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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 51
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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50.

Wirklich, der Arzt wartete schon für mich – kaum war eine Stunde vergangen, und reichlich siebzig Patienten waren bereits behandelt. Medizinalrat Dr. Stiebing, im weißen Ärztemantel, lächelte mir freundlich entgegen, er forderte mich auf, Platz zu nehmen, und reichte mir sogar die Hand. Wartend, mit wachsamen Augen, stand der Oberpfleger im Hintergrund, keine Bewegung, kein Wort ließ er sich entgehen. Ich fand es gut, daß er sah, mit welcher Auszeichnung mich der Medizinalrat behandelte, jetzt dieser freundliche Empfang, vorher die Verlegung auf eine bessere Zelle – er würde sich schon in acht nehmen, mich zu hart zu behandeln.

»Also«, sagte der Medizinalrat lächelnd, »nun sind Sie doch bei mir gelandet, Herr Sommer. Vor vierzehn Tagen hätten wir Sie noch in eine etwas komfortablere Umgebung gebracht, der Kollege Mansfeld und ich. Nun, nun, Sie werden es auch hier aushalten. Es ist ein ordentliches Haus, es wird Ihnen hier schon Ihr Recht werden. Ein bißchen Disziplin ist jedem Menschen gut, nicht wahr?«

Er war wirklich die Freundlichkeit selbst. Gerührt dankte ich ihm für den mir zugewiesenen besseren Schlafplatz.

»Schon gut, schon gut«, wehrte der Medizinalrat ab. »Was wir tun können, Ihnen den Aufenthalt zu erleichtern, das werden wir schon tun. Natürlich gibt es gewisse unumstößliche eiserne Hausgesetze ...«

Er sah mich mit einem freundlichen Bedauern an.

Dann: »Und auch Sie werden alles tun, um uns unsere Aufgabe zu erleichtern, nicht wahr, Herr Sommer?«

Ich versicherte es, ich fragte, ob der Medizinalrat ein Gutachten über mich zu erstatten habe?

»Nein, noch nicht«, sagte er rasch. »Ich nehme an, man wird eines von mir anfordern, aber vorläufig sind Sie mir nur zur Unterbringung hier zugewiesen, Herr Sommer.«

»Aber dann dauert das alles doch so lange!« rief ich klagend. »Warum denn nicht sofort dies Gutachten erstatten? Der Fall liegt doch ganz klar. Es liegt doch nur eine kleine Bedrohung vor, und ich bin überzeugt, daß Magda, daß meine Frau aussagen wird, daß sie sich gar nicht von mir bedroht gefühlt hat. Wegen einer solchen kleinen Sache kann man mich doch nicht wochenlang hier festhalten!«

Ich hatte immer ernster und immer überzeugender gesprochen, von vornherein wollte ich klarstellen, ein wie großer Abstand zwischen meinem Fehltritt und der Unterbringung hier bestand.

»Aber, aber!« rief der Arzt und legte mir beruhigend die Hand auf den Arm. »Warum denn so eilig? Erst einmal müssen Sie sich gründlich ausruhen und wieder ganz gesund werden ...«

»Aber ich bin ganz gesund!« versicherte ich.

»Kein Schwindel?« fragte der Arzt. »Keine Schweißausbrüche? Kein Appetitmangel und dann plötzlicher Heißhunger? Keine Sehnsucht nach Alkohol?«

»Ich denke überhaupt nicht an Alkohol!« rief ich, entsetzt über einen solchen gefährlichen Verdacht. »Ich fühle mich ganz gesund!«

»Also wirklich gar keine Abstinenzerscheinungen?« fragte der Arzt zweifelnd. »Nun, wie steht es damit, Oberpfleger, haben Sie etwas beobachtet?«

Erwartungsvoll sah ich in das harte dunkle Gesicht des Oberpflegers. Er konnte nicht das Geringste beobachtet haben, dessen war ich sicher.

