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Der Totschläger

Emile Zola: Der Totschläger - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/zola/totschla/totschla.xml
typefiction
authorEmil Zola
titleDer Totschläger
publisherKurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand 7
printrun1.-4. Tausend
year1923
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9

In diesem Winter wäre Mama Coupeau an einem Asthmaanfall beinahe erstickt. Jedes Jahr im Monat Dezember kehrte diese langwierige Krankheit wieder und bannte sie für zwei bis drei Wochen ans Bett. Sie war keine fünfzehn Jahre mehr alt, sie wurde am heiligen Antoniustag dreiundsiebzig. Dabei war sie schon sehr gebrechlich; einer Kleinigkeit wegen lag sie darnieder und röchelte, obschon sie dick und fett war. Der Arzt hatte ihnen angekündigt, daß sie eines schönen Tages während einem Hustenanfall schnell abgehen könnte, ohne noch vorher zu schreien: »Guten Abend, Jeanneton, das Licht ist aus!«

Wenn sie zu Bette lag, wurde Mama böse wie die Krätze. Man muß zugeben, daß das Kabinett, in dem sie mit Nana schlief, nicht gerade heiter war. Zwischen ihrem und Nanas Bett war nur soviel Raum, daß zwei Stühle Platz hatten. Die alten grauen Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden herunter. Das runde Fenster nahe der Decke gab ein fahles trübes Licht in den Raum, so daß man sich wie in einem Keller vorkam.

So trug dieser Aufenthalt auch nicht dazu bei, einen zu verjüngen, besonders wenn man an Atembeschwerden leidet. In der Nacht, wenn sie sich schlaflos wälzte, hörte sie Nana atmen, das war wenigstens eine Zerstreuung. Aber am Tage, da ihr niemand Gesellschaft leistete und sie von früh bis spät allein lag, da schalt und weinte sie immerfort, warf ihren Kopf in den Kissen hin und her und rief:

»Mein Gott, wie bin ich unglücklich! Gott – wie bin ich unglücklich! ... Wie in einem Gefängnis, ja in einem Gefängnis lassen sie mich sterben.«

Wenn sie jemand besuchte, Virginie oder Frau Boche, und sie gefragt wurde, wie es ihr ginge, so gab sie auf diese Frage keine Antwort, sondern fing sofort die Litanei ihrer Klagen an:

»Oh, das ist bitteres Brot, das ich hier esse! Nein, bei Fremden würde ich nicht soviel auszustehen haben! Sehen Sie, ich habe eine Tasse Tee haben wollen, nun brachten sie mir einen ganzen Wasserkrug voll, nur um mir anzudeuten, daß ich zuviel trinke. Auch Nana, die ich doch erzogen habe, läuft schon barfuß in aller Frühe weg, und ich sehe sie den ganzen Tag nicht mehr. Es ist gerade, als ob ich schlecht röche. Des Nachts schläft sie, und nie fragt sie mich, wie es mir geht oder ob ich leide ... Ja, ja, ich weiß, ich falle ihnen zur Last, sie warten alle darauf, daß ich davongehe. Oh! es wird ja nicht mehr solange dauern. Ich habe keinen Sohn mehr; die Spitzbübin, die Büglerin, hat ihn mir weggenommen. Sie würde mich schlagen und mir den Garaus geben, wenn sie nicht vor dem Richter Angst hätte.«

Gervaise war wirklich manchmal roh. Ihr Geschäft verschlechterte sich täglich; alle waren schlechter Laune, und bei jeder Kleinigkeit brach Streit aus. Eines Morgens, als Coupeau Kater hatte, schrie er: »Die Alte sagt doch immer, sie wolle sterben, und sie stirbt doch nicht!« Solche Worte trafen Mama Coupeau ins innerste Herz. Man rechnete ihr vor, wieviel sie koste und was das für eine Ersparnis wäre, wenn sie nicht mehr da wäre. Aber auch ihr Benehmen war schlecht. Sobald sie ihre älteste Tochter Frau Lerat sah, klagte sie ihr ihre Not; sie verleumdete ihren Sohn und die Schwiegertochter, indem sie behauptete, daß man sie Hungers sterben lasse. Das alles sagte sie, um von ihrer Tochter einen Francs herauszulocken. Das Geld wurde dann für Näschereien ausgegeben. Sie machte auch häßliche Klatschereien mit den Lorilleux', indem sie ihnen erzählte, worauf ihre zehn Francs verwendet würden; für Gelüste der Wäscherin, Hauben und Kuchen, den sie heimlich in den Winkeln äße, ja für noch schlimmere Dinge, von denen man gar nicht sprechen dürfte. Zwei- bis dreimal hatte sie es dazu gebracht, daß sich die ganze Familie in die Haare geriet. Bald hielt sie zum einen, bald zum andern, eine wahre Höllenwirtschaft.

Als sich die Krankheit verschlimmerte, saßen eines Tages Frau Lorilleux und Freu Lerat neben ihrem Bett; sie winkte ihnen mit den Augen, sie sollten sich zu ihr niederbeugen, denn sie konnte kaum sprechen. Sie flüsterte:

»Das ist eine saubere Geschichte! ... Diese Nacht habe ich sie gehört. Ja, ja, die Hinkende und der Hutmacher ... Und sie machten einen Lärm ... Coupeau ist ein netter Junge, eine saubere Sache das!«

Und so erzählte sie in kurzen Sätzen, bei denen sie fast vor Husten erstickt wäre, daß ihr Sohn wohl am Abend mit einem tüchtigen Rausch heimgekommen wäre. Da sie nicht schlafen konnte, unterschied sie die einzelnen Geräusche sehr gut: das Auftreten der Hinkenden mit nackten Füßen, die flüsternde Stimme des Hutmachers, der sie rief, das leise Offnen und Schließen der Verbindungstüre und alles andere. Das müßte bis Tagesanbruch gedauert haben, die Stunde wisse sie nicht genau, weil sie gegen Morgen in Schlaf gefallen wäre.

»Das Grauenhafte daran war, daß Nana hatte alles hören können. Sie wälzte sich die ganze Nacht herum, wahrend sie sonst so gut schläft. Sie sprang auf und wälzte sich herum, als wenn sie auf glühenden Kohlen läge.«

Die beiden Frauen schienen nicht überrascht davon.

»Nun ja,« sagte Frau Lorilleux, »das wird wohl schon vom ersten Tage an gewesen sein. Wenn Coupeau nichts dagegen einzuwenden hat, werden wir uns wohl nicht hineinmischen. Wie auch immer, sehr ehrenvoll ist es für die Familie nicht.«

»Wenn ich da wäre,« sagte Frau Lerat mit verkniffenen Lippen, »würde ich sie erschrecken, ich riefe ihnen zu: ›Ich sehe euch‹ oder ›Da kommt der Gendarm‹ ... Der Diener eines Arztes hat mir gesagt, daß so etwas eine Frau in einem gewissen Moment sofort töten könne. Nicht wahr? Da geschehe ihr doch recht, sie würde dann für ihre Sünde bestraft sein.«

Bald wußte man es im ganzen Viertel, daß Gervaise jede Nacht zu Lantier ging. Frau Lorilleur war den Nachbarn gegenüber voll wortreicher Entrüstung; sie beklagte ihren Bruder, diesen Trottel, dem seine Frau Hörner aufsetze. Sie sagte, sie ginge nur noch ihrer alten Mutter wegen in die Wohnung, die gezwungen zwischen all diesen Abscheulichkeiten leben müsse. Nun erst hackten alle Leute auf Gervaise. Sie hatte den Hutmacher verführt, man konnte das ihren Augen ansehen.

Trotz all diesen häßlichen Gerüchten blieb dieser verfluchte Lantier doch der Verführte, weil er immer weltmännische Manieren zeigte, er las seine Zeitung gehend auf dem Gehweg, war stets galant gegen die Damen, brachte ihnen Blumen und Bonbons. Mein Gott, er tat eben, was er tun mußte; ein Mann ist ein Mann, man kann von ihnen nicht verlangen, daß sie den Frauen Widerstand leisten, die sich ihnen an den Hals werfen. Nur für sie hatte man keine Entschuldigung, sie entehrte die ganze Rue de la Goutte d'Or. Die Lorilleux' fühlten sich als Paten verpflichtet, Nana an sich zu locken, um durch sie Genaueres zu erfahren. Als sie sie auf versteckte Art auszuforschen suchten, machte das Kind ein ganz dummes Gesicht und antwortete ausweichend, wobei ihre glühenden Augen hinter ihren langen Wimpern verschwanden.

Inmitten all dieser Entrüstung lebte Gervaise ganz ruhig, sie war so schlaff und ging wie im Halbschlaf herum. Am Anfang kam sie sich noch schuldig vor, es war doch recht schmutzig und ihr ekelte vor sich selbst. Wenn sie aus Lantiers Zimmer ging, rieb sie sich jedesmal Hals und Schultern beinahe wund, wie um die Schande davon abzureiben. Wenn Coupeau mit ihr anbandeln wollte, wurde sie böse und lief vor Kälte zitternd in den Laden hinaus, um sich dort anzuziehen; sie duldete auch nicht, daß der Hutmacher sie anrührte, wenn ihr Mann sie gerade geküßt hatte. Am liebsten hatte sie ihre Haut jedesmal mit dem Manne gewechselt. Aber auch daran gewöhnte sie sich allmählich. Das Waschen jedesmal war auch zu ermüdend und schwierig. Ihre Faulheit verweichlichte sie und ihr Bedürfnis, glücklich zu sein, lehrte sie, aus all diesen unerquicklichen Verhältnissen soviel Genuß wie möglich zu ziehen. Sie war nachsichtig gegen sich, so auch gegen andere, und richtete alles möglichst so ein, niemandem Ärger zu bereiten. Ja, wenn ihr Mann und ihr Liebhaber zufrieden waren, wenn im Heime alles seinen gewohnten Gang ging, wenn man vom Morgen bis Abend scherzte und allen dieses sanft dahinfließende Leben behagte, so hatte doch niemand das Recht, sich zu beklagen. Warum sollte denn das so etwas Böses sein, weil alle Beteiligten doch so zufrieden waren; für gewöhnlich trägt das Unrecht seine Strafe in sich. So war ihr denn die Liederlichkeit zur Gewohnheit geworden. Es war alles so geregelt wie das Essen und Trinken; jedesmal wenn Coupeau betrunken nach Hause kam, ging sie zu Lantier. Das kam jede Woche am Montag, Dienstag und Mittwoch vor. Dann verbrachte sie die Nacht beim Hutmacher. Es kam schließlich soweit, sobald der Zinkarbeiter zu stark schnarchte, ruhte sie beim andern aus. Sie empfand deshalb nicht mehr Freundschaft für den Hutmacher, sie fand es nur sauberer, sie ruhte in seinem Zimmer besser aus, es war ihr, als ob sie ein Bad nehme. Sie war wie die Katzen, die sich auch gern auf weiße Leinwand legen.

