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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 52
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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51.

 

19. 9. 44

Es war eine Niederlage, eine schmähliche Niederlage, mit nichts war die Größe dieser Niederlage vor mir zu beschönigen. Ich war als ein Lügner entlarvt, ich hatte Abstinenzerscheinungen und litt an krankhaften plötzlichen Antipathien. Ich dachte vielleicht auch an Flucht. In ohnmächtiger Verzweiflung lag ich in meinem Bett, ich hätte weinen können vor Reue und Scham. So viel vorausbedacht und vorausgesorgt und in jede Falle hineingetappt wie der erste dumme, gehirnlose Junge! Und es ist ja doch alles gar nicht wahr, was sie von mir denken, rief ich verzweifelt bei mir aus. Ich denke wirklich nicht an Flucht, und ich habe wirklich keine Abstinenzerscheinungen gehabt, oder nur in den allerersten zwei oder drei Tagen, und auch da nur ganz gering. Und wenn ich den Arzt ein wenig über meinen Alkoholverbrauch angeschwindelt habe, so doch nie in der Absicht, ihn zu täuschen. Er kam mit einer vorgefaßten schlechten Meinung von mir hierher, einer Meinung, die den Tatsachen nicht entsprach, es war eine Pflicht der Selbsterhaltung von mir, mit jedem Mittel diese vorgefaßte Meinung zu zerstreuen!

Aber ich mochte mir was immer erzählen, die Tatsache blieb, daß ich eine schwere Niederlage erlitten hatte, daß ich in den Augen von Arzt und Oberpfleger wie ein kleiner windiger Spitzbube dastand, der sich mit allen Kniffen und Pfiffen von seiner Schuld freischwindeln will.

›Schuld?!‹ dachte ich. ›Was habe ich denn groß für eine Schuld?! Dies bißchen Bedrohung – Mordhorst hat gesagt, für eine Bedrohung kriegt man höchstens ein Vierteljahr! Das ist gar nichts, das kann man überhaupt nicht rechnen! Sie aber machen einen Riesensums daraus, sie schleppen mich in Gefängnis und Heilanstalt, sie nehmen mir das ›Herr‹ vor meinem Namen Sommer. Kohlwasser geben sie mir als Fraß, und sie veranstalten Verhöre mit mir, als sei ich ein Muttermörder und der letzte der Menschen! Ich bin gewiß, wenn sie mich nur fünf Minuten mit Magda reden ließen, ich hätte sie überzeugt; gemeinsam träten wir vor diesen lächerlichen Staatsanwalt mit der vorgeschobenen Unterlippe und den starrenden Augen; und dieser Kerl müßte sofort das Verfahren gegen mich einstellen! Aber‹, dachte ich rasch und qualvoll weiter, ›aber es liegt auch an Magda! Wenn sie ein bißchen von der Liebe und Treue hätte, die Ehegatten doch für einander haben sollen, sie hätte sich längst zum Besuch bei mir vorgemeldet, sie setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um mich aus diesem Totenhaus herauszubekommen! Nichts von alledem! Nicht einmal einen Brief hat sie mir geschrieben. Aber ich weiß, wie es ist: sie steckt mit den Ärzten unter einer Decke. Die erzählen ihr, ich bin hier gut aufgehoben und habe nichts auszustehen, und das genügt ihr, da macht sie sich keinen einzigen Gedanken mehr über mich. Sie hat ihren Zweck erreicht, walten und schalten kann sie in meinem Eigentum, wie sie will – das ist ihr das Wichtigste! Aber warte, eines Tages werde ich trotz aller Kniffe und Pfiffe wieder aus diesem Haus herauskommen, und dann sollst du sehen, was ich alles tun werde ...‹ Und mit wilder Wut stürzte ich mich in Rachephantasien. Ich verkaufte das Geschäft hinter ihrem Rücken, und wollüstig malte ich mir aus, wie sie eines Morgens auf das Kontor kommen würde, aber auf ihrem – meinem Platz hinter dem Chefschreibtisch würde der junge Unternehmer von der Konkurrenz sitzen und ihr spöttisch entgegenlächeln: »Nun, Frau Sommer, auch einen kleinen Einkauf bei meiner Firma tätigen? Zehn Kilo gelbe Viktoria-Erbsen gefällig? Ein Kilo blauen Mohn für den Sonntagskuchen?«

