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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 21
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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20.

Wenn es nicht der offene Marktplatz gewesen wäre, ich hätte diesen Kerl erwürgt! So sah ich ihn nur einen Augenblick finster drohend an, faßte dann meinen Koffer fester und schlug, ohne ihn zu beachten, den Weg zum Bahnhof ein. Aber ich hörte wohl, daß er hinter mir herging, und nun vernahm ich auch schon seine verhaßte schmeichelnde und flüsternde Stimme:

»Lassen Sie mich doch den Koffer tragen, Herr! – Bitte, lassen Sie mich doch den Koffer tragen, Herr!«

Ich tat, als habe ich ihn nicht gehört, und schritt schneller aus. Aber plötzlich fühlte ich eine Hand neben der meinen am Koffergriff, und nun hatte schon am hellen Tage auf offener Straße Lobedanz mir den Koffer aus der Hand genommen!

Wütend drehte ich mich um und schrie: »Wollen Sie mir auf der Stelle den Koffer wiedergeben, Lobedanz!«

Er lächelte demütig.

»Nicht so laut, Herr«, bat er flüsternd. »Die Leute gucken ja schon, das ist für Sie peinlich, Herr. Nicht für einen armen Arbeiter, wie ich es bin, aber für Sie, Herr ...«

»Sie werden mir sofort den Koffer zurückgeben, Lobedanz«, wiederholte ich, aber leiser, denn die Leute guckten wirklich schon.

»Nachher, nachher«, sagte er beruhigend. »Ich trage ihn gerne, Herr. – Zur Bahn, nicht wahr?«

Und, ohne eine Antwort abzuwarten, ging er an mir vorbei und jetzt mir voraus, dem Bahnhof zu. Mit einem Gefühl hilfloser Ohnmacht folgte ich ihm. Mit einem Haß sah ich auf die leicht vornübergebeugte Gestalt in einem dunkelblauen Jackett und auf das schlicht zurückgekämmte, leicht goldige Haar, das einen rötlichgoldenen Schimmer hatte. Wie einem Mörder direkt vor seiner Tat zu Mute ist, das weiß ich seit jenen Minuten, die ich hinter Lobedanz zum Bahnhof gegangen bin. Und ich konnte ihm nichts tun, gar nichts, er war stärker als ich, sowohl physisch wie moralisch. Er brauchte nur den nächsten Polizisten anzurufen, und ich war verloren, das ahnte er gut, der Schurke. Wäre ich in jenen Minuten ein wenig kaltblütiger und überlegter gewesen, ich hätte Lobedanz ruhig im Besitz meines Koffers gelassen und hätte mich leise in eine Seitenstraße verdrückt. Im Besitz einer so großen Geldsumme, wie ich sie in der Tasche hatte, war der Verlust des Koffers schon zu verschmerzen, er war das Lösegeld, durch das ich mich von diesem elenden Kerl freikaufte. Aber ich kam gar nicht auf diesen Gedanken, mein Blut kochte, es war nicht kalt, ich konnte nicht überlegen.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof angekommen, ging Lobedanz nicht in ihn hinein, sondern, ohne sich nach mir umzusehen, sicher, daß ich ihm wie ein Hündlein folgen würde, in die Bedürfnisanstalt, die linker Hand, etwas von Büschen versteckt, daliegt. In ihr angekommen, setzte er den Koffer nieder, zog an den Fingern, daß die Knöchel knackten, und sagte: »So, Herr, hier können wir in aller Ruhe reden.«

Ich sah mich um: Das Wasser rauschte schon in dem halben Dutzend Becken, aber die Kundschaft fehlte noch zu dieser frühen Stunde. Lobedanz hatte recht: Hier konnten wir in aller Ruhe sprechen.

