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Der Trinker

Hans Fallada: Der Trinker - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleDer Trinker
publisherRowohlt
year1959
firstpub1944
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201804
projectid6f71392f
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13.

Am unangenehmsten in meiner augenblicklichen Situation war es, daß ich praktisch ohne einen Pfennig Geld auf der Straße stand. Nach Haus an meinen Schreibtisch, wo wenigstens etwas lag, konnte ich nicht gehen, denn ich mußte mit Bestimmtheit annehmen, daß die Ärzte, sobald sie mein Fehlen merkten, dort zuerst nach mir sehen und Madame Magda Bericht erstatten würden. Für einen Bankbesuch war es zu spät, die Schalter waren schon seit zwei Stunden geschlossen; eben, als ich dies auf meiner Uhr festgestellt hatte, fiel mir ein, daß ich ja noch diese Uhr besaß, dazu einen schweren goldenen Siegelring und schließlich einen auch ganz durablen Ehering, der nach meinem heutigen Auftritt mit Magda auch seinen eigentlichen Sinn verloren hatte. Ich war also keinesfalls von allen Mitteln entblößt, und getrost lenkte ich meine Schritte in die eine enge und schmutzige Gasse, die durch das ›Scheunenviertel‹ führte. Diese Kolonie war in den Elendsjahren nach dem Weltkriege aus einem Barackenlager entstanden. Die ehemaligen Baracken waren durch mancherlei An- und Umbauten verändert, aber nicht verschönert worden. Dazwischen standen kleine rote Steinhäuschen, die schon wieder verfielen, ehe sie noch recht fertig geworden waren. Zögernd ging ich die Gasse entlang, selbst sehr unsicher, was ich hier eigentlich sollte und wollte, als mein Blick auf ein Fenster in einem solchen Steinkasten fiel, in dem das bekannte rote Schild hing, das meist Vermietungen anzeigt. Ich trat näher und las, daß hier tatsächlich ein behaglich möbliertes Zimmer an einen anständigen Herrn zu vermieten sei. Eine Klingel gab es nicht an diesem Haus, ich trat durch eine offene Tür und geriet sofort in eine Küche, die ganz vom Wrasen kochender Wäsche erfüllt war. Ich konnte niemanden sehen, so rief ich mit lauter Stimme ein ›Hallo!‹, und aus dem Wrasen tauchte ein langer, vornübergebeugter, aber noch junger Mann auf, gelblich bleich, mit einem weichen dunklen Vollbart und etwas hellerem bräunlichem Haar, das in der Strähne über der Stirn einen goldigen Schein hatte. Dieser Mann musterte mich mit einigem Erstaunen und fragte dann sehr höflich, mit sanfter Stimme, was mir zu Diensten stünde.

»Ich möchte mir das Zimmer ansehen, das zu vermieten ist.«

»Für Sie selbst?« fragte der Mann und rieb hüstelnd seine Hände aneinander. Ich bejahte.

»Es wird kein Zimmer für den Herrn sein, nicht fein genug für den Herrn, es ist ein Arbeiterzimmer, mein Herr.«

»Immerhin, zeigen Sie es mir«, beharrte ich.

Er ging mir schweigend voran, eine Treppe hinauf, über einen unausgebauten Boden, öffnete die Tür zu einem einfenstrigen Zimmerchen mit schrägen Wänden, das im Giebel ausgebaut war. In seiner Einrichtung ähnelte es fast ganz dem primitiven Zimmer von Elinor, und unwillkürlich trat ich an das Fenster, um zu sehen, ob auch hier ein schräges Pappdach Fluchtmöglichkeiten bei überraschendem Besuch böte. Nein, dieses Pappdach fehlte hier, dafür aber gab es einen ganz überraschenden Ausblick auf meine Vaterstadt. Sie lag vor mir, ein wenig unter mir, mit ihren rotbraunen Dächern, ihren drei spitzen Kirchtürmen und ihrem einen rundköpfigen Rathausturm; grün umlaubt schlängelte sich der Fluß hindurch, verschwand hier und blitzte dort auf, und, indem ich seinen Lauf mit dem Auge verfolgte, sah ich in der Ferne, schon zwischen dem Grün der Gärten und Felder, von bläulichem Dunst verschleiert, ein Dach, mein Dach.

»Es ist eine schöne Aussicht«, sagte ich nach einer Weile.

Der Mann hinter mir hüstelte.

»Ein Arbeiter«, sagte er, »fragt nichts nach der Aussicht, er fragt, ob das Bett auch gut ist, und das Bett ist gut, Herr.«

»Was soll das Zimmer kosten?« fragte ich.

»Sieben Mark die Woche«, sagte der Mann, »und wir wechseln jede Woche die Wäsche.«

»Ich möchte hier auch essen«, sagte ich, »ich will in aller Stille hier ungestört zwei bis drei Wochen wohnen und an einer Arbeit schreiben. Ich werde das Haus kaum verlassen; läßt sich das einrichten? Ich stelle keine großen Ansprüche.«

»Unser Essen ist für den Herrn zu einfach«, sagte der Mann. »Aber ich kann für Sie Essen aus einem Gasthaus holen lassen, wenn Ihnen das recht ist.«

»Gut«, sagte ich, »ich nehme das Zimmer. Mein Koffer kommt morgen. Lassen Sie mir dann Abendessen holen.« Und ich setzte mich an den Tisch.

