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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 20
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
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19.

Ich hatte natürlich keine Ahnung davon, in welche Richtung Lobedanz gegangen war, und zu Anfang sah ich ziemlich besorgt um mich. Als ich aber erst aus dem ›Scheunenviertel‹ heraus, durch die sauberen Straßen meiner Heimatstadt ging, fühlte ich mich sicherer. Ich ging ohne zu zögern direkt zum Bahnhof und setzte mich dort in den Wartesaal zweiter Klasse. Ich wußte, ich wagte viel; war schon etwas von meiner Geschichte durchgesickert, so war ich verloren. Aber ich mußte an diesem Morgen noch viel mehr wagen, dieses Sitzen im Wartesaal war eine Vorprobe für kommende andere wichtige Unternehmungen. Natürlich hätte ich mich auch mit weniger Risiko ein paar Stunden in den Anlagen der Stadt verbergen können, aber in meiner verwandelten Stimmung liebte ich es nun einmal, der Gefahr zu trotzen, muß aber auch gestehen, daß der Alkohol mich ein wenig dazu verführte. So ganz ohne ihn wollte ich nun doch nicht sein, und so bestellte ich beim Kellner außer einem ergiebigen Frühstück mit Setzeiern, Wurst und Käse auch eine Karaffe Kognak, den ich, zum zweitenmal behaglich und nicht ohne Appetit frühstückend, meinem Kaffee zusetzte. Ich vertiefte mich bei diesem lange dauernden Essen in die Zeitungen meiner Vaterstadt, die ich lange nicht studiert, las sämtliche Heimatnachrichten einschließlich der Familienanzeigen und hatte nun die Gewißheit, daß über mich auch noch nicht der geringste Hinweis ins Blättchen gelangt war. Es wäre doch immerhin möglich gewesen, daß Magda in ihrer ›Besorgnis um mein Wohlergehen‹ eine Notiz ins Blatt hätte setzen lassen, etwa des Inhalts: der Geschäftsmann E. S. sei so und so lange nicht gesehen worden und irre vermutlich in einem Zustand geistiger Verwirrung in der Gegend umher. Wer Nachricht von ihm geben könne usw. usw. Aber nichts von alledem.

Bei meinem Frühstück wurde ich wirklich zehn Minuten lang von dem Bäckermeister Stretz gestört, von dem ich eben in der Zeitung gelesen, daß er sein fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum begangen habe. Er ist unser Semmel-, ich bin dann und wann sein Weizenmehllieferant, wir kennen uns seit vielen Jahren. So setzte er sich zu mir an den Tisch, und er verwunderte sich darüber, daß wir uns so lange nicht gesehen, auch, daß ich hier auf dem Bahnhof die Semmel der Konkurrenz und nicht friedlich daheim seine eigenen frühstückte. Es war das alles aber ganz arglos gesagt, wie ich sofort merkte. Mit dem Hinweis auf eine Reise erklärte ich alles und war nun sicher, daß über den engsten Kreis der Beteiligten noch kein Gerücht von meiner veränderten Lebensweise gedrungen war. Später kamen noch entferntere Bekannte durch den Wartesaal, ich grüßte sie, sicher geworden, mit kurzem freundlichem Kopfnicken und einer Bewegung der Hand. Der Kellner aber mußte mir, je näher der Uhrzeiger der ›Neun‹ rückte, noch eine und schließlich eine dritte Karaffe Kognak bringen – mochte er von mir denken, was er wollte. So bald würde ich wohl kaum wieder sein Gast.

Fünf Minuten vor neun hatte ich bezahlt, stand auf, nahm meinen Koffer und ging in die Stadt. Ich ging die Bahnhofstraße entlang, dann ohne Scheu durch unsere Hauptpromenade, die Ulmenallee, bis zum Marktplatz, an dem die Bank liegt. Hier war ich mitten in Feindesgelände. Gerade gegenüber der Bank liegt das Rathaus, in dessen Erdgeschoß sich die Polizeiwache befindet, die heute nacht meinetwegen alarmiert wurde, und eine Minute vom Marktplatz entfernt mein eigenes Geschäft, dem vielleicht dieser mit Kornsäcken beladene Bauernwagen zurollte. Ich war doch recht aufgeregt und trocknete mir, ehe ich die Bank betrat, meine schweißnassen Hände mit dem Taschentuch ab. Dann trat ich ein.

