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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 34
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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33.

 

14. 9. 44

Aber zu alledem kam ich vorläufig nicht mehr, andere, mir wichtiger erscheinende Ereignisse schoben sich dazwischen. Als am Morgen nach dem Besuch des Rechtsanwaltes Doktor Husten der Wärter unsere Zellen aufschloß und ich mit dem gefüllten Kübel zum Spülbecken eilte, blieb ich plötzlich verblüfft stehen. Ich traute meinen Ohren nicht, und doch, es war keine Täuschung: aus einer eben geöffneten Zelle drang eine einschmeichelnde, leise flüsternde Stimme, jene Stimme, die so unzertrennlich mit meinen Alkoholräuschen verknüpft war, jene Stimme, die ich aus meines Herzens tiefstem Grunde haßte: Lobedanz' Stimme!

Ich wagte einen eiligen Blick. Ja, da stand er mit dem sanften, mehr gelblichen als bräunlichen Gesicht, mit dem dunklen Vollbart und dem schlicht zurückgestrichenen dunklen Haupthaar, das einen goldig-rötlichen Schimmer hatte, stand da und redete einschmeichelnd sanft auf seinen Zellengenossen ein, wobei er an den Fingern zog, daß sie knackten. Sicher wollte er dem anderen etwas abschnacken, er, der arme, aber ehrliche Arbeiter!

Ich eilte, so schnell ich nur konnte, an der Zelle vorbei, leerte und säuberte meine Kübel und schlich in meine Zelle zurück, achtsam, nicht gesehen zu werden. An diesem Morgen mußte Duftermann, so sehr er auch murrte, den ›Außendienst‹ beim Zellenreinigen machen, Besen und Scheuertuch holen und frisches Waschwasser herbeischaffen: ich hatte nicht den Wunsch, von Lobedanz gesehen zu werden.

Innerlich aber erfüllten mich Schadenfreude und Triumph: sie hatten den listigen, heuchlerischen Lobedanz erwischt, sie hatten ihn gekitscht, und nur ein Gedanke beunruhigte mich noch: ob es denen auch gelungen war, Lobedanz die Beute oder doch einen wesentlichen Teil von ihr abzujagen. Doch auch darüber sollte ich nicht lange im Ungewissen bleiben. Wie immer ging es auf den Holzhof, ohne Lobedanz, entweder weil er sich nicht zur Arbeit gemeldet hatte oder weil beim Inspektor bekannt war, daß wir ›in derselben Sache saßen‹. In solchen Fällen wird sorgfältig vermieden, zwei Komplicen miteinander in Kontakt kommen zu lassen.

Mordhorst und ich, wir stellten uns an unseren Sägebock und begannen unser Tagewerk, diesmal der angenehmsten Art: glatte, schwache Kiefernrollen, ein Kinderspiel für trainierte Männer, wie wir es waren. Die erste Rolle war zersägt, und während ich die zweite auf dem Bock zurechtlegte, stellte ich meinem Arbeitskameraden die jeden Morgen wiederholte Frage: »Was Neues im Bau?«

»Mhm!« machte Mordhorst und setzte die Säge an. Dann: »Eine neue Einlieferung. Ein Gauner, wie es aussieht.«

Wir begannen zu sägen. Dann hielt ich wieder inne.

»Was hat er denn ausgefressen?«

»Wer? Was ausgefressen?« fragte Mordhorst, der mit seinen Gedanken längst woanders gewesen war, wahrscheinlich wieder bei seinem ewigen, bitteren Vorwurf an das Schicksal, warum er gerade in einem solchen Drecknest bei solcher unwürdig kleinen Mauserei hochgegangen war

»Wer? Was ausgefressen?«

»Der Neue doch!« erinnerte ich.

»Ach der? Was trauen sich denn solche Brüder schon.«

Und er wollte wieder zu sägen anfangen. Ich aber hielt den Sägebügel fest.