Mama Coupeau getraute sich nie offen von diesen Dingen zu sprechen. Als aber bei einem Streite Gervaise sie etwas schüttelte, da machte sie deutliche Anspielungen. Sie sagte, sie kenne Männer, die recht dumm wären, und Weiber, die arge Spitzbübinnen wären, ja, sie sagte noch viel andere Worte, die ihr noch aus der Zeit in Erinnerung waren, in der sie Westenstickerin war. Das erstemal sah sie Gervaise geradezu an, ohne ein Wort zu sagen; dann aber fing sie an sich zu verteidigen. Wenn man einen Mann hat, der Säufer ist, einen Schmutzfink, der im Unrat lebt, so kann man es ihr nicht verdenken, wenn sie sich anderswo nach Reinlichkeit umsieht. Sie ging noch weiter, sie sagte, daß Lantier ebensogut ihr Mann wäre wie Coupeau, ja noch mehr; sie habe ihn schon mit vierzehn Jahren gekannt; sie hatte doch zwei Kinder von ihm. Nun denn, unter solchen Verhältnissen ist das wohl verzeihlich und niemand kann einen Stein auf sie werfen. Sie nahm für sich das Recht der Natur in Anspruch. Im übrigen solle man sie nur nicht Hetzen, sonst würde sie anderer Leute Rechnung machen. Die Rue de la Goutte d'Or wäre nicht gerade am reinlichsten. Die kleine Frau Vigouroux mache aus ihren Kohlen ein Sofa von morgens bis abends; Frau Lehongre, die Frau des Krämers, hätte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, dem großen Geiferer, den man nicht von der Straße aufheben möchte; der Uhrmacher gegenüber, dieser seine Herr, ist nahe beim Zuchthaus vorbeigekommen; er solle ein Verhältnis mit seiner eigenen Tochter haben, die eine Dirne auf den Boulevards war. So zerpflückte sie mit entsprechenden Bewegungen das ganze Viertel. Das dauerte beinahe eine Stunde, in der sie so die schmutzige Wäsche der Leute ausbreitete; die Menschen schliefen wie das Tier untereinander, ein Haufen Vater, Mütter und Kinder, die sich im Schmutze wälzten. Oh, sie konnte davon etwas erzählen, die Schweinerei schaue zu allen Ritzen heraus. Die Häuser wären in der Umgebung förmlich vergiftet davon! O ja, eine saubere Sache, Mann und Frau in diesem Winkel von Paris, wo das Elend die Menschen so eng zueinander treibt, daß sie fast einer auf dem andern liegen. Wenn man die beiden Geschlechter in einem Mörser zusammenstampfte, so würde da nichts weiter dabei herauskommen als Dünger für die Kirschbäume in der Ebene von Saint-Denis.

»Sie würden besser daran tun, nicht so hoch in die Luft zu spucken, damit es nicht auf die eigene Nase zurückfällt!« rief sie, wenn man ihr allzunahe kam. Jeder kehre vor seiner Tür, nicht wahr? Sie sollten doch nur ruhige Leute leben lassen wie sie wollten, dann belästigte man sie auch nicht.

»Ich finde alles ganz gut so wie es ist. Nur lasse ich mich nicht von Leuten in den Kot ziehen, die selber darin stecken.«

Als sich eines Tages Mama Coupeau wieder ausgesprochen hatte, sagte sie mit verbissenen Zahnen:

»Höre – du bist in deinem Bett und hast den Vorteil davon ... den tust unrecht, denn du siehst, daß ich liebenswürdig bin. Habe ich dir je dein Leben vorgehalten? Oh, ich weiß ganz gut, was da für eine Wirtschaft war; zu Lebzeiten von Vater Coupeau zwei oder drei Männer ... Nein, huste nicht, ich höre schon auf, aus der Schule zu schwatzen. Das war nur, weil ich damit sagen wollte, daß ich von jetzt ab meine Ruhe haben will, verstanden?«

Die alte Frau ist beinahe daran erstickt. –

Am andern Morgen kam gerade Goujet, um nachher Wäsche zu sehen, als Gervaise ausgegangen war. Mama Coupeau rief ihn herein und hielt ihn lange bei sich am Bett sitzend. Sie wußte, welch große Freundschaft der Schmied für Gervaise hatte; sie sah auch, daß er seit einiger Zeit schweigsam und düster war, weil er ahnte, was da vor sich ging. Und nun sagte ihm die alte Frau alles, teils aus Schwatzhaftigkeit und um sich für den Streit am vorigen Tage zu rächen, so aber, als wäre das alles ein besonderes Unrecht gegen ihn. Als Goujet aus dem Kabinett kam, mußte er sich an den Wanden stützen, so gebrochen hatte ihn das Gehörte. Als Gervaise zurückkam, rief Mama Coupeau sofort, sie solle sofort zu Goujets gehen und die Wasche hinbringen, ob gebügelt oder nicht. Die Alte war so lebhaft, daß Gervaise sofort wußte, was geschehen war, und im Geiste sah sie schon die traurige Szene, der sie entgegenging, und fühlte den Herzenskummer, der sie bedrohte. Sie war erblaßt und zitterte am ganzen Körper. Sie legte die Wäsche in ihren Korb und ging. Schon seit Jahren hatte sie keinen Sou an die Goujets zurückbezahlt. Immer noch betrug ihre Schuld vierhundertundfünfundzwanzig Francs. Jedesmal ließ sie sich das Geld für die Wäsche geben und sagte, wie schlecht sie bei Kasse wäre. Sie empfand es schon als Schande, denn es sah so aus, als ob sie die Freundschaft des Schmiedes ausnutze, um ihn auszubeuten. Coupeau hatte jetzt kein Gewissen mehr; er machte schlechte Witze und sagte, daß Goujet dafür bezahlt wäre, daß er sie in den Ecken um die Taille fassen durfte. Sie war aber sehr entrüstet darüber und fragte ihren Mann, ob er denn schon soweit wäre, daß er solches Brot essen möchte! Man durfte vor ihr nicht schlecht von Goujet sprechen; ihre Zärtlichkeit für Goujet war der letzte Rest von Ehrbarkeit in ihr, die sie wie ein Heiligtum pflegte. So kam es, daß jedesmal, wenn sie zu diesen braven Leuten ging, sich ihr Herz schon auf der ersten Treppenstufe krampfhaft zusammenzog.

»Nun, da sind Sie ja«, sagte Frau Goujet trocken, als sie ihr die Türe öffnete. »Wenn ich einmal den Tod nötig habe, schicke ich Sie, ihn holen.«

Gervaise trat verlegen näher, sie wagte keine Entschuldigung hervorzubringen. Sie war nie mehr pünktlich, kam nie mehr zur festgesetzten Zeit, ließ oft acht Tage auf sich warten. Sie wurde immer unordentlicher.

»Seit einer ganzen Woche warte ich nun schon auf Sie,« sagte die Spitzenarbeiterin. »Und dann lügen Sie noch, schicken Ihr Lehrmädchen, das mir Geschichten erzählen muß; man wäre gerade mit der Wäsche beschäftigt, noch abends würde man sie mir bringen, oder es wäre etwas vorgefallen, das Paket wäre in den Eimer gefallen; unterdessen verliere ich meine Zeit, es kommt nichts und ich mache mir Gedanken darüber. Nein, Sie sind ganz unvernünftig ... Zeigen Sie, was Sie in dem Korbe haben. Ist es wenigstens alles? Sind die beiden Bettücher dabei, die seit einem Monat fehlen? Und das Hemd, das noch von voriger Wäsche im Rückstand ist?«

»Ja, ja, hier ist das Hemd«, sagte Gervaise.

Aber Frau Goujet war entsetzt, das sei nicht ihr Hemd, das wolle sie nicht haben. Wenn nun noch die Wäsche verwechselt würde, dann hörte doch alles auf. Schon in der vorigen Woche habe sie ihr zwei Taschentücher gebracht, die nicht ihr Zeichen gehabt hätten. Das wäre nicht nach ihrem Geschmack, solche Wäsche, von der man nicht wisse, woher sie käme. Es läge ihr daran, ihre eigenen Sachen wieder zu bekommen.

»Und die Leintücher?« fragte sie. »Sind die verloren? ... Nun, meine Kleine, machen Sie das wie Sie wollen, bis morgen früh müssen sie da sein; verstehen Sie?«

Jetzt entstand ein Schweigen. Gervaises Verlegenheit wuchs noch mehr, da sie sah, daß die Türe zum Nebenraum halb offen stand. Der Schmied mußte da sein, sie ahnte es; sie schämte sich sehr, daß er all diese verdienten Vorwürfe mit anhören mußte, auf die sie keine Antwort fand! Sie war so geschmeidig, so sanft, beugte ihren Kopf und legte so schnell wie möglich die Wäsche auf das Bett. Aber es wurde noch schlimmer; Frau Goujet nahm ein Stück nach dem andern zur Hand, um es zu prüfen. Sie warf sie zurück und rief:

»Ei, auch mit Ihrer Tüchtigkeit ist es aus! Jetzt kann man Ihnen kein Lob mehr geben ... Ja, Sie verludern und vertun Ihre Arbeit jetzt ... Sehen Sie einmal, dieses Vorhemd ist verbrannt, das Eisen sieht man auf jeder Falte. Alle Knöpfe sind abgerissen; ich weiß nicht, was Sie machen, weil kein Knopf mehr sitzen bleibt. Ach! und da ist eine Nachtjacke, für die ich nichts bezahle, da ist noch aller Schmutz darauf, die haben Sie nur gespült und aufgebügelt. Ich danke, wenn die Wasche nicht einmal mehr gewaschen ist ...«

Sie hielt inne und zählte; da rief sie:

»Ist es möglich? Das bringen Sie mir zurück? ... Es fehlen zwei Paar Strümpfe, sechs Servietten, ein Tischtuch und die Wischlappen ... Sie machen sich über mich lustig! Ich ließ sagen, Sie sollten alles zurückbringen, ob gebügelt oder nicht. Wenn in einer Stunde Ihr Lehrmädchen nicht mit dem Rest hier ist, dann werde ich ernsthaft böse werden, Frau Coupeau, das sage ich Ihnen im vorhinein.«

In diesem Augenblick hustete Goujet im Nebenzimmer. Gervaise überlief es kalt. So vor ihm behandelt zu werden! mein Gott! Sie blieb verlegen mitten im Zimmer stehen und wartete auf die schmutzige Wäsche. Als Frau Goujet die Rechnung durchgesehen hatte, ging sie ruhig an ihren Fensterplatz und arbeitete an ihrem Spitzentuch weiter.

»Und die Wäsche?« fragte leise die Büglerin.