»Gestern abend«, berichtete der, »hat Sommer dringenden Hunger vorgegeben und Abendessen verlangt, dann hat er aber nur vier oder fünf Löffel davon gegessen. Lexer behauptete heute bestimmt, Sommer habe eine Rasierklinge in der Tasche gehabt; wir haben sie nicht finden können, aber immerhin – im allgemeinen waren solche Angaben Lexers bisher zuverlässig. Sommer ist auch die Ruhelosigkeit selbst, er kann nicht fünf Minuten auf einem Fleck sitzen, sich mit nichts beschäftigen, hat keine Zeitung angefaßt ...«

»Aber«, rief ich, empört und entsetzt über eine solche entstellende Meldung, »das hat doch alles ganz andere Gründe. Das hat doch mit dem Alkohol und Abstinenzerscheinungen überhaupt nichts zu tun. Wirklich, Herr Medizinalrat, ich denke überhaupt nicht an Schnaps ...«

Der Medizinalrat und auch der Oberpfleger, beide lächelten dünn.

»Aber wirklich!« rief ich noch überzeugender. »Ich habe einen solchen Schock durch meine Verhaftung und all die Folgen jetzt erlitten: nie in meinem Leben wieder werde ich einen Tropfen Alkohol anrühren!«

»Das klingt schon besser«, sagte Doktor Stiebing freundlich und nickte.

»Und wenn ich gestern die Kohlsuppe nur angegessen habe, so doch nur darum, weil mir solches Essen ganz ungewohnt ist. Sicher«, setzte ich eilig hinzu, »war die Kohlsuppe sehr gut, aber zu Hause esse ich eben andere Dinge ...«

Beide sahen mich so aufmerksam an.

»Und wenn ich ein bißchen viel hin- und hergelaufen bin und keine Ruhe gehabt habe, so ist das in meiner Lage doch nur erklärlich. Wenn man eben über sein ganzes Schicksal im Ungewissen ist, wird man unruhig. Überhaupt laufen alle Menschen, die lange warten müssen, auf und ab, das sieht man doch in jedem Wartezimmer beim Zahnarzt, auf den Gängen im Gericht ...«

»Schon gut, schon gut«, unterbrach mich der Arzt, ich hatte aber das Gefühl, daß ich ihn nicht überzeugt hatte, und daß er lange nicht alles ›schon gut‹ fand.

»Und was ist mit der Rasierklinge? Die haben Sie ja ganz übergangen!«

Ich wollte nicht rot werden – und doch ... Nein, vielleicht bin ich gar nicht rot geworden, bilde es mir nur ein. Jedenfalls sagte ich mit großer Festigkeit: »Die Rasierklinge habe ich nicht übergangen, an die habe ich einfach nicht mehr gedacht. Ich habe hier nie eine Rasierklinge gehabt, wozu auch, wenn ich doch keinen Apparat habe ...«

Vielleicht stellte ich mich zu simpel, vielleicht dachte auch der Arzt, daß der Beschuldigte meist gegen eine ganz falsche Behauptung am schärfsten protestiert. Ich fand jedenfalls, daß schon diese einleitende Besprechung, bei der doch noch gar nicht von meiner Sache die Rede war, voller Fallen und Hinterüsten steckte.

Dem Arzt aber war nicht anzusehen, was er von meinen Worten dachte.

Ganz freundlich sagte er: »Jedenfalls haben Sie, wie ich gehört habe, vor noch nicht langer Zeit mit Trinken angefangen, da werden die Abstinenzerscheinungen ja gar nicht so heftig gewesen sein. Sie waren ja vorher auch noch in der Untersuchungshaft ...«

»Ja«, sagte ich, »und jeden Tag habe ich dort auf dem Holzhof gearbeitet – ich habe mich freiwillig zu dieser Arbeit gemeldet – und fragen Sie jeden Wachtmeister, ob ich nicht genausoviel wie jeder andere gearbeitet habe, und ich bin doch solche Arbeit eigentlich gar nicht gewöhnt.«