»Nee, sag mal, Mordhorst, das interessiert mich wirklich. Ich glaube, ich habe den Bruder heute früh gesehen.«

»Das kann angehen; auf deiner Station liegt er. Also was er ausgefressen hat? Leichenfledderei natürlich, zu was anderem hat solch ein Kerl doch keine Traute. Leichenfledderei an einem betrunkenen Speckjäger, so einem besoffenen Bürger, verstehst du?«

»Verstehe«, antwortete der betrunkene Speckjäger. »Und hat er seinen Raub in Sicherheit gebracht?«

»Keine Ahnung. Wird er doch – so doof ist selbst der nicht!«

»Erkundige dich mal, Mordhorst. Mich interessiert das nämlich sehr.«

»Warum interessiert dich das denn so? Ich finde das komisch.«

»Ich aber gar nicht. Weil ich nämlich der betrunkene Speckjäger gewesen bin, den der Kerl gefleddert hat. Du erinnerst dich doch, Mordhorst, das ist der Wirt, der mich in meiner Besoffenheit hopp genommen hat. Ich habe dir doch von ihm erzählt.«

»Ach so ist das!« sagte Mordhorst und grinste vor Vergnügen. »Der wird ja einen schönen Rochus auf dich haben, wenn er dich zu sehen kriegt. Wo du ihn in den Bunker gebracht hast!«

»Also erkundige dich, Mordhorst, ob er die Sachen beiseite gebracht hat. Er hat zwei goldene Ringe und eine goldene Uhr von mir, Tafelsilber für zwölf Personen, einen rindledernen Koffer mit Sachen, eine lederne Aktentasche und viertausend Mark.«

»Ganz hübsch«, grinste Mordhorst. »Für einen so elenden Kerl viel zu viel. Na, ich sage dir dann Bescheid.«

Und wir sägten, nunmehr schweigend, drauflos – der Wachtmeister guckte schon sehr.

Es dauerte einige Tage, ehe ich Lobedanz wieder zu sehen oder seine Stimme zu hören bekam. Morgens, wenn ich kübeln ging, blieb seine Zelle immer geschlossen und wurde erst geöffnet, wenn wir fertig waren, ein Zeichen, daß bekannt war, wir saßen in derselben Sache. Auch von Mordhorst erfuhr ich nichts Näheres. Wenn ich drängte, sagte er nur: »Wart's ab, Kumpel. Ich muß erst Genaues baldowern, der Mordhorst knackt keinen Schrank, ehe er nicht alles baldowert hat.«

Aber dann war es schließlich so weit.

»Über sechstausend Mark hat er bei sich gehabt, als ihn die Polente kitschte«, sagte Mordhorst. »Und das stimmt. Nicht bloß, weil er's selbst erzählt hat, sondern ich hab's vom Kalfaktor, der das Büro sauber macht. Das Geld ist hier eingeliefert.«

»Dann hat er all meine Sachen verkauft, und ich sehe sie nie wieder«, sagte ich, und plötzlich tat es mir um Gold- und Silbersachen sehr leid. »Mir hat er in bar nur viertausend abgenommen, nicht mehr.«

»Er kann doch auch so Geld gehabt haben«, widersprach Mordhorst. »Das ist noch nicht raus, daß er deine Sachen schon verscheuert hatte. Er kann sie auch versteckt haben.«

»Möglich ist das«, gab ich zu. »Aber ich glaube nicht recht daran.«

Eine lange Zeit sägten wir schweigend, eine Stunde oder zwei, einen Buchenkloben nach dem anderen. Dann sagte plötzlich Mordhorst: »Was gibst du aus, Kumpel, wenn ich rausbaldowere, wo der Halunke die Sore versteckt hat?«

»Sore –? Was ist das?«

»Deine Sachen doch! Was gibst du aus?«

»Was soll ich ausgeben hier im Bunker? Ich habe doch selbst nichts!«

»Aber du hast draußen was!«

»Darüber kann ich nicht verfügen, da läßt mich meine Frau nicht ran!«

Und wieder sägten wir. Am nächsten Tage sagte Mordhorst zu mir: »Du kommst sicher bald vor den Richter und wirst wegen des Kerls vernommen. Dann mußt du sagen, daß du das gestohlene Geld, das hier liegt, für dich beanspruchst.«

»Darauf kannst du dich verlassen, daß ich das sagen werde, Mordhorst«, sagte ich grimmig.

