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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 54
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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54.

Das waren die drei Schlafkameraden, mit denen ich in jener ersten Nacht die Zelle teilte, auf deren Schlafatem ich lauschte, während Scham, Reue und Zorn mein Herz zerrissen. Vor den Fenstern stand die Nacht, manchmal hob ich den Kopf und sah ein paar Sterne blinken; ich hatte mal ein Gedicht von ihnen gelesen, daß sie seit Jahrtausenden mit dem gleichen kühlen Glitzern auf menschliches Leid und menschliche Freude herabblicken. Damals hatte mich das nicht berührt, jetzt rührte es mich an, und ich fragte mich, ob diese Sterne wohl wirklich je ein so verzweifeltes, ein so unsinnig eingetretenes Leid gesehen hatten wie das über mich gekommene. Beinahe schien es mir unmöglich. Und wie die nächtlichen Stunden langsam mit Glockenschlag um Glockenschlag vorrückten, eine nach der anderen dem neuen Morgen zu, dachte ich milder an Magda und den listigen Medizinalrat und schwor es mir wieder einmal zu, das nächste Mal klüger zu sein und wahrhaftiger. Ich überzeugte mich, daß noch nichts verloren war, und ich erdichtete lange Gespräche mit dem Arzt, in denen ich eine seltene Schlagfertigkeit und einen bezaubernden Freimut bewies. Schließlich – anderthalb Stunden vor Aufschluß – schlief ich wirklich noch ein. Ich war im Traum in meiner Vaterstadt, ich ging durch ihre Straßen und Gassen, ich sah viele Freunde und Bekannte, aber sie sahen mich nicht und gingen ohne Gruß an mir vorbei. Schließlich sah ich Magda auf jener Bank unserer ersten Schülerbekanntschaft sitzen, ich ging auf sie zu und setzte mich sachte neben sie. Aber sie bemerkte mich nicht. Ich wollte ihr Kleid berühren, ich erhob die Hand, aber sie konnte das Kleid nicht fassen. Ich wollte zu Magda sprechen, und ich sprach auch, aber meine Stimme hatte keinen Klang, ich hörte sie nicht, und Magda hörte sie auch nicht. Da begriff ich mit heißem Erschrecken, daß ich nur als ein Schatten zwischen den Lebenden wandelte, daß ich gestorben und tot war. Ich erschrak aber so, daß ich erwachte – da klirrte der Schlüssel des Oberpflegers im Schloß und seine Stimme rief ›Aufstehen‹.

Ja, ein neuer Morgen wurde, und nun war ich nicht mehr Gast im Totenhaus, sondern ich war eingereiht in die Schar der anderen, wie alle schleppte ich meine dürren Stunden dahin. Sie machten kein Aufhebens mehr von mir, sie sprachen mit mir, und dann fingen sie Streit mit mir an, sie schubsten mich im Waschraum von den Becken weg und verhöhnten mich, wenn ich versuchte, mit einem zugeschnittenen Hölzchen meine Fingernägel sauber zu halten.

»Seht den! Wozu er das wohl macht? Er steckt doch genau so tief wie wir im Dreck!«

Und ich machte meine kleinen Geschäfte wie sie, ich sparte meinem brüllenden Hunger eine Scheibe Brot ab und verhandelte sie gegen ein paar Krumen Tabak, und das erstemal wurde ich dabei betrogen: der Tabak war wenig, aber trockene Rosenblätter waren viel in ihn gemischt. Ich habe auch – ich will auch das gestehen – unserem Kalfaktor Herbst einmal zwei dick mit Margarine bestrichene Scheiben Brot gestohlen, die der unter seinem Kopfkeil versteckt hatte. Ich war aber so aufgeregt, daß sie mir weder geschmeckt haben noch bekommen sind. Das war aber auch das einzige Mal, daß ich etwas direkt gestohlen habe. Ich bin ein schwacher Mensch, das weiß ich nun, aber ich bin kein Dieb. Meine Angst ist immer größer als meine Gier, also auch darin schwach.

Und an diesem ersten Tage, als der Ruf zum ›Antreten‹ erscholl, trat auch ich mit an, wie gesagt, auch ich war eingereiht, ich hatte vor niemandem etwas voraus. Ein Wachtmeister kam und führte mich in eine Einzelzelle, in der kein Bett war, sondern ein Tisch und ein Schemel und vielerlei Arbeitsmaterial, das ich mit ängstlich staunenden Augen ansah, gewiß, daß ich ungeschickter Mensch solch nie getane Arbeit im Leben nicht lernen würde. Da sah ich die fertig zugeschnittenen Bürsten- und Besenhölzer und Haarborsten und solche aus Reisstroh und solche aus Piassava und sogar solche aus Strandfaser für die verschiedenen Arten von Bürsten und Besen, wie ich alles noch lernen sollte. Ich sah Rollen mit dickerem und dünnerem Draht und ein Schneidemesser, nein, das würde ich nie lernen! Es kam keiner, ich war eingeschlossen in meiner Zelle – sollte ich, da ich den Arzt so dringend um die Befreiung von Lexer gebeten hatte, jetzt die Bürsten ganz ohne Lehrmeister machen? Ich versuchte es, ich faßte ein paar Borsten und versuchte, sie in eins der vorgebohrten Löcher zu stecken. Es waren aber zu wenig gewesen, und sie fielen gleich wieder durch. Das andere Mal nahm ich mehr, aber nun waren es zuviel, und als ich sie in das Loch zwingen wollte, brachen die einen, und die anderen fielen zur Erde. Ich bückte mich, um rasch die Unordnung zu beseitigen, da klirrte wieder das Schloß, der kleine Lexer mit den schwärzlich-bräunlichen Hauerzähnen sprang herein, faßte mich vor der Brust und schrie gellend: »Wo hast du die Rasierklinge gelassen? Mich scheißt du nicht an, Sommer!«