»Nein, danke. Diese Woche habe ich keine Wäsche.«

Gervaise erblaßte. Man entzog ihr die Kundschaft. Nun verlor sie den Kopf, sie mußte sich auf einen Stuhl setzen, denn die Füße trugen sie nicht mehr. Für sich fand sie keine Worte; das einzige, was sie hervorbrachte, war:

»Herr Goujet ist wohl krank?«

»Ja, er ist leidend; er kam leidend nach Hause, anstatt in die Schmiede zu gehen.« Er habe sich auf sein Bett gelegt, um auszuruhen. Frau Goujet sah in ihrem schwarzen Kleid und in ihrer nonnenhaften Haube sehr ernst aus. Man hatte den Lohn in der Nagelschmiede wieder heruntergesetzt, von neun Francs war er auf sieben gesunken, wegen der Maschinen, die jetzt diese Arbeit machten. Sie sagte, daß sie jetzt in allem spare; sie wollte auch ihre Wäsche wieder selbst waschen. Es wäre sehr gut für sie gewesen, wenn ihnen die Coupeaus das Geld hätten jetzt zurückgeben können, das ihr Sohn ihnen geliehen hätte. Sie würde ihnen ja nicht den Gerichtsvollzieher auf den Hals schicken, wenn sie nicht bezahlen könnten. Seitdem Frau Goujet von dieser Schuld sprach, verfolgte Gervaise eifrig das Spiel der Nadel, Masche um Masche, die mit großer Schnelligkeit arbeitete.

»Und dennoch – Sie könnten bei einiger Einschränkung die Schuld tilgen. Sie essen sehr gut, geben viel aus, dessen bin ich sicher ... Wenn Sie uns nun zehn Francs im Monat geben würden ...«

Sie wurde von Goujets Stimme unterbrochen:

»Mama, Mama!«

Als sie sehr bald wieder zurückkam, sprach sie von etwas anderm. Der Sohn hatte sie gebeten, von Gervaise kein Geld zu verlangen. Aber unwillkürlich kam sie nach fünf Minuten wieder auf das Geld zurück. Oh! sie hatte es vorausgesehen, daß es so kommen würde. Der Zinkarbeiter vertrinkt den Laden und sie würde weit dabei kommen. Ihr Sohn hätte niemals die fünfhundert Francs hergeliehen, wenn er auf sie gehört hätte. Er wäre heute verheiratet und würde nicht vor Herzeleid vergehen mit der Aussicht, sein ganzes Leben lang unglücklich zu sein. Nun wurde sie lebhaft und klagte Gervaise geradezu an, mit Coupeau unter einer Decke gearbeitet zu haben, um den dummen Jungen auszunutzen. Ja, es gäbe eben solche Frauen, die durch Jahre hindurch die Scheinheiligen spielten und deren schlechter Charakter plötzlich an den Tag käme.

»Mama, Mama!« rief wiederum, noch heftiger, Goujets Stimme.

Als sie wiederkam, sagte sie, indem sie sich wieder niedersetzte:

»Gehen Sie hinein, er will Sie sehen!«

Gervaise ließ die Türe offen. Die Szene bewegte sie sehr, denn es war wie ein Geständnis ihrer Liebe vor Frau Goujet. Das kleine Zimmer erschien ihr so ruhig wie früher; mit den ausgeschnittenen Bildern und dem schmalen eisernen Bett glich es dem Zimmer eines fünfzehnjährigen Knaben. Der mächtige Körper Goujets, den die Mitteilungen Mama Coupeaus gebrochen hatten, lag auf dem Bett ausgestreckt, die Augen waren gerötet und in seinem schönen gelben Bart waren Tränen. Er mußte in einem Wutanfall sein Kopfkissen zerfetzt haben, denn an einigen Stellen platzten die Federn heraus.

»Glauben Sie mir, meine Mutter ist im Unrecht«, sagte er zu ihr mit fast leiser Stimme. »Sie sind mir nichts schuldig, ich will nicht, daß man davon spricht.«

Er richtete sich auf und große Tränen kamen ihm in die Augen.

»Sie sind leidend, Herr Goujet?« murmelte sie; »sagen Sie mir bitte, was Ihnen fehlt!«

»Nein, danke, nichts. Ich habe mich gestern übermüdet und will heute etwas schlafen.«

Ihm brach das Herz, er konnte sich nicht länger zurückhalten.

»Ach Gott! mein Gott! niemals hätte das geschehen dürfen, niemals! Sie hatten es mir geschworen. Und es ist doch so ... Mein Gott! Es tut mir zu weh; gehen Sie fort.«

Er winkte mit bittenden Händen. Sie näherte sich nicht und tat wie er wünschte; stumm und sprachlos nahm sie im Nebenraum ihren Korb; aber sie ging noch immer nicht und suchte nach Worten. Frau Goujet fuhr in ihrer Arbeit fort und sagte, ohne den Kopf zu erheben:

»Nun denn, guten Abend! Schicken Sie mir die Wäsche, wir rechnen dann später ab.«

»Jawohl, so soll es sein«, stotterte Gervaise und ging.

Sie schloß die Türe langsam, um noch einen Blick in diese sauberen, ordentlichen Räume zu werfen, in denen, wie sie glaubte, ein Stück ihrer eigenen Ehrbarkeit zurückblieb. So kam sie nach Hause zurück wie eine Kuh, die den Stall findet, ohne sich um den Weg darüber Sorge zu machen. Mama Coupeau saß auf einem Stuhl neben dem Bügelofen, sie hatte zum erstenmal wieder das Bett verlassen. Die Büglerin war zu müde, um ihr auch nur einen Vorwurf zu machen; die Knochen schmerzten sie, als ob man sie geschlagen hätte; sie dachte, das Leben wäre doch zu hart, und da man doch nicht entrinnen könne, wäre es zu nichts gut, sich selbst das Herz herauszureißen.

Jetzt fragte Gervaise nach nichts mehr. Sie hatte eine unbestimmte Handbewegung, die sagen wollte: »Macht was ihr wollt, es kümmert mich nichts mehr.«

Bei jeder neuen Sorge kümmerte sie sich nur mehr um das einzige Vergnügen, drei gute Mahlzeiten am Tage zu haben. Ihr Laden hätte jetzt zusammenbrechen können, vorausgesetzt, daß sie nicht darunter war, sie wäre ohne Hemd gegangen. Und der Laden brach auch wirklich zusammen, nicht auf einmal, sondern jeden Tag ein wenig, morgens und abends. Eine Kundschaft nach der andern zerstritt sich und trug ihre Wäsche anderswohin. Herr Madinier, Fräulein Remanjou, selbst die Boches waren zu Frau Fauconnier zurückgegangen, wo sie pünktlicher bedient wurden. Es wurde schließlich langweilig, wochenlang um ein paar Strümpfe zu betteln und die Hemden mit Fettflecken von vergangener Woche wieder anzuziehen. Gervaise tat nichts, um sie zurückzuhalten; sie sagte nur: glückliche Reise! Ja, sie hatte noch eine andere Art der Verabschiedung, sie meinte, sie wäre glücklich, nicht mehr in deren Schmutz herumwühlen zu müssen!

Das ganze Viertel könne abziehen, sie würde dadurch einen schönen Haufen Dreck los; dann habe man auch weniger Arbeit. Inzwischen aber blieben nur die schlechten Zahler, Dirnen, Frauen, wie Frau Gaudron, deren Wäsche keine Wäscherin in der Rue Neuve waschen wollte.

Der Laden war nicht mehr zu halten, sie verlor ihre letzte Arbeiterin, Frau Putois, die sie wegschicken mußte; so blieb sie allein mit ihrem Lehrmädchen, der schielenden Augustine, die immer blöder wurde, je größer sie wurde; selbst die beiden hatten nicht immer genug Arbeit und saßen ganze Nachmittage untätig umher.

Es war ein vollständiger Ruin.

So wie nun die Faulheit und das Elend zunahmen, so wurde auch die Unsauberkeit immer größer. Dieser schöne blaue Laden, ehemals Gervaises Stolz, war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Holzverkleidung und Schaufensterscheiben wurden nicht mehr geputzt, sie waren von unten bis oben mit Kot bespritzt von den vorüberfahrenden Wagen. Im Schaufenster hingen an den Messingdrähten drei graue Lumpen, die von Kunden zurückgeblieben waren, die im Spital gestorben sind. Noch erbärmlicher war es im Innern: die Feuchtigkeit der Wäsche, die unter der Decke trocknete, hatte die Tapeten gelöst, das schöne Muster à la Pompadour hing in Fetzen herab, die wie alte Spinnwebe dicht mit Staub befallen waren; der Bügelofen war zerbrochen und vom Schüreisen durchlöchert; man glaubte in einem Alteisenkrämerladen zu sein; der Arbeitstisch war abgenutzt, voller Kaffee- und Weinflecken und von Konfitüren ganz fettig und vergriffen von all den Gelagen, die fast immer am Montag stattfanden. Gervaise wurde es jetzt wohl darin, sie bemerkte es gar nicht mehr, daß der Laden immer schmutziger wurde, sie hatte das Bewußtsein dafür gänzlich verloren; sie gewöhnte sich ebenso an die zerrissenen Tapeten und schmutzigen Fenster, wie an das Tragen von aufgerissenen Unterröcken, ja, sie wusch sich auch die Ohren nicht mehr. Der Schmutz war jetzt für sie ein warmes Nest, in dem sie sich zusammenkauern konnte. Sie berauschte sich förmlich vor Wollust, die Dinge ihrem Verfall entgegengehen zu lassen und zu warten, bis der Staub alle Löcher verstopfte und sich wie eine graue Samtdecke über alles legte – in fauler Betäubung, das Haus immer schwerer auf sich lasten zu fühlen. Nur ihre Ruhe wollte sie haben, auf alles andere pfiff sie. Die immer höher wachsenden Schulden machten ihr keine Sorgen mehr. Sie verlor gänzlich ihre Rechtschaffenheit. Wenn man ihr in einem Geschäft den Kredit kündigte, so borgte sie anderwärts. Im ganzen Viertel hatte sie alle zehn Schritte Schulden. Allein wollte sie schon in der Rue de la Goutte d'Or nicht mehr vor der Kohlenhändlerin, beim Krämer und der Hökerin vorbeigehen; so machte sie, um in das Waschhaus zu gehen, Umwege von zehn Minuten durch die Rue des Poissonniers. Die Lieferanten behandelten sie auch wie eine Betrügerin. Eines Abends schlug der Mann Lärm, der die Möbel für Lantier gebracht hatte, er sagte ihr, er würde sich durch eine Tracht Prügel an ihr schadlos halten, wenn er sein Geld nicht bekäme; die ganze Nachbarschaft konnte das hören. Sie zitterte wohl nach solchen Szenen, schüttelte es aber dann wieder ab wie ein geschlagener Hund. War es vorüber, so schmeckte ihr das Essen hinterher nicht schlechter. Dieses unverschämte Pack, das ihr so über den Hals kam! Sie hatte nun einmal kein Geld, sie konnte keins machen! Und dann, bestehlen einen denn die Kaufleute nicht gerade genug? Sie konnten warten! Dann kauerte sie sich wieder in ihrem Loch zusammen und dachte nicht daran, was doch notwendig für den kommenden Tag geschehen müßte. Sie würde schon darüber springen, aber bis dahin solle man sie in Ruhe lassen.

