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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 44
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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43.

Meine Spaziergänge auf dem Freihof hätten ganz einsam und ohne alle Unterhaltung verlaufen müssen, wären nicht zu dieser zweistündigen Freizeit auch die wenigen Insassen der Arbeitszellen hinausgelassen worden. Es handelte sich hierbei um Gefangene, die entweder wegen ihrer Unverträglichkeit oder wegen schon vorgenommener Fluchtversuche nicht in die Außenkommandos eingereiht werden konnten und die deshalb tagaus, tagein in Einzelzellen mit Bürstenmachen oder Mattenflechten beschäftigt wurden. Unter diesen wählte ich meine Spaziergefährten, und es waren vornehmlich vier, mit denen ich abwechselnd ging.

Der erste von ihnen war ein gewisser Kurmann, ein kleiner, verwachsener, hinkender Mann mit intelligentem Gesicht und Brille. Er gab vor, eine Druckerei in Berlin zu besitzen, behauptete, aus politischen Gründen inhaftiert zu sein und direkt vor seiner Entlassung zu stehen. Immer wurde er am nächsten oder doch am übernächsten Tage frei, immer war seine Frau im Begriff, ihn zu besuchen, aber sie kam nie (wenn sie ihm auch Pakete schickte), und auch er selbst wandert noch heute täglich zwei Stunden im Grasgarten umher, wird aber morgen bestimmt entlassen. Sonst konnte man schon ein vernünftiges Wort mit ihm reden, namentlich wenn er auf seine Jugend und Lehrzeit als Buchdrucker zu reden kam. Er war auch gefällig und zum Abgeben bereit, er ließ mich regelmäßig an seiner Zeitung teilhaben, auch hat er mir manche Zigarette geschenkt. Besonders begehrt war er als Besitzer eines Vergrößerungsglases, das bei Sonnenschein ausgezeichnet zum Anbrennen von Zigaretten und Pfeifen zu benutzen war. Es gehörte zu den Unbegreiflichkeiten der Anstaltsleitung, uns zwar das Rauchen zu erlauben, aber den Besitz von Streichhölzern oder Feuerzeugen streng zu verbieten. Offiziell waren die Wachtmeister verpflichtet, uns Feuer zu geben; da die Anstaltsleitung ihnen aber keine Streichhölzer lieferte, waren sie meist recht unwillig, von ihrem kleinen Gehalt auch noch Streichhölzer für uns zu kaufen. Wie oft habe ich es erlebt, daß eine Gruppe von sechs oder acht Mann mit Pfeifen und Zigaretten um den kleinen verwachsenen Kurmann erwartungsvoll herumstand!

Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat noch nicht die rechte Kraft, und Minute um Minute steht Kurmann geduldig da und richtet das kleine Strahlenbündel auf den Kopf der Zigarette, bis endlich, endlich ein dünner bläulich-weißer Rauchfaden aufsteigt, und Kurmann ruft: »Rasch, Sommer, ziehen, ehe es wieder ausgeht!«

Oder aber er ließ das Brennglas sinken und sagte: »Wir müssen noch eine Viertelstunde warten, die Sonne ist noch nicht stark genug!«

Dann gingen wir alle oft sehr enttäuscht auseinander, denn in einer Viertelstunde saßen wir bei der Arbeit, und bei der Arbeit war Rauchen wieder streng verboten.

Zu Anfang war ich bei meinen Spaziergängen noch harmlos und glaubte beinahe jedes Wort, das mir Kurmann geläufig vortrug. Er wußte vielerlei vom Bau, obwohl er erst anderthalb Jahre hier war. Bald aber lernte ich, seine Nachrichten mit einiger Vorsicht aufzunehmen, und schließlich glaubte ich ihm kaum noch ein Wort, wenn es Neuigkeiten aus der Anstalt betraf. Kurmann glaubte sich überall von politischen Widersachern umgeben, und vor allem waren es die Kommunisten, die ihm zu schaffen machten. Dabei verfuhr er sehr primitiv: hatte ihn irgendeiner seiner Ansicht nach geschädigt, hatte ihm zum Beispiel der Kalfaktor Brot gegeben, das nicht das volle Gewicht zu haben schien, so wurde er zum Kommunisten ernannt. Unser Oberpfleger aber, mit dem er sich gar nicht vertragen konnte, war ›der Kommunistenhäuptling‹, der ›jeden Sonntag an alle kommunistisch gesinnten Gefangenen je sechs Zigaretten extra verteilte‹.

