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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 53
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
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53.

[Falsche Kapitelnummerierung im Buch: 52 fehlt. Re]

Von meinem dritten Schlafgenossen, Holz mit Namen, weiß ich wenig genug zu berichten. Er war ein kräftiger junger Mann von etwa dreißig Jahren – jünger als seine Jahre aussehend, und man hätte den kleinen blonden Schnurrbart unter seiner Nase kokett nennen können, wenn sein maßlos trauriges Gesicht nicht jeden Gedanken an Koketterie verboten hätte. Er war erst ein gutes halbes Jahr in der Anstalt, kam aber direkt aus dem Zuchthaus, wo er sechs Jahre hatte verbringen müssen.

Da Qual entweder schwieg oder Unsinn redete, und da Herbst nur über sich, seinen Freund und die gehässigen Mitgefangenen reden konnte, wurde Holz mein Plaudergenosse für die zwei Stunden von halb acht bis halb zehn Uhr, die wir uns meist wachhielten, um morgens nicht gar zu früh aufzuwachen. Meist erzählte ich, oft von meinem früheren Leben, denn es war mir ein Bedürfnis, wenigstens einen Menschen davon zu überzeugen, daß ich einst in meinem Kreise ein wichtiger und angesehener Mann gewesen war. Oder aber ich erzählte ihm von den Nöten und Ängsten, in denen ich jetzt steckte, und es wäre wohl gut gewesen, ich hätte mehr auf Holzens einfache Ratschläge gehört. »Kriech zu Kreuz vor deiner Frau, Sommer!« mahnte mich Holz oft. »Verlaß dich nicht auf deinen Verstand und die juristischen Kniffe, darin sind dir die anderen doch über. Ich weiß, wie sie einem einfachen Menschen mitspielen können, du bist auch ein einfacher Mensch, Sommer. Der Medizinalrat wird dich immer wieder einpacken – und nun erst der Staatsanwalt! Geh auf alle Bedingungen ein, die dir deine Frau macht, verzichte selbst auf dein Eigentum, alles egal, nur sieh, daß du aus diesem Bunker rauskommst! Du ahnst noch nicht, was das heißt, lange zu sitzen. Schreib ihr, Sommer, schreibe ihr gleich morgen mittag!«

So sprach Holz mit seiner gleichmäßig ruhigen Stimme, die ohne jede Betonung war. Er als einziger beharrte darauf, mich mit ›Du‹ anzureden und mit meinem Vornamen ›Erwin‹; mein ›Sie‹, bei dem ich mich freilich ihm gegenüber oft genug versprach, blieb ohne jeden Eindruck auf ihn.

Manchmal erzählte auch er. Aber nie von seiner Vergangenheit in der Freiheit, über sie erfuhr ich nur, daß er in Hamburg geboren und aufgewachsen war. Sonst nichts. Ich weiß nicht, was seine Eltern waren, was er gelernt hat, welche Straftaten (und es müssen schon schwere Straftaten gewesen sein!) ihn so lange ins Zuchthaus brachten. Ich glaube, mir erzählte mal ein Beamter, daß Holz einmal ein berühmter Einbrecher war. Ich kann es kaum glauben. Er war so still, so einfach, ohne jede Initiative und Protest, ich traue ihm einfach nicht die Energie für diesen gefährlichen, Geistesgegenwart und rasche Entschlußkraft bedingenden Verbrecherberuf zu. Aber es ist ja immerhin möglich, daß die lange Zuchthauszeit ihn völlig verändert hat.

»Ich habe sechs Jahre Zuchthaus ohne eine Strafe, ohne eine Stunde Arrest abgerissen!« sagte er mir einmal.

So einfach er es sagte, es klang doch Stolz daraus. Am liebsten erzählte er von dieser Zuchthauszeit. Er berichtete mir von seinen Arbeiten, erzählte mir in aller Ausführlichkeit, wie er mit dem Weben von Matratzenstoff angefangen habe, dann zum Hemdenstoff übergegangen sei. Darauf sei er mit Strumpfstrickerei an der ›Flachmaschine‹ beschäftigt worden – wobei ich mir unter einer Flachmaschine auch dann nur wenig denken konnte, als ich erfuhr, es gab auch eine ›Rundmaschine‹, auf der Strümpfe gestrickt wurden.

Nun kam eine der besten Zeiten Holzens im Zuchthaus: er kam als Aufwäscher in die Küche. Dort hatte er zu essen, soviel er wollte, war mit Kameraden zusammen und bekam sogar alle Tage Weiber wenigstens zu sehen. Diese Weiber kamen aus dem nahe gelegenen Weiberzuchthaus, um das Essen zu holen. Trotz aller Aufsicht wurden Blicke und Briefe gewechselt, ja, es gelang sogar, den Weibern Brot und Wurst und Margarine zuzustecken. Holz versicherte mir, daß er nur tat, was alle seine Küchenkameraden taten, aber als diese Schiebungen herauskamen, luden die andern alle Schuld auf ihn ab, und er wurde aus der Küche abgelöst. Nur seine gute Führung rettete ihn vor einer Arreststrafe. Es folgte ein schreckliches Jahr: Holz mußte in einer Einzelzelle alte Taue zu Werg zerrupfen – wie sehr ich bei der Erwähnung dieser Arbeit an Magdas rettenden Abschluß mit der Gefängnisverwaltung und an meine Hamburger Reise dachte! Schließlich kam Holz als nicht fluchtverdächtig auf Außenarbeit, die Zuchthauszelle sah ihn nur noch zum Schlafen, den ganzen Tag über wirkte er draußen im Freien auf den Feldern oder winters in einer Sägemühle. Von all diesen ganz einfachen Dingen erzählte Holz gern. Er wußte noch jedes Pensum, das ihm auferlegt worden war; Garne, die ihm bei der Verarbeitung Schwierigkeiten gemacht hatten, konnte er mir mit dem gleichen frischen Ärger schildern, den er vor Jahren wohl in seiner Einzelzelle empfunden.

