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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 28
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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27.

Nachdem ich eine Weile bewegungslos so dagesessen hatte und immer wieder die gegen mich erhobene Anklage ›Mordversuch an der eigenen Frau‹ qualvoll hin und her gewälzt hatte, legte der Wachtmeister aus meiner Vaterstadt, Herr Schulze, seine Hand auf meine Schulter und sagte milde mahnend: »Wir müssen jetzt gehen, Sommer!«

›Sommer‹, wie mich das anrührte, dieses einfache ›Sommer‹ ohne ›Herr‹; so von einem ganz einfachen Mann mit einem Jahreseinkommen von kaum mehr als zweitausendvierhundert Mark angeredet zu werden, das machte mir die Veränderung meiner Lebensumstände aufs deutlichste begreiflich. Seit ich aus der Lehre entlassen worden war, hatte mich noch kein Mensch ohne ›Herr‹ angeredet, und nun ... Ich nahm die Hände vom Gesicht und fragte, mit Tränen in den Augen: »Wohin bringen Sie mich, Herr Schulze?«

Ich betonte das ›Herr‹, aber er achtete nicht darauf, solch einfacher Mann hatte für so feine Schattierungen wohl kein Gefühl.

»Nur zum Amtsgericht, Sommer«, sagte er. »Nur zum Amtsgericht. «Und er fuhr fort: »Sehen Sie, Sommer, Sie sind doch ein gebildeter Mann, Sie werden mir doch keine Schwierigkeiten machen? Ich müßte Sie wohl eigentlich an die Kette nehmen, aber wenn Sie mir versprechen, keine Schwierigkeiten zu machen ...«

»Ich verspreche es Ihnen, Herr Schulze«, sagte ich eifrig und jetzt fast fröhlich. »Ich verspreche es Ihnen auf Ehre und Gewissen.«

»Schön«, antwortete er. »Ich will mich auf Sie verlassen. Ziehen Sie Ihren Mantel an, da liegt noch Ihr Hut, sonst haben Sie nichts? Also kommen Sie!«

Er ging mit mir aus der Zelle, wir stiegen eine Treppe hinunter und standen auf der Dorfstraße. Ich war erst ein paar Stunden in dem halbdunklen Gefängnis gewesen, und doch überwältigten mich schon Weite und Helle ringsum. Mein Herz klopfte schneller bei diesem Gruß der Freiheit.

›Wenn du jetzt‹, dachte ich schnell, ›über den Zaun dort springen und durch den buschigen Garten laufen würdest, über die Wiesen in den Wald hinein – ob Schulze sich wohl sehr viel Mühe geben würde, mich wieder einzufangen? Ob er gar hinter mir herschießen würde wie hinter einem richtigen Verbrecher? Ach nein‹, dachte ich mit einem schwachen Lächeln, ›das würde er nie tun. Wir haben doch öfter Skat miteinander gespielt, und er weiß, wer ich bin und was ich vorstelle. Aber ich will ihm ja gar nicht weglaufen‹, dachte ich schnell. ›Ich habe ihm versprochen, keine Schwierigkeiten zu machen, und ich bin ein Mann von Wort. Aber etwas anderes will ich von ihm ...‹

Als Schulze vorhin davon gesprochen hatte, daß er mich zum Amtsgericht bringen müßte, war diese Möglichkeit hoffnungsvoll vor mir aufgetaucht.

»Herr Schulz«, sagte ich sehr höflich, »ich habe eine Bitte an Sie ...«

»Nun, was ist denn noch, Sommer?« fragte er. »Gehe ich zu schnell? Wir können ruhig auch langsamer gehen, der Zug fährt erst in zwanzig Minuten.«

»Sehen Sie, Herr Schulze«, fing ich an. »Ich habe so furchtbare Zahnschmerzen, und da drüben sehe ich gerade einen Gasthof. Darf ich nicht schnell einmal hineingehen und einen Kognak oder Rum trinken? Das hilft mir sofort gegen die Zahnschmerzen. Sie können«, fuhr ich schnell fort, »ruhig neben mir an der Theke stehen, wenn Sie Angst haben, ich laufe Ihnen fort. Ich laufe Ihnen bestimmt nicht fort, es ist nur wegen meiner gräßlichen Zahnschmerzen.«

