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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 35
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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34.

Es war das alles mit wirklichem Scharfsinn ausgedacht, mit unendlicher Geduld durchgeführt, es ist nur schade, daß auch diese Sache, wie die meisten im Gefängnis erdachten Sachen – große Einbrüche und Raubüberfälle, Erpressungen und Schiebungen – anders ausging, als wir alle erwarteten, und daß Magda doch nicht wieder zu ihrem Silber kam.

Alles kam ganz genau so, wie es Mordhorst vorausgesagt hatte: ich fand den Kassiber, ich gab ihn dem Wachtmeister beim Einschluß, ich wurde zum Inspektor runtergeholt und vernommen. Dann führten sie mich wieder auf meine Zelle, und dann hörte ich, wie sie hinten in meinem Gang eine Zelle aufschlossen: nun holten sie sich den Lobedanz. Und dann war Stille. Ich hörte nichts mehr von der Sache, die Nacht nicht, die nächsten beiden Tage nicht, und auch Mordhorst hörte diesmal nichts davon. Dann riefen sie mich wieder zu dem Inspektor und teilten mir mit, daß die Polizei jene Feldscheune revidiert habe; die Bretter hinten seien lose gewesen, aber unter dem Stroh habe nichts gelegen, überhaupt sei in der ganzen Scheune nichts versteckt gewesen. Ich ging sehr enttäuscht auf meine Zelle zurück. Also war der Lobedanz doch listiger als alle anderen gewesen, und es gab die Sachen überhaupt nicht mehr, oder er hatte sie ganz woanders versteckt. Aber Mordhorst schüttelte dazu den Kopf.

»Warte nur«, sagte er, »das hängt anders zusammen, und ich kann's mir auch schon denken wie. Warte nur, ich bekomme es noch heraus, und wenn es so ist, wie ich denke, wird einer nichts zu lachen haben.«

Er bekam es wirklich raus, wenigstens glaube ich, daß das die Wahrheit war, was er mir sagte.

»Der Entlassene hat's geklaut und verscheuert, der, der's von dem Lobedanz erfahren hat. Direkt vor der Polizei hat er sich's geholt; die Trottel, wenn sie nur ein bißchen schneller gewesen wären! Aber ich sage dir, einmal erwische ich den Hund, er kommt ja doch wieder ins Kittchen, und dann soll er sein eigenes Geschrei hören!«

Und im ganzen Bau wurde ein Name verbreitet, sechzig Gefangene merkten sich den Namen von einem, der ein Verräter gewesen war, und diese Gefangenen würden mit der Zeit schon dafür sorgen, daß der Name des Verräters sich ausbreitete durch viele Gefängnisse. Überall würden sie ihn ansehen als einen gemeinen Verräter, denn selbst unter Verbrechern gibt es eine Art Ehre, und gegen die hatte der Mann verstoßen.

Für mich aber, der schließlich am wenigsten sich an diesem Spiel gegen Lobedanz beteiligt hatte, sollten die Folgen vorerst die übelsten sein. Denn an einem Morgen, da ein Wachtmeister wohl ein wenig verschlafen war und nicht aufgepaßt hatte, trug ich meinen Kübel ahnungslos über den Gang und achtete gar nicht darauf, daß gegen alle Gewohnheit die Tür von Lobedanz' Zelle schon aufgemacht war, da stürzte der so Sanfte wie ein Tiger auf mich, warf mich mitsamt meinem Kübel zur Erde und schlug mit beiden Fäusten auf mein Gesicht ein, daß ich fast sofort meine Besinnung verlor. Sie hatten es ja nun dem Lobedanz erzählt, daß auch ich hier im Kittchen saß, und hatten ihn nach Gefangenenart unbarmherzig geneckt und gehänselt mit den verlorengegangenen Sachen. Und sie hatten ihm wohl auch erzählt, daß das ihm abgenommene Geld wieder zu meiner Verfügung hier lag, und vielleicht hatten sie ihm sogar vorgelogen, daß die Sachen wieder in meinen Besitz gekommen seien. Jedenfalls war in dem Lobedanz eine wilde Wut auf mich entbrannt, und er hatte all die Tage wohl brütend in seiner Zelle gesessen, hatte bedacht, wie gänzlich umsonst er nun sich um mich Wochen gequält hatte, wie ich alles wiedergewonnen, und daß meinetwegen ihm eine lange Strafe bevorstand – für nichts Gewonnenes! Da hatte er rot gesehen und immer gegrübelt, wie er mir etwas antun könnte für mein ganzes Leben, und sein Haß und seine Wut hatte all seine Sanftheit und sein Heuchlertum und seine angeborene Feigheit und Vorsicht fortgespült. Als er die Zellentür offen sah, hatte er auf mich gelauert, er hatte mich unter sich gebracht und mir ins Gesicht geschlagen, daß sofort Blut aus Nase und Mund stürzte. Die Gefangenen hatten nach ihrer Gewohnheit still und unbeteiligt und wohl auch etwas schadenfroh zugeschaut; es ist nicht Sitte im Gefängnis, bei einer Prügelei von zweien dazwischenzugehen. Ich bin überzeugt, daß Mordhorst mir beigestanden hätte, aber Mordhorst war nicht in der Nähe, er lag einen Gang tiefer. Und ehe der Wachtmeister noch hatte zuspringen und Lobedanz hatte zurückreißen können, hatte Lobedanz sich über mein Gesicht gebeugt und hatte mich in die Nase gebissen, um mich fürs ganze Leben zu zeichnen – ach, er hat mir fast die halbe Nase abgebissen!

