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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 45
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6f71392f
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44.

Ehe ich endgültig zu meinen eigenen Erlebnissen zurückkehre, muß ich noch eines Mannes gedenken, einer schillernden Gestalt, der während der ersten Zeit meines Aufenthaltes für kurze Tage bei uns auftauchte, um dann für immer zu entschwinden, ein Gruß aus der großen, mir so fremden Welt. Ich hatte schon am ersten Tage von einem Gefangenen gehört, der wegen einer Schlägerei schon die achte Woche im strengen Arrest saß, bei Wasser und spärlichem Brot und bei hartem Lager. Wenn ich überhaupt – mit einem Schauder über die mir unerträglich scheinende Dauer dieses Isolierarrestes – an diesen Mann dachte, so stellte ich mir einen Kerl wie den etwa dreißigjährigen Liesmann vor, einen Kerl mit brutalem, scharfem Gesicht, der über dem einen Auge einen schwarzen Lappen trug, und der wortlos und finster auf der Station lebte. Jeder ging ihm aus dem Wege, auch die Streitsüchtigen wagten nicht, Händel mit Liesmann anzuknüpfen, der bekannt dafür war, auch nur bei einer Andeutung eines kränkenden Wortes sofort zuzuschlagen und nicht eher mit Schlagen aufzuhören, bis der andere völlig erledigt war.

Und dann tauchte Hans Hagen auf unserer Station auf, ein schöner, blühend aussehender noch junger Mann von dreißig Jahren, mit der trainierten Gestalt des Sportsmannes, tiefschwarzem, leichtgewelltem, zurückgekämmtem Haar und einem elfenbeinfarbenen Gesicht von klassisch reinen Linien und so überraschender Schönheit, daß man unwillkürlich – besonders in diesem Haus der Mißgestalten – vor Bewunderung verging. Er hatte vom Oberpfleger ganz neue Tracht bekommen statt der Lumpen, die die anderen tragen mußten, und er trug diese braune Manchesterhose und schilffarbene Jacke mit einer solchen Eleganz, als hätte ihm der erste Schneider einen Anzug angemessen. Jede Bewegung von ihm war rasch, zielsicher, schön. Wie er redete, und seine dunklen Augen leuchteten dabei, wie er auch dem belanglosesten Wort Reiz und Liebenswürdigkeit zu geben vermochte, das war in diesem Elendsmilieu einfach hinreißend.

›Wie kommt dieser junge Gott in solche Hölle?‹ fragte ich mich. Und laut: »Ein Zugang?«

»Nein«, wurde mir geantwortet. »Das ist der Gefangene, der acht Wochen wegen einer Schlägerei im Arrest gesessen hat!«

Ich konnte es nicht glauben, ich wollte es nicht. Ich bin später manchmal für kurze Minuten auf dem Gang der Station oder im Hausgarten mit Hans Hagen spazieren gegangen und habe mit immer neuem Entzücken seinem Geplauder gelauscht, sei es nun, daß er von seinen Jugendstreichen in Rochester berichtete – er war jahrelang in England erzogen – oder daß er von seinen kühnen Segelfahrten bis zum Nordkap hinauf berichtete. Seiner Erzählung mir gegenüber nach hat ihm diese Leidenschaft fürs Segeln den Hals gebrochen, er kaufte sich immer größere und schönere Jachten und scheint bei der letzten Jacht einen Versicherungsbetrug begangen zu haben, der ihn mit dem Gesetz in Konflikt, zuerst ins Gefängnis und dann in dieses traurige Haus brachte. Wie gesagt, dies war die Version, die er ganz beiläufig und leichthin mir erzählte. Wie ich später erfuhr, war er anderen Gefangenen gegenüber offenherziger und ehrlicher gewesen. Er war einer von drei Söhnen eines Rostocker Kaufmanns, der ein sehr gutes Sportartikelgeschäft besaß, eines vermögenden Mannes, der seinen Söhnen eine gute Erziehung geben konnte. Aber mit dem Jüngsten, eben dem Hans, wollte und wollte es nicht gutgehen. Schon in seiner Gymnasialzeit machten Vorkommnisse in der Stadt seine eilige Entfernung aus Deutschland und seine Reise nach England notwendig. Auch dort scheint er nicht gerade ein solides, der Arbeit geweihtes Leben geführt zu haben; mir erzählte er von nächtlichen Ausbrüchen aus Rochester in die Vorstädte Londons, und, war er gut gelaunt, sang mir Hans Hagen leise, mit hübscher Tenorstimme, kleine Negerlieder vor, die er dort in den Bars und auf den Tanzdielen aufgeschnappt hatte. Auf englisch natürlich – aber ich fand es doch hübsch, welche Mühe er sich gab, mich zu unterhalten und aufzuheitern. Endlich nach Rostock wieder heimgekehrt, widmete er sich offiziell dem Studium der Medizin, in Wirklichkeit aber entdeckte er seine Leidenschaft für die See und das Segeln. Er kaufte sich seine erste Jacht, und ich glaube kaum, daß es sein Vater war, der diesen Kauf finanzierte. Auch ein gutgehendes Sportartikelgeschäft kann nicht für einen Sohn von dreien Zehntausende aufwenden, denn die Jacht war ja nur ein Mittel zum Zweck: Hans Hagen wollte auf ihr auch gut leben, mit seinen Freundinnen weite kostspielige Reisen machen, im Heimathafen jede Nacht ausgehen und nie nach dem Gelde sehen. In dieser Zeit entdeckte er, wie leicht ein gut aussehender junger Mann der guten Gesellschaft Geschäfte machen kann, auch wenn er keinen Pfennig Geschäftskapital besitzt. Er makelte Häuser, besorgte Effekten, vermittelte Autos, schloß Lebensversicherungen ab, ließ sich Provisionen von rechts und von links geben. Sein glänzender, findiger, blitzschneller Kopf ließ ihn jede Gelegenheit zu guten Geschäften ausspähen, rasch handeln. Bedenkenlos benutzte er seine Gewalt über Frauen, es gab auch nicht viele Männer, die seinem Charme widerstehen konnten. Aber mit den reichlich fließenden Einnahmen stiegen auch seine Bedürfnisse. Immer lagen sie einen Schritt vor den Einnahmen, und seine Kasse war immer leer. Er aber wußte nur eines: Daß er dieses ihm allein zusagende Leben des Genusses um jeden Preis fortsetzen wollte, immer unbedenklicher wurde er in der Wahl der Mittel, die ihm Geld verschaffen mußten: er stahl Autos von der Straße, vergriff sich sogar an den Handtaschen mit ihm tanzender Damen – kurz, er wurde ein Hochstapler und ein Dieb. Lange konnte das nicht gut gehen.

 

17. 9. 44

Ein erster Fall wurde vertuscht, da er doch der Sohn eines angesehenen Vaters war, ein zweiter brachte ihn ins Gefängnis und aus dem Gefängnis in dieses traurige Haus, in dem er schon sechs Jahre lebte.

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