Mama Coupeau hatte sich wieder erholt. Das ganze Jahr hindurch stand das Geschäft auf der Kippe. Im Sommer ging es etwas besser; da kamen die Unterröcke und die Perkalkleider der Mädchen, die in den Ballsälen der äußern Boulevards tanzten. Es war eine langsame Auflösung, jede Woche mußte sie die Nase tiefer in den Schmutz stecken; einmal ging es besser, einmal schlechter, manchen Abend standen sie vor leerem Speiseschrank, dann aßen sie wieder soviel Kalbsbraten, daß sie hätten platzen mögen. Nur Mama Coupeau sah man noch auf der Straße, gewöhnlich trug sie Pakete unter ihrer Schürze und tat so, als ginge sie spazieren, aber nach dem Leihhause in der Rue Polonceau. Sie krümmte ihren Rücken und machte ein scheinheiliges Gesicht wie eine Muckerin, die zur Messe geht; sie machte diese Art Geldgeschäfte gern, das Verhandeln alter Kleider machte ihr Spaß. Sie war bei den Beamten dort schon bekannt, sie nannten sie nur noch die Vierfrancsmutter, weil sie immer vier Francs wollte, wenn man ihr für ihre Pakete drei bot, die nicht größer waren wie ein Pfund Butter. Gervaise hätte am liebsten das ganze Haus versetzt, sie hatte eine förmliche Leidenschaft für das Pfandhaus, ihren Kopf hätte sie sich scheren lassen, wenn man ihr etwas für ihr Haar gegeben hätte. Es war doch gar zu bequem, dorthin zu laufen und sich Geld zu holen. Die ganze Wirtschaft ging dahin, ihre Wäsche, Kleider, sogar die Möbel. Am Anfang bemühte sie sich noch, in guten Wochen etwas auszulösen, wenn sie es auch in der daraufkommenden wieder hintrug. Dann aber, als sie ihr Geschäft auch vernachlässigte, ließ sie die Sachen verfallen oder verkaufte die Pfandscheine.

Eine einzige Sache ging ihr nahe, das war die Stutzuhr. Doch als ein Gerichtsdiener wegen eines Wechsels von zwanzig Francs Beschlag darauf legen wollte, entschloß sie sich auch dazu. Bis jetzt hatte sie geschworen, daß sie lieber vor Hunger sterben wollte, als ihre Uhr versetzen. Als Mama Coupeau sie in einer Kiste mit einem Deckel davontrug, sank sie mit nassen Augen auf einen Stuhl und ließ ihre Arme schlaff herunterhängen. Als aber Mama Coupeau mit fünfundzwanzig Francs zurückkam, trösteten sie diese fünf Francs Überschuß wieder; gleich mußte die alte Frau wieder gehen und für vier Sous einen Schluck holen, damit man diese fünf Francs festlich begießen konnte. Wenn sie gut Freund zusammen waren, tranken sie oft an einer Ecke des Arbeitstisches Schnaps; zur Hälfte Branntwein, zur andern Hälfte Johannisbeersaft. Mama Coupeau hatte eine Geschicklichkeit, in ihrer Schürzentasche ein volles Glas zu transportieren, ohne einen Tropfen zu vergießen. Die Nachbarn brauchten davon ja nichts zu wissen, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit wußten es die Nachbarn nur zu gut. Die Hökerin, die Kaldaunenhändlerin und die Ladenburschen des Krämers sagten: »Seht doch, die Alte geht zur Tante!« oder: »Schaut, die Alte trägt ihr Tröstungswasser in der Tasche.« Und ganz natürlich brachte das die Leute noch mehr gegen Gervaise auf. Sie verjuxte alles, in kurzer Zeit mußte der Laden aufgefressen sein. Wahrhaftig, noch drei, vier Bissen und er war ratzekahl und blank.

Coupeau allein gedieh in all diesem Verfall. Diesem verdammten Saufbold war so wohl wie einem Fisch im Wasser; Schnaps und Branntwein machten ihn fett. Dabei aß er viel und kümmerte sich den Teufel um diesen Hund, den Lorilleux, der immer sagte, daß der Suff den Menschen töte. Er antwortete, indem er sich auf den Bauch klopfte, dessen Haut durch das Fett so gespannt wie eine Trommel war. Er machte ihm ein ganzes Konzert vor, indem er durch Klopfen und Trommeln ein Musikstück aufführte, das vor der Budike eines Zahnausziehers viel Effekt gemacht haben würde. Aber Lorilleux ärgerte sich, denn er hatte keinen Bauch, er sagte, das wäre alles nur gelbes Fett und tauge gar nichts.

Das alles machte ihm nichts, er soff weiter, weil ihm das so schmeckte. Seine Haare, schon ganz grau meliert, sprühten bei jedem Windhauch Funken. Sein Säufergesicht mit den Affenkiefern färbte sich und nahm die Farbe vom blauen Wein an. Er blieb immer ein Bruder Lustig und stieß seine Frau, wenn sie ihm von Verlegenheiten sprach. Sind denn die Männer dazu da, um sich mit so ärgerlichen Angelegenheiten abzugeben? Seinetwegen mag das Brot im Hause fehlen, ihm wäre das gleich. Er müßte morgens und abends sein Essen haben und wolle sich keine Sorge darüber machen, woher es käme. Hatte er wochenlang nichts gearbeitet, wurde er nur um so anspruchsvoller. Er klopfte Lantier noch immer freundschaftlich auf die Schulter. Er wußte sicher nichts von den Abwegen, die seine Frau ging, die Boches und Poissons schwuren, daß er nichts ahne und daß es ein großes Unglück geben würde, wenn er davon erführe. Doch seine Schwester, Frau Lerat, lächelte; sie kannte Ehemänner, denen so etwas gar nicht so unangenehm war. Einmal des Nachts, als Gervaise aus dem Zimmer des Hutmachers kam, blieb sie im Dunkel entsetzt stehen: sie glaubte eine Hand an ihrem Rücken herumtasten zu fühlen. Dann aber beruhigte sie sich, sie redete sich ein, gegen den Bettpfosten gestoßen zu sein. Wahrhaftig, die Situation war zu grauenerregend, ihr Mann konnte den Scherz mit ihr nicht so weit treiben, das war doch undenkbar.

Auch Lantier kam nicht herunter; er pflegte sich sehr und maß jeden Tag mit dem Hosengurt seine Bauchweite; er fürchtete stets, daß er seine Schnalle ändern müsse; er fand sich so gerade richtig aussehend, er war so eitel, er wollte weder stärker noch magerer werden. Infolgedessen war er auch mit dem Essen sehr wählerisch; er sah jede Schüssel daraufhin an, ob der Inhalt nicht seine Figur verändern werde. Seitdem er die Wirtin mit dem Ehemann geteilt hatte, betrachtete er sich so, als gehöre ihm auch alles übrige rechtmäßig zu; er steckte fünf Francsstücke ein, die er herumliegen fand, mit Gervaise machte er was er wollte, zankte und schrie umher, als wäre er der Herr, nicht der Zinkarbeiter. Es war eine Wirtschaft, die zwei Herren hatte. Der Gelegenheitsmann, der schlauer war als der andere, zog die Decke nach seiner Seite hin; er nahm das Beste von der Frau, vom Tische und dem übrigen. Er preßte die Coupeaus aus, das war sichtbar, es genierte ihn auch gar nicht mehr, daß es andere sahen. Nana blieb sein Liebling, weil er hübsche kleine Mädchen gern hatte. Mit Etienne beschäftigte er sich immer weniger, denn er sagte, Jungens müssen sich selbst durchbeißen. Fragte jemand nach Coupeau, kam er stets aus dem rückwärtigen Zimmer hervor, in Hemdärmeln und Pantoffeln; er antwortete an Stelle Coupeaus und sagte zu den Leuten, daß es ganz dasselbe wäre.

Gervaise war es nicht immer zum Lachen zwischen diesen beiden Männern. Ihre Gesundheit hatte nicht gelitten. Gott sei Dank! Auch sie wurde fett. Daß ihr aber stets zwei Männer auf dem Halse lagen, die sie befriedigen sollte, das ging manches Mal über ihre Kräfte. Du lieber Himmel! Ein Mann konnte einem schon genug zusetzen. Das Schlimme war, daß sie immer zusammenhielten; sie zankten sich niemals. Sie hänselten sich des Abends nach dem Essen, wenn sie mit aufgelegten Ellbogen am Tische saßen; tagsüber rieben sie sich aneinander wie ein paar Katzen, die nur ihrem Vergnügen nachgehen. An Tagen, an denen sie verärgert nach Hause kamen, fielen beide über sie her. Schlagt nur zu! Schlagt das Tier! es hat einen breiten Buckel; es erhöhte ihre Freundschaft, wenn sie so zusammen brüllen konnten; sie durfte dann auch keine Widerrede geben. Im Anfang, wenn einer schrie, bat sie den andern durch seitliche Blicke, ein freundschaftliches Wort einzulegen. Aber es gelang selten. Sie wurde jetzt ganz klein, duckte ihre runden Schultern, weil sie begriff, daß es ihnen Spaß machte, sie herumzustoßen, weil sie rund wie eine Kugel war. Coupeau mit seinem losen Mundwerk sagte ihr dann ganz abscheuliche Dinge. Lantier dagegen drückte sich sehr gewählt aus, er sagte Schimpfworte, die sonst niemand gebrauchte, und traf sie damit um so mehr. Aber man gewöhnt sich an alles; Schimpfworte und Ungerechtigkeiten glitten von ihr ab. Schließlich war ihr noch lieber, wenn sie böse waren; denn sobald sie liebenswürdig wurden, verließen sie sie nicht mehr und sie konnte keine Haube in Ruhe bügeln. Dann verlangten sie wieder kleine Gerichte, sie sollte sie salzen oder milder machen, ihnen immer nach dem Munde reden, sie pflegen, zu Bette legen und den einen nach dem andern einwickeln. Am Ende der Woche war sie so erschöpft, sie fühlte kaum ihre Glieder, und der Kopf war ihr wüst, sie wurde ganz stumpfsinnig und blickte irr. Ein solches Handwerk reibt eine Frau auf.

