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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 23
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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22.

Ich war zu spät gekommen. Vor den Fenstern der Gaststätte lagen schon die Läden, und kein Lichtschein drang hindurch. Ich legte die Hand auf die Klinke, aber die Tür war verschlossen. Einen Augenblick stand ich überlegend. Dann ging ich leise um das Haus herum in den Obstgarten und sah zu Elinors Fenster empor. Auch dort alles dunkel, aber das machte nichts. Ich hatte alle Zeit, die Gott werden ließ, und wir würden uns schließlich auch im Dunkeln gut verständigen. Besser! Besser!

Erst einmal setzte ich mich ins Gras und fing an, mein Paket zu öffnen. So ein geschickt verpacktes Paket ist etwas sehr Gutes, aber es hat den Nachteil, daß man an seinen Inhalt nicht heran kann. Zu lange hatte ich schon gedurstet, große Leistungen vollbracht – und jetzt der gute Holzfällerschnaps! Nachdem ich mich ausgiebig, sehr ausgiebig gestärkt hatte, fing ich an, meine Habseligkeiten auf dem Schuppendach, das ich gerade mit den Händen erreichen konnte, aufzubauen. Zuerst die Aktentasche, dann eine Flasche nach der anderen: eine Flasche sächsischen Korn, dann vier unangebrochene und eine angebrochene Flasche Schwarzwälder Zwetschgenwasser. Alles schön ordentlich nebeneinander auf dem Dachrand. Nun war ich fertig zum Aufstieg. Ich hängte mich an die vorstehende Dachkante und versuchte, mich hochzuziehen. Aber ich hatte meine turnerischen Fähigkeiten über- und die Wirkung des Schnapses unterschätzt: Eine Weile hampelte ich hilflos in der Luft, dann verlor ich den Halt und stürzte schwer ins Gras. Ächzend blieb ich liegen, der Fall hatte mir nicht gutgetan. Aber mit jener Hartnäckigkeit, die Betrunkene gerade beim aussichtslosesten Tun entwickeln, erneuerte ich meine Versuche, stets nachdem ich mich erst neu und ausgiebig gestärkt hatte – der Rest der ersten Flasche ging dabei drauf. Aber jedesmal stürzte ich wieder zu Boden. Als ich das letztemal aufstand, war mir klar, daß ich so mein Ziel nie erreichen würde. Außerdem verstand selbst ich, daß ich schwer betrunken war.

›Ich bin komplett besoffen, ich bin völlig blau ...‹, murmelte ich immer wieder stumpfsinnig vor mich hin und lehnte mich schweratmend gegen einen Baum. Dann erinnerte ich mich dunkel, daß ich vor dem Gasthof Eisentische und Eisenstühle hatte stehen sehen. Mühsam schleppte ich einen Stuhl herbei, kletterte vorsichtig auf ihn (ich hatte jetzt schon Furcht vor einem neuen Fall) und versuchte nun, aufs Dach zu kommen. Und wieder stürzte ich. Es gab eine längere Pause, einesteils, weil ich mich wirklich ziemlich schwer geschlagen hatte, zum anderen, weil ich den Korkenzieher suchen mußte, um eine neue Flasche zu öffnen. Ich hatte ihn bestimmt auch auf den Dachrand gelegt, aber von dort war er ganz unbegreiflich verschwunden. Ich suchte ihn, leise vor mich hinscheltend, auf allen vieren im Grase. Er war nicht aufzufinden. Schließlich besann ich mich darauf, daß auch an meinem Taschenmesser ein Korkenzieher war, der mir bisher recht gute Dienste geleistet hatte. Ich suchte das Messer in den Taschen, fand es nicht, fand aber statt dessen in ihnen den Korkenzieher, den ich auf den Dachrand gelegt hatte. Nachdem ich wieder getrunken hatte, war mir doch eines klar: Daß ich über das Dach das Kammerfenster nie erreichen würde. Also ging ich wieder nach vorne und versuchte von neuem die Vordertür. Sie war noch immer verschlossen. Ich zog mein Schlüsselbund aus der Tasche und versuchte meine Schlüssel, einen nach dem anderen. Sie waren alle viel zu klein für dieses derbe ländliche Schlüsselloch, aber mit einer stupiden Hartnäckigkeit versuchte ich sie immer wieder, in der festen Erwartung, schließlich werde ein Wunder geschehen und die Tür sich öffnen. Ich hatte bei all diesen völlig betrunkenen Anstalten schon lange nicht mehr die geringste Rücksicht auf den Nachtschlaf der Hausbewohner genommen, und so war es denn kein Wunder, daß schließlich über mir ein Fenster aufging und eine recht ärgerliche Frauenstimme scharf sagte:

