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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 57
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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57.

Eine Änderung in meinem Verhältnis zum Arzt trat erst ein, als er mich eines Tages zu ganz ungewohnter Stunde, nämlich am frühen Nachmittag, in meiner Zelle aufsuchte. Ich hatte gerade geraucht, was auf den Arbeitszellen verboten ist, aber, obwohl die Luft noch von Tabaksrauch erfüllt war, machte er keine Bemerkung darüber, so streng er sonst auf die Befolgung der Hausordnung sah. Er trug an diesem Tage nicht seinen hellen Ärztemantel und war auch nicht von seinem ewigen Schatten, dem Oberpfleger, begleitet. Einen Augenblick sah Doktor Stiebing auf meine Arbeit und fragte dann etwas zerstreut: »Nun, wie kommen Sie mit der Bürstenmacherei zurecht, Sommer?«

»Ganz gut, Herr Medizinalrat«, antwortete ich. »Ich glaube, der Arbeitsinspektor ist zufrieden mit mir.«

Er nickte, wieder recht zerstreut, meine guten Arbeitsleistungen schienen ihn nicht weiter zu interessieren. Er griff in seine Tasche, nahm eine silberne Zigarettendose heraus und tat nun etwas, was mich völlig überraschte, ja, beinahe umwarf: er bot mir die Dose an.

»Bitte schön, Herr Sommer!«

Ich sah ihn ungläubig an, ein feines, dünnes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er sagte: »Sie dürfen sich ruhig eine nehmen, Sommer, wenn Ihr Arzt sie Ihnen anbietet.«

Er gab mir sogar zuerst Feuer und stand dann einen Augenblick behaglich rauchend unter dem hoch angebrachten Zellenfenster, schweigend.

Dann sagte er: »Ich habe gestern einmal ausführlich mit Ihrer Frau über Sie gesprochen, Herr Sommer. Ich hatte sie gebeten, einmal bei mir vorbeizukommen, und gestern war sie bei mir.«

Ich antwortete ihm nicht, ich sah ihn nur an, mein Herz klopfte stark; daß dieser Mann gestern erst mit Magda zusammen gewesen war, das bewegte mich, das erschütterte mich sehr. Ich konnte nicht reden, ich glaube, ich zitterte am ganzen Leibe.

»Ja«, sagte der Arzt nachdenklich. »Ich habe mir von Ihrer Frau noch einmal alles im Zusammenhang erzählen lassen, vom ersten Anfang Ihrer Ehe an bis zu jenem unseligen Abend. Ein Psychiater hört zu vieles aus den Worten von Angehörigen heraus, was sie selbst nicht ahnen.«

Eine Welle zornigen Unmuts wollte sich wieder in mir erheben. ›Also auch Magda hast du überlisten wollen und wahrscheinlich überlistet‹, dachte ich. ›Magda ist ja so harmlos, die hat keine Ahnung, was für ein Mann du bist!‹

Aber die Welle verebbte wieder.

Er sagte: »Ich habe im ganzen keinen ungünstigen Eindruck nach diesem Bericht Ihrer Frau. Ich halte es wirklich für möglich, daß wir es mit Ihnen noch schaffen, Sommer. Sie haben eine sehr tapfere und tüchtige Frau ...«

Wieder ein Gefühl der Abwehr in mir: es wäre mir lieber gewesen, wenn der Medizinalrat nicht gerade das Wort ›tüchtig‹ im Zusammenhang mit Magda gebraucht hätte.

»Ja, Sommer, ich kann heute natürlich noch nichts Endgültiges sagen, ich möchte Sie hier noch ein paar Wochen weiter beobachten. Aber wenn Sie sich weiter ruhig und fleißig verhalten und wenn nichts Besonderes vorkommt ...«

»Es wird nichts Besonderes vorkommen, Herr Medizinalrat!« rief ich erregt aus. »Ich will hier weiter ganz still und fleißig leben ...«

Der Arzt lächelte wieder, selbst in dieser Minute, da er sehr gütig zu mir war, mochte ich dieses überlegene Lächeln nicht.