»Das schlagen Sie sich nur ruhig aus dem Kopf!« sagte der Wachtmeister bestimmt. »Da müßte ich ja wohl meinen Rock ausziehen, wenn bekannt würde, ich habe mit einem Gefangenen Schnaps an der Theke getrunken. Daraus wird nichts, Sommer.«

»Aber es kennt mich hier doch kein Mensch, Herr Schulze«, rief ich bittend. »Es kommt bestimmt nie heraus!«

»Da!« rief der Wachtmeister und legte grüßend die Hand an den Tschako. Das Auto des Arztes, in dem neben Doktor Marsfeld der Staatsanwalt saß, war an uns vorübergefahren.

»Wenn die beiden uns hätten in den Gasthof reingehen sehen, ich wäre schon ›drin‹ – gewesen! Also, kommen Sie jetzt weiter, Sommer.«

»Herr Schulze«, sagte ich flehend und ging keinen Schritt von diesem Platz am Gasthof, meiner letzten Chance. »Nun ist aber wirklich kein einziger mehr hier, der mich kennt. Tun Sie mir doch den Gefallen! Nur ein einziger Schnaps! Ich will meiner Frau auch sagen, sie soll Ihnen hundert Mark ...«

»Nun wird es mir aber doch zu bunt!« schrie der Wachtmeister und war rot vor Zorn. »Sind Sie denn ganz verrückt geworden, Sommer? Das ist ja eine Beamtenbestechung, die Sie da versucht haben! Das müßte ich ja eigentlich auf der Stelle anzeigen! Sofort kommen Sie jetzt mit, oder ich nehme Sie an die Kette!«

Völlig verschüchtert, gänzlich niedergeschmettert, der letzten Hoffnung beraubt, folge ich dem aufgebrachten Herrn Schulze. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her, er ärgerlich vor sich hinmurmelnd, ich mit gesenktem Kopf und schleppenden Gliedern.

Dann sagte der Wachtmeister ruhiger: »Ich verstehe Sie nicht, Sommer. Sie waren sonst doch ein ganz ordentlicher, solider Mann, und nun machen Sie solche Zicken! Haben Sie denn noch immer nicht genug von der ollen Sauferei? Hat Sie die nicht schon weit genug ins Unglück gestürzt? Jedenfalls will ich Ihre Lage nicht noch schlimmer machen, als sie schon ist. Ich habe nichts gehört. Aber nun seien Sie auch ein Kerl, Sommer, und reißen Sie sich zusammen. In ein paar Tagen sind Sie aus dem Keller raus und haben wieder einen klaren Kopf, und daß Sie den gewaltig brauchen werden, das müßten Sie nach den Worten des Herrn Staatsanwaltes doch eigentlich wissen!«

Ich hörte mir das alles schweigend und ohne zu antworten an. Es demütigte und kränkte mich tief, daß ein so einfacher Mann wie der Wachtmeister Schulze es sich herausnehmen durfte, so mit mir zu reden. Freilich wußte ich damals noch nicht, daß ich erst am Anfang eines langen Leidensweges stand und daß noch ganz andere und sehr viel tiefer stehende Menschen noch viel, viel deutlicher mit mir reden würden.

Wir waren auf dem Bahnhof angekommen, und Wachtmeister Schulze kaufte hier zwei Fahrkarten dritter Klasse für uns.

»So«, sagte er dann und trat mit mir auf den Bahnsteig unter die dort wartenden Leute hinaus.

