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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 31
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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30.

Es war am dritten Tage meiner Haft, und ich arbeitete noch nicht auf dem Holzhof, als Oberwachtmeister Splittstößer nachmittags um vier Uhr auf der Zelle erschien und zu mir sagte: »Kommen Sie mit, Sommer. Ziehen Sie Ihr Jackett an und kommen Sie mit.«

Ich ging hinter dem ›Ober‹ her und war damals noch so unerfahren in Gefängnisdingen, daß ich ihn höflich fragte: »Wohin bringen Sie mich denn, Herr Oberwachtmeister?«

Ich wußte damals noch nicht, daß ein Gefangener nie fragen soll, daß er auf Fragen nie Antwort bekommt, daß er nur zu warten hat, was das Schicksal, das ein Wachtmeister, das aber auch ein Staatsanwalt sein kann, über ihn beschließt. Ich bekam denn auch die recht grobe Antwort: »Was geht das Sie an? Das werden Sie ja alles erleben!«

Drüben auf dem Landgericht herrschte eine richtige Sommer-Nachmittags-Stimmung: viele Zimmertüren standen offen, und ich sah auf unbesetzte, aufgeräumte Schreibtische. Es stellte sich heraus, daß der Justizwachtmeister des Landgerichts zur Post gegangen, also auch nicht imstande war, mich aus den Händen meines Gefängnisbeamten zu übernehmen; mein Beamter aber hatte es eilig, wieder in seinen Bau zurückzukommen, und es erhob sich ein kleiner Streit zwischen einer dicken, ältlichen Büroangestellten und meinem Wachtmeister.

»Ich bin nicht dazu da, auf eure Gefangenen aufzupassen«, sagte die Angestellte ärgerlich. »Immer versucht ihr solche Sachen. Wenn einer fortläuft, bin ich nachher schuld.«

»Ja, aber euer Justizwachtmeister braucht auch nicht gerade immer fortzulaufen, er weiß doch, daß der Gefangene ja nur zur Vernehmung bestellt ist.«

So ging der Streit eine Weile hin und her, keiner wollte mich haben, bis schließlich das ältliche Fräulein ganz überraschend sagte: »Na ja, heute will ich's noch mal tun, Herr Sommer wird mir schon nicht weglaufen.«

Und damit sah sie mit einem freundlichen Lächeln auf mich, sie kannte mich also. Ich wurde auf einen Stuhl gesetzt, Splittstößer zog ab, und zum erstenmal seit Tagen sah ich wieder durch unvergitterte Fenster auf eine Straße meiner Vaterstadt, sah die Kinder spielen, und jetzt rollte gar ein Wagen des Bierverlags Trappe vorüber. Der mir sehr gut bekannte, fast befreundete Trappe saß selbst auf dem Bock. Nun ging ein junges Mädchen, wohl auch eine Angestellte, durch das Zimmer, in das ich gesetzt war, es sah mich an, lächelte freundlich und sagte: »Guten Tag, Herr Sommer.«

Sie kannte mich also, sie war freundlich zu mir, obgleich ich unter der Beschuldigung des Mordversuchs an meiner eigenen Frau in Haft saß. Die ältliche Angestellte aber war auch freundlich gewesen, sie hatte gesagt: ›Herr Sommer läuft nicht weg‹ – alle waren freundlich zu mir, der beste Beweis, daß meine Sache gut stand. Wahrscheinlich erließ der Untersuchungsrichter keinen Haftbefehl gegen mich, vielleicht war ich schon in einer halben Stunde frei! Mein Herz klopfte stark und froh.

Nun kam ein älterer Mann ins Zimmer, ein langer, dürrer, grauhaariger Herr, der etwas zerstreut und etwas sorgenvoll blickte.

»Das ist Herr Sommer, Herr Direktor!« sagte die ältliche Angestellte und deutete mit dem Kopf auf mich.

»So, so«, hüstelte der ältliche Herr, der der Amtsgerichtsdirektor war, wie ich später erfuhr. Er sah mich einen Augenblick mit seinen müden, etwas sorgenvollen Augen an und gab mir dann die Hand.

»Dann kommen Sie mal mit, Herr Sommer.«

Wieder eitel Freundlichkeit, Händegeben, mit ›Herr‹-Anrede, ach, all dies Getue hat mich Unerfahrenen gewaltig getäuscht, ich vergaß vollkommen, daß dies alles meine Feinde waren, nur gesonnen, mich zu verurteilen, mich gefangen zu halten, mich zu überlisten.

Ich vergaß den eben erst gelernten Satz: ›Du kommst leicht herein, aber schwer raus‹. Ich meinte, das Herauskommen werde mir noch leichter als das Hereinkommen gemacht, ich öffnete dem Herrn Amtsgerichtsdirektor ganz mein Herz, sagte alles so, wie es wirklich gewesen war, und dann sollte ich es ja erfahren, was für Folgen meine Vertrauensseligkeit hatte.