Sie aber würde vor Scham und Zorn und Verzweiflung dunkelrot werden, und ich sah das alles, im großen Registraturschrank versteckt, mit frohlockendem Herzen an. Oder ich malte mir aus, wie ich nach meiner Entlassung aus diesem Totenhaus in die weite Welt hinauswandern würde, wie ich mich lange Jahre als Bettler und Stromer in fremden Landen herumtreiben und erst spät, für jeden unkenntlich, in meine Vaterstadt heimkehren würde. Da würde ich an der Tür meines eigenen Hauses um ein Stückchen Brot betteln, hart aber würde sie es mir verweigern. In der Nacht dann würde ich mich am Pflaumenbaum vor ihrem Fenster erhängen, einen Zettel in der Tasche, wer ich sei und daß ich ihr alles mir angetane Unrecht verziehe ... Tränen der Rührung über mein unseliges Schicksal traten mir jetzt in die Augen, und diese Phantasien, so kindisch sie auch waren, beruhigten mein Herz doch ein wenig.

Längst schliefen meine Gefährten, die noch bis zum Dunkelwerden miteinander geplaudert hatten, das heißt nur zwei von ihnen, der dritte, ein älterer Mann mit einem schönen traurigen Gesicht und einer wundervoll gewölbten hohen Stirn, hatte sofort die Decke über den Kopf gezogen. Ich beglückwünschte mich zu den ruhigen, anständigen Schlafgenossen; ich merkte es in dieser Nacht: sie hatten auch einander dazu erzogen, den Kübel nur zum kleinen Geschäft zu benutzen und sich das andere lästige für den Tag aufzusparen. Ein kleines Gefühl von Dankbarkeit regte sich wieder in mir für den arglistigen Medizinalrat, daß er mir diese so viel bessere Schlafgelegenheit besorgt hatte. Ich war überzeugt davon, daß ich mit den unbescholtensten und gesündesten Menschen im ganzen Bau zusammengelegt worden war. Es dauerte freilich nur ein paar Tage, bis ich erfuhr, daß der ältere Mann mit der schönen Stirn und dem traurigen Gesicht, der den ungewöhnlichen Namen Qual führte, ein Mörder war, der seinen Vetter wegen Geldes in geradezu bestialischer Weise abgeschlachtet hatte. Jetzt war sein Geist durch all die Qualen, die er erst lange Jahre im Zuchthaus und nun hier in diesem Haus erlitten hatte, völlig verwirrt. Bei ihm war jedenfalls sein Name sein Schicksal, das verriet schon sein Gesicht.

Tagelang war er ganz stumm, und dann hatte er wieder Zeiten, in denen er mit heiterer, hoher Stimme (und doch immer fast tonlos, ganz ohne Resonanz) vieles erzählte: vom ausdörrenden Sonnengott, vom Glashaus auf dem Montblanc, in dem die nächste Eiszeit zu verbringen war, und von den Kastanien und Eicheln, die durch eine von ihm erdachte ›Säfteumkehrung‹ eßbar werden würden. Dadurch würde unsere Anstaltsverwaltung in die Lage versetzt werden, uns mit besserer Kost und doch ganz umsonst zu ernähren. (Wie bei uns allen, kreisten auch bei Qual die Gedanken wohl verwirrt, doch unablässig um das bißchen Fressen.) Zu anderen Zeiten war Qual wieder stumm, oder streitbar und reizsüchtig, dann gingen ihm alle weit aus dem Wege. Er stand in dem – vielleicht ganz unbegründeten – Ruf, ein ›kalter Mörder‹ zu sein, um ein einziges Wort würde er jeden Menschen umbringen. Ich glaube, daß dieser Ruf ganz unbegründet war; ich habe jedenfalls kein einziges Mal erlebt, daß er die Hand gegen einen anderen erhoben hätte.