Holzens Spezialität aber waren seine Berichte vom Essen. Da alle stets hungrig waren, redeten alle im Bau ständig vom Essen, dachten eigentlich nur daran. (Auch auf diese Seiten hat das abgefärbt!) Dieses Gerede vom Essen war wie eine Manie, es machte unsere Hungerqual nur noch größer, aber wir konnten es nie lassen. Holz war darin nun einfach Meister. Nicht daß er etwa raffinierte Mahlzeiten ausgedacht hätte, bei denen einem das Wasser im Munde zusammenlief, nein, seine Schilderungen waren von biblischer Schlichtheit. Die Mahlzeiten, die er schilderte, waren einfacher selbst als das, was ein einfacher Arbeiter ißt, es waren die Mahlzeiten, die er im Zuchthaus bekommen hatte. Sein Kopf, den nie starke Gedankenarbeit beansprucht hatte, war ausgeruht genug, um mir jede Veränderung des im allgemeinen gleichbleibenden Küchenzettels im Zuchthaus mitzuteilen; er wußte noch das Auf und Ab der Brotrationen; die Zahl der Pellkartoffeln, die ein Arrestgefangener mittags statt Brot bekam (acht bis vierzehn) und die Sonderzulagen in Brot, Wurst und Käse für Über- und Landarbeit. Er wußte alle Weihnachtsgeschenke noch. Und am beredtesten wurde er, wenn er mir schilderte, wie ein Bauer, zufrieden mit guter Mäharbeit, der Zuchthauskolonne dick mit ›guter Butter‹ oder Schmalz bestrichene Stullen geschenkt hatte, dazu pro Mann fünf Zigaretten. Jedes derartige Erlebnis hatte sich tief in sein Gedächtnis eingegraben, und noch heute zitterte beim Bericht seine Stimme, als er mir erzählte, wie sein Magen einmal das ungewohnt fette Essen nicht vertragen, sondern wieder ausgebrochen habe. So einfach waren Holzens Essenberichte, und doch lauschte ich ihnen immer wieder gerne, sie waren rührend! Und es hungerte sich gut bei ihnen, weil sie so einfach waren. Wir aber konnten dabei immer wieder feststellen, daß ein Zuchthäusler ungefähr doppelt soviel Essen wie die Insassen einer Heil- und Pflegeanstalt bekommt.

»Da siehst du es«, sagte dann Holz wohl, »wie sie uns beklauen! Aber was willst du machen? Ein Esel ist da zum Lastentragen und Prügeln, und wir sind noch schlimmer dran als ein Esel, der doch noch ein paar Mark wert ist. Bei uns sind sie immer froh, wenn wir tot sind.«

Solche Worte sagte Holz ohne Anklage, ja, auch ohne Bitterkeit. Das waren für ihn selbstverständliche Feststellungen über den unabänderlichen Lauf der Welt.

Im Bau genoß der stille Holz einen guten Ruf, sowohl bei den Beamten wie bei den Gefangenen. Er war auch hier sofort ›ohne Bewährungsfrist‹ auf Außenarbeit gekommen, er arbeitete für einen Bauunternehmer in einer Kiesgrube. Dabei kam er wohl viel mit ›Zivilisten‹ zusammen und bekam mancherlei geschenkt. Immer hatte er für einen Kameraden zwei Streichhölzer oder ein Zwiebelchen übrig, und er war der vielbeneidete Besitzer eines Glases mit Salz, auch Muskat und Pfeffer besaß er. Damit verschönte er seine Wassersuppen. Aus einer gefundenen alten Sardinenbüchse hatte er sich eine Reibe gemacht, indem er in ihren Boden mit einem Nagel Löcher geschlagen hatte, und auf dieser Reibe rieb er Petersilienwurzeln, Sellerieknollen, Mohrrüben, ja, wenn der Hunger sehr arg war, sogar rohe Kartoffeln. Mit all diesen Kleinigkeiten, die einem Menschen ›draußen‹ ganz selbstverständlich erscheinen, verschönte er sich sein stilles schlichtes Leben, brachte ein wenig Freude hinein, wußte immer etwas, auf das er sich freuen konnte. Er spielte nie bei einem Spiel mit, entweder weil er es nicht konnte oder nicht wollte, las nie eine Zeitung, hörte beim Radio nur die leichteste Tanzmusik an.

»Das macht mir Laune!« sagte er dann, in seinen Augen war ein wenig Licht, und er lächelte ein seltenes, rührendes Lächeln. Alles in allem ein bescheidener, mutiger Mensch – ich bin froh, daß ich mich nie ernstlich nach seiner Straftat erkundigt habe, ich möchte mir dieses Bild nicht schwärzen.

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