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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 46
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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45.

Sechs Jahre – ich wollte meinen Ohren nicht trauen – dieser junge Mann lebte schon sechs Jahre in dieser trostlosen Umwelt, und er hatte sich alle Spannkraft und allen Zauber der Jugend bewahrt! Nichts von der hoffnungslosen Trauer, nichts von dem häßlichen Neid hier hatte auf ihn abgefärbt, wie ein flüchtiger Gast wirkte er, eben erst gekommen, schon wieder im Begriff zu gehen, allen Zauber blühender Welt um sich! Welche Kräfte mußten in diesem Hans Hagen wirken, welche unzerstörbaren Energien, daß ein Mann nach diesen sechs Jahren, nach acht Wochen scharfen Arrestes, noch immer nichts von seiner Kraft verloren, noch immer den Schimmer der großen Welt mit sich trug! Es war mir ein Rätsel, ich war schon von ein paar Tagen Aufenthalt hier völlig zermürbt und niedergedrückt. Ich habe später lange über Hans Hagen nachgedacht, und ich glaube, ich habe die Gründe gefunden, die ihn so unverändert stark sein ließen.

Zum ersten drang nichts tief in ihn ein. So konnte ihn auch nichts tief verletzen. Er lebte so auf der Oberfläche, seine glänzende Begabung lockte ihn hierhin und dorthin, immer betätigte er sich, aber nichts tat er. Er konnte alles, auch hier im Bau, den Wachtmeistern machte er Fassonschnitt, er schnitt ihnen die Haare auf eine ungewohnt kühne, elegante Art, er mauerte besser als ein Maurer, er gab Unterricht in Stenographie, Englisch, Französisch, Russisch, er arbeitete schwer in der Fabrik, er tischlerte und hatte auch schon die Schweine versorgt – er konnte alles, aber er konnte alles auf eine unverbindliche, schillernde Art, er war die Unzuverlässigkeit in Person, nichts haftete. Aber der Hauptgrund seiner Unveränderlichkeit, seiner unbesiegbaren Jugend war der, daß er hier im Totenhaus eigentlich kaum anders lebte als draußen. Gewiß, die Umwelt hatte sich verändert, aber Hans Hagen nicht mit ihr. Wenn er draußen die Frauen bezaubert hatte, so hier die kranken Männer. Auch den Stumpfesten ließ er nicht außer Acht, er ruhte nicht, bis ein Schimmer seines Charmes ihn berührt hatte. Es war einfach lächerlich, wie sie alle aufblühten, wenn er mit ihnen sprach. Ich sehe sie noch zusammenstehen: den fetten Mecklenburger Bauern Reddemien, den sie wegen Querulantentums in diesem Haus untergebracht hatten, Bezieher unwahrscheinlicher Fettpakete, und Hans Hagen, der sich einmal selbst in einem unbedachten Augenblick als Tangojüngling bezeichnet hatte. Gegensätzlicheres war schlechthin nicht denkbar. Es schien keine Brücke zwischen den beiden zu geben: dem flachen Genußmenschen und dem zähen, alten, fast siebzigjährigen Bauern mit dem Bullenkopf, den das unermüdliche Beharren auf einem vermeintlichen Recht in diese Mauern gebracht hatte. Und doch strahlte der alte, sonst so finstere Mann, da der Genießer mit ihm sprach, seine Augen funkelten, er lachte dröhnend, er klopfte dem anderen freundlich, hingerissen, auf die Schultern. Er war der wahre König dieses Hauses, der Hans Hagen, und die Verwaltung wußte das auch. Blindlings taten die Kranken, was er ihnen riet. Er schrieb ihnen nicht nur ihre Anträge und Gesuche, machte ihnen Hoffnungen auf Entlassung oder vertröstete sie, er begutachtete nicht nur als ein ehemaliger Mediziner ihre Schweinsbeulen und Arbeitsverletzungen und erzählte ihnen, welche Verbandmittel und Medikamente sie beim Arzt fordern sollten, er spendete nicht nur juristischen Rat wie der findigste Anwalt, nein, er zettelte auch kleine vorsichtige Verschwörungen an gegen die Habsucht der Kalfaktoren, die Tyrannei der Vorgesetzten, den schmutzigen Geist der Verwaltung. Er hatte seine Hände in allem, und diese klugen sehnigen Hände konnten sehr erfolgreich sein; viel machte Hans Hagen der Verwaltung zu schaffen, dieser Totenkönig im Totenhaus.