Ja, Coupeau und Lantier rieben sie auf im wahren Sinne des Wortes. Der Zinkarbeiter hatte gar keine Bildung; der Hutmacher hatte aber zuviel, das heißt er hatte die Bildung schmutziger Leute, die nur ein reines Hemd anhaben. Eines Nachts träumte sie, sie stände am Rande eines Brunnenschachtes; Coupeau stieß sie mit der Faust, während Lantier sie kitzelte, damit sie schneller hineinstürze. So war ihr Leben! Sie war in einer guten Schule, so ist es auch nicht erstaunlich, wenn sie sich dabei verbrauchte. Die Leute im Viertel waren ungerecht gegen sie, ihr häßliches Betragen vorzuwerfen; sie war unschuldig an ihrem Unglück. Wenn sie manches Mal darüber nachdachte, überlief sie ein Schaudern. Dann dachte sie wieder, es hatte auch noch schlimmer kommen können. Es war besser, zwei Männer zu haben, als seine beiden Arme zu verlieren. Dann fand sie ihre Lage wieder natürlich; sie versuchte auch daraus etwas Glück für sich zu ziehen. Wie abgestumpft ihr Empfinden war, beweist, daß sie Coupeau nicht mehr verabscheute als Lantier. Im Theater de la Gaîté sah sie ein Stück, in dem eine Dirne, die ihren Mann haßte, diesen aus Liebe zu ihrem Geliebten vergiftete; dies machte sie böse, denn sie war solcher Empfindung nicht fähig. War es denn nicht besser, sie lebten alle drei in gutem Einvernehmen weiter? Nein, nicht solche Dummheiten machen, das verdirbt das Leben, das ohnehin nichts Luftiges sei. Trotz dem Elend und der Schulden würde sie sich noch ruhig und zufrieden erklärt haben, wenn der Zinkarbeiter und der Hutmacher sie weniger gehetzt und nicht so mit ihr herumgeschrien hätten.

Unglücklicherweise ging die Wirtschaft um die Herbstzeit noch mehr zurück. Lantier behauptete, er werde mager, und machte ein langes Gesicht. Er murrte und nörgelte über das Essen; diese ewigen Kartoffelgerichte, auf diesen Schweinefraß bekäme er Kolik. Die kleinste Zänkerei artete jetzt in Schlägereien aus, man bewarf sich mit Haushaltungsgegenständen; es brauchte lange, bis man sich wieder ausgesöhnt hatte und jeder sein Bett aufsuchte. Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde! Lantier merkte den Braten; er war außer sich, als er sah, daß die Wirtschaft aufgegessen und er eines Tages seinen Hut nehmen müsse, um sich ein anderes Nest zu suchen. Er hatte sich so gut eingewöhnt in sein Loch, hatte seine kleinen Gewohnheiten angenommen und war von jedermann verhätschelt worden; ein wahres Schlaraffenleben, wie er es nicht so leicht wiederfinden würde. Verflucht! man kann sich doch nicht bis zum Halse vollfressen und immer noch Stücke auf dem Teller haben. Er war auf seinen Bauch böse; aber auch auf die andern, die sich auch in zwei Jahren haben auffressen lassen. Nun, die Coupeaus waren doch unbegreiflich. Dann schrie er, daß Gervaise nicht zu wirtschaften verstände. Heiliges Donnerwetter! Gerade jetzt ließen einen die Freunde aufsitzen, da man im Begriff war, ein glänzendes Geschäft abzuschließen: sechstausend Francs Gehalt in einer Fabrik, genug, um die ganze kleine Familie in Wohlstand zu versetzen.

Eines Abends im Dezember hatten sie nichts mehr zu essen. Lantier war sehr verstimmt und ging schon früh aus, trieb sich in den Straßen herum, dachte an eine Bude, wo der Küchengeruch die Gesichter fröhlich macht. Stundenlang war er am Bügelofen sitzen geblieben. Plötzlich zeigte er eine große Freundschaft für die Poissons. Er neckte den Sergeanten nicht mehr mit dem Namen Badinguet; er ging weiter, er sagte, der Kaiser wäre vielleicht ein ganz braver Kerl. Besonders achtungsvoll begegnete er Virginie und nannte sie eine gescheite Frau, die es verstehe, ihr Schiff zu steuern. Es war ersichtlich, daß er ihnen schöntat. Man hätte glauben können, daß er zu ihnen in Pension gehen möchte. Aber er hatte eine Falle mit doppeltem Boden, etwas komplizierter. Virginie hatte von dem Wunsche gesprochen, einen Laden irgendwo aufzumachen; er war entzückt und bestärkte sie in dieser Idee. Ja, sie war wie geschaffen für den Handel: groß, zuvorkommend, tätig. Sie würde viel Geld verdienen. Da das Geld, das sie von der Erbschaft einer Tante schon lange bereitliegen hatte, nur darauf wartete, verwendet zu werden, so könne sie das Kleidernähen ruhig im Stiche lassen und sich dem Geschäft widmen; er zählte an den Fingern ab, wer alles im Begriff war, ein Vermögen zu erwerben: die Hökerin an der Ecke, eine kleine Porzellanhändlerin am äußeren Boulevard; der Augenblick wäre günstig, mit jeder Ausschußware wäre jetzt ein Geschäft zu machen. Doch Virginie zögerte noch, sie wollte das Viertel nicht gern verlassen. Lantier sprach mit ihr in den Ecken oft viertelstundenlang. Er schien sie mit Gewalt von etwas überzeugen zu wollen, sie weigerte sich nicht, sondern es sah so aus, als ob sie ihm Vollmacht gäbe, zu handeln. Es war ein Geheimnis zwischen ihnen, sie schauten sich an, zwinkerten mit den Augen und wechselten rasche Worte; ihr gemeinsamer Plan verriet sich auch im Händedruck. Von nun ab belauerte Lantier die Coupeaus mit heimlichen Seitenblicken, indem er trockenes Brot hinunterwürgte; er wurde wieder gesprächig und betäubte sie mit seinem Jammern. Den ganzen Tag lang mußte Gervaise davon umgeben werden, er breitete es vor ihr immer wieder aus. Nicht seinetwegen, mein Gott! Er würde mit den Freunden vor Hunger sterben. Aber doch erfordere es die Klugheit, daß man sich über die Lage im klaren wäre. Man schuldete wenigstens fünfhundert Francs im Viertel; dem Bäcker, dem Kohlenhändler, dem Krämer und den andern. Außerdem war man mit der Miete um zwei Quartale zurück; das waren wieder zweihundertundfünfzig Francs; Herr Marescot, der Wirt, sprach davon, sie aus dem Hause zu jagen, wenn sie nicht vor dem ersten Januar bezahlten. Dann hatte man schon alles auf das Leihhaus getragen, so daß man nicht für drei Francs mehr zu versetzen hatte, so gründlich war gesäubert; nur noch die Nägel blieben in den Wänden, mehr nicht, und davon bekäme man für drei Sous zwei Pfund. Gervaise war von dieser Abrechnung so verdutzt, daß ihr die Arme schlaff herunterfielen; sie wurde böse, schlug mit der Faust auf den Tisch oder heulte hinaus. Eines Abends schrie sie:

»Morgen geh ich fort! ... Ich will lieber den Schlüssel auf die Schwelle legen und auf dem Pflaster schlafen, als hier noch so weiterleben.«

»Es wäre viel klüger,« sagte Lantier heimtückisch, »den Mietvertrag abzutreten, wenn man nur jemand finden würde ... Wenn ihr entschlossen wäret, den Laden aufzugeben ...«

Sie unterbrach ihn:

»Aber gewiß, sofort ... Das wäre ja eine wahre Erlösung!«

Nun zeigte sich der Hutmacher als praktischer Mann. Wenn man den Mietkontrakt abtreten würde, bekäme man vom neuen Mieter die beiden rückständigen Quartalsraten. Da erinnerte er sich plötzlich, daß ja Virginie einen Laden suche, vielleicht würde sie diesen nehmen. Er sagte, sie hätte sich immer einen solchen gewünscht. Als aber Gervaise den Namen Virginie hörte, wurde sie ganz still. Man würde sehen; es spräche sich leicht davon, sein Heim aufzugeben, aber man müsse die Sache doch auch reiflich überlegen.

Vergeblich versuchte Lantier in den kommenden Tagen darauf zurückzukommen. Gervaise antwortete, sie wäre schon tiefer unten gewesen und hätte sich wieder heraufgearbeitet. Was würde sie gewinnen, wenn sie den Laden aufgäbe. Davon bekäme sie kein Brot. Im Gegenteil, sie werde ihre Arbeiterinnen wieder aufnehmen und neue Kundschaft schaffen. Sie sagte das, um den Hutmacher abzuwehren, der ihr immer wieder alles vorhielt und ihr keine Hoffnung gab. Aber ungeschickterweise brachte er immer wieder Virginies Namen vor, so daß sie ganz wütend wurde. Nein, niemals! Virginie wolle den Laden haben, damit sie sie demütigen könnte, sie habe immer an ihrem guten Herzen gezweifelt. Der ersten besten auf der Straße hätte sie den Laden abgetreten, aber nicht dieser scheinheiligen Person, die schon zwei Jahre darauf wartete, sie zugrunde zu richten. Nun war ihr manches klar. Sie begriff jetzt, warum diese gelben Funken aus den Augen dieser Katze sprühten. Ja, Virginie hatte die Tracht Prügel aus der Waschanstalt doch nicht vergessen, sie hatte nur ihre Rache aufgespart. Sie würde aber klug daran tun, sie das nicht merken zu lassen, sonst würde sie ihr das Fell nochmals versohlen. Das würde nicht lange dauern, sie solle sich nur darauf gefaßt machen. Nach solchen Redensarten nannte sie Lantier einen Trotzkopf, ein tolles Weib, das den Teufel im Leibe habe, er beschuldigte Coupeau, ein Pantoffelheld zu sein, der nicht soviel Gewalt über seine Frau hätte, daß sie einen Freund respektiere. Er begriff, daß der Zorn alles verderben würde, er schwur, er würde sich nie mehr in Angelegenheiten anderer mischen, weil man nur Undank davon habe. Und es schien auch, als würde er nie mehr davon sprechen; er wartete nun auf eine Gelegenheit, bei der er die Büglerin bestimmen würde.

Im Januar war das Wetter naß und kalt. Mama Coupeau hatte schon während des Monats Dezember immerfort gehustet und mußte sich nun am Dreikönigstag zu Bett legen. Das war ihre Rente; jeden Winter wartete sie darauf; doch dieses Mal, sagten alle, würde sie nicht mehr anders als mit den Füßen voran herauskommen. Sie hatte aber auch einen heftigen Husten, der hohl und verdächtig klang; dabei war sie dick und fett, ihre Augen halb erloschen und das Gesicht schiefgezogen. Ihre Kinder wünschten ihr nicht gerade den Tod, doch sie machte schon große Ungelegenheiten, so daß alle ihren Tod für eine Befreiung ansehen würden. Für sie selbst war es wohl das beste, denn ihre Zeit war doch vorüber. Wenn man seine Zeit gelebt hat, hat man auch nichts zu bereuen. Man gab ihr immer noch ihren Tee, um sie nicht ganz verlassen liegen zulassen. Alle Stunden ging jemand zu ihr hinein, um nachzusehen, ob sie noch lebe. Sie sprach fast gar nichts mehr, weil sie keine Lust dazu hatte; doch schaute sie mit dem einen klargebliebenen Auge jeden scharf an, der zu ihr hereinkam. Und es lag vieles im Blick dieses einen Auges: die Trauer über ihre Jugend oder über die Kränkung, wenn sie sah, daß die Ihrigen es nicht erwarten konnten, sie endlich loszuwerden, oder der Zorn gegen diese kleine lasterhafte Nana, die sich nun nicht mehr genierte und des Nachts offen an der Glastüre horchte.

