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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 43
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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42.

Diese drei Gestalten, deren man übrigens rasch müde wurde, da sie sich nie veränderten, nie etwas Neues bei ihrem Gerede hinzukam, waren aber auch die einzigen, die in der Freistunde sprachen, alle anderen, an die zwanzig Mann, waren stumm, dösten vor sich hin oder gingen in einem finsteren Schweigen herum. Sie erschienen mir immer wie eine graue, farblose Masse, aus der sich nichts abzeichnete. Wohl waren sie nach Herkunft, Alter, Aussehen verschieden genug, ich kannte alle ihre so verschiedenen Gesichter, aber da sie nie eine Meinungsäußerung von sich gaben, da ich nie irgendetwas Persönliches von ihnen erfuhr, nicht ahnte, was sie freute und betrübte, da ich sie ständig in einem mürrischen und gleichgültigen Schweigen dahinvegetieren sah, da es keinerlei ›Sonderzüge‹ an ihnen zu beobachten gab, tat ich sie in die Sparte des Gleichgültigen und Indifferenten, von dem ich auch nichts berichten kann.

Eine Ausnahme hiervon machte allein ein Epileptiker, ein älterer Mann, mit dem ich gleich in den ersten Tagen einen Zusammenstoß hatte, der immer mein Feind geblieben ist, denn er war im höchsten Grade reizbar und dann als hemmungsloser Schläger berüchtigt, dem es auf einen Mord nicht angekommen wäre. Da ich nicht zu den Außenarbeitern eingeteilt worden war, brauchte ich nicht zehn Minuten vor sieben Uhr morgens auf dem Hof anzutreten, und ich benutzte die Zwischenzeit bis zum Beginn meiner Arbeit, um mich im Waschraum ein zweites Mal und etwas gründlicher zu waschen. Am frühen Morgen, wenn an fünf Waschbecken in noch nicht zwanzig Minuten sich sechsundfünfzig Gefangene reinigen sollten, war von irgendwelcher gründlichen Reinigung kein Gedanke. Man hielt den Kopf unter den laufenden Wasserhahn, spülte die Hände ab, und fertig war die Wäsche für den Tag! Den meisten Mitgefangenen genügte diese flüchtige Reinigung auch vollkommen, Seife spielte dabei nur eine geringe Rolle, Zahnbürsten besaßen nur zwei oder drei. Einmal in acht Wochen wurde die ganze Station unter ein sehr primitives Brausebad geführt und warm abgeduscht, es gab aber viele, die sich mit List auch dieser seltenen gründlicheren Reinigung zu entziehen wußten.

Was mich angeht, so konnte ich mich noch nicht sofort von den Gewohnheiten eines vierzigjährigen Lebens trennen (später wurde ich auch gleichgültiger). Wie schon gesagt, hielt ich eine zweite gründlichere Waschung nach dem Frühstück ab, wenn die Station durch den Auszug der Außenarbeiter ruhiger geworden war. Um diese Zeit fegte der epileptische ältere Mann unsere Zelle, und wenn ich vom Waschen zurückkam, fegte er sie noch immer, denn das ging nur langsam bei ihm, wenn auch nicht gründlich. Er sah es wohl schon mit scheelen Augen an, wenn ich mich an das Fenster stellte und meine Nägel in Ordnung brachte, ich achtete aber auf den stummen Besengeist damals noch gar nicht. War ich fertig zum Fortgehen zur Arbeit, so war auch er schon meist aus der Zelle verschwunden. Nun geschah es, daß ich beim etwas eiligen Verlassen der Zelle die nach außen gehende Tür etwas heftig aufstieß und sie dem draußen fegenden Alten gerade an den Kopf schlug. Ich entschuldigte mich lebhaft und mit aufrichtigem Bedauern; er murrte finster vor sich hin. Zwei oder drei Tage später drückte ich die Tür zwar, vorsichtiger geworden, nur sachte auf, aber sie traf doch wieder den Kopf des direkt vor ihr Fegenden! Eine Flut von Schimpfwörtern, unter denen ›Idiot‹ noch das geringste war, ergoß sich über mich. Umsonst meine Entschuldigungen und Beteuerungen, vorsichtig gewesen zu sein – kaum entging ich Schlägen. So kann sich auch der Friedfertigste Feinde machen, und dieser Epileptiker blieb wirklich dauernd mein Feind, obgleich ich meine Waschzeit, um allen weiteren Zusammenstößen zu entgehen, verlegte. Immer folgte er jedem Schritt von mir mit finsteren, argwöhnischen Blicken, und nur meiner äußersten Behutsamkeit ist es zu danken, daß ein neuer Zusammenstoß zwischen uns bisher ausgeblieben ist. An einer abgebissenen Nase habe ich schließlich genug!

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