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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 19
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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18.

 

11. 9. 44

Lobedanz rannte mit dem Koffer, er wich vom nächsten Wege ab, stürzte sich in die Altstadt, lief durch Gassen und Gäßchen, wobei er überraschend um Ecken bog; ich lief ihm nach. Es war sehr dunkel, nur weil er Schuhe trug und dadurch beim Laufen Lärm machte, konnte ich ihm überhaupt folgen. Ich bin ganz sicher, daß Lobedanz die Absicht gehabt hatte, mit dem ganzen Koffer erst einmal völlig zu verschwinden und mich hilflos auf der Straße zu lassen, und er glaubte ja auch wirklich, mich abgeschüttelt zu haben: meinen leisen Schritt auf Strümpfen hatte er nicht gehört. Aber als er schließlich atemholend doch stille stand, war ich neben ihm und fragte ihn, warum er denn so sinnlos gelaufen sei. Es wäre uns ja doch niemand nachgelaufen!

Der Schurke war nicht einen Augenblick verlegen, wußte auch seine Enttäuschung über mein Auftauchen gut zu verbergen und fragte dagegen:

»Es hat doch Krach mit den Weibern gegeben? Die Weiber haben doch geschrien? Was haben Sie mit den Weibern getan?«

»Nichts, was Sie mir nicht geraten haben, Lobedanz«, lachte ich. »Ich habe sie zu ängstigen versucht, nämlich mit Schlägen. Aber es ist nicht viel daraus geworden. Übrigens ist es wohl selbstverständlich, daß eine Frau sich widersetzt, wenn man ihr das Silber fortnimmt. Ich habe das Silber, Lobedanz.«

»So, haben Sie es?« antwortete der Abgefeimte. »Nun kommt es darauf an, ob es auch etwas bringt. Das meiste Silber ist leicht und hohl, oder die Fasson ist unmodern. Silber, das nur zum Einschmelzen taugt, ist kaum ein paar Mark wert.«

»Sie brauchen sich darum nicht zu sorgen, Lobedanz«, sagte ich böse. »Ich werde mein Silber ohne Sie verwerten – wenn ich es überhaupt verkaufe, was ich noch nicht weiß. So, und nun möchte ich meinen Koffer allein weiter tragen.«

Ich hatte während unserer Unterhaltung meine Schuhe angezogen und nahm jetzt den Koffer auf, trotz der flehentlichen Proteste Lobedanz'. Endlich hatte ich gerade den rechten Ton ihm gegenüber getroffen, der Alkohol, der ja immer neue, immer andere Stimmungen heraufspült, hatte ihn mir eingegeben. Jetzt war Lobedanz wieder ganz Ohrwurm, er beteuerte, er sei nur ein armer Arbeiter, unfähig, mit einem wirklich gebildeten Menschen umzugehen. Natürlich würde mein Silber gut sein, sehr gut, ich möge es seiner Dummheit zugute halten, wenn er geglaubt habe, ein Mann wie ich könne minderwertiges Silber haben. Ich verharrte in einem vorgeblichen finsteren Schweigen, das ihn immer unruhiger machte, über das ich mich selbst aber innerlich vor Lachen schüttelte. Zu Hause angekommen, trug Lobedanz, ohne sich erst bitten zu lassen, die wirklich bereit gehaltene Flasche Korn herbei; ich griff in die Tasche und fragte nur: »Wieviel?«

»Zwei Mark fünfzig«, flüsterte er, sehr demütig.

»Hier haben Sie Ihr Geld, und daß Sie mir nie wieder einen so schlechten Fusel bringen! Habe ich sonst noch was zu zahlen?«

Er versicherte, daß alles beglichen sei.

»Gut, dann machen Sie, daß Sie hinauskommen! Ich will jetzt schlafen.«

Er schob sich aus der Tür, ich hatte es fertiggebracht, ihn verlegen und demütig zu machen.

