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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 37
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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36.

Wir wanderten gemeinsam eine schöne Landstraße entlang, der Wachtmeister und ich. Von dem Kettchen bin ich nun wirklich befreit, das hat den Vorteil, daß ich nun den gar nicht leichten Koffer mal rechts, mal links tragen kann. Der Wachtmeister hat sich eine kurze Pfeife angebrannt und hat auch mir gnädig die Erlaubnis gegeben, zu rauchen. Da ich aber nicht das geringste Rauchbare besitze, hilft mir diese Erlaubnis nichts. Außerdem ging's wohl schlecht mit der zerbissenen Nase.

An der Straße stehen hohe, alte Kastanienbäume, sie haben schon ausgeblüht. Die Sonne sinkt, ab und zu knarrt ein verspätetes Heufuder an uns vorbei. Die Leute wenden kaum die Köpfe nach uns, sie sind hier in der nächsten Nähe der Heilanstalt solche Transporte längst gewöhnt. Höchstens, daß eine Frau einmal einen neugierigen Blick auf mein verbundenes Gesicht wirft. Der Wachtmeister hat sich nach meinem ›Verbrechen‹ und nach meinem ›Vorleben‹ ausfragen wollen, aber ich habe ihm nur einsilbig geantwortet. Da er aber entschlossen ist, uns den Weg durch ein Gespräch zu kürzen, erzählt jetzt er mir von sich, das heißt von einem Garten, den er mit seiner jungen Frau bestellt. Und er möchte nun so gerne noch ein angrenzendes Stück Land dazu pachten und trägt mir nun, behaglich erwägend, alle Gründe für und wider vor, das geringe Gehalt und die teuere Pacht, den verunkrauteten Boden, die zweifelhafte Ernte – ach, es gibt eigentlich nur Gründe dawider. Der Wachtmeister stößt eine bläulich-weißliche Tabakwolke aus und sagt abschließend: »Also, ich pachte das Stück unter allen Umständen. Ein Stück Land – das ist besser als tausend Mark auf der Sparkasse!«

Ich höre nur halb hin auf sein Geschwätz, und nur, als er jetzt zu seinem überraschenden Schluß kommt, lächele ich bitter: ›Mit solchen Strohköpfen muß ich also nun umgehen von jetzt an, und sie sagen einfach ›Sommer‹ zu mir, ohne ›Herr‹ und bestätigen mir gütigst, daß ich ›soweit einen ganz vernünftigen Eindruck‹ mache!‹

Laut aber frage ich: »Ist das die Heilanstalt?«

»Das ist sie«, antwortet der Wachtmeister. »Und jetzt wollen wir einen Schritt schneller zugehen; es ist gleich Büroschluß, und der Oberinspektor schimpft, wenn ich dann noch mit Ihnen angekleckert komme!«

Von der Straße aus gesehen, macht die Heilanstalt keinen schlechten Eindruck, mein Herz fängt etwas leichter zu schlagen an. Auf einer leichten Anhöhe gelegen, von hohen, alten, reichlaubigen Bäumen umstanden, liegt sie stattlich da wie ein großes Schloß oder eine altertümliche Burg. Große Fenster blinken im Licht der Abendsonne.

Aber als wir näherkommen, sehe ich die hohen roten Mauern darum, oben noch mit Eisen und Stacheldraht bewehrt, ich sehe auch die Gittertraljen vor den großen blitzenden Fenstern, und mein Begleiter hat es gar nicht nötig, mir erklärend zu sagen: »Früher war dies einmal ein Zuchthaus.«

Nein, das sehe ich auch so, daß dies nicht wie ein Krankenhaus, sondern wie ein Zuchthaus aussieht. Ein richtiger breiter Wallgraben läuft um den ganzen Komplex, friedlich schwimmen Enten und Gänse auf ihm, aber auf der Brücke, die wir überschreiten, steht ein bewaffneter Posten in grüner Uniform, und das Büro, in das ich geführt werde, ist kein bißchen anders als das Gefängnisbüro, aus dem ich vor anderthalb Stunden entlassen wurde. Sogar die Beamten drin scheinen von genau der gleichen Art zu sein, derselbe gelangweilte, teilnahmslose und doch prüfende Blick, der ›die Neuaufnahme‹ streift, dieselbe langsame Umständlichkeit, mit der dem Transporteur für mich quittiert wird, mit der meine Personalien eingetragen werden. An diesem Abend gab es nur einen kurzen Lichtblick für mich: ich war wegen Mordversuchs verhaftet, wegen Totschlagversuchs hatte der alte Amtsgerichtsdirektor meine Überweisung in eine Heilanstalt angeordnet, jetzt wurde ich mit dem Vermerk ›wegen Bedrohung‹ eingeliefert. Ohne daß ich etwas dazu getan hatte, verminderte sich die Last des mir Vorgeworfenen beständig, einen Augenblick sagte ich mir, daß man unmöglich wegen eines so geringen Vergehens mich länger hierhalten, mir mein ganzes Leben zerstören konnte.

Aber dann, als ich wieder hinter einem meiner Führer in grüner Uniform mit einem dicklichen, traurigen Gesicht, über all die trostlosen Steinhöfe ging, auf die nur vergitterte Fenster schauten, als ich in einem Riesensteinkasten durch zwei eiserne Türen gelassen, ein düsteres Treppenhaus hinaufstieg, als ich begriff, daß das erwartete Krankenhaus sich in nichts von einem Gefängnis unterschied, daß es hier wie dort Gitter gab und Wachtmeister und eiserne Disziplin und blinden Gehorsam, da dachte ich nicht mehr an den großen Schritt, den ich vom Mordversuch bis zur Bedrohung gemacht hatte, da glaubte ich nicht mehr an ein geringes Vergehen – da hielt ich alles für möglich, da fühlte ich, wie hilflos ich großen Mächten ohne Gnade ausgeliefert war, Mächten, die kein Herz haben, die kein Mitleid kennen, die nichts Menschliches haben. In eine große Maschine war ich geraten, und nichts bedeutete es mehr, was ich tat oder fühlte, die Maschine lief unabänderlich ihren Lauf, ich mochte weinen oder lachen, das merkte die Maschine gar nicht!

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