lebhafte günstig aufnahmen. Meine witzigen Bemerkungen wurden meist mit tiefem ablehnendem Stillschweigen aufgenommen und meine Ermahnungen zu guter Sitte lenkten wüste Beschimpfungen auf mein Haupt. Das focht mich aber in meiner guten Stimmung fast gar nicht an.

Ich dachte nur bei mir: ›Ihr armen Irren! In ein paar Wochen werde ich draußen sein, während ihr euer ganzes Leben in diesen Mauern hinbringen werdet. Was geht mich da euer Schimpfen an?! Ihr existiert einfach nicht für mich!‹

Die Veränderung meiner Denkart zeigte sich aber nicht nur in meinem Benehmen innerhalb der Heilanstalt, sie sollte auch nach außen wirken. Nachdem ich ein paar Nächte mit mir gerungen, auch den Fall gründlich mit Holz besprochen hatte, der mir entschieden abriet, ließ ich den alten Justizrat Holsten kommen, einen schon etwas altmodisch gewordenen Herrn, der aber bei den angesehenen Bürgern der Stadt größtes Ansehen genoß und der auch meiner Firma bei gelegentlich auftauchenden Rechtsfragen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Ich setzte mit ihm eine Generalvollmacht für Magda auf und verfaßte ein Testament, in dem ich Magda zu meiner Alleinerbin einsetzte. Ich beauftragte den alten Herrn, die Vollmacht schon am nächsten Tage in die Hände meiner Frau, das Testament aber an Gerichtsstelle zu hinterlegen. Dies war mein Dank an Magda für die schöne Art, in der sie über mich mit dem Medizinalrat geredet hatte, ich freute mich, daß ich ihr so wirkungsvoll danken konnte. Holz freilich, der in dieser Zeit gar nicht mit mir gehen wollte, stöhnte: »Wenn du das nur nicht eines Tages bereust, Sommer! Man soll sich nie einem Menschen ganz in die Hände geben, das verbietet doch die einfachste Vorsicht. Und wozu auch? Es hat keiner von dir verlangt, warum tust du es also.«

»Ich bin immer ein großzügiger Mensch gewesen, Holz«, antwortete ich ihm. »Ich habe immer eine Leidenschaft für Schenken gehabt.«

Ich muß übrigens noch bemerken, daß der Justizrat ganz und gar nicht damit zufrieden war, diese beiden Urkunden für mich abzufassen und mit seinem Notariatsiegel zu versehen. Nicht als ob er mit ihrem Inhalt nicht einverstanden gewesen wäre, im Gegenteil.

»Es ist immer gut, wenn man sein Haus bestellt, Herr Sommer«, sagte er. »Und Ihre Frau ist natürlich die Nächste. Sie sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Haben Sie schon einen Verteidiger für Ihren Termin gewählt oder wünschen Sie, daß ich Ihre Verteidigung übernehme?«

»Danke, danke!« sagte ich leichthin. »Ich beabsichtige, mich selbst zu verteidigen. Im übrigen ist die ganze Geschichte nur eine Kleinigkeit, die meine lieben Mitbürger viel zu sehr aufgebauscht haben.«

Der Justizrat war entsetzt über meine ›Leichtfertigkeit‹, wie er es nannte.

»Es ist nie eine Kleinigkeit«, rief der alte Mann fast empört, »wenn ein angesehener Bürger ins Gefängnis gehen muß, nicht nur seinetwegen, sondern vor allem auch um des bösen Beispiels willen! Lassen Sie mich Ihre Verteidigung übernehmen, Herr Sommer, vielleicht, beinahe sicher kann ich Bewährungsfrist für Sie erwirken. Dann vermeiden Sie wenigstens die entehrende Gefängnishaft.«

»Meine Ehre hegt allein bei mir«, sagte ich stolz. »Die können mir andere nicht abnehmen.«

Der alte Mann schüttelte mit einem trüben Lächeln verneinend den Kopf.

»Im übrigen handelt es sich um ein im Affekt begangenes Vergehen, und die Folgen eines solchen Vergehens können nie entehrend sein.«

Wieder schüttelte der alte Mann traurig den Kopf.

»Das ist eine Sprache«, sagte er, »die ich in solchen Mauern häufig genug gehört habe, aus Ihrem Munde hätte ich sie lieber nicht gehört. Wie steht es denn mit dem Gutachten des Kreispsychiaters? Wissen Sie etwas davon?«

Ich versicherte, daß alles äußerst günstig stehe und daß der Medizinalrat meine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt nicht für notwendig halte.

»Ich will es hoffen, hoffen will ich es von Herzen«, rief der Justizrat Holsten. »Nun, Herr Sommer, jetzt muß ich mich verabschieden. Und wenn Sie mich gegen Ihr jetziges Erwarten doch brauchen sollten, Sie können mich jederzeit rufen. Ich scheue trotz meiner Jahre den weiten Weg aus der Stadt in diese Anstalt nicht, wenn ich Ihnen nur helfen kann.«

Ich dankte ihm fast gerührt, war aber überzeugt, daß ich seinen Rat nie brauchen würde und daß ich mich in einem wirklichen Notfalle unbedingt an einen jüngeren und geschickteren Anwalt als an ihn wenden würde.

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