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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 49
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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48.

Ich habe es schon gesagt; ich habe diesen Hans Hagen nur kurze Zeit erlebt. Ich bedauere das, ich wäre gerne länger mit ihm zusammen gewesen. Er war grundschlecht, aber er war so schön, sein Gesicht strahlte wie das Luzifers, des gefallenen Engels. Für uns war er wirklich Luzifer, der Lichtbringer, gewesen, er hatte in unser ödes, graues Leben Licht hineingetragen, Bewegung, sogar Lachen. Ich habe ihn sehr bewundert – niemand ist seitdem mehr gekommen, der ihn ersetzt, der auch nur ein wenig von seinem Charme und seiner Lebendigkeit besessen hätte. Vielleicht bin ich in diesem traurigen Haus schon sehr tief gesunken, aber ich wage es zu sagen: Mag ein Mensch schon schlecht sein, wenn er nur Leben in sich hat und Glanz, alles besser als dieses graue, verschlissene, zerlumpte Dasein, das wir jetzt Tag für Tag – ohne irgendeine Aussicht auf Helle, herunterleben.

Es war schon gemurmelt worden: ›Der Hagen kommt fort‹, aber niemand hatte so recht daran geglaubt. Wohin sollte er denn kommen? In die Freiheit? Das hätten weder Arzt noch Verwaltung zugelassen.

Dieser König des toten Hauses, der hier nur Übles angestiftet hatte, dieser brutale Schläger, der seinem besten Freunde die Kinnlade ein- und das Auge ausschlug, wie sollte er sich draußen in der Freiheit bewähren? Sein Vater hatte die Hand von ihm abgezogen – wovon würde er leben? Nie würde dieser Mensch, der ja nichts gelernt hatte, als einfacher Arbeiter leben wollen. Dafür war seine Genußsucht viel zu stark. Nein, Hans Hagen, einunddreißig Jahre alt, von glänzenden Gaben, vielgebildet und ein bestrickender Unterhalter, war dazu verurteilt, den ganzen Rest seines Lebens in solchen Häusern zu verbringen, nie wieder würde er als freier Mensch über die Straßen einer Stadt gehen, kein Mädchen würde ihm lächeln, keine rechte Arbeit von ihm getan werden.

»Da geht der Hans!« sagte der Kalfaktor zu mir, und da sah ich ihn unten auf dem Hofe, ein Zivilbeamter führte ihn am Kettchen, er trug die Anstaltstracht: eine schilfleinene Joppe und eine braune manchesterne Hose. Der Kalfaktor erzählte mir noch, daß der Oberpfleger so gemein gewesen war, ihm nicht einmal das Tragen von Zivil zu erlauben. Auch war dem Hans Hagen verboten worden, das Brot und den Tabak, den er noch besaß, dem Otsche Schmeidler zu schenken, ebenso wie er seinem vielgeschlagenen Freunde Liesmann nicht seinen Rasierapparat und seine selbstgemachten Sandalen schenken durfte.