Mir aber war weder nach schlafen, noch nach trinken zumute. Der Durst nach Betäubung hatte ausgesetzt, ich bekam aus rätselhaften Gründen eine kurze Schonzeit, während der ein Stück des tätigeren Menschen, der ich einst gewesen, wieder auftauchte. Vielleicht kam das von der eben überstandenen Szene mit Magda, die mich doch sehr aufgewühlt hatte – freilich mühte ich mich, so wenig wie nur möglich an sie zu denken. Eine Weile saß ich grübelnd auf dem Sofa. Mit unerbittlicher Klarheit stand vor mir, daß ich nach dem Geschehenen nie wieder nach Hause kommen konnte. Mein alter Plan, mich selbst des Alkohols zu entwöhnen und als ein Gesunder vor Magda und die Ärzte zu treten, war endgültig zusammengebrochen – übrigens hatte ich in meinen nüchternen Stunden selbst nie recht an ihn geglaubt. Es war aber auch unmöglich, es widerstand mir bis zum Ekel, hier noch länger bei Lobedanz zu hausen; das Ende konnte nur Irrsinn heißen. Ich mußte einen anderen Weg finden, und ich glaubte auch eine Ahnung von der Art dieses Weges zu haben. Vieles mußte ich wagen in den nächsten vierundzwanzig Stunden, nicht als berauschter Mann durfte ich an mein Werk gehen.

Es mag morgens zwischen drei und vier Uhr gewesen sein, als ich von meinem Sofa aufstand und anfing, den Koffer auszupacken. Ich wusch mich dann von Kopf bis zu Füßen, zog mich halb an und rasierte mich mit größter Sorgfalt. Alles ging unendlich langsam. Das Zittern meiner Hände war so stark, daß ich ein paarmal daran verzweifelte, mich rasieren zu können, aber schließlich gelang es doch. Aus unbekannten Urgründen meines Seins war eine neue Energie in mir aufgestiegen, sie ließ mich aushalten, sie gab es nicht zu, daß ich mehr als ganz kleine Schlucke in langen Zeitabständen zu mir nahm.

Als ich schließlich völlig frisch angezogen und gewaschen mich im Spiegel musterte, war ich selbst erstaunt, wie gut ich noch aussah. Gewiß, meine Augen waren gerötet, mit stecknadelkleinen Pupillen, und die Backen hingen etwas, aber niemand konnte mir einen Trinker ansehen. Ich konnte es morgen früh wagen, und ich würde es wagen.

Ich ging nicht mehr ins Bett. Ich schlug die Decke um mich und setzte mich auf das Sofa, den Morgen zu erwarten. Dabei lauschte ich in das Haus. Es war ganz still, aber ich hatte die feste Überzeugung, daß Lobedanz nicht schlief, sondern mich belauerte. Nun, ich würde warten, und ich traute mir auch zu, ihn zu überlisten.

Ich hatte ein Wasserglas mit Korn gefüllt, ehe ich mich auf das Sofa gesetzt hatte, und die Flasche mit dem ganzen Rest in die fernste Ecke meiner Stube gestellt: Mit diesem Wasserglas Korn mußte ich bis zum Morgen auskommen, hatte ich bestimmt. Aber ich nippte nur daran; nach der ungewohnten Beschäftigung dieser Nacht war ich todmüde, ich lehnte mich zurück, und schon war ich eingeschlafen.

Ich erwachte von einem leise klirrenden Geräusch. Ich öffnete halb die Augen und blinzelte in die Stube, in der das Licht der Morgensonne bereits die Überhand über den Schein der Glühlampe gewonnen hatte. Über meinen Koffer gebeugt, stand Lobedanz, er hatte aus einem Futteral ein Tafelmesser gezogen, musterte es kritisch und wog es in der Hand. Eine ganze Weile sah ich zwischen zusammengekniffenen Lidern dem Schurken zu, wie er zwischen dem Silber herumwühlte; dann räkelte ich mich, gähnte laut, wie jemand, der eben erwacht, und sah in mein Zimmer; es war leer. Eben sah ich noch, wie sich die Klinke der Tür in die Ruhestellung hob. Ein Blick in den Koffer überzeugte mich davon, daß Lobedanz sich vorläufig noch mit einer Musterung des Silbers begnügt hatte, das eigentliche Klauen war wohl für betrunkenere Stunden von mir vorbehalten. Ich öffnete das Fenster, sah über die Stadt und nach dem Stand der Sonne. Sie hatte sich noch nicht viel über den Horizont erhoben, es mochte zwischen sechs und sieben Uhr sein. Ich rief aus der Tür nach Lobedanz; der gute Listenreiche ließ sich eine ganze Weile Zeit, bis er sich meldete. Ich rief ihm nur hinunter, daß ich mein Frühstück haben wollte. Er brachte es sehr rasch, seine zage, sonst fast schafsmäßig sanfte Miene konnte dieses Mal doch ein Gefühl lebhafter Beunruhigung über mein völliges Verändertsein nicht verbergen. Ich tat, als sähe ich nichts, und machte mich zum erstenmal mit einigem Appetit ans Essen. Der Kaffee war überraschend gut, die Semmeln knusprig und die Butter frisch und kühl – dieser Schurke von Lobedanz verstand es entschieden zu leben. Während ich aß, brachte Lobedanz den Waschtisch und mein Bett in Ordnung, wobei er es nicht lassen konnte, immer wieder heimliche Seitenblicke auf mich abzuschießen. Dazu hüstelte er immer häufiger. Die Kornflasche, die er im Stubenwinkel stehen fand, gab ihm endlich den ersehnten Anlaß, ein Gespräch anzuknüpfen.