Qual hatte einen wirklich großen Kummer: daß er seiner Ansicht nach noch nicht richtig Deutsch sprechen und schreiben konnte. Oft versicherte er mir, er würde all sein Essen von einer ganzen Woche für das Buch ›Lies und schreib richtig Deutsch‹ hingeben. Dabei sprach er ein sehr viel besseres und gewählteres Deutsch als fast alle anderen Insassen im Bau, seine flüsternde und dabei doch heitere Sprechweise vermochte seinen Worten sogar eine Art von Charme zu verleihen. Wenn ich, für den er eine gewisse Vorliebe gefaßt hatte, ihm das zur Beruhigung seines Kummers versicherte, so sagte er lächelnd: »Nein, nein, ich weiß, was ich weiß. Und dabei hätte ich so gut Deutsch lernen können, ›uns' Mudding‹ sprach ein so reines und schönes Deutsch, aber nie mit mir. Mit mir mußte sie immer taltschen und albern, sie verdrehte jedes Wort auf die kindischste Weise. Das war sehr unrecht von ›uns' Mudding‹; es hat mir im Leben viel geschadet, daß ich kein gutes Deutsch sprach. Sie hätten mich auch nie festnehmen können, wenn ich richtig Deutsch gesprochen hätte – wie konnten sie mich überhaupt festnehmen? Wer gab ihnen das Recht dazu?«

Die letzten Worte hatte er schon fast unhörbar zu sich selbst gesprochen, und nun hatte sich sein kranker Geist wieder in dem krausen Gespinst seiner wirren Gedanken verloren; von meiner Gegenwart wußte er nichts mehr.

Aber mit ›uns' Mudding‹ hatte es Qual oft, immer hatte er dann etwas an ihr auszusetzen: daß sie alles wegschenkte, daß sie sich nie Ruhe gönnte, daß sie überhaupt viel zu gut war. Aber alle diese Ausstellungen machte er mit einem so heiteren, leichten Ton, daß man gerade aus ihnen die Liebe des alternden Mannes zu der längst gestorbenen Mudding spürte; er sprach mit einer fröhlichen Überlegenheit von ihr und blieb dabei doch immer der gehorsame Sohn einer guten Mutter.

Qual war der Sohn eines Schlossermeisters in einer kleinen holsteinischen Stadt. Kurz vor dem Tode des Vaters hatte er, damals schon als Geselle in ihr arbeitend, die Schlosserei übernommen und als Meister weiter betrieben. Was ihn zu seiner bestialischen Tat getrieben, weiß ich nicht. Das alles lag schon zwei Jahrzehnte zurück, seitdem lebte Qual in festen Häusern. Auch bei uns arbeitete er in der Anstaltsschlosserei und genoß sogar eine gewisse Freiheit. Nie sagte ihm ein Beamter ein Wort, er verlangte allerdings auch nie etwas, war mit allem zufrieden. Ich sehe ihn, da ich dies schreibe, wieder auf seinem Bett liegen, wie er es in jeder freien Minute tat – trotz des Verbotes. Niemand sagte ihm deswegen auch etwas, vielleicht weil seine hinfällige Schwäche so sichtbar war. Neben dem Bett stehen seine Pantoffeln, er hat die Knie leicht angezogen und stützt den Kopf mit der schön gewölbten Stirn in die Hand. Manchmal sagt er dann langsam in tiefe Gedanken verloren, vor sich hin: »Ich bekam ja keinen einzigen Auftrag mehr, und Not kennt kein Gebot ...«

Vielleicht war wirklich Not der Schlüssel zu seiner Tat. Wie dem auch sei, ich habe den Mörder Qual gerne gemocht. Es hat mir wehgetan, als sie ihn eines Tages in den Anbau trugen, in die Sterbezelle, in der die meisten von uns ihr Leben beschließen werden. Er starb an der Tuberkulose, der Todesgeißel dieses Totenhauses.

