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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 40
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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39.

Auch ein endloser Vormittag nimmt sein Ende. Es kam das Mittagessen, und die Gefangenen lächelten: sie hatten einen guten Tag, sie bekamen ein gutes Essen. Jeder Mann bekam in einem bindfaden-geknüpften Netz anderthalb Pfund Pellkartoffeln und dazu in seiner Aluminiumschüssel eine Kelle einer scharf gewürzten Sauce, in der einige Fleischfasern schwammen. Ich schälte mühsam meine Kartoffeln mit dem Löffel; Gabel und Messer waren in diesem Haus der ständigen Schlägereien zu gefährlich. Wenn ich die Essenden betrachtete, so sah ich einige, die auch ihre Kartoffeln schälten, sie in die Sauce legten und mit dem Essen warteten, bis sie fertig mit Schälen waren. Aber wir waren bei weitem in der Minderzahl, viele Schäler waren so ausgehungert, daß sie nicht warten konnten: die meisten Kartoffeln verschwanden eben geschält im Munde, nur wenige erreichten die Brühe. Ungeschält ließ, wie ich sah, keiner die Kartoffeln. Aber ich sah in meiner Nähe einen dicken, untersetzten Mann mit eisengrauem Kopf und dem rotbraun gebrannten Gesicht eines Landarbeiters, der während des Schälens noch die Schalen auffraß. Kaum hatte ich fertig geschält, warf er einen fragenden Blick auf mich, und schon fuhr seine schwielige Hand über den Tisch, kratzte auf einmal all meinen Abfall zusammen und schob ihn in den Mund.

»Mann!« rief ich. »Da war ja eine völlig verfaulte Kartoffel zwischen!«

»Macht nichts, Kumpel«, sagte er eifrig kauend. »Ich muß den ganzen Tag mähen, ich werd' nie satt. Vielleicht kann ich mir heute abend Schweinekartoffeln klauen. Hoffentlich!«

Er war nicht ein einzelner Verfressener, alle hatten Hunger, immer, auch direkt nach dem Essen. Ich sah Kranke herumgehen und die kleinsten Kartoffelkrümelchen von dem Tisch fortstehlen, andere kratzten die ach so blanken Schüsseln nach; einen sah ich auf dem Flur den Saucenkessel mit dem immer wieder abgeleckten Finger blankpolieren. All dies geschah unter den Augen der Wachtmeister, die es als selbstverständlich ansahen. Mir schien es unsäglich jämmerlich und gemein, Kranke so hungern zu lassen, aber auch sich zu solcher Schüsselleckerei und Abfallfresserei zu entwürdigen. Nur wenige Tage sollten vergehen, da dachte ich wesentlich anders darüber und war selbst sehr großzügig beim Schälen von Kartoffeln, d. h. glatte Stellen ließ ich grundsätzlich ungeschält. Es ist ein sehr einfacher Satz: ›Hunger tut weh‹, aber seine Einfachheit nimmt nichts von seiner Wahrheit. Wer Nacht für Nacht vor Hunger nicht in den Schlaf kommen kann, wer am Tage schwindlig wird vor Hunger, der hat nur noch wenig Bedenken hinsichtlich der Nahrungsmittel, mit denen er seinen Hunger stillen kann.