»Wer ist denn da?«

Ich stand ganz still, rührte mich nicht, wie ein ertappter Einbrecher.

»Wollen Sie wohl machen, daß Sie fortkommen!« rief es wieder von oben ärgerlich. »Ich sehe Sie ja da ganz deutlich stehen! Hier wird nichts mehr ausgeschenkt, hier ist geschlossen!«

Damit flog das Fenster oben wieder zu, und ich stand allein im Dunkeln, noch immer ausgeschlossen. Eine Weile verharrte ich bewegungslos, dann schlich ich auf Zehenspitzen zurück in den Hintergarten und fing leise an, meine Habseligkeiten vom Schuppendach fort und vorne zum Eingang hinzutragen, wo ich sie wieder pedantisch ordentlich auf einem Eisentisch aufbaute. (Daß ich bei dieser Beschäftigung nicht das Trinken vergaß, versteht sich von selbst.) Kaum hatte ich dieses Werk, das wegen meiner Zerfahrenheit und meines unsicheren Ganges viel Zeit beanspruchte, vollendet, fing ich wieder mein idiotisches Spiel mit Schlüsselbund und Schlüsselloch an. Ich hatte noch nicht lange gearbeitet, so flog oben mit einem Krach wieder das Fenster auf, und die Frauenstimme rief jetzt sehr zornig: »Das wird mir jetzt aber doch zu bunt. Wollen Sie jetzt machen, daß Sie wegkommen? Oder soll ich die Polizei holen?!«

Das Wort ›Polizei‹ löste meine schwergewordene Zunge.

»Ach bitte«, rief ich verwirrt nach oben, »wollen Sie mich denn nicht hineinlassen? Ich bin nämlich der Professor –!«

Wie ich dazu kam, mir den Titel ›Professor‹ beizulegen, ahne ich nicht, es war eine höhere Eingebung.

»Der Professor –?« fragte es von oben im Tone höchsten Erstaunens.

»Welcher Professor denn –? Der hier vorigen Sommer Bilder gemalt hat?«

»Ja, natürlich«, sagte ich im selbstverständlichsten Tone von der Welt, als sei es ganz normal, daß ein bildermalender Professor zur Nachtzeit fremde Türen mit seinen Schlüsseln aufschließen will.

»Lassen Sie mich doch rein! Ich stehe hier schon zwei Stunden!«

»Hätten Sie doch eine Postkarte geschrieben, Herr Professor!« sagte die Stimme von oben, noch nicht gerade sehr freundlich, aber doch milder. »Warten Sie einen Augenblick, ich schließe Ihnen dann gleich auf.«

Erleichtert setzte ich mich auf einen Eisenstuhl, trank schnell noch einmal und schloß dann die Augen. Ich war sehr müde, fast betäubt, und doch ahnte ich, daß hinter dieser Ruhe in mir etwas Gefährliches steckte; ein wilder unbändiger Zorn, der jeden Augenblick hervorbrechen konnte. Es fehlte nur der Anlaß, und Anlaß konnte eigentlich alles sein. Dieses Zwetschgenwasser war viel gefährlicher als der vergleichsweise harmlose Korn, es ging tiefer ins Blut, führte zu ungeahnten Abgründen.