»Und der Staatsanwalt muß dir das Geld freigeben, das ist klar«, sagte Mordhorst.

Eine Weile schwieg er wieder. Dann fragte er: »Würdest du eine Anweisung ausschreiben, daß fünfhundert Mark an den Überbringer auszuzahlen sind, wenn ich rauskriege, wo der die Sachen versteckt hat?«

Ich überlegte.

»Fünfhundert Mark ist mir die Sache schon wert«, sagte ich schließlich. »Ich müßte aber alles wiederkriegen, auch die Goldsachen, und daran glaube ich nicht.«

»Wenn du weniger zurückkriegst, sollst du auch weniger zahlen müssen; ich bin ein reeller Mann«, antwortete der unverbesserliche Geldschrankknacker.

»Aber Mordhorst!« sagte ich, und mich jammerte seine Einfalt. »Glaubst du denn wirklich, daß die hier an dich oder einen aus dem Kittchen Geld auszahlen werden, bloß weil ich eine Anweisung ausschreibe?«

»Dafür laß mich nur sorgen«, gab er unerschüttert zur Antwort »Du hast doch ein Getreidegeschäft?«

»Habe ich auch«, gab ich zurück. »Woher weißt du denn das schon wieder, Mordhorst?«

»Ich weiß alles«, gab er mit der ganzen Überheblichkeit des kleinen Mannes zurück. »Und wenn da nun einer von draußen kommt mit einer Rechnung über Getreide, das er dir vor einem Vierteljahr geliefert hat, und verlangt sein Geld, und du erkennst die Rechnung an – ich will wetten, die Brüder zahlen.«

»Möglich«, gab ich zu. »Aber wer soll von draußen mit solcher Rechnung kommen?«

»Dafür laß mich nur sorgen«, gab Mordhorst gleichmütig zurück. »Die Hauptsache ist, ich habe dein Wort, du erkennst die Rechnung an.«

»Das hast du«, sagte ich. »Und ich halte auch mein Wort.«

»Das wird auch besser sein«, gab Mordhorst zurück und fing wieder an mit Sägen. »Du kannst dich darauf verlassen, ich schnappe dich, wenn du mich in die Pfanne haust, schnappe dich morgen oder in fünf Jahren, draußen oder drinnen, ich selbst oder einer, dem ich's sage.«

So begann dies Spiel, ein Spiel, wie es nur in Gefängnissen gespielt werden kann, unterirdisch, mit vielen Mittelsmännern, mit Flüstern der Kalfaktoren an verriegelten Türen, mit unendlichem Scharfsinn; der von vielen Hirnen in vielen Stunden aufgewandt wurde: und der heuchlerische, listige Lobedanz war das Ziel.