»Finden Sie das nicht auch unerhört, Sommer?«

Ich muß hier einfügen, daß ich bei den etwas umgänglicheren Gefangenen strikte am ›Sie‹ festhielt, wenigstens in der ersten Zeit. Alles in mir sträubte sich dagegen, in den widerlichen Topf der Gleichmacherei zu versinken. Ich war etwas anderes als die anderen Kranken, ich war völlig gesund und hatte alle Aussicht, bald wieder in die Freiheit zu kommen – dieses kleine Wort ›Sie‹ war wie eine letzte Erinnerung an das bürgerliche Leben, in das bald zurückzukehren ich mich so sehnte. Ich habe auch beobachtet, daß meine Mitkranken, auch die stumpferen, gerne auf dieses ›Sie‹ reagierten. Es gemahnte sie an die Zeit, da sie noch Menschen waren, da niemand ihnen jeden Schritt befahl, jeden Bissen zuteilte, sie am frühen Abend wie kleine Kinder ins Bett schickte.

Mein zweiter Gefährte im Freihof war ein Deutscher von den Halligen, der aber alles Deutsche glühend haßte und Schleswig-Holstein am liebsten zu Dänemark geschlagen hätte. Darauf kam ich nicht gerne mit ihm zu sprechen, ich konnte es kaum anhören, wenn er die Deutschen als das minderwertigste Volk der Erde hinstellte und dies mit Erlebnissen aus seiner Vergangenheit beweisen wollte. Diese Erlebnisse hatte er dem Umstand zu danken, daß er ein ernster Bibelforscher war, der sich aber nicht mit stiller Forschung begnügt hatte, sondern mit der Faust den Leibern verhaßter Andersgläubiger zu nahe gekommen war. Kemp war schon ein älterer Mann über die Sechzig, die letzten fünfzehn Jahre war er überhaupt nicht mehr aus Anstalten und Gefängnissen herausgekommen. Er war noch immer ein großer, stattlicher Mensch mit einem festen Gesicht, klaren, weitblickenden Augen unter buschigen, fast weißen Augenbrauen auf ungewöhnlich starkem Stirnbein. Im Gegensatz zu den meisten Kranken, die nur gezwungen arbeiteten, war er von einem unermüdlichen Fleiß. Sein Mattenpensum für die Anstalt schaffte er spielend, und in der Freizeit danach knüpfte er unermüdlich die feinsten Filetdecken, die er dann zum Verkauf an seine Frau sandte. Dafür bekam er dann und wann ein Paket mit Lebensmitteln und neuem Garn, meist mehr Garn als Lebensmittel. Darüber klagte er aber nie. Er hat wohl auch draußen kein glückhaftes Leben gehabt. Auf einer Hallig geboren, in jungen Jahren schon auf einem Fischkutter beschäftigt, zog er nach seiner Verheiratung nach Hamburg und eröffnete dort eine Segelmacherei, die aber nie recht ging, wahrscheinlich weil sein Bekehrungseifer die Früchte seines Fleißes wieder vernichtete. In seinen vielen müßigen Stunden aber segelte er für wenig Geld die Jachten reicher Hamburger Kaufleute, die sie sich wohl kaufen, aber nicht bedienen konnten. Für Viertelstunden glaubte ich dem engen häßlichen Gefängnishof entronnen zu sein, wenn Kemp mit Feuer und Humor von wilden Sturmfahrten auf der Elbe zwischen Schulau und Blankenese erzählte, oder ich lachte auch herzlich, wenn er berichtete, wie er einem verwöhnten Kaufmannssöhnlein beigebracht hatte, daß auch ein Schiffer, der ihn sicher durch den Sturm segelt (während das Söhnlein mit jungen Dämchen die Koje vollkotzt), ein Mensch ist, bei dem es nicht nur mit der Bezahlung getan ist. Er war noch immer ein wirklich großartiger Mann, dieser Kemp (bis auf seine beiden Steckenpferde), im übrigen hielt er sich völlig isoliert, und die anderen Kranken wagten ihn auch nie zu belästigen oder in ihre Streitereien zu ziehen. Gegen die Verwaltung, besonders gegen den Medizinalrat, der ihn seiner Ansicht nach gegen jedes Recht hier festhielt, war er von einem glühenden Haß beseelt; Berichte, die er mir über die Durchstechereien, Rechtsbrüche und Mißhandlungen dieser leitenden Herren machte, klangen oft fast überzeugend und waren doch nie richtig. Unseren Oberpfleger nannte er nur ›den Strolch und Massenmörder‹.

