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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 42
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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41.

 

16. 9. 44

Der Nachmittag war endlos. Die einzige kleine Abwechslung war, daß wir zur ›Freistunde‹ nach draußen geführt wurden, für zwei Stunden, von zwei Uhr bis vier Uhr nachmittags. ›Draußen‹ war ein kleiner Hausgarten innerhalb der hohen Gefängnismauern, vielleicht vierhundert Quadratmeter groß, wo ein einziger schmaler Weg, gerade für zwei Menschen breit genug, um einen Grasfleck lief. Die Sonne schien, es war ein schöner Sommertag. Aber was die Sonne beschien, war nicht schön. Ich rede jetzt nicht von der Umgebung, rote, nackte oder mit totem, grauem Zement bekleidete, stachelbewehrte, hohe Mauern, die Gitter an den Fenstern, die blinden Scheiben – all das kann schon allein für sich den schönsten Sommersonnentag seines Glanzes berauben. Der blaue Himmel ist nicht für dich, Gefangener, so blau: die Sonne, Gefangener, die doch deine Haut wärmt, scheint nicht für dich. Dir fehlt die Weite der Landschaft, nur zu Gaste bist du bei Himmel, frischer Luft und Sonne, deine Minuten sind gezählt, Gefangener. Deine Welt ist das trübe, düster hallende, tote Haus, in dem nie ein befreites Lachen klingt, fremd wurdest du der Sonne, Gefangener.

Aber das alles meine ich hier nicht. Ich meine die Kameraden, die Leidensgefährten, die nun, der Dämmernis entrissen, in ihren entfärbten Lumpen an der Wand lehnen, auf einer Bank hocken, und in Holzpantoffeln oder barfuß den Sandweg entlangschurren. Wie das unbarmherzige Sonnenlicht diese Gesichter entschleiert, die nur noch wie ferne, versunkene Erinnerungen anmuten, Weh und Trauer, Tier und irre Verzweiflung! Ich schließe die Augen, und ich sehe sie da wieder stehen, hocken, schlurren, wie ich sie hundertmal gesehen habe und vielleicht noch tausendmal sehen werde. Da ist ein langer, schlottriger Mann, sein kurzgeschorener, eisengrauer Kopf ist dicht mit blutigroten oder eiternden Schweinsbeulen, wie man in diesem Hause die Furunkel nennt, bedeckt, sein stoppliges Gesicht ist hart und kantig, und seine dunklen, tiefliegenden Augen sind völlig ohne Licht. Ununterbrochen murmelt dieser Rheinländer, der wohl einst ein Straßenhändler war, vor sich hin: »Zwei Zentner Kanalstraße 20, einen Zentner Meier, Triftstraße 10, Gewerbepolizei, Gewerbepolizei ...«

Er hebt die Stimme, er sieht zu den blinden Gitterfenstern empor, auf Bestellungen wartend: »Pflanzkartoffeln, Pflanzkartoffeln, kauft Pflanzkartoffeln!«

Keine Bestellungen kommen, er schüttelt verzweifelt den häßlichen Kopf und beginnt von neuem: »Zwei Zentner Kanalstraße 20, einen Zentner ...«

Fragt man ihn aber, wieviel wohl die Uhr ist, so sieht er nach dem Sonnenstand und gibt dir ganz vernünftig und annähernd richtig Auskunft, beginnt aber mit dem letzten Wort der Auskunft seine ewige Litanei von vorne. »Pflanzkartoffeln, Pflanzkartoffeln, kauft Pflanzkartoffeln!«

Wie mir das noch in den Ohren klingt!

Und da ist jener andere, den ich schon kurz erwähnt habe, der stimmenhörende Schizophrene, dessen armen, traurigen Kopf der Bluthund Lexer so unbarmherzig gegen das Eisengitter schlug – er schuffelt auf Pantoffeln, deren ganzes hinteres Ende fehlt, rundum, rundum. Plötzlich aber bleibt er stehen, er hebt den Arm, er droht gegen Himmel, Mauern und Gitter, aber er sieht Himmel, Mauern und Gitter nicht, er sieht einen unsichtbaren Feind, den er nun in der unflätigsten Weise beschimpft. Er ist der einzige Sachse unter uns, und seine Schimpfereien erfolgen in einem so unverfälschten Sächsisch, daß die paar, die noch ein Fünkchen Verstand haben, lächeln. Aber es ist eigentlich gar nichts zu lächeln, wenn dieser verlorene Sohn aus gutem Hause den unsichtbaren Feind beschimpft, daß er ihn hindert, den Eltern selbst alles zu erklären. Warum schiebt er sich immer dazwischen, was soll diese ›ewje Menkenke‹? Kann der Sohn den Eltern nicht selbst alles am besten erklären?

Ich habe es doch gesagt, oder man hat es doch verstanden, falls ich es nicht gesagt haben sollte, daß in diesem dunklen Haus nur Kranke untergebracht sind, die sich einmal kriminell vergangen haben? Hier gibt es Mörder, Diebe, Sittlichkeitsverbrecher, Urkundenfälscher, religiös Wahnsinnige. Die meisten von ihnen verbüßten erst eine längere oder kürzere Strafe, ehe sie hierher kamen. Sie glaubten, nach der Strafe in die Freiheit zurückkehren zu können, und man brachte sie in dieses Krankenhaus mit Strafanstaltscharakter, wie unser Oberpfleger so schön sagt. Ihre Zurechnungsfähigkeit war vermindert, es fehlten ihnen die notwendigen Hemmungen, sie waren eine Gefahr für die Gemeinschaft: die Pforten der ›Heil‹-Anstalt schlossen sich hinter ihnen für immer.