In einem Gefängnis geschehen schlimme Dinge, oft, man macht nicht viel Aufhebens davon. Den Lobedanz haben sie in die Arrestzelle gesteckt und ihm später zu allem anderen eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung angehängt, und mich haben sie in meiner Zelle auf den Strohsack gelegt, haben mir das Blut ein bißchen abgewaschen und haben gewartet, bis der herbeitelefonierte Gefängnisarzt kam. Das erste, was ich hörte, als ich wieder zum Bewußtsein kam, war die schimpfende Stimme Duftermanns, der über ›die Schweinerei in seiner Zelle‹ schimpfte und verlangte, daß ich verlegt würde, und diese Stimme hat nicht einen Augenblick auf mich zu schimpfen aufgehört, solange Duftermann nicht schlief, all die Tage, die ich noch bei ihm in der Zelle liegen mußte. Denn es reichte nach Ansicht des Arztes nicht dafür, daß man mich in ein Krankenhaus legte. Er nähte mir die Nase recht und schlecht zusammen und meinte, in drei, vier Tagen werde alles wieder in Ordnung sein. Aber es ist nie ganz wieder in Ordnung gekommen, ganz abgesehen davon, daß ich mich bis heute noch nicht in einem Spiegel sehen kann, so sehr bin ich entstellt und mir selbst zum Ekel. Nein, ich kann nicht mehr riechen, und richtig durch die Nase atmen kann ich auch nicht. Ich atme mit halboffenem Munde wie ein Blöder, und meine Schlafgenossen beschimpfen und stoßen mich nachts, weil ich mit Schnarchen, Ächzen und Orgeln ihnen ihren Schlaf störe. Wahrhaftig, dieser Hund von Lobedanz hat mich für den Rest meines Lebens gezeichnet, nie kann ich ihn vergessen. Eigentlich hat Lobedanz stärkere Spuren in mir hinterlassen als irgendein anderer Mensch, selbst als Magda. Manchmal sitze ich da, und plötzlich steht wieder das Bild vor mir, wie ich am Fenster meiner Dachstube stand, sehe die Stadt mit ihren rotbraunen Dächern im Abendlicht zu meinen Füßen, sehe den Fluß zwischen Grün blitzen und hinten, schon halb von bläulichem Dunst verschleiert, das Dach meines eigenen Hauses. In meinem Rücken aber versicherte Lobedanz sanft flüsternd, daß er ein sehr armer, aber ehrlicher Arbeiter sei, und ließ seine Gelenke dabei knacken. Damals, schon vom ersten Augenblick an, habe ich es gewußt, daß er ein Lump und ein Lügner war, und hätte ich ein bißchen Verstand und Ehre im Leib gehabt, ich hätte auf der Stelle die Stube verlassen und wäre heimgekehrt zu jenem Haus im bläulichem Dunst. Ich aber bin in der Unrechtlichkeit geblieben, und dafür ist mir heimgezahlt worden, tausendfältig.

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