»Sie haben dann aber ziemlich kräftig getrunken?« fragte mich der Arzt und schien nicht gesonnen, nach der Güte meiner Holzarbeit Erkundigungen einzuziehen. »Man kann wohl sagen: sehr kräftig?«

»Eigentlich nie mehr, als ich vertragen konnte!« versicherte ich. »Ich bin nie getaumelt, Herr Medizinalrat, und bin auch nie hingefallen.«

Einen Augenblick mußte ich an jene Szene denken, wie ich mich immer wieder unter Elinors Fenster am Dachrand hatte hochziehen wollen und immer wieder rücklings in die Büsche gestürzt war. Und gleich erschien eine zweite Szene vor meinem inneren Auge, die sogar der Medizinalrat selbst beobachtet hatte, wie ich wirklich ziemlich sternhagelvoll mit einigen ebenso betrunkenen Dorfbewohnern randalierend am Schenkentisch gesessen, wie ich beim Hinausgehen fast gefallen war, wie mich Doktor Mansfeld zum Auto hatte führen müssen ...

›Das hätte ich nicht behaupten dürfen‹, dachte ich verzweifelt. ›Das war falsch. Das entwertet meine anderen wirklich absolut wahren Aussagen!‹

Aber ich verbot mir, daran zu denken, ich wollte auch den Medizinalrat hindern, darüber lange nachzudenken, deshalb fuhr ich rasch fort: »Jedenfalls bin ich bei jener Szene mit meiner Frau, die mir zuerst als Mordversuch ausgelegt worden ist, bei klarem Bewußtsein gewesen. Ich wußte genau, was ich tat, und ich tat kein bißchen mehr, als ich tun wollte. Und ich hatte vorher wirklich verhältnismäßig wenig getrunken.«

»Ja, mein Lieber«, sagte der Arzt, plötzlich fast spöttisch lächelnd, »unser beider Ansichten von wenig Trinken scheinen ein wenig weit voneinander entfernt. Zählen Sie mir doch mal auf, was Sie so im Durchschnitt täglich getrunken haben, soweit Sie sich daran erinnern.«

Ich dachte an Mordhorst, und wie er meine törichte Wahrheitsliebe getadelt hatte, daß ich vor dem Richter so eingehende Angaben über meinen Schnapsverbrauch gemacht hatte. Ich überlegte, ob der Arzt wohl schon diese Akten zur Einsicht erhalten hatte, und entschied, daß das wohl kaum der Fall war, da noch kein Gutachten von ihm angefordert war. Dennoch beschloß ich, sehr vorsichtig zu sein, nicht zuviel zu schwindeln, doch aber einen möglichst guten Eindruck zu erzielen. Bisher hatte ich keinen großen Erfolg mit meinen Angaben gehabt, das war klar. Alles aber kam darauf an, von Anfang an einen guten Eindruck auf den Arzt zu machen: hat man bei einem Menschen erst einmal gewonnen, so haben es nachfolgende, selbst ganz ungünstige Nachrichten schwer, diesen ersten guten Eindruck zu erschüttern. So überlegte ich, und so richtete ich auch meine Aussage ein. Fast nie hatte ich mehr als eine Flasche am Tage getrunken, aber meistens weniger ... Was ich in der Schenke verzehrt, wüßte ich nicht mehr so genau, weil ich dort aus kleinen Gläsern und auch mancherlei durcheinander getrunken, für andere mit bezahlt hatte, gab ich an. Der Arzt hörte meinen etwas weitschweifigen Bericht, das Gesicht in die Hand gestützt, fast schweigend an, nur selten eine kurze Frage einwerfend; Schließlich, als ich nichts mehr zu sagen wußte, sagte er: »Wie gesagt, es ist noch kein Gutachten von mir eingefordert, wir haben uns erst einmal nur ein bißchen unterhalten, um einander kennenzulernen. Machen Sie sich aber von dem Gedanken frei, Sommer (Sommer! nicht mehr ›Herr‹ Sommer), daß Ihre Berichte über das Gewesene Ihr Schicksal in diesem Hause entscheidend beeinflussen können. Über Ihre Zukunft entscheidet allein Ihr Wille, stark zu sein und Versuchungen wie den früheren zu widerstehen ...«

