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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 50
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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49.

 

18. 9. 44

Ich kehre nun zu meinen eigenen Erlebnissen zurück. Es ist noch immer der Ankunftstag in der Heil- und Pflegeanstalt; eben habe ich die Freistunde hinter mich gebracht, habe ersten Einblick getan und erste Bekanntschaften geschlossen und stehe nun wieder auf dem langen, düstern Korridor, der auch am schönsten, hellsten Sommertag düster bleibt. Stunde um Stunde wandere ich dort auf und ab, unbeschäftigt, zerquält und doch stumpf. Froh bin ich, wenn der Oberpfleger oder ein Wachtmeister einmal vorüberkommt, mit einem Kranken, die Wäsche zur Kammer tragen, oder mit einem Stoß alter Akten. Es geschieht doch was! Es geht mich nichts an, was geschieht, und eigentlich geschieht auch gar nichts, aber ich werde von mir und meinem so ungewissen Schicksal abgelenkt: ich mag, ich kann mit mir nichts mehr zu tun haben!

Manchmal stelle ich mich auch an das eine mir zugängliche Fenster – das andere ist durch den Glaskasten verbaut – und starre hinaus, über die stachelbewehrte Mauer hinweg, in die Freiheit, die dort sonnenglitzernd ›draußen‹ liegt. Vor mir ragen, wiederum ›draußen‹, hohe Bäume. Linden sind es wohl; sie beschatten eine Chaussee, auf der Autos eilig vorbeirasen, ich sehe Mädchen auf ihren Rädern in hellen Kleidern vorbeitreten – aber ich wende den Kopf fort und trete wieder tiefer in den düstern Gang hinein. Das Leben da draußen quält mich, es gehört nicht mehr zu mir, ich bin davon abgetrennt, nichts wissen will ich mehr von ihm. Fahrt alle vorüber und fort, werde das Land leer von euch! Die Bäume sollen verdorren, der Sand über Wiesen und Äcker wehen, Wüste müßte um ein solches Totenhaus sein, dürre, tote Wüste.

Manchmal trete ich auch in einen der beiden Tagesräume ein, in den großen oder in den kleinen, und sitze da fünf oder zehn Minuten bei meinen Leidensgefährten. Leidensgefährten? Sie können nicht so leiden wie ich, ihr Schicksal hat sich schon entschieden, es ist die Ungewißheit, die mich so quält!

Manche schlafen, den Kopf auf den Tisch gelegt (denn das Schlafen auf den Betten ist verboten!), andere dösen stumpf vor sich hin, ein kleines, völlig schief gebautes, noch junges Menschenbündel, das auf beiden Augen schielt (aber auf jedem anders), mit einem birnenförmigen Kopf, hat ein unglaubhaft schmutziges Spiel Karten vor sich und legt langsam eine Karte nach der anderen vor sich hin, betrachtet sie sehr lange und grinst blöde dabei. Einer hat eine Zeitung vor sich, über die er hinwegstarrt. Und einer hat sich sogar die Hose ausgezogen und untersucht mit schmerzverzogener Miene die eitrigen und blutigen Furunkel an seinem Bein – an unserem Eßtisch!

Ich fliehe vor Ekel und stehe wieder auf dem Korridor. Ich lese die Namenstafeln an den Zellen; ich lese da: Gothar, Gramatzki, Deutschmann, Brandt, Westfal, Burmester, Röhrig, Klinger. Und im Weitergehen wiederhole ich es mir, wiederhole es wie die Vokabeln, die ich als Junge lernte: Gothar, Gramatzki, Deutschmann, Brandt ..., wiederhole es immer wieder, bis es sitzt. Und gehe zur nächsten Tafel über ... So lerne ich, bringe die Zeit hin, diese endlose Zeit, zweiundeinehalbe endlose Stunde! Was sind draußen zweiundeinehalbe Stunde? Aber was sind sie hier! Aber schließlich rücken die Hausarbeiter aus ihren Arbeitszellen ein, die Mattenflechter und Bürstenmacher; Türen werden geschlagen, Rufe werden laut, im Waschraum läuft Wasser, Pfeifen werden angebrannt. Gott sei Dank, Leben, ein bißchen Leben!