Es war schon richtig, daß reichlich viele von den Kranken starben; das aber lag, ganz abgesehen von dem mangelnden Lebenswillen dieser abgestumpften Geschöpfe, bestimmt nicht an dem Oberpfleger, sondern an dem ganzen System mit dem Geiz, der Unterernährung und Unsauberkeit. Jeder zweite Mann von uns war mit Schweinsbeulen bedeckt, hatte eine Furunkulose; auch ich wurde schon wenige Wochen nach meiner Ankunft davon befallen. Der Körper besaß eben nicht die geringste Widerstandskraft, jedem Krankheitskeim erlag er sofort, die Tuberkulose grassierte und holte immer wieder neue Opfer. Übrigens wurden die Tuberkulösen nur die Pieper genannt, nach ihrem pfeifenden Atmen. Irgendwelche Gefühle wurden an einen Erkrankten oder Sterbenden nicht verschwendet, und soviel ist richtig, daß unser Oberpfleger ein harter Mann war, der Sentimentalitäten nicht kannte. Die meisten Kranken schienen ihm unnütze Geschöpfe, die doch zu nichts mehr gut waren. Es war schon besser, sie verschwanden von dieser Erde.

Mein dritter Weggenosse war ein kleiner stämmiger Mann Anfang der Sechzig, mit Namen Zeise. Er war ein finsterer Mann, seinen eigenen Angaben nach hat er weit über die Hälfte seines Lebens in Gefängnissen, Zuchthäusern und Anstalten verbracht. Er war ein unverbesserlicher Dieb, aber ein kleiner Dieb, der immer nur ganz geringe Werte erbeutet hatte. Er war aber der Ansicht, daß seine Diebischkeit völlig berechtigt war, er war eben am Tisch des Lebens immer übervorteilt worden und glaubte so das Recht zu haben, sich seinen Anteil selbst zu nehmen. Alle anderen Menschen waren ja noch viel schlimmere Diebe, und vor allem die Wachtmeister und Pfleger im Bau hatten alle ›zuviel Klebstoff‹ an den Fingern. Er wußte genau, was der Wachtmeister von unserer Beköstigung unterschlagen, was jener Pfleger sich aus der Fabrik von den dort arbeitenden Kranken hatte stehlen lassen. Er wußte es aber nicht nur, sondern er schrieb darüber auch ständig Anzeigen an die Staatsanwaltschaft, die er auf einem streng geheimgehaltenen Weg aus dem Bau unter Umgehung der Zensur hinausschmuggelte. Früher hatte ihm das meistens eine zusätzliche Gefängnisstrafe wegen wissentlich falscher Anschuldigung und Beamtenbeleidigung eingetragen. Aber die Staatsanwaltschaft war es wohl müde geworden, und seit Jahren erfolgte auf all seine Anzeigen überhaupt nichts mehr: es war, als hätte er sie nie geschrieben. Das aber erhöhte noch seine Wut, es bewies ihm, ›daß die Brüder alle unter einer Decke steckten‹. Wenn wir nebeneinander hergingen, er immer einen völlig schwarz geschmauchten Knösel im Mund, in dem er stets einen deutschen ungeheizten Tabak rauchte, den er sich gegen den guten Tabak einhandelte, der von der Anstaltsverwaltung von seiner Arbeitsbelohnung (vier Pfennig pro Tag!) eingekauft wurde – wenn Zeise also gewaltig stinkend neben mir herging, redeten