Der Arzt hat es mir später einmal selbst gesagt, daß von den sechsundfünfzig Männern auf meiner Station noch keine sechs die Aussicht hatten, je wieder in das Leben da draußen zurückzukehren. Und wir hatten zwanzig-, wir hatten siebzehn- und sechzehnjährige Jungen unter uns – für ein ganzes Leben!

Auch dieser schizophrene Sachse aus gutem Hause hatte wohl einmal eine Straftat begangen, die ihn von seinen Eltern trennte. Vielleicht war er nur unbesonnen gewesen, jedenfalls war er weich – er hatte zu den Eltern eilen, ihnen alles erklären wollen. Da war er schon verhaftet. Und die Jahre vergingen, eines nach dem anderen, viele, und immer noch waren die Eisengitter zwischen ihm und den Eltern, zwischen seiner Schuld und der herzbefreienden Aussprache. Er warf sich gegen sie, er achtete es für nichts, daß ein gemeiner Hund sein Gesicht blutig schlug, er kämpfte Tag für Tag mit dem uns unsichtbaren Feind, immer vergebens, und Tag für Tag nahm er von neuem den Kampf auf. Auch mit ihm konnte man zwischendurch ein vernünftiges Wort über die primitiven Dinge des Lebens reden, wie die Suppe geschmeckt hatte, und wo der Handfeger lag. Er leistete sogar ein bißchen Arbeit; wie schon gesagt, fegte er das Treppenhaus. Übrigens war dieser Sachse Lachs derjenige, der die meisten Freßpakete von Haus empfing; nur merkte er leider nicht mehr, was er aß, ganz gleich, was der Oberpfleger ihm in die Hand gab.

Ein dritter, viel redender Mann war ein drahtiger Kranker mit scharfgeschnittenem Gesicht und einer schmalrückigen Adlernase: er sah aus wie ein weißhäutiger Araber. Er litt unter dem Wahn, eine damals sehr hochgestellte politische Persönlichkeit eines Nachbarvolkes zu sein, die wegen ihrer Unbedenklichkeit, ja, geradezu wegen ihrer Mordlust einen schlechten Ruf genoß. Dieser Kranke ging immer allein im Kreis rundum, oder er lehnte auch gegen den Zaun, der unser kleines Grasviereck von dem großen Gefängnishof abschloß. Wenn er da so lehnte, machte er ganz den Eindruck, als habe er da von eh und je gestanden; seine gebleichten, entfärbten Kleider verschmolzen im Sonnenlicht, und sichtbar blieb nur dieser einst kühn gewesene Araberkopf, der immerzu lachte und redete, lachte und redete. Das meiste, was er listig, mit einem sardonischen Kichern, vor sich hinschwätzte, ist nicht wiederzugeben; er erging sich in langen Ausmalungen, wie er seinen Feinden, weiblich oder männlich, die Geschlechtsteile abschnitt, auf die verschiedensten Arten (die genau ausgemalt wurden) zubereitete und aß. Manchmal aber erging er sich auch in Ausführungen wie diesen: »Es ist logisch, daß man zuerst in Landsberg an der Warthe die Prüfung bestanden haben muß, wenn man in England Feldmarschall werden will. Anders geht es natürlich nicht. Man trägt rechts einen roten, links einen blauen Lackstiefel ...«

Er wandte sich um und kicherte mich, selbst höchst belustigt, an. Und fuhr fort, war sofort im Gange, schoß die Franzosen mit Maschinengewehren zusammen, und machte im selben Atem Anmerkungen über die maßlosen Schweinereien der Tungusen-Jungfrauen. Sein Hirn war ununterbrochen beschäftigt, das Unvereinbarste zu vereinen, gewissermaßen reihte er Ketten auf, bei denen eine alte Schuhwichsdose neben einem Straußenfederfächer hing. Mit diesem Mann war kein vernünftiges Wort zu reden, er hörte gar nicht darauf, wenn man ihn ansprach, sondern redete ruhig fort oder schwieg auch. Ein Mitgefangener erzählte mir, daß dieser ›Araber‹, Schniemann mit Namen, früher viel vernünftiger und auch noch zu richtiger Arbeit fähig gewesen sei. Er war mit den anderen Außenarbeitern in die Stadt auf eine Fabrik arbeiten gegangen. Dort hatte er einen Fluchtversuch gemacht, war aber wieder eingefangen worden. Da er sich mit einer fast tierischen Verzweiflung gegen seine erneute Festnahme wehrte, war ein heftiges Getümmel um ihn entstanden; dabei hatte einer auf seinen Arm getreten, und der Arm brach. Als er aus dem Krankenhaus zurückkehrte, war er so verwirrt wie jetzt; den Arm, der schlecht geheilt war, benutzte er nicht mehr, ständig hielt er die Hand dieses Arms in der Tasche. Auch dies gab seiner traurigen Gestalt eine unvergeßliche, charakteristische Note.

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