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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 41
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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40.

Ich bin den Ereignissen weit vorausgeeilt. Noch stehe ich am ersten Tage meines Anstaltsaufenthaltes, habe meine Pellkartoffeln noch ganz vornehm ohne Schalen in mich hineingegessen und bin nun todmüde nach der durchwachten Nacht. Ich wende mich an den Oberpfleger und bitte ihn, mich eine Stunde auf mein Bett legen zu dürfen, ich hätte die ganze Nacht nicht schlafen können.

»Das ist verboten!« sagte der Oberpfleger streng. Dann aber milder: »Also legen Sie sich hin. Aber ziehen Sie sich aus und legen sich richtig ins Bett.«

Ich tue es, und kaum liege ich, habe die Augen geschlossen, so erklingt schon die verhaßte gellende Stimme.

»Willst du Schwein wohl machen, daß du sofort aus dem Bett kommst! Das möchtest du Speckjäger, nichts tun, wenn wir für dich arbeiten müssen. Marsch, raus aus der Falle!«

Er hatte mich aufgestöbert, der immer wache Spürhund. Aber ich bin jetzt auch wütend, mein Haß gibt mir die Kraft zum Protest.

»Hältst du sofort das Maul!« schrie ich wütend. »Du bist wohl mehr als der Oberpfleger? Der hat's mir erlaubt, und du Schwein ...«

»Hat er's dir erlaubt, hat er's dir wirklich erlaubt?« geiferte er grinsend und entblößte seine verfärbten Hauer. »Na, du mußt ja was mächtig Feines sein, daß der Oberpfleger solche Ausnahmen für dich macht! Nimm's nicht übel, Kumpel, ich bin hier, damit Ordnung ist auf der Station, sonst scheißt mich der Oberpfleger an!« Damit verschwindet er, und ich lege mich zurück, ganz zufrieden, daß ich endlich ihn einmal hereingelegt habe.

Ich bin wirklich eingeschlafen, aber nur für wenige Minuten, dann weckte mich etwas. Es war wohl kein Geräusch, das mich weckte, sondern eher ein Instinkt, der mich Gefahr wittern ließ: ich bildete in diesem Haus den Instinkt eines gejagten Wildes aus. Ich liege auf der Seite und sehe gerade auf den Schemel vor meinem Bett, auf den ich meine Kleider gelegt habe. Ich blinzele und sehe etwas Weißes, das sich mit diesen Kleidern zu schaffen macht. Es ist schon wieder der Lexer, ganz behutsam, unendlich leise nimmt er ein Kleidungsstück von mir nach dem anderen zur Hand, fährt in die Taschen, fühlt die Nähte ab ... Mein erster Impuls ist, aufzuspringen und mich auf diesen Teufel zu stürzen, diesen nimmer ruhenden Quälgeist. Aber ich besinne mich, ich bleibe ruhig hegen, ich beobachte sein Tun. Laß ihn suchen. Ich grinse. Ich habe nicht das Allergeringste in den Taschen, was seine Begehrlichkeit reizen könnte. Nicht das Allergeringste? Mir stockt das Herz, und wieder möchte ich aufspringen und ihm die Rasierklinge entreißen, die er nun doch gefunden hat, so gut ich sie auch in eine alte Zeitung eingewickelt habe. Er wirft einen Blick auf mich. Ich drücke die Augen zu, ich schlafe. Dann, als ich wieder blinzele, sehe ich, daß er die Klinge wieder in die Zeitung wickelt und in meine Tasche zurücksteckt. Dann ist er fort. Ich aber habe die Gefahr begriffen, springe mit einem Satz aus dem Bett, suche die Klinge hervor und eile mit ihr auf das Klo. Ein Zug an der Spülung, und die Klinge ist unauffindbar verschwunden, diese kostbare Klinge, die mir den Weg in die Freiheit öffnen sollte, wenn alles andere versagte. Eine Minute später liege ich wieder im Bett. Nicht viel zu früh, gar nicht viel zu früh! Denn da steht schon der Oberpfleger an meinem Bett und legt die Hand auf meine Schulter.

»Wachen Sie auf, Sommer!«

Ich erwache, ich hoffe, gerade richtig, nicht zu leicht, nicht zu schwer.

»Stehen Sie auf, Sommer!«

Ich tue es und stehe nun im Hemd vor ihm.

»Sommer, haben Sie noch etwas Verbotenes in Ihren Taschen?«

»Nein, Herr Oberpfleger!«

»Sie wissen doch, daß alles Schneidende in diesem Haus streng verboten ist, z. B. Taschenmesser, Rasierklingen, auch Nagelfeilen! Das wissen Sie doch?«

»Jawohl, Herr Oberpfleger, das hat mir einer gesagt.«

»Und Sie haben nichts Verbotenes in den Taschen?«

»Nein, Herr Oberpfleger.«

Eine kurze Pause.

Dann: »Sommer, ich warne Sie noch im Guten! Gestehen Sie, und ich will ein Auge zudrücken. Sonst stecke ich Sie nach diesem ersten Tag für vier Wochen in Arrest!«

»Ich habe nichts zu gestehen, Herr Oberpfleger!«

»Schön. Dann drehen Sie mal Ihre Taschen um.«

Ich tue es und fange mit der Jacke an, die bewußte Hosentasche spare ich mir bis zuletzt auf.

»Machen Sie die Zeitung auseinander, Sommer!«

Ich tue es. Nichts, wirklich nichts. Der Oberpfleger steht einen Augenblick nachdenkend, dann nimmt er meine Kleidungsstücke, eines nach dem anderen, selbst unter Kontrolle, aber wieder nichts.

»Ziehen Sie sich an, Sommer.«

Ich tue es.

»So, und nun schicken Sie mir den Lexer her, Sie selbst bleiben bis zur Freistunde im Tagesraum.«

»Jawohl, Herr Oberpfleger!«

Ich habe ihnen eine bildschöne Arbeit gemacht; unter der Aufsicht des Oberpflegers haben sämtliche Kalfaktoren die ganze Zelle Stück für Stück umgedreht und durchsucht. Mancherlei fanden sie, aber keine Rasierklinge. Zum Schluß beschimpften sie den Lexer, sie vermuteten irgendeinen idiotischen, sinnlosen Schelmenstreich von ihm. Aber Lexer zumindest hat's gewußt, daß ich tatsächlich eine Rasierklinge gehabt hatte. Ich hatte ihn reingelegt. Und seltsam, obgleich ihn alle, vom Oberpfleger an, beschimpften, hatte er jetzt keine Wut auf mich. Ich hatte ihn reingelegt, das imponierte ihm. Von da an band er nie wieder direkt mit mir an, wenn er auch das Stänkern nie ganz lassen konnte.

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