Schließlich drehte sich der Schlüssel in der Tür, ein Lichtschein fiel heraus zu mir.

»Na, dann kommen Sie man rein«, sagte die Frauenstimme. »Aber nett ist das nicht, Herr Professor, daß Sie uns so die Nachtruhe stören.«

Ich stand auf und folgte meiner Führerin in die Gaststube, die jetzt im Schein nur einer Glühbirne mit den auf den Tischen gestellten Stühlen höchst unwirtlich aussah. Meine Begleiterin drehte sich jetzt nach mir um, es war die weißhaarige Wirtin, die ich schon einmal einen Augenblick gesehen hatte. Sie musterte mich erstaunt.

»Aber Sie sind ja gar nicht der Professor!« rief sie ärgerlich. »Sie sind ja der Herr, der neulich hier die große Zecherei gemacht hat und den der Kreisarzt weggeholt hat. Das ist doch eine Unverschämtheit, mir hier vorzulügen ...«

Sie verstummte unter meinem drohenden Blick. Ich fühlte eine ungeheure Wut in mir. Ich wußte, ich würde jeden Widerstand brechen, der sich mir jetzt noch entgegenstellte; ich war imstande, das wußte ich, diese Frau zu schlagen, zu Boden zu werfen, zu töten gar, wenn ich es für notwendig befand, wenn es der Teufel in mir für notwendig hielt. Ich sah diese Frau an und befahl: »Rufen Sie Elinor!« Und als sie eine Bewegung des Widerspruchs machte: »Auf der Stelle rufen Sie Elinor oder«, meine Stimme wurde leise und drohend, »es passiert was!«

Die Frau machte eine hilflose Gebärde und sagte dann rasch und bittend:

»Mein Herr, machen Sie mir doch keine Schwierigkeiten. Es ist jetzt Nacht, und das Mädchen schläft. Ich will Ihnen hier gerne auf dem Sofa ein Bett zurechtmachen. Sehen Sie, jetzt haben Sie einen kleinen Rausch.«

Sie versuchte zu lächeln, aber es war Angst in ihrem Lächeln, ich erkannte es wohl.

»Schlafen Sie Ihren Rausch aus, und morgen soll Elinor so viel mit Ihnen zusammen sein, wie Sie nur wollen. Sie sind doch ein gebildeter Mann, mein Herr!«

»Sie rufen das Mädchen!« sagte ich hartnäckig, und als sie wieder dagegenreden wollte: »Nun gut, dann gehe ich selbst zu ihr hinauf!« Ich schob die Wirtin beiseite.

»Ich werde die Elinor rufen«, sagte die Wirtin rasch. »Bitte setzen Sie sich einen Augenblick dort in das Sofa, Elinor wird sofort kommen.«

»Halt!« rief ich, als die Wirtin treppauf gehen wollte. »Sie rufen von hier unten, Sie verlassen diese Gaststube nicht. Wer diese Stube verläßt, wird erschossen!«

Ich griff in die Tasche, als hätte ich eine Schußwaffe bei mir. Die Wirtin kreischte leise auf.

»Sie wissen Bescheid«, sagte ich finster. »Also jetzt rufen Sie.«

Die Wirtin rief, sie mußte viele Male rufen, ehe Antwort von oben kam, Elinor hatte einen festen Schlaf.

»Sollst runterkommen, Elinor!« rief die Wirtin. »Mach ein bißchen schnell, du!«

»So«, sagte ich mit der Miene eines Untersuchungsrichters, »und nun eine Frage: Haben Sie Schwarzwälder Zwetschgenwasser?«

»Das nicht«, sagte die Wirtin, und, als sie meine zornige Miene sah, »aber ich habe ein Kirschwasser, das noch besser ist.«

»Besser als Zwetschgenwasser ist nichts«, erwiderte ich, »aber bringen Sie immerhin Ihren Kirsch.«

Sie brachte ihn; Flasche und Glas zitterten in ihrer Hand.