Ich greife hier vor, aber ich möchte dieses Kapitel vom Essen in einer Heilanstalt endgültig zu Ende bringen, obwohl ich es für mich bis heute noch nicht zu Ende gebracht habe. In der ganzen Anstalt herrschte ein einfach schmutziger Geiz. Nie bekamen wir frisches Fleisch zu essen, nur manchmal schwammen Fasern – niemals auch nur Bröckchen – eines roten, alten Pökelfleisches im Essen oder in der Sauce, sehr rare Fasern übrigens! Nie gab es Butter, nie Wurst, nie Käse. Nie einen Apfel. Und alles, was es gab, war dann noch unzulänglich, endlos mit Wasser vermischt, schlecht zubereitet. Warum das alles so war, ahne ich noch heute nicht. Die Gefangenen behaupteten, der Oberinspektor fräße alles selbst auf. Aber auch der gefräßigste Oberinspektor kann nicht das Essen von ein paar hundert Menschen vertilgen. Vielleicht wollte man uns nicht zu üppig werden lassen, und ich muß zugeben, selbst bei dieser Hungerkost waren die Leidenschaften noch lebhaft genug im Gange. Es gab aber doch immer Leute unter uns, die nicht solchen Hunger litten, ja, die in gewissen Grenzen aus dem Vollen lebten. Da waren einmal die Kalfaktoren, sie hatten die Brote für uns zu schneiden, abzuwiegen, zu bestreichen. Offiziell stand ein Wachtmeister dabei und paßte auf, aber klingelte das Telephon, so mußte der Wachtmeister aus der Küche heraus in den Glaskasten, und schon waren ein paar Stullen dick geschmiert und verschwunden. Gefangene haben scharfe Augen, und der Hunger macht sie nur noch schärfer; es war unvermeidlich, daß sie von diesen Unterschlagungen erfuhren. Der hatte gesehen, wie ein Kalfaktor auf dem Klo eine Stulle kaute, jener, wie er einem ›Freund‹ eine zusteckte oder sie für Tabak verhandelte. Aber anzeigen war sinnlos. Erst einmal war schwer etwas zu beweisen, ja, es war fast unmöglich, denn selbst wenn das Brot gefunden wird, was fast nie geschieht, weil nämlich gar nicht erst nach ihm gesucht wird, kann der Kalfaktor sagen: ›Das habe ich mir vom Frühstück aufgespart.‹ Und zum anderen waren die Kalfaktoren das liebe Kind der Beamten, ihre Zuträger; die Beamten wollten nichts gegen ihre Kalfaktoren hören. So geschah praktisch nie etwas dagegen, aber der Neid und der Haß wurden dadurch ständig wach gehalten. Immerfort gab es Sticheleien, Anspielungen, auch Prügeleien. Bei denen zogen die Prügler immer den kürzeren, sie wanderten in den Arrest; sie konnten ja nichts beweisen. Auch ich war, ich muß es gestehen, oft fast krank vor Neid, wenn ich sah, wie unser immer fetter werdender Kalfaktor das Mittagessen nach ein paar Löffeln satt beiseite schob, dieses selbe Mittagessen, bei dem ich mit jedem Bissen geizte; er aber schenkte es einem anderen oder verscheuerte es für einen Pfeifenkopf Tabak oder eine Zwiebel oder zwei Streichhölzer.

›Du Speckjäger!‹ sagte ich mir dann, genau wie die anderen, ›du hast dich an meinem Brot und meiner Margarine sattgefressen, und nun verschmähst du das kostbare Essen, das meinem Körper so notwendig wäre. Daß du verrecken mögest in deinem Fett!‹

So fühlte ich und schämte mich dabei dieses erbärmlichen Futterneides um eine Scheibe Brot, die ich zu Hause für nichts geachtet hatte, und lernte die hassen, die mich dazu gebracht hatten, so zu fühlen, so niedrig und neidisch!

Eigentlich noch schlimmer als diese heimliche Art, sich Essensvorteile zu verschaffen, war eine ganz legale, die von der Verwaltung gebilligt, ja sogar gefördert wurde. Diejenigen der Insassen nämlich, die noch willige Verwandte draußen hatten, durften sich Pakete mit Lebensmitteln schicken lassen, so oft und so viel sie nur wollten. Man sollte denken, daß fast jeder der Kranken einen solchen Angehörigen draußen hatte, der ihm wenigstens dann und wann ein Brot geschickt hätte – schon trocken Brot war eine heißbegehrte Ware im Hause. Dem war aber nicht so. Ganz abgesehen davon, daß viele der Insassen weder schreiben noch lesen konnten (in diesem schrecklichen Haus lag wirklich nur der letzte Ausschuß der Menschheit) oder daß sie schon zu blöde und stumpf dafür waren, wollten die Angehörigen von den meisten nichts mehr wissen. Sie hatten ihnen, solange sie noch draußen waren, Kummer und Schande genug gemacht, nun waren sie schon fünf oder zehn oder gar zwanzig Jahre in diesem Hause, sie waren für die draußen erledigt und vergessen, sie waren für die draußen tot, gestorben und begraben. Nein, es waren nur ganz wenige, die diese Pakete bekamen, von den sechsundfünfzig Männern, die auf meiner Station lagen, vielleicht nur fünf oder sechs. Die aber saßen stattlich und wohlgenährt bei unseren gemeinschaftlichen Mahlzeiten, neben den Schüsseln voll Wassersuppe lagen bei ihnen dick bestrichene Brote mit Wurst und Käse, die wir nie zu schmecken bekamen; ja, ich habe es sogar erlebt, daß ein dicker Bauer, den sie wegen ständigen Querulantentums mit uns eingesperrt hatten, gemütlich eine gebratene Ente in unserer Gegenwart verzehrte, Knochen für Knochen abnagte. Er triefte von Fett, wir aber saßen dabei, und unsere Augen wurden immer größer, das Wasser lief uns im Munde zusammen und schließlich aus ihm herunter, unsere Hände zitterten, und nur Gier und Neid erfüllten unsere Herzen. Ich habe es nie verstanden, warum man so etwas zuließ. Wenn man wenigstens diese Bevorzugten ihr Sonderessen in aller Heimlichkeit hätte vertilgen lassen, aber nein, vor unseren Augen mußte es geschehen! Freilich, es gab ja keinerlei Heimlichkeit auf dieser Station, in diesem Hause, alle lagen zu sechs, acht Mann in ihren Zellen, nichts, wohin man sich zurückziehen konnte, nicht einmal die Klos hatten Riegel, immer riß einer die Tür auf, man saß eben erst auf der Brille. Aus all dem aber, aus dem ständigen Hungergefühl und dem Haß gegen die diebischen Kalfaktoren und aus dem Neid gegen die Prasser entstanden jene nie endenden Gereiztheiten, Streitereien, Schlägereien, Bestrafungen. Nie war auch nur einen einzigen Tag Ruhe im Bau, immer war irgend etwas los. Man hörte schon gar nicht mehr hin, wenn zwei sich in der unflätigsten Weise beschimpften. Man ging fort, wenn sie sich die Augen blau und die Nasen blutig schlugen. Man war froh, wenn man nicht selbst noch hineingezogen wurde. Man mußte auf jedes Wort achten, was man sagte, es wurde sofort weitergetragen, sofort kehrte es sich gegen seinen Sprecher.