Und wie ein König zog er seine Tribute ein – genau wie draußen. Genau wie er draußen die Mädchen und Frauen bezaubert und unbedenklich jedes Geschenk von ihnen angenommen hatte, so machte er es auch hier. Ich habe nie gesehen, daß Hans Hagen etwas verlangte, um etwas bat. Das hatte er auch gar nicht nötig, seine Anhänger sorgten auch so für ihn. Ein Wachtmeister erzählte mir, daß, solange Hans Hagen in der Arrestzelle saß, ein ständiges Kommen und Gehen dort war, jeden unbewachten Augenblick lauerten sie ab, um ihm etwas zuzustecken. Ständig wurde an dem Spion geflüstert, dessen Scheibe man zerbrochen hatte, um ihm das kostbarste Gut in der Anstalt, Streichhölzer, hineinzureichen. Lag ein anderer Kamerad im Arrest, so war er vergessen, niemand dachte mehr an ihn. Sein Wiederauftauchen wurde ebenso gleichgültig hingenommen wie sein Verschwinden. Nicht so Hans Hagen. Ich habe es selbst gesehen, oft und oft, wie sie zu ihm kamen, diese Ärmsten der Armen, die der Hunger in den Eingeweiden kniff. Ein Außenarbeiter brachte ihm eine Gurke, ein anderer eine Tasche voll Pellkartoffeln, hier ein Stückchen Brot, eine Zwiebel, ein paar Stengel Petersilie, Mohrrüben, Falläpfel, Salz, eine Handvoll aufgesammelter Zigarettenstummel. Und all das sind große, schwer errungene Kostbarkeiten in diesem Bau, keiner ist da, der von seinem Überfluß abgeben kann, alle opfern sie aus dem Notwendigsten. Und Hans Hagen nahm alles, alles. Er lächelte, er dankte, er machte einen Scherz. Er konnte so reizend danken. Und dann drehte er den Rücken, und der Geber war vergessen.

Mir hat Hans Hagen manchmal von seinem Überfluß abgegeben, genau in der raschen, spontanen Art, die ihm eigen war. Ich saß trübselig vor meiner Wassersuppe und Hans Hagen rief: »Da, Sommer, fangen Sie auf!« Und vom Nebentisch flog ein Stück Brot zu mir herüber, und er lachte herzlich, wenn ich es mir ungeschickt auffing; über dem Lachen schon hatte er ganz vergessen, daß er mir eben etwas sehr Kostbares geschenkt hatte, für das ich ihm dankbar zu sein hatte. So war er; ohne Erinnerung. So steht er vor mir: ohne Vergangenheit und Zukunft, nur dem Tage lebend, dem Tag hingegeben, in der Minute weilend. Mir aber machte es Kummer, daß ich mich so von ihm beschenken ließ, daß ich seine Gesellschaft, sein liebenswürdiges Geplauder hinnahm, ohne irgendwie meine tiefe Dankbarkeit zu zeigen. Wer war ich schon? Ein kleiner, mittelmäßiger, entgleister Kaufmann! Ja, keine drei Tage, und ich gehörte zu den ergebensten Bewunderern Hans Hagens. Nicht zu seinen blindesten – ich durchschaute ihn schnell ganz. Ich schlief schlecht, ich hatte jede Nacht viele Stunden, über Hans Hagen nachzudenken, ich war es müde, immer nur über Magda und mein trauriges Schicksal zu grübeln. Ja, ich zerbrach mir den Kopf, wie ich ihm danken könnte, aber ich hatte ja nichts, gar nichts. Ich war der Allerärmste im Bau. So bin ich für immer in Hans Hagens Schuld geblieben.

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