wir eigentlich nur wenig miteinander, es sei denn, daß er in eine seiner Haßtiraden geriet. Dieser Mann hatte nichts zu erzählen, nichts von seinem früheren Leben, nichts von Menschen, die er einmal gern gehabt, nichts von seinen Einbrüchen, nichts von seinen oftmaligen, manchmal erfolgreichen Fluchtversuchen, die ihn jetzt für den Rest seines Lebens in eine Einzelzelle geführt hatten. Nein, meist gingen wir stumm nebeneinander her, wechselten ein paar Worte über den unzureichenden Schweinefraß und schwiegen viel. Und doch ging ich gern mit diesem finsteren, verbitterten Mann. Wohl, weil ich fühlte, daß er jenes winzige bißchen Gefühl, ohne das wohl kaum ein Mensch leben kann, an mich gehängt hatte, in seiner finstern Art natürlich. Bot er mir doch sogar von seinem Tabak an – und der war doch für ihn, den leidenschaftlichen Raucher, immer knapp! Am Sonntag spielten wir beide manchmal Schach miteinander. Auch dabei war er zanksüchtig und rechthaberisch, wollte einen falschen Zug immer wieder zurücknehmen, erlaubte mir aber nicht, einen anderen Stein zu ziehen, wenn ich erst einmal eine Figur berührt hatte. Oft warf er in jähem Zorn die Figuren auf dem Schachbrett durcheinander, mich finster anfunkelnd und beschimpfend. Dann stopfte er sich eine neue Pfeife, stellte die Figuren wieder auf und begann gleichzeitig, als sei nichts geschehen, eine neue Partie.

Genossen schon diese drei Spazierkameraden den schlimmsten Ruf bei der Verwaltung, so brachte mich mein vierter Gesellschafter, der Schuster Buck, erst recht in ein böses Licht. Oben sagte man sich: aus denen, mit denen du umgehst, werden wir sehen, wer du bist – und das schlimme Urteil, das bald alle, vom Wachtmeister bis zum Medizinalrat, über mich fällten, habe ich nur meiner Ungeschicklichkeit bei der Wahl meiner Gefährten zu danken. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, daß diese vier wirklich die einzigen waren, mit denen man sich auf meiner Station wirklich einmal etwas erzählen konnte. Hätte ich auf sie verzichtet, hätte ich tagaus, tagein ohne ein menschliches Wort herumtrotten müssen, und das war mehr, als man von mir verlangen konnte. Ich habe nie gut in meinem Leben allein sein können, schon in den behaglichen Umständen draußen war ich beunruhigt, wenn Magda auch nur zwei Tage verreist war – wie hätte ich unter diesen so veränderten, schweren Lebensverhältnissen mein schweres Dasein ertragen können – ewig ganz allein?

Ich bin gewarnt worden, ich gebe es zu, aber keine Warnung konnte mich von etwas zurückhalten, was mir lebensnotwendig erschien. Heute gelte ich im ganzen Bau auch als ein ›Feind der Verwaltung‹ und werde entsprechend behandelt, obgleich ich nie etwas gegen diese Verwaltung getan habe. Freilich, daß ich nicht gerade wohlwollend über sie denke, geht aus dem Geschriebenen und noch zu Schreibenden hervor.

