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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 27
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6f71392f
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26.

Ich habe wieder einmal geschlafen. Das Klirren des Schlüssels hat mich geweckt. Ich springe von meinem Lager und sehe erwartungsvoll den vier Herren entgegen, die in meine Zelle eintreten. Zweien gönne ich nur einen kurzen Blick: sie tragen die Uniform der Polizei. Der eine ist der Wachtmeister aus der Nacht, der mich hierhergebracht hat, der andere ist ein Polizeibeamter, den ich aus meiner Vaterstadt gut kenne. Manches Mal habe ich bei einem Glase Bier einen Skat mit ihm gespielt, ein guter, ordentlicher Mensch, natürlich nicht aus meiner Gesellschaftsklasse, aber ich war nie stolz. Von den beiden anderen Herren in Zivil kenne ich den einen nicht, es ist ein junger Herr mit scharf geschnittenem Gesicht und etwas starrenden, strengen Augen. Seine Unterlippe wölbt sich stark vor. Der andere Zivilist ist mir aber um so besser bekannt, es ist unser guter alter Hausarzt, der Doktor Mansfeld. Im Augenblick, da ich ihn erkenne, schießt es mir blitzschnell durch den Kopf, daß ich also doch nicht entlassen werde. Er wird mich in eine Trinkerheilstätte bringen. Aber das ist auch nicht schlimm, im Gegenteil, das ist vielleicht noch viel besser. In einem solchen Haus werden mir meine jetzigen Qualen abgenommen, sicher haben sie dort Mittel dagegen, und dann ersparen sie mir die sofortige Auseinandersetzung mit Magda. Über einen in solchem Haus untergebrachten Kranken wird Magda viel milder denken ... All das habe ich in Sekundenschnelle überlegt und bin dabei auf den Arzt zugeeilt. Ich schüttle ihm die Hand, ich sage erregt: »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Herr Doktor Mansfeld. Sehen Sie«, ich lache ein wenig verlegen, »wie man mich hier untergebracht hat!«

Ich werfe einen Blick auf die schmutzige Zelle. Doktor Mansfeld drückt meine Hand kräftig. Ich merke, auch er ist erregt, sein Gesicht zittert.

»Ja, mein lieber Herr Sommer«, sagt er, und seine Stimme zittert. »Ich habe es nicht gewollt, daß es so mit Ihnen enden muß ...«

»Enden?« sage ich und versuche, meiner Stimme einen leichten Klang zu geben. »Enden, Herr Doktor Mansfeld? Ich denke, dies ist ein neuer Anfang! Sie bringen mich in eine Heilstätte und machen mich wieder gesund!«

»Das wollte ich vor vierzehn Tagen, mein lieber Herr Sommer«, sagt Dr. Mansfeld kopfschüttelnd. »Aber Sie haben es ja leider unmöglich gemacht. Jetzt hat der Herr Staatsanwalt das Wort.«

Und damit sieht er zu dem jüngeren Herrn mit den starrenden Augen hinüber, der jetzt seine vorstehende Unterlippe noch weiter vorschiebt, mich streng anschaut und erst zögernd sagt: »Ja, ja. Natürlich.«

Dann rasch: »Ich muß Sie wegen Mordversuchs an Ihrer Frau verhaften, Herr Sommer. Sie sind verhaftet!«

Ich stehe wie vom Donner gerührt, ich kann im ersten Augenblick kein Wort über die Lippen bringen.

›Dies kann kein Ernst sein‹, denke ich fieberhaft. ›Sie wollen dich nur schrecken. Mordversuch an Magda?‹

Endlich kann ich sprechen, ich sage mit zitternder Stimme: »Mordversuch an meiner Frau, das ist doch lächerlich! Ich habe Magda doch nie ermorden wollen!«

Der Herr Staatsanwalt sieht mich vernichtend an und stößt scharf hervor: »Wir werden Ihnen schon beibringen, wie lächerlich das ist, Sommer!« Und: »Kommen Sie, Herr Doktor!«

Noch einmal zu dem städtischen Wachtmeister: »Sie wissen also Bescheid, Wachtmeister. Führen Sie den Mann ab!«

»Herr Doktor Mansfeld!« rufe ich aufgeregt, maßlos verzweifelt hinter den Fortgehenden hinterdrein. »Herr Doktor Mansfeld, Sie wissen doch, wie sehr ich Magda geliebt ...«

Die Tür schlägt hinter den beiden Zivilisten zu, ich bin mit den beiden Uniformierten allein. Fassungslos hocke ich mich auf meinen Strohsack und verberge das Gesicht in den Händen.

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