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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 22
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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21.

Keiner, der soeben einen schönen rindsledernen Handkoffer mit seinen besten Sachen und allem Silber, keiner, der soeben von fünftausend Mark viertausend verloren hat, kann sich auch nur eine leise Vorstellung davon machen, ein wie glücklicher Mann in einem Abteil zweiter Klasse eine Viertelstunde später von seiner Heimatstadt fortfuhr. Weiß es der Himmel, wie das in mir funktionierte, aber ich bildete mir wahrhaftig ein, ich sei den elenden Lobedanz ausnehmend billig losgeworden und könne dem Himmel gar nicht genug danken, daß ich wenigstens noch tausend Mark aus diesem Zusammenbruch gerettet hatte.

Freilich darf ich nicht verschweigen, daß zu diesem Glücksgefühl ganz wesentlich der Umstand beitrug, daß ich in meiner Hosentasche trotz des Ringkampfes die Kornflasche heil und unausgelaufen vorgefunden hatte. Ich hatte bereits einen kräftigen Schluck aus ihr genommen, und dieser Schluck trug wohl wesentlich zu meiner optimistischen Beurteilung der Sachlage bei. Ich sah behaglich in das vorübergleitende grüne Land mit weidenden Kühen und ruhenden Wäldern und machte mir über meine Zukunft auch nicht die geringsten Sorgen mehr. Vorderhand hatte ich genug zu leben (und zu trinken), und was dann kam, würde sich auch finden. Irgendwie würde ich schon durchkommen; ich bildete mir nämlich ein, daß ich die Abenteuer des heutigen Tages mit vollem Erfolg bestanden hätte, wobei ich die Besuche im Wartesaal und auf der Bank als Siege zu meinen Gunsten buchte, während ich die Niederlage bei Lobedanz als unvermeidbares Naturereignis mit gelassenem Achselzucken hinnahm.

Gegen Mittag war ich an meinem Bestimmungsort (den ich nur gewählt hatte, um etwaige Nachforscher irrezuführen) angelangt. Es war ein kleiner, noch wenig bekannter, aber sehr gepflegter Luftkurort. Ich aß in einem Hotel am Wasser grünen Aal mit einer Dillsauce und Gurkensalat, wobei ich mir die Sonne, ohne zu rücken, aufs Haupt scheinen ließ, trank einen schönen, voll ausgereiften Burgunder und stellte Betrachtungen darüber an, ein wie behagliches Leben ich doch jetzt als ein von den Geschäften zurückgezogener Privatmann und halber Junggeselle führen könnte. Nach dem Essen bummelte ich durch das Städtchen, kaufte eine Aktentasche, zwei bunte seidene Pyjamas, wie ich sie nie so papageienhaft besessen, raffiniertestes Toilettenzeug, eine wohlriechende Seife und ein französisches herbes Parfüm, mit dem ich mich versuchsweise gleich begießen ließ – und scherzte dabei in einer so weltmännisch überlegenen, liebenswürdigen Art mit den jungen Verkäuferinnen, daß ich jedenfalls einen lebhaften Respekt vor meinen bislang ungenützten Talenten als Herzensbrecher und Schwerenöter bekam. Als logische Folgerung kaufte ich mir sofort danach in einer Drogerie wieder einmal wohlriechende Mundpillen. Dann suchte ich das angesehenste Hotel am Platze auf, das auch mit einer Weinhandlung verbunden war, um dort einigen Schnaps zu kaufen. Ich hatte das Glück, den Besitzer selbst anzutreffen, einen wohlbeleibten, weißhaarigen Mann, dessen blühend rotes Gesicht von mancher in stiller Behaglichkeit geleerten Burgunderflasche Zeugnis ablegte. Er lächelte ein wenig über meinen primitiven Kornwunsch, empfahl und verkaufte mir einen bernsteingelben sächsischen Korn und lenkte dann meine Aufmerksamkeit auf ein sehr hochprozentiges Schwarzwälder Zwetschgenwasser, einen richtigen Holzhändlerschnaps bei eisiger Winterkälte, wie er ihn nannte. Er schenkte mir ein Probegläschen ein, und ich muß gestehen, dieser Probeschluck begeisterte mich so, daß ich dem ersten Glas in rascher Folge eine ganze Reihe weiterer folgen ließ. Dies war gerade das Richtige für mich, eine Steigerung weit über meine bisherigen primitiven Erfahrungen hinaus: Brennend und scharf und doch etwas von der Süße reifen Obstes in sich bergend. Ich kaufte gleich fünf Flaschen, ein handliches Paket wurde aus meinem Einkauf gemacht, und so wanderte ich, nachdem ich in einem Laden noch einen besonders kräftigen Korkenzieher erstanden hatte, wohlausgerüstet und in munterster Stimmung wieder dem Bahnhof zu.

Wieder reiste ich und fuhr dieselbe Strecke, die ich heute früh gekommen war; ich fuhr wieder meiner Vaterstadt zu. Eine Station vorher aber stieg ich aus und marschierte, schon fiel die Nacht ein, kaum eine halbe Stunde weit zu jenem Landgasthof, in dem Elinor, die Königin des Alkohols, wohnte. Vergessen war die mißglückte Nacht in ihrer Kammer, vergessen das beschämende Gelage, in dem mich vor den Augen der Ärzte alle meine Zechkumpane verlassen hatten, vergessen waren die so boshaft ins Auto hineingereichten Schuhe! Der Alkohol hat kein Gedächtnis, macht er zornig, so kann ein Wort, ein Gläschen schon diesen Zorn wieder auslöschen – ich wußte nur, daß nach meinen Erfahrungen mit Magda und Lobedanz jetzt Elinor meine Zuflucht war. Bei ihr wollte ich bleiben, oder mit ihr wollte ich reisen – das war alles, was ich noch an Lebensglimmen hatte, und es schien mir völlig genug. –

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