Und schon ertönt der Ruf: »Die Fabrik rückt ein!« und gleich darauf ein anderer: »Essenholer antreten!«

Wenig später sitzen wir in dem nun wieder voll besetzten Tagesraum; die in der Fabrik waren, sollen Neuigkeiten berichten und erzählen umständlich, daß sie diesmal Kisten zu tragen hatten, die anderthalb Zentner wogen, gestern waren es Kisten, die nur einen Zentner zwanzig Gewicht hatten. Sofort wird mit wütender Erbitterung ein Streit darüber geführt, wie sich diese Gewichtsdifferenz erklären lasse. Um unser Essen brauchen wir uns dabei nicht zu kümmern, es ißt sich von selbst, es ist Wasser mit einigen Kohlrabistücken. Ich bin noch so fein, daß ich diese Stücke, die vollkommen holzig sind, neben meine Schüssel lege. Eine große, verarbeitete Hand fährt über den Tisch, reißt die Stücke mit und schiebt sie in ein weitgeöffnetes Maul. Sofort schreit mich von der anderen Seite eine wütende Stimme an:

»Warum gibst du verdammt nochmal dem Jahnke deinen Kohlrabi?! Der Kerl frißt alles in sich rein, was er zu sehen kriegt, der würde auch Scheiße fressen, der Kerl!«

Und Jahnke brüllt wütend zurück: »Was geht dich Rotzjunge an, was ich fresse? Wenn der Neue mir den Kohlrabi gibt, ist das seine Sache! Bist du sein Vormund? Aber jeder junge Rotzjunge möchte hier Vormund spielen ...«

Gottlob bin ich bei diesem neu sich entspinnenden Streit, in den sich natürlich auch sofort andere mischen (»Hört doch endlich mit diesem Gesabbel auf, Gottverdammich! Könnt ihr nie Ruhe halten?!« – »Was geht's dich an?!« – »Recht hat er! Ruhe wollen wir haben!« – »Und ich schreie, soviel ich will!«). Gottlob werde ich in all dem nun entstehenden Tumult ganz vergessen. Der Wachtmeister aber im Glaskasten, der auch ein Fenster in unseren Tagesraum hat, hebt bei dem Gebrüll gar nicht den Kopf, liest seine Zeitung ruhig weiter.

Das Essen ist vorüber, ich habe das gestern noch für unmöglich Gehaltene vollbracht: ich habe einen schieren Liter warmes Wasser in mich hineingelöffelt. Im Augenblick komme ich mir gesättigt vor. In der Nacht aber wird mich das Knurren meines Magens darüber belehren, daß ich ganz und gar nicht gesättigt bin. Dafür aber werde ich von nun an auch zu den häufigen Kübelgängern gehören. Der Oberpfleger holt die Leute zusammen, die zum Arzt sollen oder wollen, letztere nur, soweit er ihr Vorhaben billigt. Von unserer Abteilung allein an die zwanzig Mann, ich gehöre nicht dazu. In der Hauptsache sind es Arm- und Beinverletzte, in der Arbeit erworbene Schäden. Es gibt erstaunlich viele derartige Schäden, entweder taugt die Unfallverhütung in der Fabrik nichts, oder diese geistesschwachen Arbeiter sind besonders ungeschickt. (Aber in diesem Fall müßte man ihnen doch eine ungefährlichere Arbeit geben?)

Vor dem Gitter aber, das unseren Korridor gegen das Treppenhaus abschließt, haben sich andere Kranke aus den beiden Häusern drüben angesammelt, ich zähle über dreißig. Und nun rücken ›die Weiber‹ an, meist Mädchen, auch an die zwanzig, unter der Führung ihrer Aufseherin. Sie werden ganz dicht an die Wand gestellt, und die Aufseherin paßt scharf auf, daß keiner von uns mit ihnen ein Wort wechseln kann. Aber das sind über siebzig Kranke – und jetzt ist es schon nach sieben Uhr abends! Will der Arzt bis weit nach Mitternacht Sprechstunde abhalten?! Da sind die Aussichten für mich schlecht! »Sind es immer soviel?« frage ich einen anderen Kranken.

