Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Fallada >

Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 39
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
Schließen

Navigation:

38.

Ich wurde vom Oberpfleger eingekleidet, ich bekam eine braune Jacke und eine gestreifte Hose aus Tuch, dazu Lederpantoffeln. Die Sachen, die ich bekam, waren neu, ich wurde vom Oberpfleger mit Auszeichnung behandelt. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte mir alte Lumpen wie den anderen gegeben; sie sahen es ja, daß ich neues Zeug trug, das bestärkte sie in ihrer Abneigung gegen mich.

›Der will was Besseres sein, der Speckjäger!‹ sagten sie und warfen böse Blicke auf mich.

Übrigens tat ich etwas Seltsames bei diesem Einkleiden. Ich durfte aus meinem Koffer Seife und Zahnbürste nehmen, und dabei gelang es mir, in einem unbewachten Augenblick, eine Rasierklinge zu stehlen. Ich hatte das schon einmal getan, aber damals war ich noch schlapp und feige gewesen, ich hatte noch nichts geahnt, was alles mir noch bevorstand. Jetzt würde ich anders handeln, ohne Angst vor Schmerzen würde ich zuschneiden. Nein, noch nicht jetzt, meine Tat, diese heimliche Fortnahme einer Rasierklinge, war mir selbst überraschend gekommen. Noch nicht jetzt – erst würde ich noch kämpfen. Sollte aber mein Kampf erfolglos ausgehen ... Nun gut, wenn ich Termin gehabt habe und meine dauernde Überführung in diese Heilanstalt wird angeordnet, dann, ja, dann ... In dieser Hölle werde ich mein Leben nicht verbringen, soviel ist gewiß.

Ich habe zum erstenmal mein Frühstück mit meinen Leidensgefährten genommen, morgens halb sieben, im Strahl der Frühsonne sahen diese Gesichter völlig trostlos aus. Rohe Gesichter, tierische Gesichter, stumpfe Gesichter. Überentwickelte Kinne, oder sie fehlten ganz. Schielende Menschen, bucklige Menschen, verkümmerte Menschen. So fahl und düster wie ihre verschlissene Tracht. Der Oberpfleger hat mir einen Platz am letzten Tisch, ganz hinten an der Wand, angewiesen. Das ist gut, ich kann alle sehen und beobachten und sitze ganz ungestört. Vom Kalfaktor habe ich mir einen Becher mit heißer Zichorienbrühe geholt, und der Oberpfleger hat mir drei dicke Scheiben Brot gegeben, zwei sind mit Margarine beschmiert, eine mit Marmelade. Ich esse sie langsam und mit großem Appetit, ich kaue sie gründlich, wer weiß, was es heute zum Mittagessen gibt. Das Kohlwasser hat mich sehr erschreckt. Manche bekommen mehr Brot, sie bekommen auch ›Belag‹ drauf; der Belag besteht aus Schnittlauch oder Zwiebeln oder Quark. Das sind, wie ich erfahre, die Außenarbeiter, sie müssen den ganzen Tag schwer arbeiten, darum bekommen sie auch so wertvolle Zulage!

Kurz nach dem Frühstück ertönt der Ruf: ›Antreten!‹, und alle, die arbeiten, treten an, werden von einem Wachtmeister durch die Gittertür hinausgelassen, und zurück bleiben nur die Hausarbeiter, Kalfaktoren genannt, die Kranken und ich. Es gibt viele Kranke ...

Ich stehe dann am Fenster und sehe zu, wie die Leute aus allen Häusern auf dem Hof antreten. Es sind viele, viele Leute, links steht auch eine Kolonne Weiber. Viele Uniformen, die diese Kranken bewachen, bei der Arbeit beaufsichtigen, antreiben, jede Flucht vereiteln werden. Und dann wird der Hof leer. Ein weißberockter, dicker Mann, der Herr Oberinspektor, teilte sie zur Arbeit ein, manche rückten mit Sensen ab, andere mit Hacken, viele gingen in die Fabrik. Nun gehe ich mit Hielscher den Gang auf und ab, auf und ab. Hielscher ist ein kleiner Buckliger, der mit einer sanften, sehr deutlichen Stimme ein gepflegtes Deutsch spricht. Hielscher nennt mich ›Herr Sommer‹ und ›Sie‹, das tut mir gut. Er erzählt mir vieles in seiner sanften, deutlichen Sprache von diesem Haus und seinen Insassen. Sonst schält er Kartoffeln, seit sechs Jahren schält er Kartoffeln, seit elf Jahren ist er in diesem Haus.

»Ich bin Sittlichkeitsverbrecher«, sagt er sanft und gewählt zu mir. »Der Medizinalrat hat mir ein Gutachten abgenommen. Ich habe angeborenen Schwachsinn bekommen und dann mangelnde Hemmungen und stark verminderte Zurechnungsfähigkeit. Und dann habe ich einen Buckel, das sieht man natürlich, und hinken tue ich auch. Ist das schlimm, Herr Sommer?«

Ich bin ganz überrascht von dieser Frage.

»Schlimm?« frage ich verwirrt. »Wieso meinen Sie schlimm?«

»Nun, ob es eine schlimme Krankheit ist, oder ist es leicht, Herr Sommer?«

Und er sieht mich mit seinen lebhaften und doch traurigen Augen an.