Ich für meine Person muß gestehen, daß ich anfänglich nicht nur mit Neid auf die Paketfresser sah. Ich hatte es ja so einfach: ich brauchte nur einen Brief an Magda zu schreiben, und ich gehörte auch zu diesen Besitzenden. So würde Magda doch nicht sein, daß sie ihren eigenen angetrauten Mann hungern ließ. Eine Woche lang kämpfte ich mit mir, dann siegte der Hunger, und ich entschloß mich zu dem Brief. Ich hatte weder Schreibpapier noch einen Umschlag, und geliefert wurde einem von der Anstalt gar nichts; aber ich sparte mir eine Scheibe Brot ab und bekam dafür, was mir nottat. Ich schrieb den Brief, und von da an wartete ich. Ich malte mir abends im Bett aus, was alles in dem Paket sein würde; wenn ich an eine dick mit fetter Leberwurst bestrichene Scheibe Brot dachte, wurde mir beinahe übel vor Hunger und Wollust. Ich hatte mir den frühesten Tag ausgerechnet, an dem das Paket hier sein konnte; aber der Tag verstrich und mancher Tag nach ihm, und das Paket kam nicht. – Dann erfuhr ich, daß der Brief erst durch die Zensur des Medizinalrates gehen mußte, dann auf das Büro der Verwaltung zum Frankieren ging und daß man die Briefe dort nicht etwa sofort, sondern nur gelegentlich, wenn mehrere beisammen waren, abschickte.

»Die haben die Ruhe weg«, sagten die Gefangenen. »Glaubst du, die laufen, wenn du was möchtest? Die setzen sich dann gerade erst recht fest auf ihren Arsch!«

So wartete ich weiter und hoffte weiter.

Dann sagte der Oberpfleger eines Tages beiläufig zu mir: »Auf dem Büro liegt ein Brief von Ihnen, Sommer. Die lassen Ihnen sagen, der kann nicht abgehen, Sie haben kein Geld gut für Porto.«

»Wie?« rief ich. »Wegen zwölf Pfennig Porto kann mein Brief nicht abgehen? Und ich habe aus dem Untersuchungsgefängnis viertausend Mark an meine Frau zurückgeschickt!«

»Da hätten Sie sich eben ein paar Mark zurückbehalten sollen«, sagte der Oberpfleger und wollte weitergehen.

»Aber, Herr Oberpfleger!« rief ich. »Das geht doch nicht. Wegen zwölf Pfennigen! Die können doch anrufen bei meiner Frau, und die wird bestätigen ...«

»Ein Telephongespräch kostet auch zehn Pfennig, die Sie nicht haben, Sommer!« sagte der Oberpfleger kühl. »Beruhigen Sie sich nur, der Brief wird schon abgehen, nächsten Monat, wenn Ihnen Ihre erste Arbeitsbelohnung gutgeschrieben ist!«

Ich habe keine Ahnung, ob der Brief an Magda schließlich wirklich abgegangen ist oder ob er in der Zwischenzeit verloren ging. Ein Freßpaket habe ich jedenfalls nie bekommen, ich blieb immer unter den Hungrigen, gierigen Neidern. Denn als ich wirklich eine Arbeitsentlohnung guthatte, war ich längst viel zu mutlos geworden, noch einmal an Magda zu schreiben. Ich war daran verzweifelt, daß irgendein Mensch es noch gut mit mir meinte.

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