Er sah mich ernst an. Ich bin nicht sehr schlagfertig, ja, ich bin wohl ein etwas langsamer Denker, so nickte ich eifrig bejahend und meinen Besserungswillen beteuernd. (Erst zehn Minuten später, in meinem Bett, wurde mir klar, daß der Arzt mit diesem Satz meine Aussagen eigentlich als Lügen gebrandmarkt hatte – ach nein, nicht nur eigentlich, natürlich hatte er die Akten schon in der Hand gehabt und dort gelesen, wie ich fast für jeden Tag genaue Angaben über meinen Schnapsverbrauch gemacht hatte, sehr wesentlich höhere Angaben als heute. Aber da war es für den ›guten ersten Eindruck‹ endgültig zu spät.)

Jetzt reichte mir der Medizinalrat jedenfalls freundlich die Hand und sagte: »Also, wir sprechen uns wieder. Ich lasse Sie holen. Gute Nacht, Herr Sommer!«

Ich wollte schon gehen, da fragte der Oberpfleger: »Sommer soll doch arbeiten, Herr Medizinalrat?«

»Aber natürlich wird er arbeiten!« rief der Medizinalrat. »Dann wird ihm die Zeit nicht lang, und das Grübeln vergeht ihm. Sie haben doch selbst den Wunsch, zu arbeiten, Sie eifriger Holzhofsäger!« Ich versicherte, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hätte. Ich habe da einen schönen großen Garten vor der Mauer gesehen, vielleicht könnte ich in der Gärtnerei beschäftigt werden? Ich hätte immer so viel Lust zur Gärtnerei gehabt!

Der Medizinalrat und seine rechte Hand sahen einander an und dann mich. Sie lächelten etwas dünn.

»Nein, in dieser allerersten Zeit möchten wir Sie besser doch noch nicht ›draußen‹ arbeiten lassen«, sagte der Medizinalrat sanft. »Dazu müssen wir einander erst ein bißchen besser kennenlernen ...«

»Ach, Sie denken, ich laufe fort?« rief ich entrüstet. »Aber, Herr Medizinalrat, wohin sollte ich denn laufen, in dieser Tracht, ohne Geld, ich käme keine zehn Kilometer weit ...«

»Auch zehn Kilometer wären schon zuviel«, unterbrach mich der Arzt.

»Nun, Oberpfleger?«

»Ich denke, ich stecke ihn zum Bürstenmachen, da fehlt uns gerade ein Mann. Lexer kann ihn anlernen ...«

»Lexer?« unterbrach ich den Oberpfleger entsetzt. »Ich bitte Sie: bloß nicht Lexer! Wenn mir ein Mensch verhaßt ist, so ist es dieses kleine, widerliche, gellende Biest! Alles in mir dreht sich vor Ekel um, wenn ich diese Stimme nur höre ... Alles, was Sie wollen, bitte, nur nicht Lexer!«

»Haben Sie auch draußen schon an so heftigen Antipathien gelitten, Sommer?« fragte der Medizinalrat sanft. »Sie sind kaum vierundzwanzig Stunden in diesem Haus und haben schon einen solchen Haß auf einen ganz harmlosen schwachsinnigen Bengel gefaßt.«

Ich war verwirrt, verlegen – schon wieder hatte ich einen Fehler begangen.

»Es gibt doch so plötzliche Antipathien, Herr Medizinalrat«, sagte ich. »Man sieht einen Menschen, hört nur eine Stimme und schon ...«

»Ja, ja«, unterbrach er mich und sah plötzlich müde und traurig aus. »Wir reden von alledem noch später. Jetzt gute Nacht, Sommer!«

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