An einem Montagabend kam Coupeau stark betrunken nach Hause. Seitdem seine Mutter in Gefahr war, lebte er in wehmütiger Stimmung. Als er fest eingeschlafen war und laut schnarchte, stand Gervaise auf und wachte einen Teil der Nacht bei Mama Coupeau. Nana zeigte sich sehr artig, sie legte sich nahe zu der Alten hin und sagte, daß sie alle herbeirufen würde, falls sie sterben sollte. In dieser Nacht, als die Kleine fest schlief und auch die Kranke zu schlummern schien, ließ sich die Büglerin von Lantier, der sie mit leiser Stimme rief, überreden, bei ihm auszuruhen. Sie stellten nur eine angezündete Kerze auf den Boden hinter dem Schrank. Gegen drei Uhr peinigte Gervaise eine unbestimmte Angst, die sie zwang aufzustehen. Ein Schauer war ihr über den Körper gegangen. Das Licht war heruntergebrannt, im Finstern suchte sie ihre Röcke zusammen; sie war ganz betäubt und in fieberhafter Hast. Nachdem sie sich an den verschiedenen Möbeln gestoßen hatte, gelang es ihr, eine kleine Lampe anzustecken. In dem erdrückenden Schweigen hörte man nur Coupeaus Schnarchen. Nana lag auf dem Rücken ausgestreckt und atmete leise zwischen ihren leicht geschwellten Lippen. Gervaise beleuchtete nun mit der etwas herabgeschraubten Lampe das Gesicht Mama Coupeaus, das ganz weiß war und mit weit geöffneten Augen und zur Seite gefallenem Kopfe dalag. Mama war tot.

Ohne Schrei, leise und vorsichtig kam Gervaise wieder in das Zimmer Lantiers zurück. Er war wieder eingeschlafen. Sie beugte sich über ihn und sagte leise:

»Höre; es ist aus, sie ist tot!«

Voller Schlaf, kaum erwacht, brummte er:

»Laß mich doch in Ruh! Leg dich wieder nieder, wir können ja doch nichts dagegen tun, wenn sie tot ist!« Dann, auf den Ellbogen gestützt, fragte er:

»Wie spät ist es denn?«

»Drei Uhr!«

»Erst drei Uhr? Leg dich doch wieder nieder ... Du wirst dich erkälten ... Wenn es Tag ist, werden wir ja sehen.«

Aber sie hörte nicht auf ihn, sondern zog sich vollständig an. Er aber machte es sich wieder bequem, schlug die Decke um seine Schulter, drehte sich zur Wand hin und brummte etwas, wie: verdammte Frauenzimmer. Warum denn diese Eile, den Leuten mitzuteilen, daß eine Tote im Hause ist! Mitten in der Nacht war so etwas gar nicht lustig, er war außer sich darüber, seine Nachtruhe so gestört zu sehen durch so düstere Dinge. Sie hatte nun alle ihre Sachen zurückgetragen, schluchzte und war froh, daß man sie nicht im Zimmer des Hutmachers überraschen konnte. Sie hatte Mama Coupeau eigentlich ganz lieb gehabt und empfand jetzt einen wahren Schmerz, denn im ersten Augenblick war sie ärgerlich gewesen, daß Mama Coupeau ihre Sterbestunde so schlecht gewählt hatte. Nun weinte sie laut und heftig in die Nacht hinein, doch der Zinkarbeiter hörte nichts und schnarchte ruhig weiter. Er hörte auch nicht auf ihr Rufen; sie schüttelte ihn, doch dann entschied sie, ihn lieber schlafen zu lassen, weil sie durch sein Erwachen noch mehr Unannehmlichkeiten haben würde. Als sie zu der Leiche zurückkehrte, saß Nana aufrecht im Bett und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie begriff sofort, was vorgegangen war, streckte ihr Kinn vor, um ihre Großmutter besser sehen zu können. Sie sagte nichts; doch zitterte sie ein wenig; sie war doch diesem Tode gegenüber erstaunt, obschon sie seit Tagen diese häßliche, für Kinder verbotene Sache herannahen sah; vor diesem weißen Totenantlitz, auf welchem die Leidenschaften tiefe Furchen gezogen hatten, erweiterten sich ihre jungen Katzenaugen und dieselbe Erschlaffung ergriff sie, die sie hinter der Glastüre festhielt, wenn sie dort Dinge erlauschte, die solche Rotznasen nichts angingen.

»Mach, steh auf!« sagte ihre Mutter leise. »Ich will nicht, daß du hier bleibst.«

Widerwillig ließ sie sich aus dem Bett ziehen und ließ die Tote nicht aus den Augen.

Gervaise war in Verlegenheit, wohin mit ihr, bis der Tag anbrach. Da kam auch schon Lantier, angezogen und in Pantoffeln; er schämte sich ein wenig wegen seines Benehmens vorhin. Nun konnte man es ja einrichten.

»Laß sie in meinem Bett liegen, da hat sie Platz genug.«

Nana richtete auf ihre Mutter und Lantier große klare Augen, die sie so dumm machte wie am Neujahrstag, wenn man ihr Schokoladeplätzchen schenkte. Man brauchte ihr nicht zureden, sie lief im Hemd, mit den nackten Füßen kaum die Erde berührend; wie eine Eidechse glitt sie in das Bett, das noch ganz warm war, verkroch sich darin, so daß man ihren leichten Körper kaum sah unter der Decke. Sooft ihre Mutter in das Zimmer kam, sah sie sie mit leuchtenden Augen liegen; sie lag still, schlief nicht, war rot im Gesicht und schien über etwas nachzudenken.

Inzwischen hatte Lantier Gervaise geholfen, Mama Coupeau anzukleiden; das war keine leichte Arbeit, denn die Tote war sehr schwer; niemand ahnte, daß die alte Frau so weiß und fett war. Sie hatten ihr Strümpfe, einen weißen Unterrock und eine weiße Nachtjacke angezogen und eine Haube aufgesetzt, das Beste, was sie hatte. Coupeau schnarchte noch immer in zwei Tönen, einem tiefern und einem höhern; es klang wie Kirchenmusik am heiligen Karfreitag. Als nun die Tote angezogen und sauber auf dem Bett aufgebahrt war, goß sich Lantier ein Glas Wein ein, um wieder hochzukommen, ihm war ganz schlecht geworden. Gervaise suchte in einer Kommode nach einem kleinen kupfernen Kruzifix, das sie aus Plassans mitgebracht hatte; aber dann erinnerte sie sich, daß Mama Coupeau es schon verkauft hatte. Sie zündeten den Ofen an und verbrachten den Rest der Nacht im Halbschlaf auf Stühlen, den angebrochenen Liter Wein austrinkend. Obwohl müde und abgestumpft, grollten sie doch einander, als ob es ihre Schuld gewesen wäre, daß die Alte gerade jetzt gestorben sei. Erst gegen sieben Uhr, es war noch nicht ganz Tag geworden, wachte Coupeau auf. Als er das Unglück vernahm, glaubte er, daß sie einen Scherz mit ihm machten. Dann aber warf er sich auf den Boden vor der Toten; er weinte wie ein Kalb, und seine Tränen flössen so reichlich, daß das Bettlaken naß wurde, als er sich die Backen daran abtrocknete. Auch Gervaise hatte wieder zu schluchzen angefangen, weil sie über den Schmerz ihres Mannes so gerührt war; er war im Grunde seines Herzens doch besser als sie geglaubt hätte. Coupeaus Verzweiflung mischte sich zu seinem starken Kater. Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare, der Mund war geschwollen wie stets an den Tagen nach solchen Saufgelagen; sein Rausch dauerte immer noch etwas nach, trotzdem er sechs Stunden lang geschlafen hatte. Er jammerte mit geballten Fäusten. Heiliger Gott! Nun war sie fort, seine arme Mutter, die er doch so geliebt hatte! Oh, wie ihn doch sein Kopf schmerzte, das würde auch sein Ende sein! Wie Feuer brannte es ihm im Kopf und im Heizen, als ob man ihm alles herausgerissen hätte. Nein, das Schicksal war ungerecht, einen armen Mann so zu verfolgen!

»So fasse doch Mut, alter Junge!« sagte Lantier und half ihm aufstehen. »Man muß sich doch ein wenig zusammennehmen!«

Er goß ihm ein Glas Wein ein, Coupeau wollte jedoch nicht trinken.

»Wie ist mir denn? Habe ich denn Kupfer im Schädel? ... Das ist meine Mutter? Wenn ich sie sah, war mir immer, als ob ich Kupfer schmeckte ... Mutter, mein Gott! Mutter!«

Und aufs neue weinte er wie ein Kind. Dann trank er doch das Glas Wein, um den Brand zu stillen, der in seiner Brust tobte. Jetzt ging Lantier fort, sagte, er wolle die Familie benachrichtigen und die Anzeige auf dem Bürgermeisteramt machen. Er mußte etwas frische Luft schöpfen. Er beeilte sich gar nicht und genoß die Morgenluft beim Rauch einiger Zigaretten. Als er von Frau Lerat fortging, trat er in eine Cremerie in Batignolles, um dort einen heißen Kaffee zu trinken. Da blieb er eine Stunde lang in Gedanken versunken.

Gegen neun Uhr war die ganze Familie im Laden versammelt; die Türe ließ man geschlossen. Lorilleux weinte nicht; er gab vor, eilige Arbeit zu haben, und eilte die Treppen wieder hinauf, nachdem er sich mit einem für diese Gelegenheit passenden Gesicht einige Zeit aufgehalten hatte. Frau Lorilleux und Frau Lerat hatten die Coupeaus umarmt und geküßt; sie trockneten ihre Augen, aus denen kleine Tränen rannen. Als die Lorilleux einen raschen Blick auf die Umgebung des Totenbettes geworfen hatte, sagte sie plötzlich, daß eine in der Nahe eines Toten angezündete Lampe gegen jeden Anstand wäre, es müßten Kerzen gebrannt werden. Nana wurde dann nach einem Paket Kerzen geschickt; aber es sollten große sein. Natürlich, wenn man bei dem Hinkebein stirbt, war das eine kuriose Art, wie sie sich dabei anstellte. Solch ein Geschöpf wußte sich nicht einmal einem Toten gegenüber zu benehmen. Hatte sie denn noch nie jemand im Leben begraben? Frau Lerat mußte zu den Nachbarn gehen, um dort ein Kreuz zu borgen; schließlich brachte sie eins, aber es war zu groß, ein Kreuz von schwarzem Holz, auf welches ein Christus aus Pappe genagelt war, der fast die ganze Brust der Frau verdeckte und sie mit ihrem Gesicht zu erdrücken schien. Dann wollte man noch Weihwasser holen, aber niemand hatte welches; so mußte Nana wiederum gehen. Sie lief mit einer Flasche bis zur Kirche und füllte sie dort.