»Und das wollen wir auch!« rief ich zornig. »Was bilden Sie sich eigentlich ein, Lobedanz, daß Sie mir ständig nachlaufen und nachspionieren. Heute nacht schon und nun wieder ...«

»Nachspionieren?« wiederholte er widerlich vorwurfsvoll. »Aber, Herr, ich habe Ihnen Ihren Korn nachgebracht.«

Und er zog wirklich die Flasche aus der Hosentasche. »Sie haben ihn heute morgen vergessen. Ich aber bin ein ehrlicher Mann. Ich habe zu meiner Frau gesagt: ›Der Herr hat den Korn bezahlt, er soll ihn auch bekommen.‹ So bin ich.«

Er hielt mir die Flasche hin.

»Trinken Sie doch, Herr. Ich habe schon aufgekorkt, der Pfropfen sitzt ganz lose.«

Ich machte eine wütende Gebärde. Er ließ sich nicht entmutigen, er hielt mir die Flasche wieder hin.

»Trinken Sie doch«, schmeichelte er wieder, »Sie sind ein so netter Herr, wenn Sie ein bißchen getrunken haben; es bekommt Ihnen gar nicht, wenn Sie nüchtern sind, dann sind Sie immer so gereizt ...«

Er zog den Pfropfen selbst aus der Flasche und rieb mit seinem feuchten Ende am Flaschenhals hin und her.

»Hören Sie, Herr«, sagte er lachend, »der Schnaps ruft nach Ihnen ...«

Und wahrhaftig, es ist mir heute unbegreiflich, aber mit seinem albernen Getue hatte mich doch der Kerl wirklich wieder herumgekriegt. Selber jetzt lachend, griff ich zur Flasche, rief: »Sie elender Schurke, Sie!« und trank, trank viel und lange. Dann setzte ich die Flasche ab, korkte sie zu, verwahrte sie nun in der eigenen Hosentasche und fragte: »Also, was willst du eigentlich von mir, Lobedanz? Hast du nicht alles bekommen, was du zu kriegen hast?«

»Davon reden wir nicht, Herr«, rief Lobedanz eifrig. »Von solchen Kleinigkeiten reden wir nicht. Ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, Sie sind ein wirklich nobler Mann. Sie können's nicht übers Herz bringen, einen armen Arbeiter im Elend verkommen zu lassen ...«

»Was heißt das, Lobedanz?« fragte ich sehr aufmerksam. »Ich glaube doch, du hast schon genug und übergenug an mir verdient. Wenn ich an meine Goldsachen denke ...«

Er achtete nicht darauf.

»Sehen Sie, Herr«, fing er mit seiner einschmeichelndsten Stimme an und ließ die Finger knacken, daß es zum Ekeln war, »so ein Mensch wie ich ist bloß wie ein Stück Vieh, im Mist geboren und kommt nie aus dem Mist heraus. So ein feiner Mann wie Sie kann sich das gar nicht recht vorstellen ...«

»Ich kann mir eine ganze Menge von dir vorstellen, Lobedanz«, sagte ich grimmig. »Und mit Mist hat das leibhaftig zu tun.«

Wieder achtete er nicht auf mich. Wirklich eindringlich und überzeugt sagte er:

»Und wenn so ein Stück Vieh, Herr, ein Geschäft sieht, das ihn aus dem Mist herausholt für sein ganzes Leben, ja, Herr, da kann's kein Besinnen geben, da wird das Geschäft eben gemacht, Herr!«

Er sah mich an und wiederholte – diesmal aber war nichts Sanftes und Einschmeichelndes in seiner Stimme: »Das Geschäft wird gemacht, Herr, und gehe es auf Leben und Tod!«

Innerlich erzitterte ich vor der wilden Drohung in seiner Stimme, äußerlich aber fragte ich ganz ruhig: »Und wie soll denn dieses Geschäft aussehen, Lobedanz?«

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wische er ein böses Bild fort. Er fing an zu lächeln, schmeichelnd und sanft, er hatte sich wieder in der Gewalt.

»Wie das Geschäft aussehen soll, Herr?«

Er lächelte noch stärker, seine Finger knackten.