Mein zweiter Schlafgenosse war der Kalfaktor Herbst, mein Nachfolger im Namen, ich habe ihn früher schon kurz erwähnt. Mit ihm schloß ich zuerst im Bau eine Art Freundschaft, die aber bald deswegen in die Brüche ging, weil bei mir nicht das Geringste zu holen war. Herbst, ein junger Bursche von fünfundzwanzig Jahren, der aber schon über fünf Jahre in unserem Bau war und vorher schon eine zweijährige Gefängnisstrafe in einem Jugendgefängnis abgerissen hatte, war eigentlich von Beruf Schlächter und nicht frei von jener unbedenklichen Brutalität, die man manchen Männern dieses Berufes nachsagen zu können glaubt. Er war ein großer stämmiger Bursche, mit einem langen, fetten Gesicht, fast toten, starrenden Augen und rotblondem Haar, an dem er jeden Morgen mindestens eine Viertelstunde herumkämmte und bürstete, zum lebhaften, aber aus weiser Vorsicht stumm ertragenen Ärger von uns anderen, denen er dabei in der engen Zelle ewig im Wege stand. Herbsts Bart aber, ehe er am Sonnabend unter dem ›Clipper‹ fiel, einer Rasiermaschine, die statt der verbotenen Klingen eingeführt war, war brennend rot. Das gab Anlaß zu mancher niederträchtigen Anmerkung über den Charakter unseres Essenkalfaktors, Anmerkungen, die leider nur zu viel Berechtigung hatten. Mit einer schamlosen Unbedenklichkeit ließ sich Herbst von allen Seiten Tabak und Lebensmittel zustecken, Seife, Obst – ohne je an eine Gegenleistung zu denken. Dem, der ihm am Tage vorher eine ganze Handvoll Tabak geschenkt hatte, verweigerte er grob am nächsten Tag ein paar Krümel, auf denen der Rauchhungrige ein bißchen kauen wollte. Seine Stellung als Kalfaktor gab ihm dieses Übergewicht. Ich lernte bald, mit scharfen Augen zu beobachten, bei wem der Kalfaktor die Essenskelle stärker füllte. In einem Haus, in dem der Hunger ein unbarmherziges Regiment führt, hat der Essenverteiler leicht regieren. An sich war es natürlich verboten, daß der Kalfaktor selbst das Essen ausgab, das gehörte zu den Pflichten der Beamten. Aber die Beamten hatten oft zuviel Rennerei, oder sie waren auch gleichgültig. In diesem Hause hätte ein Engel vom Himmel herabsteigen und das Essen austeilen können, es wäre doch gemurrt worden. So ging alles seinen alten Lauf, und der Kalfaktor Herbst wurde stets fetter dabei. Die besten Geschäfte machte er aber beim Brotschneiden und Schmieren. Ich habe es schon gesagt, auch dabei sollte ein Beamter anwesend sein, aber Herbst nutzte jede kurze Abwesenheit des Oberwachtmeisters skrupellos aus und stahl Brot, Margarine, Marmelade. Da diese Lebensmittel ihm genau auf den Kopf zugewogen waren, mußte er aus unseren Rationen entsprechend kürzen. Aber wenn er jedem Manne unter sechsundfünfzig auch nur zehn Gramm abzog, hatte er schon über ein Pfund Brot verdient, und an einem Pfund Brot kann man sich schon satt essen! Das so gewonnene Brot fraß der Fette selbst, tauschte es auch, wenn er sehr in Not war, gegen Tabak, in der Hauptsache wanderte es aber zu jenem ›Freunde‹ Kolzer, den ich schon einmal kurz erwähnt habe, als einen der beiden jungen Burschen, die unter uns ältere Männer einen Duft verderbter Liebe trugen. Kolzer war keine ›Hure‹, wie etwa der junge Schmeidler, der sich an jeden verkaufte, er war seinem Freunde Herbst treu. Herbst führte freilich auch ein gestrenges Regiment über ihn, schlug ihn sogar manchmal, sobald er nach Herbsts Ansicht eine Dummheit begangen hatte, fütterte ihn aber auch bis zum Mästen und hielt ein wachsames Auge über ihn. Kolzer, ein großer, kräftiger Junge mit dunkelblondem Haar, hatte ein nicht unschönes Gesicht, das aber stumpf und ohne Leben wirkte. Er war stark schwachsinnig, konnte weder lesen noch schreiben, hatte aber durch das unermüdliche Bemühen seines Freundes wenigstens ›Mensch ärgere dich nicht‹ spielen gelernt. Aber so unentwickelt Kolzers Geist auch war, so gut verstand es der Junge, sich auf der Station durchzusetzen und vor allem, sich dauernd von der Arbeit zu drücken. Immer hatte er kleine, nicht schmerzhafte Verletzungen oder geringe Fieberanfälle, die ihm das Arbeiten ganz unmöglich machten. Unter den Kranken herrschte deswegen eine ständige Mißstimmung, bei Schmeidler war es ja ganz ähnlich.