Ich riß mich zornig von ihm los und rief: »Faß mich nicht noch einmal an, du, das rate ich dir! Was gehen mich deine Lügengeschichten an!«

Der kleine Kerl sah mich einen Augenblick verblüfft und stumm an, dann lachte er wieder häßlich und sagte: »Na schön, wie du willst! Aber eines Tages scheiße ich dich doch wieder an!« (Er hat mich aber von nun an ziemlich in Ruhe gelassen, wie ich schon berichtet habe.) Und in ganz plötzlichem Übergang: »Hast du nicht 'nen Priem für mich, 'nen ganz kleinen, Sommer?«

Ich hatte keinen und sagte es ihm, und er meinte ärgerlich: »Mit dir ist auch gar nichts anzufangen. Wozu sie so einen wie dich überhaupt in den Bau geschickt haben? Häng da mal den Draht auf den Ständer. Nein, nicht den dicken, du Ochse, du sollst zuerst Handbürsten machen aus guten Borsten, das ist das leichteste, nimm also den feinen. Zweihundert Löcher am Tage ist in der ersten Woche dein Pensum, läßt dir der Arbeitsinspektor sagen, und wenn du sie nicht schaffst, fliegst du ins Loch bei hartem Lager und noch mehr Kohldampf! Ich mache tausend Löcher am Tage, und wenn ich will, kann ich auch zweitausend machen, aber ich will nicht. Wozu auch? Damit die Speckjäger noch mehr an uns verdienen? Hungern müssen wir darum doch! Sieh, so ziehst du zuerst den Draht durchs Loch, daß er eine Schlinge bildet, und nun steckst du die Borsten hinein, gerade soviel, wie du mit zwei Fingern fassen kannst, dann stimmts gerade. Und nun ziehst du die Schlinge fest, und da sitzen die Borsten schon! Das ist der ganze Zauber, ein Kind lernt's in fünf Minuten, und nun mach du's und zeig', ob du soviel kannst wie ein Kind!«

Und während Lexer dies alles atemlos mit seiner gellen Stimme hervorstieß, daß ihm die Spucke auf den Lippen stand, hatte ich mit Staunen auf diese schmutzigen Finger mit den abgebissenen Nägeln gesehen, die unglaubhaft geschickt die feine Drahtschlinge durch das Loch gezogen, die auf eine Borste genau so viele gegriffen hatten, daß sie gerade durch das Loch gingen und es ausfüllten, ohne Luft dazwischen, nicht zuviel und nicht zuwenig, und die schließlich sachte und schnell die Schlinge festgezogen hatten. Wie's mir so vorgemacht wurde, erschien es auch mir kindlich einfach. Aber wie ging's mir, als ich das Leichte nun selbst versuchte?! Mein Draht wollte nicht ins Loch und dann knickte er ein, statt eine Schlinge zu bilden, und ich faßte zuwenig oder zuviel Borsten und warf sie auf die Erde. Dabei aber beschimpfte mich der Lexer ununterbrochen und höhnte mich und stieß auch und knuffte mich und machte mich mit seinem Speichel naß, bis ich die Bürste hinwarf und wieder wütend rief: »Laß mich in Frieden, sage ich dir noch einmal!«

So arbeiteten wir den ganzen Vormittag, ich völlig verzweifelt über mein Ungeschick und überzeugt, ich werde es nie lernen, und er immer gellender, triumphierender, überlegener, sein ganzes erbärmlich stinkendes Menschentum über mich setzend. Am Schluß dieses Vormittags hatten wir eine einzige Handbürste fertig, die achtzig Löcher hatte, und daß die nicht gut und richtig aussah, das merkte ich selbst.

»Steck die nur selbst in den Ausschuß, Sommer!« gellte Lexer. »Spül sie im Kübelbecken weg, daß der Arbeitsinspektor sie gar nicht erst zu Gesicht bekommt, sonst fliegst du in Arrest wegen Materialverschwendung! Heute nachmittag aber komme ich nicht wieder in dein stinkendes Loch. Du weißt Bescheid, wie es gemacht werden soll, und wenn du es doch nicht machst, so ist es deine Sache, die du zu verantworten hast. Ich will damit nichts zu tun haben!«

So wurde ich den ekelhaften Lehrmeister Lexer schon nach fünf Stunden los und hätte mir meinen so schlimm aufgenommenen Antipathieausbruch vor dem Arzt gut ersparen können. Aber über meinem Bürstenmachen verzweifelte ich völlig an diesem Nachmittag, und am Abend hatte ich nicht mehr als siebenunddreißig Löcher geschafft, und die auch noch schlecht. In dieser Nacht grübelte ich einmal nicht über mich und mein widriges Geschick und Magda und den Medizinalrat nach, sondern allein über Bürstenmachen. Aber dieses Grübeln muß meinem Kopf viel bekömmlicher gewesen sein, denn ich schlief darüber ein und hatte zum erstenmal wieder eine einigermaßen gute Nacht.

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