»Da geht der Hans!«

Wohin? In eine andere Anstalt natürlich, hier hat er sechs Jahre lang Schwierigkeiten gemacht, mögen sich nun andere mit ihm plagen! Sein Ruf reist ihm in seinen Akten voraus, das wird ihn nicht hindern, wieder das ganze Haus zu charmieren, sein König zu werden, Tribute zu empfangen und kleine Verschwörungen anzuzetteln, die ihm selbst nie gefährlich werden. Und ich sehe ihn älter werden, den Hans Hagen, sein schön gewelltes schwarzes Haar wird dünn und grau; andere, Jüngere, sind ihm jetzt an Kraft überlegen. Er muß List gebrauchen, wo er früher nur seine gerissenen Jiu-Jitsu-Griffe einsetzte, und eines Tages verfängt auch die List nicht mehr. Der Schimmer der Jugend ist verflogen, er ist alt, ein abgetaner König. Aber immer noch stehen vor seinem Blick die starken Eisengitter der Gefängnisse, ein Menschenleben hat er nur durch sie hinausschauen können in die Freiheit. Umsonst haben für ihn die Mädchen gelacht, umsonst haben für ihn die schimmernden Jachten ihre weißen Flügel entfaltet – im Totenhaus hat er gelebt, im Totenhaus wird er sterben. Armer Hans Hagen – so jung, so schön, so schillernd! Armer Hans Hagen? Ach, wir Armen alle! Bei uns allen fing es mit etwas Kleinem an, bei mir war es eine Flasche Rotwein, die, ein vergessenes Geschenk, gerade zur schlimmen Stunde im Büfett stand – bei ihm wird es ähnlich gewesen sein. Es fängt immer mit etwas Kleinem an, und dann verstrickt es uns, es wächst riesengroß auf über uns – und durch Gitter sehen wir nur noch die Freiheit. Die Turmuhr schlägt die Stunden, Hunderte, Tausende, Zehntausende – umsonst! Der Wind weht aus Nord, aus Ost, aus Süd und West, er weht weich und bitterkalt – nicht für uns mehr – nie für uns! Ach, daß wir wissend gewesen wären! Armer Hans Hagen! Ich muß noch einige wenige Worte sagen über die Hinterbliebenen von Hans Hagen, ich kann sie nicht anders nennen. Denn für uns alle war er mit seinem Fortgang gestorben, wir würden ihn nie wiedersehen, nie eine Zeile von ihm zu lesen bekommen. Wochenlang sahen wir Liesmann und Schmeidler jede Stunde, die sie sich von ihrer Arbeit freimachen konnten, stumm beieinander am Gangende stehen. Der frische Junge sah sehr bleich aus, seine Augen waren oft rotgeweint. Liesmann war noch finsterer und aggressiver denn je; beim geringsten Wort, das ihm nicht gefiel, schlug er ohne jede Warnung los, und so brutal wie nur möglich. Es war rührend, wie die beiden füreinander sorgten, sie halfen sich in allem, im Rauchen, im Essen. Und beide immer fast stumm nebeneinander, vereint durch den einen gemeinsamen Gedanken an den, der gegangen war. An den freien Sonntagnachmittagen, wenn ich mit dem finsteren Zeise und dem Querulanten Reddemien meinen Skat spielte, saßen sich die beiden gegenüber, Schmeidler und Liesmann, und spielten ›Mensch ärgere dich nicht‹. Sie spielten es stundenlang, ohne ein Wort zu wechseln, nur manchmal lachte der Junge auf, wenn es ihm gelungen war, seinen Gegner ganz auf den Anfang zurückzuwerfen. Sie mußten knapp mit Tabak sein, die Pfeife wechselte ständig zwischen dem einen und dem anderen Munde. Aber schon damals, als noch das beste Einvernehmen zwischen den beiden herrschte, als sie die gemeinsame Trauer um Hans Hagen einigte, überkam mich ein Gefühl von Angst, wenn ich in das maßlos bittere, kantige, scharfe Gesicht des Liesmann schaute, das durch den schwarzen Lappen vor dem Auge noch mehr entstellt war. Es konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Auf die Dauer konnte ein Junge von dem feilen Charakter Schmeidlers einem so abstoßenden, harten Gefährten wie Liesmann nicht treu bleiben, er würde auch die Entbehrungen nicht tragen mögen, zu denen ihn solche Treue verurteilte.

Und dann kam alles, wie es kommen mußte. Es war aber nicht der sehnsüchtige Brachowiak, den sich Otsche erwählte, sondern zu meiner grenzenlosen Überraschung der intrigante Schuster Buck, bei dem ich auf diese Weise eine ganz neue und wiederum nicht sehr einnehmende Seite seines Wesens kennenlernte. Die Folgen waren ein völlig zerschlagener Schuster, ein Otsche mit einem gebrochenen Bein und ein Liesmann, der nun seinerseits für acht Wochen den Arrest bezog. Als er wieder zu uns zurückkam – ihn hatte keiner mit Sondergaben versorgt – war Schmeidler aus unserer Mitte verschwunden – in irgendein Jugenderziehungsheim, in das er längst gehört hätte.

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