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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 47
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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46.

Es gehörte zu den Unbegreiflichkeiten unserer Verwaltung, daß sie in dieser Schar von sechsundfünfzig abgelebten, tierischen und verbrecherischen Männern auch zwei junge Burschen leben ließ, einen Siebzehn- und einen Achtzehnjährigen. Man hätte denken sollen, daß dieses Haus, dessen Wände ständig von Zoten, Flüchen, Streitereien widerhallten, dessen Atmosphäre von Haß und Niedertracht getränkt war, alles andere als ein geeigneter Erziehungsort für Jugendliche war, vor denen noch ein ganzes Leben lag. Aber sie waren unter uns, nicht nur vorübergehend, sondern für die Dauer, sie teilten unseren Schlafsaal, unseren Tisch und unsere Arbeit. Ich zweifele auch nicht daran, daß sie unsere Art zu denken und zu fühlen teilten, und wenn sie etwas von uns Älteren unterschied, so dies, daß ihre Schlechtigkeit wohl von einem Schimmer der Jugend verklärt, aber berechnender und feiler war als die unsere. Es waren beides hübsche Jungen; der eine, Kolzer mit Namen, scheidet hier bei meinem Bericht über Hans Hagens seltsame Lebensumstände ganz aus, vielleicht spreche ich später in anderem Zusammenhang noch von ihm. Der andere, der Achtzehnjährige, Schmeidler hieß er, gehörte zu Hans Hagens engstem Kreis. Weiter gehörte zu diesem engsten Kreis noch der schon oben erwähnte Liesmann, der finstere wortkarge Schläger mit dem schwarzen Lederlappen vor dem rechten Auge, und, auch zu diesem Kreis gehörig, eine lange, seltsame, etwas donquichottehafte Figur von 29 Jahren, Brachowiak mit Namen. All diesen dreien war, im Gegensatz zu Hans Hagen, gemeinsam, daß sie seit ihrem sechsten Jahre in öffentlichen Anstalten gewesen waren. Sie waren im Waisenhaus untergebracht gewesen und in der Fürsorgeerziehung, sie hatten ins Gefängnis gemußt und waren schließlich in diesem Hause gelandet. Obwohl sie sich immer gegen seinen Zwang auflehnten und über ihn murrten, fühlten sie sich doch nur wohl in solchen Häusern, ihre vergiftete Atmosphäre war ihnen Lebensatem. Alle drei waren schon mehrfach probeweise in die Freiheit entlassen worden, und alle drei hatten sich in ihr nicht bewährt: schon nach vier, sechs Wochen waren sie wieder in die festen Häuser zurückgekehrt, meist zuerst in ein Gefängnis, da sie draußen jede Arbeit scheuten und nur von Diebstahl leben wollten.

Mit einem ungläubigen Erstaunen hörte ich zuerst, daß Liesmann, den ich ständig in des strahlenden Hagen Nähe sah, der sein vertrautester Freund war, mit dem alles geteilt wurde, daß also Liesmann derjenige war, mit dem sich der König Hagen so wild geschlagen hatte, daß ihm das acht Wochen strengen Arrest eingetragen hatte. Aber ich mußte es glauben, ich hörte es vom Oberpfleger selbst, daß, von kleineren Schlägereien abgesehen, Hagen sich schon dreimal erfolgreich mit Liesmann geprügelt hatte: einmal hatte er ihm die Kinnlade ausgerenkt, einmal die Hand durchstochen und beim letzten Mal ihm das Auge so verletzt, daß Liesmann die Sehkraft darauf fast völlig eingebüßt hatte. Ja, ich mußte es schon glauben, denn Hagen selbst war es, der einmal die schwarze Klappe von Liesmanns Auge fortzog, mir das starre, finstere Auge zeigte und sagte: »Da habe ich dem Hein reingeschlagen. – Kannst du jetzt schon wieder ein bißchen sehen, Heini?« Rührend besorgt klang das.

»So, als hätte ich zu lange in die Sonne gesehen ...«, antwortete Liesmann friedlich.

Ja, sie waren die besten Freunde, sie sorgten füreinander. Liesmann ging los und schaffte Tabak ran, er erpreßte die Schwächeren bedenkenlos, schlug sie, und den Raub teilten sie sich dann. Sie sorgten füreinander, und dann schlugen sie sich, schlugen sich nicht nur soso, sondern auf Tod und Leben, auf: ›Du mußt verrecken‹, von einer blinden, wütenden Eifersucht angetrieben. Denn da war dieser kleine hübsche achtzehnjährige Bengel Schmeidler, diese männliche Hure, die im allgemeinen friedlich zwischen den beiden geteilt wurde. Und dann, hatte der Georg, der Otsche Schmeidler, den einen von den beiden ein bißchen bevorzugt, so entbrannte der Kampf. Es war alles wie draußen, wie in der schönen Freiheit, es hätte ja nicht der Hans Hagen sein müssen, wenn er sich nicht auch in diesem toten Haus die Genüsse der Liebe verschafft hätte, einer verderbten, finsteren Liebe, aber doch der Liebe, mit allen ihren Wonnen und Gefahren. Dieser Junge mit dem blonden gewellten Haar, den blauen Augen, einem fast griechischen Profil mit steiler Nase und festem Kinn, da lief er zwischen diesen Männern umher, im kurzen Hemd tuschelte er morgens im Waschsaal, seine schlanken weißen Glieder befleckte noch keine Schweinsbeule – sie wendeten die Köpfe nach ihm, in ihre Augen kam ein Leuchten, ihr Herz pochte schneller – im trostlosen Haus war dieser Tag wieder nicht ganz trostlos! Die Liebe, auf dem Müllhaufen eine Blume, sie verwirrte dieses Haus; andere Männer strichen lüstern am Rande dieses Kreises und wagten sich nur nicht zu nähern, weil sie die rohe Gewalt Liesmanns und die listigen Jiu-Jitsu-Griffe Hagens fürchteten. Schmeidler aber, das Kind, die Hure, ließ auch diese fernen, stummen Verehrer nicht außer acht. Er ›kochte sie ab‹, er nahm ihren letzten Tabak, für ein Lächeln bekam er Brot, für einen raschen zärtlichen Griff das beste Stück aus dem eben angekommenen Freßpaket. Oh, er sorgte auch für den gemeinsamen Haushalt, der Otsche Schmeidler, er ließ sich nicht nur aushalten, er steuerte auch bei. Und seine beiden Freunde waren großzügig, sie waren Lebemänner, sie drückten ein Auge zu, kurz gesagt, auch der charmante Hans Hagen war ein Zuhälter, nichts mehr und nichts weniger. Er ließ seine Jungenshure laufen, wenn sie nur ranschaffte. Habe ich nicht gesagt, daß wir in einer Hölle leben? Es fehlte nichts in dieser Hölle, auch die Liebe nicht, aber auch die Liebe war verderbt, sie stank!

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