Was mich eigentlich zu dem Schuster Buck zog, weiß ich selbst nicht. Er war ein ungebildeter, selbstgefälliger, abstoßender Mensch, ein feiger Intrigant, alle haßten ihn. Aber auch alle, selbst meine anderen drei Spaziergefährten, die doch in ihrem Haß gegen die Verwaltung mit ihm eines Sinnes waren. Sie sprachen aber nie auch nur ein Wort mit ihm. Schuster Buck – er war draußen Schuster gewesen und war es nun auch drinnen – versicherte immer wieder, daß er sich vollständig neutral verhalte, sich mit keinem abgebe, sich in nichts einmische. Aber trotz all dieser Versicherungen war er ständig in Streitigkeiten mit den anderen Kranken verwickelt, in wütende Schimpfereien, die schließlich in Prügeleien ausarteten, bei denen er stets den Kürzeren zog, denn er war trotz seiner kräftigen Figur feige und wagte nicht, zurückzuschlagen. Stets schwärzte er die anderen oben an. Sah er nur jemanden außer der Zeit ein Stück Brot essen, so war's auch schon gestohlen, und fünf Minuten später wußte er auch schon bei wem, und trug's brühwarm zum Oberpfleger., Bei jeder Arztvisite stand er vor der Tür des Behandlungszimmers, aber nicht eines Leidens, sondern einer Beschwerde wegen. Er kam aber nur selten vor. Manche Stunde bin ich mit diesem grundschlechten Menschen spazieren gegangen und habe seinen gifterfüllten Erzählungen gelauscht, mit denen er jeden seiner Mitgefangenen verlästerte. Mit einer tiefen Schadenfreude schilderte er die Gemeinheiten der anderen und ihre Reinfälle, er schien jedes Detail ihres Vorlebens zu wissen, und mit besonderer Wollust beobachtete er die Veränderungen in der Gestalt und im Wesen eines Sittlichkeitsverbrechers, der sich freiwillig hatte entmannen lassen, in der Hoffnung, einer Anstaltsverwahrung zu entgehen (eine Hoffnung, die ihn täuschen sollte). Von sich selbst wußte er dagegen nichts Ungünstiges zu berichten. Er hatte von seinem Vater ein blühendes Schuhwarengeschäft übernommen, und es war ruiniert, weil die Menschen so gemein waren. Er hatte geheiratet und war geschieden, weil seine Frau auch ›so eine‹ gewesen war. Er hatte Freunde und Verwandte besessen, und niemand beantwortete mehr seine Briefe, denn niemand will noch etwas wissen von einem Mann, der in einer Anstalt sitzt. Und natürlich unschuldig – wenn er je seine Straftaten auch nur von ferne streifte, murmelte er etwas von ›Arbeitslosigkeit‹ und ›Not kennt kein Gebot‹. Am amüsantesten fand ich diesen durchaus üblen Menschen aber, wenn er von seinen eigenen Erlebnissen in den Anstalten und mit ihren Ärzten berichtete. Er hatte unter anderem auch zwei Jahre in einer Universitätsklinik zugebracht und war in dieser Zeit viermal, in jedem Semester einmal, den Studenten des leitenden Professors vorgeführt worden. Ich höre noch die eitle Selbstgefälligkeit in der Stimme dieses Dummkopfes, wenn er die angeblichen Worte des Professors wiederholte: »Wie beurteilen Sie diesen Mann, meine Herren? Jawohl, wir wissen, dieser Mann hat Kenntnisse und weiß sich zu benehmen. Er macht Eindruck auf die Frauen, kurz gesagt, er ist ein Salonmensch ...«

Und das alles sollte der Professor von diesem Flickschuster gesagt haben, der nie von seinem Schusterschemel heruntergekommen war, der fast kein Hochdeutsch sprechen konnte, sondern sich fast ausschließlich des heimischen Platt bediente! Natürlich war jedes Wort gelogen, der Professor mochte schon so etwas gesagt haben, aber nicht von Schuster Buck, sondern von einem anderen, in der gleichen Vorlesung vorgestellten Kranken.