»Die jungen starken Bengel sitzen im Bau, und die alten abgemergelten Männer müssen die Arbeit tun!«

Das war wohl wahr, aber Kolzer besaß auch einen mächtigen Fürsprecher in der Person seines Freundes Herbst, der ständig im Glaskasten aus- und einging und der bevorzugte Nachrichtenträger des Oberpflegers war. Kolzer also wurde mit Margarine- und Marmeladenschnitten gefüttert, und da man sich im Bau nie isolieren konnte, blieb es nicht aus, daß er von anderen Kranken oft beim Verzehr des Diebesgutes erwischt wurde.

»Heute hat der Kolzer wieder auf dem Klosett Brot gefressen, da war so dick Butter drauf!« (Die Margarine hieß im Haus nur ›Butter‹.) Dann tobte Herbst über die Lampenmacher. Zur Rede gestellt vom Oberpfleger, erklärte er, daß er dem Kolzer nur die beim Brotschneiden abgefallenen Krumen gegeben habe, vielleicht sei eine abgebrochene Brotecke dabeigewesen, und die Margarine habe sich Kolzer vom Einwickelpapier abgekratzt ... Im übrigen, wenn es so weitergehe mit den Stänkereien, schmeiße er die Arbeit hin und gehe wieder in die Fabrik. Möchten die andern doch sehen, ob sie seinen Posten besser versehen könnten. Er sei – hier nahm seine Stimme einen klagenden, weinerlichen Ton an – er sei immer ehrlich und anständig gewesen. Aber das dürfe man eben in diesem Haus voller Banditen nicht sein! Nein, jetzt habe er es endgültig über, jetzt gehe er wieder in die Fabrik ...

Dann redeten ihm die Wachtmeister gut zu, und er blieb gnädig. Er hatte ja auch seine Vorteile: er hielt auf sich, war sauber und trug unbedenklich den Beamten alles zu.

