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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 15
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14.

 

10. 9. 44

Für diese Nacht hatte ich mir den festen Plan gemacht, nach Mitternacht in mein Heim zu gehen, dort einen Koffer mit Wäsche, Kleidern und Toilettenzeug zu packen und an Geld zu holen, was dort in meinem Schreibtisch lag. Denn ich hatte wirklich vor, einige Wochen bei Lobedanz in aller Verborgenheit zu leben. Mir schwebte vor, mich dort selbst in aller Stille des Alkohols zu entwöhnen; den ersten Tag wollte ich noch das gewohnte Quantum trinken, den folgenden Tag um ein Drittel weniger und so immer weiter, bis ich nach etwa zwei oder drei Wochen als nüchterner Mann vor Magda und die Ärzte treten und fragen konnte: ›Was wollt ihr nun eigentlich von mir?!‹

Ich hielt es für sehr möglich, daß mich Magda bei dieser nächtlichen Packerei überraschte, aber ein Zusammentreffen mit ihr scheute ich nicht, nein, ich wünschte es eher. In der Stille der Nacht würde ich ihr ungestört einige bittere Wahrheiten über die Gemeinheit sagen können, einem Mann, mit dem sie immerhin eine fünfzehnjährige Ehe verband, hinterlistig Ärzte auf den Hals zu hetzen. Sie hatte die Kameradschaft zwischen uns gebrochen, und ich zweifelte je länger, je weniger daran, daß sie letzten Endes nur nach einer Vormundschaft über mich und nach meinem Besitz trachtete. Das alles wollte ich ihr ganz unverblümt sagen.

Leider wurde aus meinem schönen Plan nichts. Wieder einmal spielte mir der Alkohol einen bösen Streich. Nicht, daß es mich, wie schon einige Male vorher, in einen betäubten, traumlosen Schlaf niederwarf, der mich die richtige Stunde versäumen ließ, nein, diesmal hatte ich ein viel schlimmeres Erlebnis: mein Körper verweigerte mir den Dienst, mein Magen streikte. Ich hatte noch, mit einigem Widerwillen wohl, aber aus Pflichtgefühl, einen Teil des geholten, ganz ordentlichen Abendessens zu mir genommen und hinterher kräftig getrunken. Ich hatte mich aufs Bett gelegt und war bereit, in einem dämmernden Halbschlummer die Stunde meines Fortgehens heranzuwarten; da fing mein Magen an zu würgen, er empörte sich, ich mußte hoch, ich mußte endlos und unter qualvollen Schmerzen erbrechen. Mein ganzer Körper war mit Schweiß bedeckt, meine Hände und meine Knie zitterten, mein Herz pochte laut und schmerzhaft, zögernd, als wollte es jeden Augenblick aussetzen. In meinen Augen standen Tränen, es flimmerte vor ihnen, durch mein Hirn zogen Schleier, oft war ich bewußtlos. Endlich lag ich wieder auf meinem Bett, zu Tode erschöpft, von einer wahnsinnigen Angst gepackt: Nahte jetzt schon das Ende? So schnell schon? Ich hatte doch noch gar nicht lange und gar nicht übermäßig viel getrunken? Wurde man so schnell zu einem Trinker? So rasch also baute der Alkohol einen Körper ab? Nein, ich wollte noch nicht sterben! Ich hatte diese Trinkerzeit immer nur als ein Durchgangsstadium angesehen; ich war überzeugt gewesen, daß ich mit ihr jederzeit Schluß machen könnte, ohne Schädigung für mich – und nun schon sollte alles zu Ende sein? Nein, das war unmöglich! Ich wollte nicht, ich würde wieder gesund sein, bald schon, vielleicht morgen schon; dieses gallenbittere Brechen mußte eine andere Ursache haben! Sicher war etwas an dem Abendessen gewesen! Es ist seltsam, daß ich in diesem Zustand schwerster Vergiftung mit keinem Gedanken dem Alkohol abschwor. Im Gegenteil, ich vermied es ängstlich, an ihn auch nur zu denken. Er konnte nicht die Ursache sein, ihn konnte ich nicht aufgeben. Er war mein einziger guter Freund in diesen Tagen der Verlassenheit und Erniedrigung! Und kaum hatte ich mich ein wenig erholt, kaum gingen Atem und Herz etwas ruhiger, da griff ich wieder zur Flasche, trank von neuem, die Träume zu rufen, das Vergessen zu rufen, einzugehen in das süße Nichts, in dem man weder Sorgen noch Freuden kennt, in dem man weder Vergangenheit noch Zukunft hat.

