Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Fallada >

Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 24
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
Schließen

Navigation:

23.

Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich so in Elinors Armen verbrachte. Ich hatte ihr großes weißes Gesicht mit den geschwungenen Augenbrauen ganz nahe vor mir, es lehnte sich über mich – und die ganze Welt versank mir. Ihre jetzt nicht mehr farblosen, sondern grünstrahlenden Augen sahen mich an, und ich fühlte ein Zittern in mir, bis in das Innerste meiner Knochen; das Herz bewegte sich in mir wie ein Pappelblatt im Sommerwind.

»Oh, Elinor, verzeih, verzeih! Nie habe ich so geliebt! Nie habe ich gewußt, daß es so etwas auf der Welt gibt, du machst mich schwach und stark; berührt mich dein Atem, so ist mir, als wehte ein Sturm durch mich; die dürren Blätter der Vergangenheit weht er alle fort. Ich bin neu geworden durch dich – komm, laß uns von hier fliehen, laß uns aus dem Alten fliehen! Wir wollen in den Süden gehen, wo immer die Sonne scheint, wo der Himmel ewig blau ist – weiße Schlösser an Rebgehängen! Dorthin wollen wir! Komm mit! Ich habe eine kleine Tasche draußen stehen, aber genug ist in ihr, komm mit, wie du bist, wir wollen fliehen, jetzt, noch in dieser Minute, mir ahnt Schreckliches, wenn wir noch länger hierbleiben. Sie würden dich nicht bei mir dulden. Komm, laß uns gehen, mein weißes strenges Gesicht, ma reine d'alcool! Stoß mit mir an, du sollst leben! Dir einen Gruß aus meinem tiefsten Herzen!«

Ich sah sie strahlend an. Und tief beunruhigt: »Warum gehen wir noch nicht?«

Sie fuhr mit der Hand durch meine Haare, beruhigend, liebkosend. Sie saß auf meinem Schoß, einen Arm hatte sie um meine Schulter geschlungen, ihre Zärtlichkeit deckte mir die Welt zu.

Sie sagte leise: »Gleich fahren wir, altes Papachen, gleich. Um sechs geht ein Zug von der Station, so lange mußt du dich noch gedulden, altes Papachen! Wir sitzen doch gut hier! Oder sitzen wir nicht gut hier?«

Ich schmiegte mich fester an sie, ich legte den Kopf gegen ihre Brust, ich fühlte mich geborgen an ihr, in ihr, wie ein Kind bei seiner Mutter.

»Sehr gut sitzen wir hier. Aber um sechs fahren wir – weit, weit von hier fort. Dies alles wollen wir nie wieder sehen – im Süden werden wir leben ... wir werden uns immer lieben ...«

Sie sah mir in die Augen, so nahe, ein einziges Auge schien es zu sein, das mir verschwamm, als hätte ich in die helle Sonne gestarrt.

Sie flüsterte nahe an meinem Ohr: »Ja, ich werde mit dir reisen, altes Papachen. Aber du wirst dann nicht immer trinken, wie? Männer, die immer betrunken sind, hasse ich. Sie ekeln mich.«

»Nie mehr werde ich trinken, wenn ich dich erst habe, keinen Tropfen mehr! Du bist besser als Wein und Schnaps; ein Feuer bist du in mir, du machst die Welt tanzen! Dein Wohl, meine Königin!«

»Dein Wohl, mein altes Papachen! Ja, wir werden nun reisen, aber werden wir auch Geld genug haben für solch eine weite Reise? Wir wollen doch nicht arbeiten müssen?«

»Geld?« fragte ich verächtlich. »Geld? Geld genug für uns beide! Geld für alle Reisen und das längste Leben! Geld wie Heu!«

Und ich riß die Scheine aus der Tasche, es war wirklich ein ganzes Bündel. Elinor nahm, es aus meinen Händen, glättete die Scheine und ordnete sie.

»Achthundertdreiundsechzig Mark«, sagte sie schließlich und sah mich mit gerunzelter Stirne nachdenklich an.

»Das ist nicht sehr viel Geld, altes Papachen. Nicht genug für eine lange Reise, für ein Leben zu zweien ohne Arbeit. Ist das alles Geld, das du hast –?«

Einen Augenblick war ich etwas ernüchtert. Ich fuhr mit der Hand über die Stirn und sah voll Abneigung auf den Haufen schmutziger Lappen, den Elinor in der Hand hielt.

»Einer hat mir Geld gestohlen, Elinor«, sagte ich dann mürrisch. »Fünfmal, zehnmal mehr Geld, als du in der Hand hast, hat der Lump mir gestohlen. Und alle meine Sachen in einem rindledernen Koffer und unser Silber, alles ist weg! Was wird Magda sagen!«

Ich besann mich langsam wieder unter ihrem Blick.

»Aber das ist gleich, Elinor, stecke das Geld fort, ich mag es nicht mehr sehen. Ich kann mehr holen von der Bank, ich kann holen, soviel du willst: Zehntausende! Ich komme mit einem Scheck, sie sagen zu mir: ›Herr Sommer ...‹«

»Also Sommer heißt du?«

»Ja, Sommer heiße ich, Erwin Sommer, wenn du mit mir reist, hast du immer Sommer!«

Ich lachte, aber sie blieb ernst, sie sagte: »Siehst du, altes Papachen, sie haben dir schon dein Geld und deine Sachen gestohlen, du kannst nicht umgehen damit in diesem Zustand. Ich werde es dir verwahren, ganz sicher ist es bei mir aufgehoben. Hier stecke ich dir Geld in deine Tasche, das alte Papachen soll nicht ganz ohne Geld sein. Es sind dreiundzwanzig Mark, wenn dir die wegkommen, ist es nicht weiter schlimm ...«

Sie redete immer eindringlicher, es war lächerlich, wie wichtig sie dieses alberne Geld nahm.

»Und, Papachen, nicht wahr, du schwörst es mir, du wirst nie jemandem sagen, daß ich dir dein Geld verwahrt habe? Zu keinem Menschen? Was auch passiert?«

»Nie werde ich es einem sagen, Elinor«, antwortete ich. »Ich schwöre es dir. Aber das alles ist unnötig, um sechs Uhr werden wir reisen ...«

»Also du hast es mir geschworen, altes Papachen, du vergißt es nicht? Zu niemandem nie ein Wort, was auch passiert!«

»Nie ein Wort, Elinor!«

»Du mein gutes Papachen!« rief sie und drückte mich fest in ihre Arme. »So – und nun sollst du zur Belohnung aus meinem Munde trinken dürfen!«

Sie nahm einen Mund voll von dem Kirsch, dann legte sie die Lippen fest auf die meinen, ich schloß die Augen, und aus ihrem Munde floß der Kirsch scharf und warm und lebendig in meinen Mund – es war das Süßeste, das ich je erlebte. Ich verging davor. –

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.