Oder aber Buck erzählte, wie ›unser‹ Medizinalrat gegen alles Recht ein Gerichtsgutachten über ihn erstattet hatte (auch Buck nannte das, wie im Hause üblich: ›Er hat mir ein Gutachten abgenommen‹), ohne den Begutachteten überhaupt zu kennen.

»Also nach Ihren Vorakten«, warf ich ein.

»Gar nicht!« gab Buck empört zurück. »Ich sage Ihnen doch, er hat überhaupt nichts von mir gewußt, das ganze Gutachten hat er sich von A bis Z aus den Fingern gesogen!«

Und nun folgte eine unendlich umständliche, zwei Stunden lange Erzählung, wie der Medizinalrat mit Hilfe eines Gerichtssekretärs und eines feilen Anwaltes in die Zelle des Untersuchungsgefangenen Buck geschmuggelt worden war, und am Ende ging aus dieser Erzählung klipp und klar hervor, daß der Medizinalrat drei oder viermal bei dem Schuster Buck auf der Zelle gewesen war und ihm sehr wohl ein Gutachten abgenommen hatte. Ich hütete mich aber sehr wohl, den Schuster Buck auf diesen kleinen Unterschied zwischen Anfang und Ende seines Berichtes aufmerksam zu machen, denn im Punkte Wahrheitsliebe war er wie alle Lügner sehr empfindlich, und ich wollte mir den gefährlichen Menschen keinesfalls zum Feinde machen. Lieber hörte ich denn zu, wenn er mir von seinem Krach mit dem verräterischen Rechtsbeistand erzählte, dem er sein Vertrauen entgegengebracht und der darauf zu jammern angefangen habe: »Wer bezahlt mir aber nun meine fünfundsiebzig Mark? Ich habe diesen wichtigen Brief für Sie geschrieben ...«

»Für diesen Brief wollen Sie fünfundsiebzig Mark?!« habe ich ihm geantwortet. »Wissen Sie, wie ich diesen Brief nenne? Idiotischen Quatsch nenne ich ihn. Dafür bezahle ich nie fünfundsiebzig Mark!« Und so ging, Schuster Bucks Bericht nach, der Streit immer weiter, bis der Anwalt völlig zerschmettert, nicht etwa auf seine fünfundsiebzig Mark verzichtete, sondern – zu meiner Überraschung – den Schuster bei seinem Termin verteidigte, natürlich wiederum wie ein Idiot.

»Aber«, wie Buck bemerkte, »von den Anwälten taugt doch keiner mehr als der andere, und von uns wollen die Brüder nur mühelos Geld ziehen!«

Solche Inkonsequenzen sind aber typisch für lange Gefangene, eben prügeln sie sich, schon sind sie die besten Freunde. Eben sehe ich den Schuster vor der Tür des doch so verhaßten Oberpflegers, entschlossen, einen Kalfaktor anzuzeigen, weil er ihm bei der Kaffeeausgabe zuviel Salz in den Becher gemogelt hat, und schon hat derselbe Buck mit dem gleichen Kalfaktor ein Tauschgeschäft abgeschlossen: eine kleine Tabakpfeife gegen eine Scheibe Brot oder gegen einen Kamm. Hat schon im menschlichen Leben draußen nichts dauernden Bestand, so kann man hier im Bau nicht fünf Minuten mit etwas Bleibendem rechnen. Ständig wechseln die Konstellationen, und nur das ist bleibend: Der Neid und der Haß jedes gegen jeden, die tierische Feindschaft aller gegen alle. Im Bunker gibt's keine Treue, keine Freundschaft, nicht den primitivsten Anstand.

»Friß, oder du wirst gefressen, Sommer!«

Ich lernte ihn schwer, diesen Satz. Ich habe ihn bis heute noch nicht richtig gelernt. Ich werde ihn nie lernen – nicht aus Anständigkeit, sondern weil ich nur ein schwacher Mensch bin.

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