»Sie haben ja fast gar nichts getrunken, Herr!« sagte er und hielt die Flasche beweisend gegen das Licht.

»Ja, mein lieber Herr Lobedanz«, sagte ich spöttisch, aber in bester Laune und bestrich dabei eine Semmel dick mit Butter, »wenn du mir weiter solchen Fusel bringst, werde ich mir das Trinken noch ganz abgewöhnen.«

Er nahm mein ›Du‹ ohne Zucken an.

»Es war ein Irrtum, Herr«, knurrte er, »ein Irrtum vom Kaufmann. So wahr ich hier stehe, ich selbst habe vier Mark fünfzig für die Flasche bezahlt, der Kaufmann hat sich vergriffen. Aber ich habe Ihnen natürlich nur den wirklichen Preis berechnet, ich selbst legte die zwei Mark darauf, obgleich ich nur ein armer Mann bin. Ich bin ehrlich, Herr ...«

»Rede keinen Blödsinn, Lobedanz«, antwortete ich grob. »Du bist so wenig ehrlich wie du arm bist. Ein alter Gauner bist du, oder vielmehr ein junger, aber gerissen genug für einen alten. Vielleicht mag ich dich darum gerade gerne. – Nimm die Flasche mit«, schrie ich in plötzlich gespieltem Zorn, »und sauf sie selber aus. Und sorge dafür, daß in fünf Minuten eine anständige Sorte hier ist, da hast du Geld!«

Und ich warf ihm einen Schein auf den Tisch. Er griff eilig nach ihm.

»Sofort, wenn die Läden offen sind«, versicherte er.

»Nein, nicht wenn die Läden offen sind!« schrie ich noch lauter, »sondern jetzt, jetzt auf der Stelle! Denkst du Idiot, ich will den ganzen Tag hier wach sitzen, nach dieser Nacht? Ich will endlich schlafen können.«

Ich war aufgesprungen, in gespielter Erregung, hatte schon das Jackett ausgezogen und knöpfte an meiner Weste. Ich mußte ihn jetzt überzeugen, sonst ging die Sache doch noch schief. So griff ich nach dem Wasserglas mit Korn, das noch immer fast voll auf dem Tisch stand, goß es herunter und schrie: »Da, gieß noch einmal voll! Mit deinem verdammten Fusel! Und nun mach, daß in fünf Minuten ein anderes Getränk hier ist; der Kaufmann wird dich schon hinten herum reinlassen, einen so guten Kunden wie dich!« Ich hatte mir die Weste vom Leibe gerissen und knöpfte schon an den Hosenträgern.

»In fünf Minuten!« beteuerte Lobedanz und eilte aus der Stube. Unschwer war aus seinen Worten Erleichterung und Befriedigung herauszuhören. Er hatte Angst um seine Melkkuh gehabt, aber jetzt soff ich wieder. Gott sei's getrommelt und gepfiffen!

Kaum hatte ich die Haustür klappen hören, war ich schon wieder in meinen Kleidern, schloß den Koffer, nahm ihn und lief die Treppe hinab. Es mag eine Frau Lobedanz geben, auch Kinder Lobedanz, von der gleichen sanften, einschmeichelnden, flüsternden, verflucht schurkischen Art, wie es ihr Vater ist: Ich habe sie nie zu Gesicht bekommen. Ich sah sie auch an diesem Morgen nicht. Unangefochten kam ich auf die Gasse. Hier, schon fast frei von meinem Peiniger, hätte mir der Alkohol fast noch einen Streich gespielt. Plötzlich erinnerte ich mich daran, daß ich seit Wochen zum erstenmal ohne ›Proviant‹ unterwegs war, und noch dazu auf einer so gefahrvollen, alles entscheidenden Reise, und daß oben in meiner Stube noch ein soeben vollgeschenktes Glas mit Korn stand. Beinahe wäre ich umgekehrt und damit wohl ziemlich sicher in die langfingrigen Erpresserhände Lobedanz' zurückgelaufen, dann aber siegte die in dieser Nacht neu erwachte Energie; ich schüttelte den Kopf und machte mich auf meinen Weg. –

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