»Nun«, meinte er, »hier halten wir Ihnen ja auch alle Versuchungen fern, Sommer! Hier sich zu bewähren, bedeutet nicht viel. Sie müssen sicher sein, daß Sie auch draußen allen Versuchungen widerstehen können, besonders dem Alkohol ...«

»Ich werde nie wieder Alkohol trinken«, versicherte ich. »Das habe ich mir schon lange vorgenommen. Nicht einmal ein Glas Bier. Ich werde ganz abstinent leben, das kann ich Ihnen fest versprechen, Herr Medizinalrat.«

»Ach, Sommer«, sagte der trübe, »versprechen Sie mir besser nichts! Was, glauben Sie, bekomme ich für Versprechungen zu hören, wenn die Leute aus diesem Bau heraus wollen?! Und ein Vierteljahr draußen, vier Wochen erst draußen, sind die Versprechungen vergessen, und der eine stiehlt wieder, und der andere trinkt. Nein, auf Versprechungen gebe ich nichts – da bin ich schon zu oft hereingefallen.«

»Aber ich habe mich wirklich geändert«, sagte ich und konnte zum erstenmal frei mit dem Arzt sprechen. »Ich habe doch früher nie geglaubt, daß mir das passieren konnte. Ich habe geglaubt, ich könnte mir fast alles erlauben, und Magda hat mich auch verwöhnt. Aber nun habe ich gesehen, was aus meiner Trinkerei geworden ist, und das wird nur für ewige Zeiten eine Lehre sein. Wenn ich in der Versuchung an die Wochen und Monate in diesem Hause zurückdenke ...«

Ich schauderte. Der Medizinalrat sah mich aufmerksam an.

»Das war einmal ehrlich gesprochen, Sommer«, sagte er dann. »Wenn dieses Erlebnis einen solchen Schock in Ihnen hervorgebracht hat, daß er Sie ganz vom Alkohol abgebracht hat, dann könnte man es wohl wirklich wagen. – Aber Sie müssen nun auch sehen, innerlich Ihr Verhältnis zu Ihrer Frau in Ordnung zu bringen, Sie sind ein sehr leicht gekränkter Mensch, Herr Sommer, aber ich muß Ihnen doch einmal ganz offen sagen, daß Ihre Frau in Ihrer Ehe die Führende und Überlegene ist. Sie ist Ihr guter Geist gewesen; als Sie von Ihrer Frau abfielen, fielen Sie selbst. Gewöhnen Sie sieh doch an den Gedanken, daß Ihre Frau nur das Beste von Ihnen will, ordnen Sie sich ihr ein bißchen unter ... Das hat gar nichts Verächtliches an sich, deswegen sind Sie noch lange kein Pantoffelheld. Es ist nur gut, wenn sich der Schwächere vom Stärkeren beschirmen und führen läßt ...«

So redete der Medizinalrat noch lange auf mich ein. Es war mir nicht ganz leicht, ihm ohne allen Widerspruch zuzuhören. Denn ganz so, wie er es schilderte, war es ja doch nicht. Gewiß war Magda tüchtig, aber ich hatte doch, seit wir das Haus besaßen, das Geschäft ganz gut alleine, ohne sie führen können. Gewiß war es in der letzten Zeit nicht mehr so gut wie früher gegangen, aber das hatte an anderem gelegen, an ein paar unglücklichen Zufällen, nicht an meiner Leitung. Aber immerhin, wenn ich dadurch aus diesem verfluchten Hause kam, wollte ich mich auch darein finden. Mochte Magda also die Führende sein, ich wollte ihr schon keine Schwierigkeiten machen. So schwieg ich, und es söhnte mich mit meiner neuen Stellung zu Magda ja auch der Gedanke aus, daß sie so gut zum Arzt von mir geredet hatte. Sie liebte mich eben doch!

»Also«, schloß schließlich der Arzt, »ich habe Ihnen noch nichts Festes versprochen, das kann ich ja auch gar nicht. Ich werde in – sagen wir – drei oder vier Wochen mein Gutachten erstatten, dann wird das Gericht den Termin ansetzen, Sie werden eine kleine Strafe erhalten, vielleicht vier Wochen, vielleicht nur vierzehn Tage ...«

»So wenig?« rief ich erstaunt aus.

»Nun, darüber fragen Sie lieber einen Juristen, ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, ich bin nur Arzt. Und wenn Sie dann in der Freiheit sind ...«

»Werde ich immer an dieses Haus denken, Herr Medizinalrat, das verspreche ich Ihnen!« schloß ich.

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