»Soviel?« fragt er empört zurück. »Das sind heute noch wenig! In diesem verfluchten Bau ist doch jeder einzelne krank. Aber ich melde mich schon lange nicht mehr vor, es hat ja doch keinen Zweck.«

Der Arzt ist gekommen, während ich am anderen Ende des Ganges war. Ich habe ihn nicht zu Gesicht bekommen. Aber das macht nichts, ich komme heute doch nicht vor. Es ist auch besser so, bei über siebzig Kranken hat er doch nicht recht Zeit für mich. Besser ist es, einen anderen Tag abzuwarten, an dem es ruhiger ist. Ich muß ihm meine Geschichte in aller Ausführlichkeit erzählen.

Der Oberpfleger ruft: »Fußkranke vor, Füße freimachen!«

Und nun geht es los, in einem atemberaubenden Tempo. Immer zu sechs Mann werden sie in das Arztzimmer gelassen, und spätestens nach einer Minute taucht schon der erste wieder draußen auf: verarztet und behandelt!

Der Oberpfleger ruft: »Die anderen den Oberkörper freimachen! Hintereinander antreten!«

Die Mädchen gucken, wie die Männer aus ihrem Hemde schlüpfen. Das erregt die Wut der Aufseherin, einer derben ältlichen Person mit rotem Gesicht. Sie stürzt auf ein Mädchen zu, der ein paar Locken unter dem Kopftuch in die Stirn hängen.

»Was soll das Gezottel?!« schrie sie zornig. »Nur Männer im Kopf, was? Warte, ich will es dir zeigen, dich hier hübsch zu machen!?« Und sie riß dem Mädchen roh das Tuch vom Kopf.

»Was?!« schrie sie dann empört. »Sogar Locken hast du dir aufgesteckt?! Habe ich dir nicht hundertmal gesagt, du sollst einen einfachen Scheitel tragen? Aber ich will es dir zeigen!«

Und sie riß das Mädchen an den Haaren, riß die paar dürftigen Haarlöckchen auseinander. Das Mädchen bewegte geduldig, ohne auch nur eine Miene von Protest oder Schmerz, den Kopf hin und her, ganz wie ihre Peinigerin an den Haaren riß. Aber ich hatte nicht Zeit, diesem empörenden Vorgang (den ich als einziger empörend zu finden schien) weiter zu folgen.

Der Oberpfleger kam auf mich zu: »Rasch, Sommer, packen Sie Ihr Bettzeug und Ihre Sachen zusammen, Sie werden verlegt!«

Das Bettzeug und die Sachen waren rasch genug in ein Bündel gepackt, und ich folgte dem Oberpfleger, der in der Nähe des Glaskastens eine Zellentür öffnete. Die Zelle war kleiner als meine bisherige, aber es standen auch nur vier Betten in ihr. Gottlob schlief man hier nicht in zwei Etagen. Die Zelle war auch heller, luftiger, es roch nicht schlecht in ihr. Ich hatte mich entschieden verbessert; mit Recht schob ich das auf die Einwirkung des Arztes. ›Gottlob, er ist mir günstig gesinnt‹, dachte ich. ›Alles steht gut‹ Unterdes hatte der Oberpfleger einen alten Mann aus dem Bett gejagt. »Los, los, auf, Meier!« schalt er. »Machen Sie doch ein bißchen schnell! Sie kommen auf Station 2.«

»Ach Gott!« jammerte der alte Mann. »Muß ich denn wirklich schon wieder umziehen, Herr Oberpfleger? Immer werde ich rumgeschubst! Dies Bett habe ich doch erst ein paar Wochen! Und es war so ruhig hier und so schöne Luft ...«

Aber der Oberpfleger war nicht gesonnen, die Jeremiaden eines alten Mannes anzuhören.

»Raus mit Ihnen, Meier!« rief er dem alten Mann zu und gab ihm einen kräftigen Stoß. »Unterlassen Sie dies Gemecker!«

Der Alte taumelte auf seinen steckenhaft dürren Beinen aus der Zelle mit seinem Bettbündel; das kurze Hemd bedeckte kaum seine Hinterbacken. (Übrigens waren alle unsere Hemden zu kurz, manche bedeckten nicht einmal ganz die Geschlechtsteile; oft boten die Männer im Waschraum einen traurig-lächerlichen Anblick. Wahrscheinlich war es wiederum der Geiz der Verwaltung, der sogar unsere Hemden zur Stoffersparnis kürzte.)

»Sie können Ihr Bett nachher überziehen!« sagte der Oberpfleger eilig. »Kommen Sie jetzt mit zum Arzt! Er wartet schon.«

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