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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 48
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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47.

Ich hätte nie so viel von diesem seltsamen Verhältnis erfahren, wäre ich nicht bei unseren täglichen Mahlzeiten der Tischnachbar von Emil Brachowiak gewesen. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß die Menschen gerne zu ihrem Vertrauten einen stillen, schweigsamen Menschen erwählen, und ich redete während der ersten Woche meines Aufenthaltes in der Heilanstalt fast nichts. So machte mich Brachowiak zu seinem Vertrauten, in mein Ohr ergoß er täglich seinen Liebeskummer, ja, er wollte mich sogar zu seinem Liebesboten machen. Wie manche Stunde sind wir beide nach dem Abendessen auf dem langen Korridor nebeneinander auf und ab gegangen, und er hat unermüdlich auf mich eingeredet. Ich habe ihn weinen und vor Glück lachen sehen. Draußen wurde es schon dämmerig, an den Wänden lehnten verloren die Kranken; wenn sie an ihren Pfeifen sogen, leuchtete die Glut rot auf, in einer Zelle geheimnisten Hagen, Liesmann und Schmeidler miteinander, und der Ausgestoßene redete immer fieberhafter auf mich ein, ob er dem Medizinalrat ›die ganze Schweinerei‹ aufdecken, also Lampen machen oder besser noch einen Brief an Otsche schreiben sollte.

»›Otsche‹, werde ich ihm schreiben, ›ich habe so viel für dich getan. Zweieinhalb Pakete Tabak habe ich dir geschenkt und einen kleinen goldenen Ring, den ich in der Fabrik gefunden habe. Du hast den Ring gleich an Hagen weitergegeben, ich weiß das wohl, und der hat ihn an einen Kalfaktor verscheuert, für anderthalb Pfund Speck, die aus der Küche gestohlen worden sind. Aber ich will nicht darüber klagen, wenn du wieder nett zu mir bist. Seit gestern früh hast du nicht einmal Guten Tag gesagt, du siehst mich nicht mehr an. Du bist wieder gut zu mir, oder ich gehe zum Arzt und mache Lampen. Ich berichte dem Arzt alles, was du mir von den Schweinereien erzählt hast, die Liesmann und Hagen mit dir getrieben haben!‹ So werde ich ihm schreiben.«

»Ich an deiner Stelle würde keine Lampen machen, unter keinen Umständen«, antwortete ich. »Du fällst nur selbst mit rein.«

»Ja schön, aber willst du dem Otsche den Brief bringen, heute abend noch?«

Aber nein, das wollte ich nicht, aktiv wollte ich an dieser Sache nicht beteiligt sein. Es schadete auch nichts, denn Brachowiak fand leicht einen anderen Boten, und dann berichtete er mir am nächsten Morgen mit vor Entrüstung zitternder Stimme, daß Otsche Schmeidler ihm eine Antwort gesandt habe ...

»Nun, was denn für eine Antwort?« fragte ich. »Will er wieder gut sein?«

»Ich soll ihn am Arsche lecken«, schrie wütend der Brachowiak. »Dieser Rotzjunge, dieser Hurenkerl läßt mir das sagen! Aber warte, Bürschchen, jetzt bin ich endgültig mit dir fertig. Nichts bekommst du mehr von mir, keine einzige Pfeife Tabak mehr!«

Ach, er konnte so gut reden, der Brachowiak, ich wußte es wohl, er hatte kein Fäserchen Tabak mehr, Otsche hatte ihn völlig abgekocht, und Otsche wußte das auch.

Was aber sagte Hagen zu alledem, unser König, dieser liebenswürdige und charmante junge Mann, der immer wenigstens den Schein von Sauberkeit aufrechterhielt? Emil Brachowiak war ja so schamlos in seinem Liebeskummer, er wußte von dem Verhältnis Hagens zu Schmeidler, er sah den Jungen stets in der nächsten Umgebung des Königs, Otsche hatte ihm selbst von den Schweinereien erzählt, die sie miteinander trieben – aber trotzdem lief Brachowiak zu Hagen und klagte ihm, genau wie mir, sein Leid. Und Hagen hörte sich das an, er war liebenswürdig und nett, er sprach trostreiche Worte und sagte seine Vermittlung bei Schmeidler zu. Und hinter dem Rücken Brachowiaks lachten sie über den ausgeplünderten, nutzlosen Narren – oh, welche wahrhaft höllische Atmosphäre von Falschheit und Niedertracht!