Zu seinen Gefährten aber war Herbst nach einer solchen Anzeige nicht weinerlich. In seiner Wut über die Denunziation verlor er jede Selbstbeherrschung, schneeweiß im Gesicht schrie er den andern an und vergaß eine solche Beleidigung seiner ›Ehrlichkeit‹ nie. Vor dem Schlagen nahm er sich höllisch in acht. Früher war er als gefürchteter Schläger öfter in Arrest gewandert, aber der Medizinalrat hatte ihm klargemacht, daß er nie auf eine Entlassung würde rechnen können, wenn er sich nicht zu beherrschen lerne. Und entlassen wollte Herbst unter allen Umständen werden. Die Entlassung war die eine große Hoffnung dieses fünfundzwanzigjährigen Menschen, der die entscheidenden sieben Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte. Für diese Entlassung hatte er das größte Opfer gebracht: er hatte sich freiwillig entmannen lassen. Er hatte seine Gefängnisstrafe wegen Sittlichkeitsvergehen mit jungen Burschen bekommen, und man hatte Herbst begreiflich gemacht, daß er nie auf die Freiheit würde rechnen können, wenn er nicht in diese Entmannung willige. Anderthalb Jahre hatte der junge Mensch mit sich gekämpft, dann hatte er eingewilligt. Zu der Zeit, da ich eingeliefert wurde, lag die Entmannung erst ein halbes oder gar nur ein Vierteljahr hinter ihm. Schon wurde er fett, sein Gesicht sah schwammig aus und war ungesund bleich. Die Augen blickten trostlos. Aber er hoffte von Tag zu Tag auf die Entlassung, der Medizinalrat hatte sein Gesuch befürwortet, alle hatten es ihm gesagt. Da hatte er sich nun zu dieser schrecklichen Sache, der Entmannung, entschlossen, und noch immer war er nicht frei. Er wartete von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, aber der ersehnte Bescheid vom Generalstaatsanwalt kam nicht. Manchmal tobte Herbst: man habe ihn richtig reingelegt, der Medizinalrat, der Oberpfleger, alle hätten sie ihn übers Ohr gehauen! Da sei er nun seine – Hoden los und für was?! Für nichts, bloß damit die hohen Herren ihn auslachten!

Mittlerweile war es sonderbar, daß diese Entmannung nichts an seinen Gefühlen für Kolzer geändert hatte. Er war wie vorher sein Freund, sein einziger Umgang, sein Päppelbaby. Für ihn lebte er, nur an ihn dachte er. Hatte der Junge am Abend ein bißchen Fieber, redete Herbst bei unseren Einschlafgesprächen kein Wort mit; er hatte die Decke über den Kopf gezogen, aber er schlief nicht. Nein, vielleicht merkte Kolzer etwas davon, daß die Gefühle Herbsts für ihn sich verändert hatten, wir sahen nichts davon.

Am meisten von allen im Bau haßte Herbst den Schuster Buck, jenen eitlen, dummen und intriganten Menschen, der, wie ich im Falle Schmeidler erlebt hatte, die gleichen Neigungen wie Herbst hatte. Und als an einem Abend der Schuster den Jungen Kolzer wegen heimlichen Brotessens im Glaskasten denunziert hatte, fiel Herbst, wohl ganz kopflos durch das lange, vergebliche Warten auf seine Entlassung geworden, über Buck her und schlug ihn windelweich.

Bei der nächsten Arztvisite wurde er vor den Medizinalrat gerufen und ihm eröffnet, seine bereits vom Generalstaatsanwalt verfügte Entlassung könne nun doch nicht erfolgen, da er durch diese Schlägerei völligen Mangel an Hemmungen, an Selbstbeherrschung bewiesen habe. Ich lasse es – einig diesmal mit dem ganzen Bau – dahingestellt, ob Herbst wirklich entlassen werden sollte, oder ob dies nur ein Vorgeben des Arztes war, um sich von einem Versprechen zu lösen, dessen Erfüllung sich durch die Haltung des Generalstaatsanwaltes nachträglich als sehr schwierig herausgestellt hatte. Jedenfalls wanderte Herbst statt in die ersehnte Freiheit erst einmal für vierzehn Tage in den Arrest und trat dann wieder seinen alten Posten als Kalfaktor an. Er war ein sehr schlechter Charakter, und doch mußte ich die Haltung bewundern, mit der er diese fürchterliche Enttäuschung aufnahm. Er sprach nie wieder ein Wort von seiner Entlassung, er tat seine Arbeit fleißig, sauber und unredlich wie bisher, er lebte nur noch für den Bau.

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