Im Handumdrehen war der Raum verändert; auf einem kleinen Tisch brannte eine Kerze, an deren Seite ein mit Weihwasser gefülltes Glas stand, in welches man einen Zweig vom Buchsbaum gesteckt hatte. Wenn jetzt Leute kamen, war es wenigstens sauber. Im Laden wurden die Stühle rund herum gestellt, um Besuche empfangen zu können.

Lantier kam erst um elf Uhr zurück. Er hatte beim Beerdigungsbureau Erkundigungen eingezogen.

»Der Sarg kostet zwölf Francs!« sagte er. »Wenn ihr eine Messe haben wollt, sind es zehn Francs mehr. Dann ist noch der Leichenwagen, der je nach Ausschmückung bezahlt wird ...«

»Oh! das wird uns alles nichts nutzen!« sagte Frau Lorilleur leise, deren Kopf überrascht hin und her ging. »Davon wird Mutter auch nicht wieder aufstehen, nicht wahr? Man muß sich nach der Decke strecken!«

»Gewiß! so dachte ich auch,« meinte der Hutmacher. »Ich habe die Zahlen nur aufgeschrieben, damit ihr wählen könnt. Sagt was ihr wünscht, ich gehe dann nach dem Frühstück hin und bestelle.«

Nun sprachen sie untereinander bei dem schwachen Licht, das durch die Ritzen der geschlossenen Fensterladen in den Raum fiel. Die Türe zum Kabinett blieb weit offen stehen, und von da legte sich die Stille des Todes über alles. Auf dem Hofe lachten die Kinder, die kleinen Mädchen tanzten »Ringel, Ringel, Rosenkranz« in der bleichen Wintersonne. Plötzlich hörte man Nanas Stimme, die von den Boches weggelaufen war, zu denen man sie geschickt hatte. Sie kommandierte mit hellen Tönen und die Hacken schlugen den Takt auf dem Pflaster, während der Gesang wie der Lärm schreiender Vögel klang:

Unser Esel,
Unser Esel,
Der hat Weh am Fuß.
Mutter läßt ihm Grütze machen
Und auch lila Schuh'!
Lila, lila, lila, la
Und auch lila Schuh'!

Gervaise wartete, bis die Reihe zu sprechen an ihr war, dann sagte sie:

»Wir sind allerdings nicht reich, aber wir wollen uns mit Anstand benehmen ... Wenn Mama Coupeau uns auch nichts hinterlassen hat, so ist das doch kein Grunds sie wie einen Hund unter die Erde zu bringen. Nein, es soll eine Messe sein und ein hübscher Leichenwagen.«

»Und wer wird das bezahlen?« fragte heftig Frau Lorilleux? »Wir gewiß nicht, die wir erst vorige Woche wieder Geld verloren haben; und ihr doch auch nicht, denn ihr seid ratzekahl ... Ihr solltet nun doch schon endlich wissen, wohin das führt, wenn man die Leute verblüffen will!«

Als man Coupeau fragte, stotterte er etwas ganz Unverständliches. Er machte eine Bewegung, die ungefähr sagte, daß ihm alles ganz egal wäre; dann schlief er auf einem Stuhle sitzend wieder ein. Frau Lerat erklärte, daß sie ihren Anteil bezahlen würde. Sie war ganz der Ansicht Gervaises, man mußte das anständig zu Ende führen. Sie rechneten dann beide auf einem Stückchen Papier; das Ganze würde sich auf ungefähr neunzig Francs belaufen, nachdem sie nach langen Auseinandersetzungen dahin übereingekommen waren, einen Leichenwagen zu nehmen, der mit einem bordengeschmückten Tuch behangen wäre.

»Wir sind unser drei,« schloß die Büglerin die Besprechung. »Jeder gibt dreißig Francs, das wird uns nicht umbringen.«

Nun brach aber Frau Lorilleur wütend los.

»Nun, ich mache nicht mit, ich weigere mich. Nicht etwa wegen der dreißig Francs. Ich möchte gern hunderttausend geben, wenn ich sie hätte, um Mama wieder ins Leben zurückzurufen ... Aber ich kann die Hochmütigen nicht leiden. Ihr habt einen Laden, ihr glaubt, ihr müßt dem ganzen Viertel imponieren. Dazu wollen wir andern nichts beitragen. Wir wollen nicht für etwas gelten, was wir nicht sind ... Oh! Ihr werdet das schon einrichten. Von mir aus könnt ihr die Pferde Federbüsche tragen lassen, wenn euch das Spaß macht.«

Schließlich sagte Gervaise: »Wir wollen ja nichts von euch haben. Und wenn ich mich verkaufen sollte, ich will mir keinen Vorwurf machen. Ich habe Mama Coupeau ohne euch ernährt, ich werde sie auch ohne euch begraben ... Es ist nicht das erstemal, daß ich sie euch nicht überlassen habe: ich nehme verlaufene Katzen auf, da werde ich auch eure Mutter nicht verkommen lassen.«

Nun weinte Frau Lorilleux und Lantier mußte sie halten, denn sie wollte fortgehen. Der Streit drohte lärmend zu werden, so daß Frau Lernt mehrere Male energisch Pst! Pst! machte, indem sie nach dem Kabinett ging und auf die Tote einen betrübten und unruhigen Blick warf, als ob sie gefürchtet hätte, sie wäre erwacht und habe gehört, warum man gestritten hatte. In diesem Augenblicke hörte man wieder den Gesang der Kinder auf dem Hofe; die fadendünne schrille Stimme Nanas übertönte alle andern:

Unser Esel,
Unser Esel,
Der hat so weh im Bauch,
Mutter läßt ihm Suppe machen
Und auch lila Schuh'!
Lila, lila, lila, la.
Und auch lila Schuh'!

»Mein Gott! sind die Kinder gräßlich mit ihrer Singerei!« sagte Gervaise zu Lantier; sie war so erschüttert, nahe daran, vor Ungeduld und Traurigkeit loszuheulen. »Mach doch, daß sie still sind und bringe Nana zu den Portiersleuten zurück, und wenn du ihr einen Fußtritt geben mußt.«

Frau Lerat und Frau Lorilleux gingen frühstücken und versprachen wiederzukommen.

Die Coupeaus setzten sich zu Tisch und aßen kalten Aufschnitt, aber ohne viel Appetit; sie wagten auch nicht mit Messer und Gabel Geräusch zu machen. Sie waren alle abgespannt und stumpf, die arme Mama Coupeau schien förmlich alle Räume zu füllen und auf ihnen zu lasten. Ihr Leben war wie aus den Angeln gehoben. Zuerst gingen alle herum, als suchten sie etwas; sie waren mürrisch und fühlten sich wie nach einer durchschwärmten Nacht. Lantier ging gleich wieder fort, um zur Beerdigungsgesellschaft zu gehen, wohin er die dreißig Francs von Frau Lernt und sechzig Francs von Gervaise brachte, die sie sich in aller Eile und mit aufgelöstem Haar von Goujet geliehen hatte.

Am Nachmittag kamen die Nachbarn zu Besuch, die vor Neugierde gequält waren, seufzend und weinend; sie traten in das Kabinett zu der Toten, bekreuzigten sich und besprengten sie mit Weihwasser; dann setzten sie sich in den Laden, wo sie ununterbrochen von der lieben alten Frau sprachen, ohne Aufhören stundenlang dieselben Sätze dahersagend. Fräulein Remanjou hatte bemerkt, daß ihr rechtes Auge ein wenig offen stand; Frau Gaudron fand, daß sie für ihr Alter noch einen wundervollen Teint hatte, und Frau Fauconnier konnte sich nicht darüber beruhigen, daß sie sie noch vor drei Tagen gesehen habe Kaffee trinken. Ja, wahrlich, im Umsehen war man weg, da konnte sich jeder die Stiefel selbst schmieren. Gegen Abend konnten es die Coupeaus kaum mehr ertragen. Es war zu traurig, so einen Leichnam so lange im Hause zu haben. Da hatte doch die Regierung ein anderes Gesetz darüber machen sollen. Noch einen ganzen Abend, eine ganze Nacht und einen Vormittag, nein! Das nimmt ja gar kein Ende. Wenn man nicht mehr weint, verwandelt sich der ganze Schmerz in Ärger und dann kommt man dazu, sich unpassend zu benehmen. Mama Coupeau, die doch so stumm und ruhig in ihrem Kammerchen lag, verbreitete sich mehr und mehr über die ganze Wohnung; sie legte sich bleischwer über alles, so daß jeder zu ersticken meinte. So nahm die Familie unwillkürlich ihre gewöhnlichen Geschäfte wieder auf und verlor die Achtung vor dem unheimlichen Gast.

»Du wirst doch ein wenig mitessen,« sagte Gervaise zu Frau Lerat und Frau Lorilleux, als sie wiederkamen. »Wir sind zu traurig, um allein sein zu können.«

Auf dem Arbeitstisch wurde aufgedeckt. Beim Anblick der Teller dachte jeder an die festlichen Mahlzeiten, die man da schon mitgemacht hatte. Lantier kam zurück. Auch Lorilleux war da. Ein Pastetenbäcker brachte eine Speise, denn Gervaise hatte keinen Kopf für Küchenbeschäftigung. Als man sich gerade niedersetzen wollte, kam Boche und meldete, daß Herr Marescot seine Aufwartung machen möchte. Der Hausherr trat ein, sah ernst und würdig aus und hatte seine Dekorationen auf den Paletot geknöpft. Er grüßte schweigend, ging auf das Kabinett zu, wo er niederkniete. Er war sehr fromm und betete mit der ruhigen Andacht eines Pfarrers, machte das Kreuz und besprengte sie mit Weihwasser. Die ganze Familie hatte den Tisch verlassen und stand bewegt an der Türe des Kabinetts. Als Herr Marescot seine Andacht beendet hatte, trat er in den Laden und sagte zu Coupeau:

»Ich bin wegen der beiden rückständigen Mieten gekommen; seid ihr zu zahlen bereit?«

»Nein, mein Herr, nicht so ganz,« stotterte Gervaise, die sich ärgerte, daß das vor den Lorilleux' verhandelt wurde. »Sie begreifen wohl, bei dem Unglück, das uns betroffen hat ...«

»Gewiß, gewiß, aber jeder hat seine Sorgen,« erwiderte der Hausherr, wobei er seine riesenhaften Hände, die den früheren Arbeiter verrieten, ausstreckte. »Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht länger warten ... Wenn ich bis übermorgen früh das Geld nicht habe, muß ich zur Exmission schreiten.«

Gervaise schlug die Hände zusammen und blickte ihn tränenvoll an. Doch er bedeutete ihr durch energisches Abwinken mit seinem großen knochigen Kopf, daß ihr Bitten umsonst sei. Übrigens schnitt die Scheu vor der Toten jetzt jede Unterhandlung ab. Herr Marescot zog sich höflich und leise zurück.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. Also übermorgen, vergessen Sie's nicht.« Als er beim Fortgehen am Kabinett vorbeikam, grüßte er noch einmal die Leiche mit einer Kniebeugung durch die offene Tür.