Brachowiak war ein geschickter und fleißiger Arbeiter, er bekleidete eine Art Vertrauensposten in der Fabrik, er kam auch viel mit Zivilarbeitern zusammen und verstand sich auf Schmeicheln und Betteln; in kurzer Zeit hatte er wieder Tabak.

»Diesmal bleibe ich fest, diesmal kriegt er nichts ab, nicht eine Pfeife voll!«

Und Brachowiak ging den langen Korridor auf und ab, rauchte aus seiner langstieligen Pfeife und blies dem Schmeidler den Rauch ins Gesicht, ohne ihn auch nur zu sehen. Brachowiak hatte sich krankgemeldet, er ging nicht zur Arbeit, sondern mit mir zur Freistunde und – siehe da! – dieses Mal war im Hausgarten auch Schmeidler aufgetaucht, Schmeidler ganz allein, ohne Hagen und Liesmann. Ein seltener Anblick.

»Ich sehe den Kerl gar nicht an!« versicherte Brachowiak, als wir an Schmeidler vorbeigingen, der auf den Treppenstufen in der Sonne saß. Der leichte Sommerwind bewegte sein blondes Haar, er sah jung, er sah frisch, er sah unverdorben aus.

Als wir zum zweitenmal vorbeikamen, sagte Brachowiak: »Eben hat er mich schon angelächelt, der Otsche!«

»Bleiben Sie fest«, warnte ich ihn. »Es ist dem Bengel doch nur um Ihren Tabak zu tun. – Übrigens könnten Sie mir auch einmal Tabak schenken für eine Zigarette!«

»Ich habe meinen Tabak gar nicht unten«, sagte Brachowiak rasch. »Nein, der Kerl kriegt nicht ein bißchen. Der will mich ja doch nur wieder abkochen.«

Aber beim drittenmal sagte Schmeidler ganz freundlich zu uns: »Wollen wir nicht einen Skat spielen?«

Und er zog schon die schmutzigen Karten, auf denen die Bilder kaum zu erkennen waren, aus der Tasche. Brachowiak war willig genug, so sagte auch ich nicht nein, aber ich stieß ihn an, und er nickte beruhigend, fest entschlossen mit dem Kopf. So spielten wir denn unseren Skat, Schmeidler mit auffallendem Glück, Brachowiak ebenso auffallend schlecht. Schmeidler wurde der Gewinner, ich der zweite Mann.

Schon rief der Junge: »Das kostet aber ein bißchen Tabak, Emil«, lachte ihn an, und schon zog Brachowiak seinen Tabak hervor (den er doch gar nicht bei sich hatte!), füllte die Dose des Jungen reichlich, und ich, als auch ich meine Hand hinhielt, bekam kaum genug für eine Zigarette. Dann gingen die beiden im Hausgarten umher, Arm in Arm, eng aneinander gelehnt. Ich war vergessen. An diesem Abend weinte Emil Brachowiak wieder: Schmeidler hatte ihn völlig abgekocht und wollte wieder nichts mehr von ihm wissen. Und am nächsten Tage machte Emil Brachowiak wirklich Lampen, nicht beim Medizinalrat, aber doch beim Oberpfleger. Aber es erfolgte nichts, nicht das Geringste. Warum nicht, das weiß ich nicht. Die Verwaltung hatte alle Machtmittel in den Händen, sie konnte die Schuldigen bestrafen, sie auseinander legen, die Jugendlichen, diese Quelle ständiger Beunruhigung, in andere Anstalten bringen. Sie tat nichts, wie sie nichts gegen unseren Hunger tat. Ich nehme an, weil es ihr ganz gleichgültig war, wie wir lebten und in welchem Schmutz wir verkamen. Unter sechsundfünfzig waren eben keine sechs, die je die Freiheit wiedersehen würden. Alle, fast alle waren dazu verurteilt, immer in diesem Haus zu leben. Es war ganz gleichgültig, wie sie das taten, es kam nicht mehr darauf an. Sie hatten zu arbeiten, solange noch ein bißchen Leistung aus ihren ausgemergelten Körpern auszupressen war, und alles andere interessierte nicht! Mochten sie glücklich sein oder verrecken, draußen war das Leben, und dies war das Haus der Toten!

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