Eine Weile tat der Schnaps auch seine Schuldigkeit; entspannt und ein wenig glücklich lag ich da. Dann jagte mich wieder das Erbrechen hoch, ein noch viel qualvolleres, würgenderes Erbrechen, da der Magen nun nichts mehr enthielt als die paar Schlucke Schnaps.

So verbrachte ich diese Nacht, zwischen Trinken und Brechen; schließlich konzentrierte ich meinen ganzen Willen nur darauf, mit aller Kraft das Brechen möglichst lange zurückzuhalten, damit der Alkohol doch einige Minuten Zeit hätte, durch die Schleimhäute des Magens in den Körper überzugehen, ehe ihn neues Würgen heraustrieb. Es war so schade um den schönen Schnaps!

Endlich fiel ich gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf der Erschöpfung, durch den wüste, mich quälende Traumbilder gaukelten. Lobedanz weckte mich aus ihm, er stand unter der Tür und bemerkte hüstelnd, daß es gleich neun sei, ob er den Kaffee bringen solle? Ich sagte ihm unwillig, daß ich auf Kaffee verzichte, er solle mir sofort eine neue Flasche holen lassen.

Ohne auf meine Worte zu achten, fing er an, die wüste Unordnung im Zimmer zu beseitigen, öffnete auch das Fenster, durch das frische Luft und Sonne eindrang. Erschöpft, matt, wehrlos blinzelte ich ins Licht.

»Machen Sie doch zu, Lobedanz«, bat ich ärgerlich. »Ich habe eben die Flasche leergetrunken, sorgen Sie sofort für eine neue!«

»Sie wollten doch um neun auf Ihre Bank gehen, mein Herr«, erinnerte mich Lobedanz auf seine leise, flüsternde Art. »Es ist neun.« »Ich kann jetzt nicht gehen«, sagte ich ärgerlich. »Sie sehen doch, daß ich krank bin, Lobedanz. Ich werde morgen gehen oder heute nachmittag. Jetzt holen Sie erst den Schnaps.«

»Dann muß ich den Ring verkaufen, mein Herr«, sagte Lobedanz. »Der Pfandleiher hat mir nur fünfzehn Mark darauf geben wollen; wenn ich ihn verkaufe, bekomme ich fünfundzwanzig Mark.«

»Fünfundzwanzig Mark!« rief ich empört. »Der Ring hat neu neunzig Mark gekostet!«

»Jetzt ist es ein alter Ring, und der Pfandleiher will auch leben, Herr«, flüsterte Lobedanz gleichmütig. »Wenn ich den Ring für fünfundzwanzig Mark verkaufen darf, ist der Korn sofort hier.«

»Und wie können fünfzehn Mark schon alle sein?« rief ich erbittert. »Ein Abendessen und eine Flasche Korn – das macht doch keine fünfzehn Mark!«

»Und die Zimmermiete, mein Herr?« fragte Lobedanz einschmeichelnd. »Soll ich armer Mann gar nichts haben? Ich muß Ihnen übrigens zwölf Mark für die Stube rechnen, Herr ... Ich weiß, ich weiß«, sagte er eilig und knackte wieder einmal besonders laut und ekelhaft mit seinen Gelenken. »Ich habe sieben Mark gesagt, und ich bin ein Mann von Wort. Aber Sie machen viel Wirtschaft, Herr, und Sie richten das Zimmer hin, und Sie gehen mit Kleidern und Schuhen ins Bett, das ruiniert die Wäsche! Das kostet alles Geld, und wir sind sehr arme Leute ...«

»Spitzbuben seid ihr«, schrie ich wütend. – »Scheren Sie sich zum Teufel, ich ziehe!«

»Sehr wohl, mein Herr«, sagte Lobedanz und ging.

Aber natürlich blieb er der Sieger, nach einer Weile stand ich, vom Durst gepeinigt, auf und ächzte die Treppe hinab und rief ihn. (Lange ließ Lobedanz sich rufen.) Und ich schmeichelte ihm und gab ihm die Erlaubnis, meinen Ehering für fünfundzwanzig Mark zu verkaufen – und dann endlich, nach einer langen, langen Zeit qualvollen Wartens bekam ich eine neue Flasche Korn und konnte wieder trinken und brechen, trinken und brechen. So wurden aus einem Tag ein zweiter und ein dritter und eine Reihe von Tagen, und ich verließ die Stube bei Lobedanz nie ...

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