»So«, sagte ich und trank. Meine Stimmung hellte sich auf; dies war wirklich beinahe noch besser. »So, und nun setzen Sie sich dorthin und sagen Sie mir, wer außer Ihnen noch hier im Hause ist.«

»Nur die Elinor, wirklich, außer mir nur die Elinor!«

»Sie lügen!« rief ich wütend. »Lassen Sie sich nicht einfallen, mich noch einmal anzulügen, oder es passiert was.«

Und wieder griff ich in meine Tasche. Die Wirtin kreischte wieder leise.

»Ich habe«, fuhr ich unerbittlich fort, »das letztemal hier noch ein Mädchen gesehen, mit Zottelhaaren und einer roten Nase ...«

»Ach, die Marie meinen Sie«, rief die Wirtin erleichtert. »Aber, Herr, warum regen Sie sich so auf und ängstigen mich so? Ich will Sie doch nicht anlügen: Die Marie hilft hier nur aus, die wohnt im Dorf bei ihren Eltern ...«

»So«, sagte ich zufrieden, »dann will ich Ihnen diesmal noch verzeihen, wenn es so ist.«

Ich trank.

»Und Ihr Kirsch ist wirklich auch nicht schlecht, gut ist er sogar ...«

»Nicht wahr, nicht wahr?« sagte die Wirtin eifrig. »Ich tue ja alles, um Sie zufriedenzustellen. Mitten in der Nacht hole ich das Mädchen aus dem Bett. Nun müssen Sie aber auch nett sein und nicht mehr mit dem Schießeisen drohen. Am besten legen Sie es erst einmal weg, so ein Ding kann so leicht losgehen, und das wollen Sie doch nicht; Sie sind doch ein guter, anständiger Herr ...«

Ehe ich noch gegen diese neue Beleidigung hatte protestieren können, denn ich war entschlossen, nicht gut, sondern furchteinflößend und böse zu sein und meine Macht über die Menschen zu zeigen, ehe ich also wieder zornig geworden war, tönte Elinors fester Schritt auf der Treppe; und da trat sie in den Lichtschein, völlig angezogen, nur das dunkle Haar hatte sie nicht frisiert, sondern trug es locker nach hinten gekämmt. Sie sah noch schöner aus.

»Elinor!« rief ich. »Meine Königin!«

Nur einen Augenblick stutzte sie, als sie mich da so in dem unordentlichen Lokal mit der Wirtin sitzen sah, und dann tat dieses erstaunliche Mädchen genau das Richtige, als hätte sie alles, was vorher geschehen, gewußt:

Sie lief auf mich zu, umarmte mich, gab mir einen Kuß rechts und einen Kuß links auf die Backe und rief vergnügt:

»Ach, das Papachen! Das gute, immer betrunkene Papachen! Jetzt wollen wir aber fidel sein, was, Mutter Schulzen? Nun gibt's Sekt!«

»Sekt?« rief ich begeistert. »Natürlich gibt's Sekt, soviel ihr wollt. Ich habe Geld wie Heu. – Elinor, du bist die Beste, du weißt, daß ich dich liebe. Du bist meine Königin, und jetzt werden wir auf Reisen gehen. Elinor, gib mir noch einen Kuß, aber mitten auf den Mund!«

Sie tat es, ich fühlte ihre Brust an der meinen, ich war selig, endlich hatte mir doch der Alkohol die volle Seligkeit geschenkt! Ich sah nur Elinor, ich fühlte nur Elinor, ich dachte und redete nur Elinor.

Ich merkte gar nicht, daß die Wirtin trotz meiner strengen Todesdrohung längst die Gaststube verlassen hatte.

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