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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 56
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6f71392f
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56.

Unruhe trugen in den stillen Frieden dieser Tage nur meine Unterhaltungen mit dem Arzt, meist dauerte es ein paar Tage, bis ich mich nach ihnen wieder völlig beruhigt hatte und zu meinem stillen Behagen zurückgekehrt war. Im ganzen verliefen sie nicht günstig für mich, wenn auch keine so schlimm wurde wie jene erste. Es war mir leider ganz unmöglich, mich ihm gegenüber so zu geben, wie ich wirklich war, nie gewann ich im Verkehr mit ihm jene Freiheit und Selbstsicherheit, die mir doch draußen selbstverständlich gewesen waren. Immer bedrückte mich ein dunkles Schuldgefühl, als müßte ich vor ihm um jeden Preis etwas verbergen und verheimlichen. Nie wurde ich ganz meine Furcht vor seinen geheimen Listen und Kniffen los; bei der harmlosesten Frage jagte mich der Gedanke: ›Wie will er dich jetzt wieder reinlegen?‹

Nie sah ich den helfenden Arzt in ihm, sondern immer den Gehilfen des Staatsanwaltes, der mich in schwerer, verworrener Stunde des Mordversuches an meiner Frau beschuldigt hatte und der alles aufbieten würde, mich in diesen Mauern zu halten.

Wenn ich mich wirklich einmal überwand und dem Medizinalrat erzählte, was mein Herz bewegte, fiel ich unfehlbar damit herein. Zum Beispiel erzählte ich ihm eines Tages ganz freimütig von meinen so veränderten Zukunftsplänen, mich auf ein stilles Dorf zurückzuziehen und ganz der Bürstenmacherei zu leben. Ich hatte geglaubt, für diese Pläne die Billigung des Arztes zu finden, ja, sein Lob, und war überrascht und maßlos enttäuscht, als er energisch den Kopf schüttelte und sagte: »Das sind ja bloß Phantastereien, Sommer, Sie streuen sich ja selbst Sand in die Augen. So können Sie nicht leben, und so wollen Sie auch gar nicht leben. Sie brauchen Ihre Mitmenschen und vor allem, Sommer, brauchen Sie eine führende, helfende Hand. Nein, das haben Sie sich wieder nur in Ihrer ganz unbegründeten Aversion gegen Ihre Frau ausgedacht. Machen Sie sich doch einmal von dem Gedanken frei, daß Ihre Frau Ihnen schaden will! Sie, Sie allein haben ihr viel Böses getan, und wenn Ihre Frau nicht ein so anständiger Mensch wäre, hätte sie alle Ursache, ein bißchen böse über Sie zu sein. Aber nicht ein abfälliges Wort über Sie hat sie zu Protokoll gegeben, immer sucht sie, Sie zu entschuldigen! Und da erzählen Sie mir, daß Sie nicht mehr mit ihr leben und arbeiten wollen! Was für ein Mensch sind Sie doch, Sommer! Können Sie denn nie eine Sache sehen, wie sie wirklich ist? Müssen Sie sich immer Flausen vormachen?«

Ich war natürlich verwirrt und empört über diesen ganz unmotivierten Angriff; da Magda mir keine Zeile geschrieben, nie einen Versuch gemacht hatte, mich zu sehen, mußte ich wohl mit Recht annehmen, daß ich ihr lästig, daß ich für sie tot und begraben war. Und, wie es eben Sitte ist, sprach sie über einen Toten nichts Schlechtes. Aber anständig war es von mir, ihr daraufhin still aus dem Wege zu gehen, ihr keine Schwierigkeiten zu machen, sie im freien Besitz meines Eigentums zu lassen. Daß der Arzt diesen meinen Edelmut nicht sehen wollte, sondern mit harten, bösen Worten über mich herfiel, das bewies mir, wie voreingenommen er gegen mich war, und das verschloß für die Zukunft noch fester meinen Mund, machte mich noch befangener und unfreier. Eigentlich war er nichts anderes als mein Feind, ein erbarmungsloser Feind, der danach trachtete, mich mit allen Mitteln zu überlisten, und der das Übergewicht als Anstaltsleiter rücksichtslos mir gegenüber ausnutzte. Die anderen Gefangenen hatten ganz recht, mich immer wieder vor ihm zu warnen.

»Trau nur dem Stiebing nicht! Ins Gesicht freundlich, und hinter deinem Rücken macht er ein Gutachten über dich, daß du dein Lebtag nicht wieder aus diesem Kasten herauskommst.«

Recht hatten sie.

Allzuoft ließ der Arzt mich in diesen Wochen nicht zu sich rufen, und seine Anforderungen nach mir wurden auch nicht häufiger, nachdem er mir eröffnet hatte, er sei jetzt aufgefordert, ein Gutachten über mich zu erstatten. Eher das Gegenteil, auch ein Beweis dafür, daß er eine vorgefaßte Meinung von mir hatte und gar nichts mehr zulernen wollte. Im allgemeinen kam der Medizinalrat, wenn nichts besonders Dringendes vorlag, zweimal wöchentlich in die Heil- und Pflegeanstalt, jeden Dienstag- und Donnerstagabend. Ich wurde aber vom Oberpfleger viel seltener zu ihm gerufen, nicht einmal jede Woche einmal. An sich begrüßte ich das natürlich, denn jeder Besuch bei ihm war, wie ich schon gesagt habe, eine Marter für mich, nach der ich tagelang nicht wieder zur Ruhe kam. Aber dieses seltene Holen zeigte mir auch, wie leicht er über dieses Gutachten, das über mein Lebensschicksal entscheiden sollte, dachte. An sich war mein Fall doch gerade für einen Psychiater besonders interessant, ich stand bildungsmäßig weit über dem Niveau der anderen Anstaltsinsassen, hatte in meinem Leben etwas vor mich gebracht, war ein angesehener Mann – und nun in diesem Totenhaus. Der Medizinalrat hätte doch eigentlich sehen müssen, daß es bei mir um viel mehr als bei den anderen ging, ich hatte mehr zu verlieren, ich war auch empfindlicher und leidensfähiger als diese meist recht stumpfen Gesellen! Aber nein, er behandelte mich völlig wie Hinz und Kunz, war oft geradezu grob mit mir, schalt mich einen unverbesserlichen Lügner und Flausenmacher! Ich hatte alles Recht, ihm zu mißtrauen und vor ihm auf meiner Hut zu sein. Wenn er mir dann wieder meinen Mangel an Offenheit vorwarf, so war das einer seiner inkonsequenten Vorwürfe, zu denen ich völlig zu schweigen vorzog.

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