Im Schalterraum waren, wie mich ein Blick belehrte, zu dieser Zeit direkt nach Öffnung erst ein paar belanglose Bürojünglinge und Mädchen, mit Papieren in den Händen. Ich setzte den Koffer ab, hängte meinen Hut an den Haken und ging zu dem noch freien Schalter, an dem der Buchhalter saß, der mein Konto führte. Ich sagte ihm lächelnd ›Guten Morgen‹, teilte mit, daß ich eben von einer längeren Reise zurückgekehrt sei (wobei ich auf meinen Koffer an der Tür deutete) und daß ich mich gerne über den Stand meines Kontokorrent-Guthabens unterrichtet hätte. Und während ich das alles leichthin, ohne jedes Stocken sagte, prüfte ich, innerlich zitternd, sein Gesicht, suchte nach irgendeinem Anzeichen von Mißtrauen, Argwohn, Zweifel. Aber nichts von alledem war dem jungen Menschen anzusehen, willig schlug er das Buch auf, rechnete einen Augenblick mit dem Bleistift einige Zahlen zusammen und sagte dann ganz gleichgültig, daß der Stand meines Guthabens sich augenblicklich auf siebentausendachthundert und einige Mark und Pfennige belaufe. Kaum konnte ich eine Gebärde freudiger Überraschung verbergen. So viel hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Wie Magda das fertig gebracht hatte, war mir einigermaßen rätselhaft; wahrscheinlich war bereits die Zahlung der Gefängnisverwaltung für geliefertes Tauwerk eingegangen, aber auch sie konnte nicht annähernd so viel ausmachen. Nun, jedenfalls war, sagte ich mir, meine freudige Erregung unterdrückend, Geld genug da, genug für das Geschäft und genug vor allem für mich und meine Pläne. Einen Augenblick kämpfte ich mit der Versuchung, den ganzen Betrag abzuheben. Aber ich bezwang mich. Ich wollte doch nicht gemein gegen Magda und das Geschäft handeln, so gemein sie sich auch gegen mich benommen hatte. Außerdem wäre eine so vollständige Entnahme, die einer Auflösung meines Kontos gleichsah, doch wohl auffällig gewesen.

All das war blitzschnell durch meinen Kopf gegangen, nun sagte ich fast beiläufig, daß ich heute eine größere Zahlung zu leisten habe, und bat um Tinte und Feder. Am Schalter stehenbleibend, schrieb ich in dem Scheckbuch, das ich aus meiner Tasche gezogen, einen Überbringerscheck auf fünftausend Mark aus und reichte ihn dem Buchhalter. Mit einem letzten Rest von Furcht prüfte ich wieder sein Gesicht, aber ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, machte er die nötigen Buchungen, stempelte den Scheck und brachte ihn persönlich zum Kassenschalter. Auch ich ging dorthin. Ein Gefühl unendlicher Freude, ein stolzer Triumph beseligte mich. Da hatte ich Magda bildschön hereingelegt: Daß sie so dumm gewesen war, daß sie der Bank nicht einen kleinen Wink gegeben hatte, das ließ erst meine grenzenlose Überlegenheit im rechten Lichte erscheinen. Ich hätte tanzen und schreien mögen vor Freude, nur mit Mühe bezwang ich eine Art Lachkrampf, der mich ankam.

»Wie möchten Sie das Geld, Herr Sommer?« fragte der Kassierer mich.

»Groß, groß«, sagte ich eilig. »Das heißt in Fünfzig- und Hundertmarkscheinen. Etwa zweihundert Mark dann in kleineren Scheinen.«

In zwei Minuten hatte ich mein Geld, verwahrte es sorgfältig in meiner Brusttasche, nahm den Koffer und trat als stolzer Sieger wieder auf den Marktplatz. Gerade während ich durch die Drehtür ging, kam mir der Einfall, daß dieser Triumph unbedingt gefeiert werden müßte. Ich wollte trotz der frühen Morgenstunde in eine kleine Weinstube am Marktplatz gehen und dort zu einer oder zwei Flaschen Burgunder einen Hummer essen oder Austern oder was Rohloff eben der Jahreszeit entsprechend da hatte. Ich trete aus der Tür, und vor mir steht der unvermeidliche, der widerliche Lobedanz, diese Pest meines Lebens, und sieht mich schleimig lächelnd an.

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