»Und nun lassen Sie den Kopf nicht hängen, Sommer, sondern unterhalten Sie sich ruhig mit mir, dann merkt keiner was, sondern jeder denkt, wir sind gute Bekannte und haben uns ganz zufällig getroffen. Wir sind ja wohl auch schon daheim nach dem Skat miteinander die Breite Straße ein Stück lang gemeinsam gegangen, und Sie und keiner ist auf den Gedanken gekommen, daß wir etwas anderes als Bekannte wären ...«

Damit hatte er recht. Und da ich nun den Schreck über den abgeschlagenen Schnaps einigermaßen überwunden hatte, kam wirklich eine ganz vernünftige Unterhaltung zustande, erst über die eben einsetzende Heuernte, dann über die allgemeinen Ernteaussichten. Schulze und ich, wir waren beide der Ansicht, daß es im allgemeinen nicht schlecht aussähe, jetzt aber müsse Regen kommen, das Frühjahr sei zu trocken gewesen, und besonders die Sommerung, aber auch die Hackfrüchte brauchten nötigst Feuchtigkeit.

Die kurze Bahnfahrt verging mir so schnell genug, und von den im Abteil Mitreisenden ist wohl keiner auf den Gedanken gekommen, daß hier ein des Mordversuches Verdächtiger abgeführt wurde. (Manchmal wollte ich mir als so schwerer Verbrecher wahrhaft glorios verrucht vorkommen.) Als wir dann aber auf dem heimatlichen Bahnhof ankamen und uns durch viele Wartende hindurchzwängten, in die Bahnhofshalle kamen und auf den Platz vor dem Bahnhof, da wurde mir wieder ganz bänglich zumute. Denn jeden Augenblick konnte ich jetzt einem nächsten Bekannten, ja, meinen eigenen Angestellten, ja, meiner eigenen Frau begegnen. Ich zog den Wachtmeister am Ärmel und bat ihn: »Herr Schulze, können wir nicht ein bißchen hintenrum und durch die Anlagen gehen? Ich kenne hier so viele Menschen, und es wäre mir wirklich peinlich ...«

Herr Schulze nickte mit dem Kopf.

»Mir soll es recht sein. Es ist ja schließlich egal, ob Sie eine Viertelstunde früher oder später im Amtsgericht ankommen. Aber jetzt möchte ich mich erst ein bißchen leichter machen ...« Und damit ging Herr Schulze mit mir schräg über den Bahnhofsplatz auf jenes Gebäude zu, das ich, von der anderen Richtung kommend, gute vierundzwanzig Stunden zuvor mit Lobedanz aufgesucht hatte. Es war ein seltsames Gefühl, wieder in diesem Raum mit seinen sechs Becken zu stehen, das Wasser rauschen zu hören und den schmutzignassen Asphaltboden anzusehen. Hier hatte ich mich im Kampf mit Lobedanz gewälzt – so kurze Zeit war es erst her, und doch schien es schon ganz unglaubhaft. Wie ein wilder Traum, der, solange man ihn träumte, völlig überzeugte, und der schon direkt nach dem Erwachen lächerlich grotesk anmutete. Aber ich hatte hier mit Lobedanz gekämpft, es war kein Traum gewesen, und diesem abgefeimten Schurken gegenüber banden mich weder Rücksicht noch Wort. Als wir darum wieder aus der Anstalt hinaustraten und schön sachte um die Stadt herum unter Vermeidung aller belebteren Straßen weitergingen, faßte ich mir ein Herz und erzählte dem Wachtmeister Schulze schön der Reihe nach alles, was ich mit Lobedanz erlebt hatte, von meinem ersten Auftauchen nach meiner Flucht aus dem Arztauto in der von Wrasen erfüllten Waschküche an bis zu meinem Kampf um Koffer und Geld in der Toilette. Der Wachtmeister Schulze hatte in seinem Beruf wohl manches von menschlichen Leidenschaften und Verirrungen erlebt, um noch viel über so etwas zu erstaunen, bei meiner Erzählung blieb er aber doch einige Male fast erregt stehen, sagte mehrfach lebhaft: »Donnerwetter, es ist nicht zu glauben.« – »Was Sie nicht sagen! Ist das wirklich wahr, Sommer?« Pfiff auch durch die Zähne. Als ich dann geendet hatte und auf einen Empörungsausbruch über den Schurken Lobedanz wartete, schwieg der Wachtmeister Schulze eine ganze Weile, und dann meinte er bedächtig, mich groß ansehend: »Ich kenne Sie ja eigentlich bloß vom Skat her, das heißt ich kenne Sie gar nicht, aber ich habe Sie immer doch für einen vernünftigen und überlegten Geschäftsmann gehalten. Daß Sie – entschuldigen Sie, aber es ist die Wahrheit, ein so bodenloses Rindvieh sind, Sommer, das habe ich mir freilich nicht einmal im Traum eingebildet. Sie mögen es drehen und wenden, wie Sie wollen, es ist nicht nur der Suff gewesen, mit dem Suff allein können Sie soviel Doofheit nicht entschuldigen. Vom ersten Tage an haben Sie sehen müssen, was für ein Gauner der Kerl war, haben's auch gesehen und sind doch nicht fortgegangen, wo man Sie in jedem kleinen Gasthof soviel hätte saufen lassen, wie Sie nur wollten. Nein, es ist Ihnen ganz recht geschehen, daß der Kerl Sie ausgenommen hat. Sie haben's nicht besser verdient, und ich wollte nur, er hätte Ihnen auch noch die letzten tausend Mark abgenommen, da hätten Sie den Unfug in dem Gasthof nicht auch noch anstellen können ...«

