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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 55
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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55.

Die Tage gingen, einer nach dem anderen, und an einem von ihnen, eher als ich es gedacht, war ich ein ganz leidlicher Bürstenmacher. Ich hatte es gelernt, ich machte Nagelbürsten und Handbürsten und Haarbürsten und Molkereibürsten und Brauereibürsten und Fensterbrettbürsten. Ich konnte auch Besen machen, Piassavabesen und feine Haarbesen. Schließlich lernte ich es auch, Pinsel herzustellen, Rasierpinsel und Staubpinsel und alle Arten von Malpinseln. Meine Finger waren nun genau so geschickt wie die Lexers, sie griffen genau soviel Borsten, wie nötig waren, keine mehr, keine weniger, und der Draht machte mir keine Beschwerden mehr. Wenn ich mich jetzt mit Lexer in der Freistunde traf, und er schrie mich mit seiner gellen Stimme an: »Na, Sommer, wieviel hast du geschafft?« so antwortete ich: »Achthundert Löcher«, oder auch: »tausend«, oder gar: »elfhundert«.

Dann feixte Lexer wütend und gellte: »Willst dich wohl beliebt machen oben? Deswegen kriegst du auch keinen anderen Fraß als wir, du Arschkriecher!«

Ich arbeitete aber nicht soviel, um mich oben beliebt zu machen, ich arbeitete so um meinetwillen. Die Arbeit vertrieb mir die Zeit, ehe ich es dachte, klirrte der Schlüssel, und die Stimme des Wachtmeisters rief: »Mittag!«

Die Tage, so lang ein jeder einzelner manchmal auch sein mochte, vergingen schnell genug; eine Woche, ein Monat war vorübergegangen, ich sagte zu mir: ›Nun bin ich schon einen Monat hier, nun zwei, nun bald drei ...‹

Jetzt, da meine Hände die Arbeit von selbst taten, da ich nicht ununterbrochen über sie nachdenken und mich hetzen mußte, war der Kopf wieder frei für Nachdenken und Grübeln über das eigene Schicksal. Aber die Arbeit gab selbst diesem Grübeln eine andere Note. Manchmal stellte ich mich eine Weile ans Fenster und sah hinaus in das Land, in dem sie nun schon das Korn mähten, dann einfuhren, dann die Stoppeln pflügten, dann zur Grummetmahd übergingen. Ich hatte eine gute, helle Arbeitszelle, die auch im Winter gut warm sein sollte, wie man mir gesagt hatte. Ich sah hinaus, und wenn mein Herz mich wieder mit zorniger Ungeduld plagte und drängte, endlich wieder in der Freiheit schlagen zu dürfen, so machte es wohl die Arbeit, daß ich mir sagte: ›Nur Geduld, es wird alles schon kommen. Erst einmal wäre es wohl wirklich gut, wenn ich noch diesen Satz Abwaschbürsten fertigbekäme!«

Ja, meine Arbeit machte mir Freude, es war eine niedrige Arbeit, die wirklich jedes Kind und fast jeder meiner schwachsinnigen Kameraden verrichten konnte, aber in einer gut ausgeführten Arbeit hegt immer ein Trost, sie mag so gering sein wie sie will.

Ich hatte jetzt auch keine Angst vor dem Arrest und dem Arbeitsinspektor; er kam manchmal in meine Zelle und nahm die fertige Arbeit ab, und er sagte mir nie ein böses Wort, sondern oft: »Gut, gut, Sommer.«

Oder auch: »Sie müssen nicht über das Pensum arbeiten, Sommer, das ist nicht nötig.«

Und einmal schenkte er mir auch einen mit Marmelade bestrichenen Kanten. Als aber der erste Monat meines Arbeitens vorüber war, trat ich mit den anderen Arbeitern am Glaskasten an und empfing das an Rauchwaren, was man für meine ›Arbeitsbelohnung‹ gekauft hatte (vier Pfennig am Tag, eine Mark im Monat), nämlich ein Paket Feinschnitt und ein Paket Krüllschnitt. Für die Hälfte des Krüllschnittes handelte ich mir eine kleine Tabakspfeife ein, denn ich mochte nicht wie manche anderen Zigaretten mit Zeitungspapier drehen, das immer entweder lichterloh brannte oder kohlte und abscheulich schmeckte. Der Kopf meiner Pfeife war ganz klein, er faßte nicht mehr Tabak als für zehn oder zwölf Züge; das war gut, so konnte ich am Tage fünfmal rauchen und reichte doch den ganzen Monat. Freilich im ersten Monat nicht, weil ich noch dumm war und mir allerlei abschwatzen und abborgen ließ, was ich nie wieder zu sehen bekam. Auch lernte ich die Furcht aller Besitzenden vor Dieben kennen; nichts, was in den Zellen war, blieb vor ihnen sicher, man mochte es noch so geschickt verstecken. Immerfort wurde wieder im Bau die wütende Klage laut: »Mir haben sie Tabak geklaut!«