»Der Herr weiß am besten, wieviel Geld er von der Bank abgeholt hat und was er mir davon geben will.«

Ich war starr über diese Frechheit, ich hatte erwartet, daß er das Silber für sich beanspruchen würde, und war schon halb und halb bereit gewesen, es ihm zuzugestehen, aber daß er einen Anteil von meinem kostbaren Geld verlangen würde, das hatte ich nicht erwartet.

»Sie sind ein Narr, Lobedanz«, lachte ich. »Außerdem haben Sie schlecht aufgepaßt, ich habe auf der Bank nicht einen Pfennig Geld bekommen, meine Frau hat das Konto für mich sperren lassen, ich darf dort kein Geld mehr abheben, verstehen Sie?«

Er hörte mir mit düsterem Schweigen zu. Ich griff in die Seitentasche des Jacketts und zog den Rest des Geldes hervor, das ich aus Magdas Kassette genommen hatte.

»Da, sehen Sie selbst, das ist alles Geld, das ich noch besitze.«

Ich hielt ihm das Geld hin. Sein dunkler argwöhnischer Blick wanderte von meinem Gesicht zu dem Geld in meiner Hand.

»Wieviel Geld ist das?« fragte er mit stockender Stimme. »Zeigen Sie mal!«

Er stand ganz nahe vor mir, die Augen nahe über dem Geld. Dann, mit einer mich völlig überraschenden, plötzlichen Bewegung griff er in meine Brusttasche und riß die Geldpakete heraus. Eins oder zwei fielen zur Erde, auf den nassen, schmierigen Asphaltboden des Pissoirs – wir bückten uns gleichzeitig nach ihnen. Seine Hände waren schneller, aber ich griff, das Vergebliche meiner Nachsuche einsehend, nach seinem Hals, ich krallte mich an ihm fest, ich war entschlossen, nicht eher loszulassen, bis er nachgegeben, bis ich das Geld zurückhatte ... Er versuchte, sich zu wehren, aber an der Abwehr hinderte ihn seine Gier, in beiden Händen hielt er Geld, das er nicht wieder loslassen wollte ...

Er schnellte das Knie hoch, gegen meinen Bauch ... Einen Augenblick später wälzten wir uns beide am Boden, ich immer noch an seinem Hals hängend, wild mit den Gliedern zuckend, wie ein Fisch, den der Angler an Land gezogen ... dann wurden seine Glieder schlapp, aus seiner Kehle kam ein schreckliches Röcheln ... Ich ließ ihn los und mühte mich, seine Hand aufzubrechen ... Ich möchte wohl wissen, was der biedere Postvorsteher Winder sich gedacht hat, als er da zwei Männer auf dem Boden des Pissoirs vorfand, in wildem Kampf begriffen, während er doch nur ein friedliches Morgengeschäft verrichten wollte! »Aber, meine Herren! Ich bitte Sie!« rief er mit hoher erschrockener Stimme aus. »Hier auf der Toilette! Meine Herren!«

Lobedanz, der wieder Luft bekommen hatte, sah seine Chance – mit einem Satz war er hoch, griff sich den Koffer und war, den Postvorsteher zur Seite stoßend, aus der Toilette, keiner hatte bis drei zählen können, so schnell ging das.

Ich stand taumelig und benommen auf, zu irgendeinem raschen Entschluß unfähig. Ich trat an eines der Becken, dem verstörten und empörten Vorsteher den Rücken kehrend. Der sagte: »Herr Sommer, wenn ich nicht irre? Ich wundere mich, Herr Sommer, ich muß mich sehr über Sie wundern!«

Einen Augenblick fühlte ich noch seinen stechenden Blick in meinem Rücken, dann klappte eine Lokustür, ein Riegel klirrte, Kleider raschelten – ich war allein, meinen Abgang zu bewerkstelligen. Und gerade in diesem Moment, da ich, völlig verzweifelt, ohne Geld, die Anstalt verlassen wollte, fiel mein Blick seitlich auf ein blaues Bündel, und – siehe da – hier lag, verdrückt und beschmutzt, ein Paket Hundertmarkscheine, ein runder Tausender in zehn Hundertmarkscheinen!

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