Der Wachtmeister holte Atem und sah mich strafend an, ich aber war über diese ganz unerwartete Wirkung meines Berichtes aufs äußerste empört und sagte böse: »Darum habe ich Ihnen wirklich nicht die ganze Geschichte erzählt, damit Sie mir hier eine Moralpauke halten, Wachtmeister Schulze ...«

»Herr Wachtmeister Schulze, bitte, Sommer!« verbesserte Schulze streng.

»Sondern ich dachte«, fuhr ich wütend fort, »daß Sie sich sofort Mühe geben würden, diesen Lumpen von Lobedanz zu fangen ...«

»So ist es richtig«, lachte der Wachtmeister spöttisch. »Erst stecken Sie in Ihrer Dummheit und Besoffenheit einem Verbrecher Ihr Hab und Gut direkt in die Hand, und dann schreien Sie nach der Polizei und verlangen, daß wir noch Ach und Weh schreien und Hals über Kopf hinter Ihren sieben Zwetschgen dreinlaufen sollen! Ich kann's Ihnen nur noch einmal sagen: Sie haben es nicht besser verdient, und wenn Ihre arme Frau nicht wäre, die ja allein die Last Ihrer Dummheiten tragen muß, ich risse mir wirklich kein Bein um die Sache aus. Um Ihrer Frau willen, Sommer, wohlgemerkt, um Ihrer Frau willen werde ich aber, sobald ich Sie erst nach Nummer Sicher gebracht habe, dem Leutnant gleich Bericht machen, und es ist ja möglich, daß dieser Vogel noch nicht über alle Berge ist – so bald erwartet er uns vielleicht noch nicht. Nun aber kommen Sie ein bißchen schnell, ich möchte Sie jetzt gerne bald abgeliefert haben, sonst machen Sie noch eine frische Dummheit. Von Ihnen kann man ja einfach alles erwarten. Du lieber Himmel! Nie in meinem Leben werde ich wieder auf eine solche Fassade reinfallen, ich habe wunder gedacht, was Sie für ein tüchtiger Kerl sind, aber wahrscheinlich hat alles die Frau gemacht. Wie soll die Ihnen je den Mist, den Sie da angerichtet haben, verzeihen!«

Damit gingen wir los und redeten auch kein einziges Wort mehr bis zum Amtsgericht; Schulze war wohl schon innerlich mit dem Bericht an den Leutnant beschäftigt, ich aber war wirklich tief gekränkt über all die Ungerechtigkeiten, die mir dieser subalterne Beamte ganz frech ins Gesicht gesagt hatte. Wenn der Mann nicht einsah, daß ich einfach krank gewesen war, als hilfloser Kranker einem Schurken ausgeliefert, so war ihm nicht zu helfen, dann war er der Dumme. Ich jedenfalls war es bestimmt nicht. Ich war nur krank gewesen, war es noch immer ...

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