Ich habe dieses Spiel nie ganz durchschauen können, nie habe ich begriffen, wie der besonders streng bewachte Mordhorst ständigen Verkehr mit allen Gefangenen, sogar mit der Außenwelt, unterhalten konnte. Aber er konnte es. Manchmal fiel ein halbes Wort, aus dem ich mir einen Vers machen konnte. Es gab zum Beispiel vier sorgfältig ausgewählte Gefangene, die in einem überdimensionalen Handwagen das von uns zerkleinerte Holz in die Stadt und in die Häuser fuhren, unter Aufsicht eines Wachtmeisters natürlich. Und es gab den bewährten Gefängniskoch, einen alten Gefangenen, der manchmal von dem Inspektor in seinen Garten vor der Stadt zum Graben und Hacken und Gießen mitgenommen wurde. Vielleicht waren diese Gefangenen doch nicht ganz so zuverlässig, wie sich die Gefängnisverwaltung träumen ließ. Und dann gab es die Klappen in der Tür, durch die uns die Essenschüsseln hereingereicht wurden, und immer gab es an diesen Klappen, wenn sie zur Essenausgabe aufgeschlagen waren, heimliches Geflüster und verstohlenes Hin- und Hergereiche. Wie gesagt, ich weiß fast nichts von dem Spiel, das da gespielt wurde, sonst würde ich schon davon erzählen. Ich war ein Grüner, und vor allem war ich in den Augen der anderen kein ›richtiger Verbrecher‹, ich hatte mich nicht am Eigentum anderer vergangen.

Mordhorst hütete sich wohl, mir zu viel zu sagen. Ich erfuhr nur, daß Lobedanz unter Druck gesetzt wurde. Sie brachten es fertig, ihm unter den Augen der Wachtmeister sein Essen zu kürzen. Sie ließen ihn ein bißchen hungern. Und sein Zellengenosse hatte immer Fraß die Hülle und Fülle, gab aber nichts ab. Das war das eine. Und das andere war, daß Lobedanz wirklich zu Haus Frau und Kinder hatte, und daß er so unvermutet gefangengesetzt worden war, daß die ohne einen Pfennig und ohne Brot dasaßen. Da wurde es ihm vorgestellt, daß ein Gefangener in wenig Tagen entlassen werden würde, und dieser Gefangene könne ja die versteckten Sachen holen und verscheuern und den Erlös der Frau geben – nach Abzug einer angemessenen Belohnung natürlich. Ich glaube wohl, daß der listige, argwöhnische Lobedanz einen schweren Kampf mit sich kämpfte, aber sie machten ihn weich. Sie zwickten ihn, sie schrieben ihm Kassiber, und dann ließen sie ihn ganz ohne Nachricht, und wenn er sie fragte, sagten sie: »Ist erledigt. Du willst ja nicht.« Und auch ein Lobedanz liebt wohl seine Kinder und sieht sie nicht gerne hungern und betteln. Es kam der Tag, da Mordhorst zu mir sagte: »Also ich habe dein Wort?«

»Das hast du! Weißt du schon was?«

»Ich weiß alles. Die Sachen ...«, Mordhorst sah mich scharf an, »... liegen in der ersten Feldscheune auf dem Wege nach Kehne. Hinten sind ein paar Bretter kaputt, und da liegen sie unter dem Stroh. So, nun weißt du's. Dein goldener Ehering fehlt, den hat er verscheuert, aber sonst ist alles da, genau wie du es angegeben hast. Ist das fünfhundert Mark wert, Kumpel?«

»Das ist fünfhundert Mark wert«, gab ich zur Antwort. Komisch, wie unlogisch ein Herz empfindet, ich freute mich beinahe, daß Magda ihr Silber zurückbekommen sollte, und ich haßte Magda doch wirklich von ganzem Herzen.

»Ja«, sagte ich dann. »Aber was fang ich nun mit meinem Wissen an? Ich darf doch nicht verraten, daß ich's von dir habe.«

»Du wirst heute, wenn du dein Brot bekommst«, sagte Mordhorst, »einen Kassiber drin finden, auf dem das steht, das ich dir eben gesagt habe. Das zeigst du dem Wachtmeister, und dann läuft die Sache von selbst.«

»Und wer soll mir den Kassiber geschrieben haben?«

»Das weißt du nicht. Es ist eben einer gewesen, den du nicht kennst, der den Lobedanz haßt und ihn in die Pfanne hauen will. Da zerbrich dir nur nicht den Kopf drüber.«

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