»Nein, das ist wohl nicht so schlimm.«

»Das denke ich auch«, sagt Hielscher. »Sicher lassen sie mich bald frei. Haben Sie wohl ein bißchen Tabak für mich, Herr Sommer?«

Ich sagte dem Hielscher, daß ich selbst Sehnsucht nach Tabak hätte, ihm also leider keinen geben könne. Darauf erlosch Hielschers Interesse an mir rapide, er verließ mich, und ich wanderte den Gang allein auf und ab. Dieser Vormittag war endlos. Ich marschierte und marschierte, aber der Zeiger der Uhr rückte nicht voran. Manchmal sah ich in einen der beiden Tagesräume, aber die dort tatenlos sitzenden, vor sich hindösenden Gestalten, diese Wracks, stießen mich ab. Geschäftig mit Besen und Eimern waren nur die Kalfaktoren, wie in allen Gefängnissen ja, jene einigermaßen gut und sauber aussehenden Menschen, geschickt und bedenkenlos, vor den Beamten kriechend, jede Kleinigkeit von ihren Mitgefangenen hinterbringend, bestechlich und roh gegen ihre Kameraden. Ich sah sie von Zelle zu Zelle gehen, vorgeblich aufräumend, in der Hauptsache aber die Betten nach einer versteckten Scheibe Brot oder einer Pfeife Tabak durchsuchend. Es bestärkte mir meine Antipathie, als ich sah, daß der so verhaßte Lexer auch eine Art Kalfaktor war, ein Hilfskalfaktor, der wohl die längste Zeit des Tages drüben in einer der Arbeitsstellen des Anbaus beim Bürstenmachen steckte, der sich aber immer wieder ein Gewerbe auf der Station zu machen wußte. Das Treppenhaus reinigte ein Mann in mittleren Jahren mit einem einst klugen, jetzt verwirrten und hoffnungslos traurigen Gesicht; von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Fegerei, riß ein Fenster auf und schrie durch die Gitterstäbe unflätige Schimpfereien gegen imaginäre Personen hinaus. Ich beobachtete den Lexer, wie er sich an den Scheltenden heranschlich, ihn von hinten ansprang und mit dem Kopf immer wieder gegen die Eisentraljen schlug.

Gellend schrie er dabei: »Sollst du nicht arbeiten, du Lump? Mußt du immer schreien? Fressen willst du, aber deine Arbeit tust du nicht! Warte nur, du!«

Und er schlug von neuem. Ich wäre dem Verwirrten gern zu Hilfe gekommen, aber das Eisengitter zum Treppenhaus war verschlossen, und ich hatte mir zudem in der letzten Nacht fest vorgenommen, mich in keine der Streitigkeiten hier zu mischen und vollkommen neutral zu bleiben. Je unauffälliger ich lebte, um so günstiger mußte mich der Arzt beurteilen. Außerdem hatte ich vor diesem Lexer Angst. Ich hatte auch alle Ursache dazu. Ich habe diesen Mann oder vielmehr Bengel – er war erst Mitte der Zwanziger und weit in der Entwicklung zurückgeblieben – lange mit den immer wachsamen Augen des Hasses beobachtet. Er war der geborene Bluthund. Sein Schönstes war es, die Mitgefangenen zu quälen, immer kniff er an ihnen herum, schubste sie umher, schlug sie, verklatschte sie beim Oberpfleger. Nichts war ihm zu gering. Brachte ein Gefangener von seinem Spaziergang ein heimlich ergattertes Zwiebelchen heim, entweder Lexer jagte es ihm ab oder zeigte den Kumpel beim Oberpfleger wegen Diebstahls an. Und da die Zwiebel wirklich gestohlen war, freilich nur aus dem Anstaltsgarten, so mußte der Dieb für vierzehn Tage in Arrest. Schwächere lockte Lexer in stille Ecken und schlug sie solange, bis sie ihren Tabak oder was ihm sonst von ihren Besitztümern begehrenswert erschien, herausgaben. Bei Stärkeren versuchte er es mit List, täuschte sie mit großen Versprechungen von Brot und hielt nie etwas. Bei den Beamten aber war Lexer gar nicht unbeliebt. Er spielte da eine Hausnarrenrolle, sein freches, gelles Mundwerk hatte immer einen schlagfertigen Witz bereit, meist auf Kosten eines Mitgefangenen, er verrichtete jeden Dienst für die Beamten rasch, geschickt und willig und ließ sich, bei irgendeiner Gemeinheit erwischt, mit komisch jammernder Miene durchprügeln.

»Man kann dem Schweinehund nicht böse sein«, sagten die Wachtmeister und duldeten ihn und seine schamlose Tyrannei über die anderen Gefangenen weiter. Vor allem war er ihnen wohl nützlich, sie erfuhren durch ihn alles, was im Bau vorging.

Lexer war schon mit sechs Jahren in ein Waisenhaus gekommen, und von da an hatte er immer nur wenige Wochen oder Monate in der Freiheit zugebracht, immer wieder war er in die festen Häuser des Staates zurückgekehrt: in die Fürsorgeerziehung, ins Jugendgefängnis, ins Gefängnis. Schließlich hatte man ihn als unverbesserlich in dieser Heil- und Pflegeanstalt untergebracht, und zwar, wie er sehr wohl wußte, auf Lebenszeit. Aber das störte ihn gar nicht. Er fühlte sich in diesem Haus, das mir eine Hölle dünkte, sauwohl. Hier kam er sich so recht in seinem Element vor. Hier konnte er jeder Gemeinheit ihren Lauf lassen. Er spielte den Hilfskalfaktor, den Hilfswachtmeister, den Oberteufel. Hier schlug er einen Geistesschwachen, einen Schizophrenen mit dem Kopf gegen die Gitterstäbe und erwartete womöglich noch ein Lob, daß er die Leute so stramm zur Arbeit anhielt.

 << Kapitel 38  Kapitel 40 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.