»Ich bitte um eine kleine Anzahlung, mein Herr«, sagte mein Wirt und zog an seinen Händen, daß die Knöchel knackten. »Wir sind arme Leute, mein Herr ...«

»Setzen Sie sich«, sagte ich zu meinem Wirt. »Ach, bitte, ich sehe da auf dem Waschtisch ein Wasserglas, wenn Sie das bitte holen wollten.«

Mein Wirt tat es und nahm auf meine nochmalige Aufforderung am Tische Platz.

»Wie heißen Sie?«

»Lobedanz«, antwortete er. »Der Name klingt zwar etwas komisch ...«

»Ich kümmere mich nicht darum, ob Ihr Name komisch ist oder nicht, Herr Lobedanz«, sagte ich gönnerhaft, »jetzt wollen wir erst einmal anstoßen.«

Ich goß ihm das Glas halb voll – trotz seines Protestes – und griff nach der Flasche.

»Ich kann ja auch einmal aus der Flasche trinken«, sagte ich lachend. »In unserer Jugend haben wir das alle getan.«

Er lächelte matt und nahm ein Schlückchen, während ich kräftig trank.

»Ich muß Sie bitten, Herr Lobedanz«, sagte ich dann geläufig, »daß Sie mir auch eine Flasche Korn mit dem Abendessen mitbringen lassen, aber keinen Fusel, bitte, sondern den besten, der für Geld zu haben ist.«

Ich sah, wie er die Lippen bewegte, und ahnte schon, was er sagen wollte.

»Was nun die Anzahlung angeht, so muß ich Ihnen sagen, daß ich mich ganz plötzlich zu dieser Arbeit entschlossen habe.« Ich fing den Blick meines Wirtes auf, der nachdenklich meine offene und völlig leere Aktentasche betrachtete. Ich lachte.

»Nun, ich will Ihnen die Wahrheit gestehen, Herr Lobedanz. Das von der Arbeit, die ich hier in aller Stille schreiben will, ist natürlich Schwindel. Die Wahrheit ist, daß ich mich heute nachmittag ziemlich heftig mit meiner Frau verzankt habe. Und um die etwas zu ängstigen, will ich für ein oder zwei Wochen verschwinden. Verstehen Sie, ich will sie ein bißchen auf den Proppen setzen!«

Herr Lobedanz nickte.

»Ich will ihr begreiflich machen, wie das ist ohne Mann, nicht wahr?«

Wieder nickte Herr Lobedanz.

»Sie soll einmal fühlen lernen, wie nützlich ich ihr bin, wie unentbehrlich!«

Wieder nickte Herr Lobedanz, dann sagte er mit seiner sanften, fast flüsternden Stimme: »Trotzdem, mein Herr, ohne Anzahlung kann ich Sie nicht aufnehmen. Wir sind sehr arme Leute hier im ›Scheunenviertel‹, mein Herr, und ein Abendessen aus einem guten Gasthof und eine Flasche Korn vom Besten kosten viel Geld.«

»Sie werden Geld, soviel Sie brauchen, morgen früh bekommen, Herr Lobedanz«, sagte ich überredend. »Morgen früh um neun Uhr stehe ich auf meiner Bank und hole Geld ab.«

»Nein«, sagte mein Wirt, »es tut mir leid, mein Herr, ich hätte Sie gerne als Gast gehabt, einen gebildeten Mann, der seine Frau ein bißchen ängstigen will – nach Herrenart. Wir, wir schlagen unsere Frauen, das ist einfacher und billiger.«

»Nun ja, nun ja«, lachte ich ein bißchen verlegen. »Ich weiß nur nicht, ob ich bei einer Schlägerei mit meiner Frau nicht den kürzeren ziehen würde, ich fürchte, sie ist die Stärkere.«

Ich lachte und trank.

»Aber da es Ihnen so um eine Anzahlung zu tun ist, will ich Ihnen einen Ring zum Pfand geben.«

Ich zog erst den Siegel-, dann den Ehering vom Ringfinger der rechten Hand. Einen Augenblick schwankte ich, dann gab ich Lobedanz den Ehering.

»Es wäre mir lieb, wenn Sie ihn in Pfand behielten, als Sicherheit bis morgen früh, und ihn nicht weitergäben.«

Herr Lobedanz nahm den Ring aus meiner Hand.

»Wir sind sehr arme Leute, mein Herr«, sagte er wieder mit seiner flüsternden Stimme. »Wir haben keine drei Mark im Hause. Aber ich werde den Ring bei einem ganz sicheren Mann in Pfand geben, und morgen mittag lösen wir ihn dann wieder aus.«

»Schön, schön«, antwortete ich plötzlich gelangweilt und doch auch wieder durch all diese Umständlichkeiten gereizt. »Aber sehen Sie jetzt auch zu, daß Essen und Korn möglichst bald kommen, vor allem der Korn. Sie sehen, in der Flasche ist fast nichts mehr, und wie Sie wissen, muß man Kummer ersäufen.«

»Es wird alles ganz schnell gehen, mein Herr«, flüsterte mein Wirt sanft und schloß die Tür. Ich aber warf mich auf das Bett und trank. So wurde ich mit Lobedanz bekannt, einem der gemeinsten Schurken und Heuchler, die ich in meinem Leben kennengelernt habe.

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