Der Herr Amtsgerichtsdirektor ging mir voran in ein ganz behaglich eingerichtetes Arbeitszimmer mit vielen, vielen Büchern an den Wänden, ich wurde auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch gesetzt, der Direktor setzte sich hinter ihn, eine Dame mittleren Alters erschien und spannte einen großen Bogen in die Schreibmaschine, der Direktor fuhr sich mit der Hand durch die Haare, rückte an seiner Brille hin und her, sah mich an und sagte: »Sie machen uns viele Sorgen, Herr Sommer«, hüstelte und gab dem Fräulein auf: »Nun nehmen Sie mal die Personalien von Herrn Sommer auf.«

Dieses Gefrage war leicht genug beantwortet, nur den Geburtstag Magdas habe ich vielleicht falsch angegeben (ich genierte mich, zu gestehen, daß ich ihn nicht genau wußte), und als ich gefragt wurde, ob Vermögens- und Einkommensverhältnisse geordnet seien, antwortete ich schlankweg mit ›Ja‹, worüber ich nachträglich schwere Bedenken bekam. Denn es schien mir jetzt doch zweifelhaft, wie Magda nach meiner Entnahme von 5000 Mark mit dem Geschäft zurechtkommen würde. Ich kam aber nicht mehr dazu, das richtigzustellen, denn nun fing der Herr Direktor an zu fragen, oder vielmehr, er nahm einen großen Bogen, der eng mit Schreibmaschine betippt war, zur Hand, fuhr sich wieder durch die Haare, rückte wieder an seiner Brille, hüstelte und sagte: »Sie sind also unter dem Verdacht, einen Mordversuch an Ihrer Frau begangen zu haben, festgenommen, Herr Sommer. Was haben Sie dazu zu sagen?«

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon ein solches Zutrauen zu allen Leuten hier gewonnen, daß ich ganz harmlos rief:

»Um Gottes willen, wird denn das noch immer aufrechterhalten, daß ich meine Frau habe ermorden wollen? Nie im Leben habe ich daran gedacht. Ich liebe doch meine Frau, und wenn ich auch ...«

»Nein, nein, Herr Sommer«, sagte der Amtsgerichtsdirektor beruhigend, »ein Mordversuch kommt natürlich nicht in Frage. Es war ein versuchter Totschlag, nicht wahr? Sie haben im Affekt gehandelt, Sie waren betrunken, nicht wahr?«

»Aber, Herr Direktor, ich habe meine Frau doch auch nicht totschlagen wollen, das war doch nur so betrunkenes Gerede, weil ich gerne den Koffer haben wollte und weil meine Frau doch stärker ist als ich.«

»Nun, nun«, meinte der Direktor und lächelte dünn. »Ein bißchen mehr als eine harmlose betrunkene Katzbalgerei war es wohl doch. Sie haben in der letzten Zeit ein bißchen viel getrunken, nicht wahr, Herr Sommer? Nun erzählen Sie mir mal, was Sie so alles getrunken hatten, ehe Sie den nächtlichen Besuch bei Ihrer Frau machten.«

So kamen wir langsam in die Vernehmung hinein, ich erzählte alles, wie es gewesen war, ich zergrübelte meinen Kopf, um auch nicht eine einzige Flasche Korn zu vergessen, ich sagte die ungeschminkteste Wahrheit, und ich Narr glaubte, ich könne es mit solcher Wahrheitsliebe schaffen. Ich beharrte aber dabei, daß ich nie die Absicht gehabt habe, meiner Frau ernstlich etwas zu tun, ich wollte nur die Sachen haben, so sagte ich. Der Amtsgerichtsdirektor hüstelte stärker, er las in dem maschinenbeschriebenen Bogen, er sagte: »Ich will Ihnen da doch einmal vorhalten, was Ihre Frau ausgesagt hat. Hier: ›Er würgte mich am Halse und versuchte, mir mit den Füßen in den Leib zu treten!‹ Und hier: ›Er flüsterte mir ins Ohr: Morgen nacht besuche ich dich und bringe dich um!‹ Das klingt doch aber alles gewaltig nach etwas mehr als bloßen Drohungen, nicht wahr, Herr Sommer?«

Ich war sprachlos über Magdas Gemeinheit, das alles so darzustellen; zum mindesten hätte sie doch hinzusetzen müssen, daß sie dies nur für bloßes betrunkenes Gerede gehalten habe. Ich versuchte es, dem Direktor so zu erklären, ich wies ihn auch darauf hin, daß auch Magda erregt gewesen sei und vieles vielleicht in ihrer Erregung schwerer genommen habe, als es gemeint gewesen sei. Der Direktor nickte und seufzte, wischte an seiner Brille, ob ich ihn überzeugt habe, weiß ich nicht.

Schließlich sagte er: »Nun gut, ich will Sie heute auch gar nicht länger vernehmen. Das wird erst einmal genügen.«

»Sie erlassen also keinen Haftbefehl gegen mich?!« fragte ich in überströmender Freude. Der Direktor hüstelte schon wieder.

»Nein, keinen eigentlichen Haftbefehl, sozusagen. Sozusagen. Sehen Sie, Herr Sommer, Sie waren nach Ihren eigenen Aussagen übermäßig betrunken ...«

»Nicht übermäßig betrunken, Herr Direktor. Ich vertrage sehr viel.«

»Sie hatten«, fuhr der Direktor, sich verbessernd, fort, »übermäßig viel getrunken, und da besteht nun einmal der Verdacht, daß Sie bei Begehung Ihrer Tat nicht im Vollbesitz Ihrer Geisteskräfte waren. Was wollen Sie jetzt zu Haus? Sie würden wieder mit Ihrer Frau Streit anfangen, Sie würden wieder zu trinken anfangen. Nein, Herr Sommer, erst müssen Sie wieder richtig gesund werden. Ich werde Sie erst einmal in eine Heil- und Pflegeanstalt einweisen, da werden Sie unter ärztlicher Betreuung stehen und richtig gesund werden ...«

»Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, Herr Direktor«, rief ich Trottel und wäre am liebsten dem alten Herrn um den Hals gefallen. Für seine große Güte, jawohl, für seine große Güte.

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