So war man denn gezwungen, all seinen Besitz, vom Löffel, der unser einziges Eßgerät war, an in den Taschen herumzutragen, was wieder dem Oberpfleger mißfiel, der die Ausbeulungen in unseren Kleidern tadelte. Ich beschaffte mir also einen kleinen Karton, in den ich all meine Habseligkeiten tat, ein bißchen Salz, ein etwa gespartes Stück Brot, die Pfeife und den Tabak. Diesen Karton hatte ich immer bei mir, beim Essen und auf dem Klo, im Bett und sogar bei meinen Arztbesuchen. Später machte mir der wohlgesinnte Qual, der ja in der Tischlerei arbeitete, ein kleines Holzkästchen mit Schiebedeckel und einen Bindfadengriff und nahm nicht einmal was dafür. Ja, ich war nun wirklich eingereiht und gehörte dazu, und wenn ich die Wahrheit gestehen soll, fühlte ich mich nach den ersten Wochen der Eingewöhnung nicht einmal so schlecht. Ich hatte mich an Hungern und ständigen Streit, an schlechte Luft und Schweinsbeulen gewöhnt, viele meiner Kameraden, die ganz unergiebig und stumpf waren, sah ich gar nicht mehr. Ich gehörte dazu, und doch gehörte ich nicht ganz dazu, ich war nur ›vorläufig untergebracht‹, und später war ich sogar nur ›zur Begutachtung‹ untergebracht. Eines Tages würde es Termin für mich geben, ich würde meine Strafe für die Bedrohung erhalten, und dann würde ich – hoffentlich, hoffentlich! – wieder in die Freiheit zurückkehren können. Was ich dort anfangen würde, das wußte ich noch nicht. Ziemlich sicher aber schien mir, daß ich nicht wieder in mein Haus und zu Magda zurückkehren würde, auch in meinem alten Geschäft wollte ich nicht wieder arbeiten.

Der Aufenthalt in der Zelle hatte mich ein wenig menschenscheu gemacht, dieses ständige Isoliertsein, ich war gerne im engen Raum bei meinen Bürsten und dachte mit Abneigung an die lärm- und menschenerfüllten Straßen meiner Vaterstadt. Mir schwebte so etwas vor, auf ein stilles Dorf zu ziehen und dort als ein unbekannter, rasch alternder Mann meinen Lebensabend zu verbringen, in einer stillen Stube, in der ich immer weiter Bürsten machen würde ...

So etwas schwebte mir vor. Ja, es war ein wenig Freude in mich eingekehrt, eine fast behagliche Selbstgenügsamkeit erfüllte mich – am besten ist diese Zeit mit jener zu vergleichen, die ich auf dem Holzhof des Untersuchungsgefängnisses verbrachte. Freilich fehlte hier der Mordhorst, aber eigentlich fehlte er mir nicht. Mordhorst hatte immer getrieben, getadelt und gehetzt – und ich liebte jetzt den Frieden. Der Bau mit seinem Schmutz und Geiz und Neid war entsetzlich, aber er war nun einmal so – was hatte es für einen Zweck, sich dagegen aufzulehnen? Wir Gefangene, wir Kranke galten doch gar nichts.

Am Schluß des zweiten Monats vertauschte ich mein ganzes Paket Feinschnitt-Tabak gegen ein eingefaßtes Brennglas und konnte mir nun, auch in meiner Arbeitszelle, die Pfeife immer anbrennen, so oft die Sonne schien. Da kam ich mir reicher und glücklicher als je in meinem Leben vor, wenn ich so an meinem Fenster lehnte und mit tiefer Freude meine zehn oder zwölf Züge Tabakrauch in mich hineinsog. Es war mir, als habe ich in meinem Leben noch nie so tief genossen und mich gefreut wie hier in der warmen Zelle. Vielleicht hatte da die Genügsamkeit meines Schlafkameraden Holz, seine Gabe, sich auch an den kleinsten Dingen zu freuen, schon auf mich abgefärbt.

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