Nun aßen sie alle sehr rasch, damit es nicht so aussehe, als ob sie daran Vergnügen hätten; als sie aber beim Nachtisch waren, nahmen sie sich mehr Zeit, weil ein Bedürfnis nach Behaglichkeit sich bei ihnen einstellte. Gervaise oder eine der beiden Schwestern stand hin und wieder auf, um einen Blick in das Kabinett zu werfen, ohne deshalb die Servietten aus der Hand zu legen; kamen sie zurück, sahen die andern sie an, um sich zu überzeugen, daß alles noch in Ordnung sei. Dann kauten sie ruhig weiter. Nach und nach machten sie sich keine Unbequemlichkeit mehr, Mama Coupeau schien vergessen. Es wurde sehr viel starker Kaffee gekocht, um einander die Nacht hindurch munterzuerhalten. Gegen acht Uhr kamen die Poissons. Man lud auch sie zu einem Glas Kaffee ein. Lantier beobachtete heimlich Gervaises Gesicht, er glaubte, jetzt wäre die Gelegenheit gekommen, auf die er schon seit dem Vormittag gewartet hatte. Die Unterhaltung wurde auf die Schändlichkeit der Hausherren gebracht, die trotz einer Leiche im Hause herkämen, um Geld zu fordern. Plötzlich sagte er:

»Das ist ein Jesuit, dieser Schuft mit seinem scheinheiligen Gesicht... An eurer Stelle würde ich ihn mit seinem Laden aufsitzen lassen.«

Gervaise, die abgespannt und müde war, vergaß sich und sagte:

»Ja, gewiß, ich werde die Gerichtsdiener nicht erst abwarten ... Ich habe diese Geschichte nun satt.«

Die Lorilleux' freuten sich schon darauf, daß das Hinkebein nun keinen Laden mehr haben würde. Es war ja nicht zu sagen, was so ein Laden kostete. Wenn sie bei andern auch nur drei Francs verdiente, so hatte sie doch nicht die Unkosten, und es war auch keine Gefahr dabei, große Summen zu verlieren. Sie wiederholten das des öftern zu Coupeau hin, der sehr viel trank und still über seinen Teller gebeugt weinte. Als die Büglerin nachzugeben schien, winkte Lantier den Poissons heimlich zu, worauf die große Virginie die Unterhaltung aufnahm und sich dabei sehr liebenswürdig zeigte.

»Wißt! man könnte sich doch verständigen. Ich könnte in euern Kontrakt eintreten und mich mit dem Wirt einigen ... So daß das euch wenigstens keine Sorgen mehr machen würde.«

»Nein, ich danke,« sagte Gervaise, der plötzlich ein Schauer über den Körper lief. »Ich weiß schon, wo ich die Miete herbekomme, wenn ich will. Ich werde arbeiten, ich habe Gott sei Dank noch meine zwei Arme, um mich aus all dieser Verlegenheit zu ziehen.«

»Man kann ja später darüber sprechen,« beeilte sich der Hutmacher hinzuzufügen. »Heute schickt sich so etwas überhaupt nicht ... Später, vielleicht morgen.«

In diesem Augenblick stieß Frau Lerat, die gerade in das Kabinett gegangen war, einen leichten Schrei aus. Sie hatte sich aber nur gefürchtet, weil das Licht, das ganz heruntergebrannt war, ausgegangen war. Alle wurden nun sehr geschäftig, ein neues anzuzünden; sie schüttelten die Köpfe und sagten, daß das keine gute Vorbedeutung hätte, wenn das Licht bei einer Leiche ausgehe.

Die Wache begann. Coupeau streckte sich aufs Bett, nicht um zu schlafen, wie er sagte, sondern um nachzudenken; aber nach fünf Minuten schnarchte er. Als man Nana zu den Boches schlafen schickte, weinte sie, sie habe sich schon den ganzen Tag darauf gefreut, wie warm sie im großen Bett ihres Freundes Lantier liegen würde. Die Poissons blieben bis Mitternacht. Man hatte noch in einer großen Salatschüssel einen Punsch gemacht, weil der Kaffee den Damen auf die Nerven ging. Die Unterhaltung wurde jetzt sentimental. Virginie sprach vom Landaufenthalt; sie möchte gern in einem Wäldchen beerdigt sein und man solle ihr Feldblumen auf das Grab pflanzen. Frau Lerat hob schon jetzt ihr Totenhemd im Schranke auf und parfümierte es mit Lavendel; sie wolle einen guten Geruch vor der Nase haben, wenn sie einmal ins Gras beißen müsse. Ohne Übergang erzählte Poisson, daß er heute ein schönes großes Mädchen verhaftet habe, das bei dem Wursthändler gestohlen hat; als man sie auskleidete, fand man sechs Würste, die sie sich um den Körper herum aufgehängt hatte. Frau Lerat erklärte mit Abscheu, daß sie davon nicht essen könnte; nun mußten alle lachen, und so wurden sie etwas lustiger, ohne jedoch den Anstand zu verletzen.

Als der Punsch ausgetrunken war, hörte man plötzlich ein sonderbares Geräusch, ein dumpfes Gurgeln, das aus dem Kabinette kam. Alle erhoben die Köpfe.

»Es ist nichts,« sagte Lantier ruhig. »Sie leert sich aus.«

Diese Erklärung wurde bestätigend angenommen und alle setzten die Gläser beruhigt auf den Tisch.

Nun endlich gingen die Poissons. Lantier begleitete sie. Er sagte, er ginge zu einem Freund, um sein Bett den Damen zu überlassen, damit sich jede eine Stunde niederlegen könne. Lorilleux ging nach seiner Wohnung, um allein zu schlafen, und machte die Bemerkung, daß ihm das seit seiner Hochzeit noch nie passiert sei. So blieben Gervaise und die beiden Schwestern mit dem schlafenden Coupeau allein zurück; sie machten es sich um den Ofen herum bequem, auf dem sie sich Kaffee heißstellten. So saßen sie, eingehüllt, die Hände unter den Schürzen, die Nasen zum Feuer gerichtet. Frau Lorilleux jammerte, sie habe kein schwarzes Kleid und möchte sich doch nicht gern eines kaufen; denn sie wären sehr knapp; sie fragte Gervaise, ob nicht der schwarze Unterrock noch da wäre, den Mama Coupeau zum Namenstag geschenkt bekommen hätte. Gervaise mußte ihn holen. Wenn man in der Taille eine Falte nähen würde, ginge er ganz gut. Aber Frau Lorilleux wollte auch die Wäsche, sprach vom Bett, vom Schrank und den beiden Stühlen; überall suchte sie mit den Augen herum, ob nicht noch andere Sachen zum Verteilen da wären. Fast wäre Streit ausgebrochen. Aber Frau Lerat hielt den Frieden aufrecht; sie war nicht so ungerecht: die Coupeaus hatten die Last mit der Mutter gehabt, deshalb haben sie auch die paar Lumpen, die da waren, ehrlich verdient. So kauerten wieder alle drei um den Ofen herum, indem sie leise sprachen. Die Nacht war sehr lang. Von Zeit zu Zeit schenkten sie sich Kaffee ein oder die eine oder die andere streckte den Kopf zur Türe des Kabinetts hinein, wo das Licht, das nicht geputzt werden durfte, mit roter trauriger Flamme brannte, die durch den langen verkohlten Docht noch größer wurde. Gegen Morgen froren sie, obschon der Ofen noch heiß war.

Angst und Erschlaffung überkam sie vom vielen Reden in der Nacht, die Zungen waren trocken und die Augen schmerzten sie. Frau Lerat warf sich endlich auf Lantiers Bett und schnarchte wie ein Mann, wahrend die beiden andern, die Köpfe auf den Knien, vor dem Feuer schlummerten. Als es endlich Tag wurde, wachten sie zitternd auf. Mama Coupeaus Kerze war schon wieder ausgegangen. Da sich nun in der Dunkelheit dieses merkwürdige Geräusch wiederholte, sagte Frau Lorilleux mit lauter Stimme, indem sie eine neue Kerze anzündete:

»Sie leert sich aus!«

Die Beerdigung sollte halb elf sein. Es war ein schöner Morgen im Vergleich mit der vergangenen Nacht und dem gestrigen Tag. Gervaise hatte keinen Sou und hätte doch gern hundert Francs hergegeben, wenn jemand Mama Coupeau drei Stunden früher geholt hätte. Nein, wenn man die Menschen auch noch so lieb gehabt hatte, wenn sie tot sind, belasteten sie einen schwer! Je lieber sie einem waren, desto schneller möchte man von ihnen befreit sein!

Zum Glück ist so eine Beerdigung voll Abwechslung. Auch sind allerhand Vorbereitungen zu treffen. Erst frühstückte man. Dann kam Vater Bazouge, der Leichenbesorger vom sechsten Stock, und brachte den Sarg. Dieser brave Mann war nie nüchtern. Auch heute war er noch um acht Uhr früh ganz lustig von seinem Trunk am Abend vorher.

»Stimmt's? Bin ich hier recht?« Als er aber den Sarg absetzte und Gervaise vor sich bemerkte, riß er Augen und Mund auf.

»Oh! Entschuldigen Sie, ich hab mich geirrt!« stotterte er. »Man hat mir gesagt, Sie wären es!« Er hatte den Sarg schon wieder aufgenommen, die Wäscherin mußte ihm zurufen:

»Laßt ihn nur da, es ist schon recht!«

»Zum Donnerwetter! So sagt einem doch ordentlich Bescheid!« und schlug sich auf den Schenkel. »Ach so! jetzt versteh ich, es ist die Alte ...!«

Gervaise war ganz blaß geworden. Vater Bazouge hatte den Sarg für sie gebracht! Er wollte galant sein und sich entschuldigen:

»Nicht wahr? Mir erzählte man gestern, daß es in dem Geschäft im Erdgeschoß sei. Da hab ich denn gedacht, daß ... wissen Sie, bei unserm Geschäft, da geht einem so was bei einem Ohr rein, beim andern wieder raus ... Aber ich mach Ihnen mein Kompliment! Je später, desto besser, nicht wahr? Obwohl das Leben auch nicht immer lustig ist, oh! im Gegenteil!«

Gervaise hörte ihm zu und wich zurück aus Angst, daß er sie mit seinen großen schmutzigen Händen ergreifen und in seinen Kasten legen könnte. Schon einmal, am Abend ihres Hochzeitstages, hatte er ihr erzählt, daß er Frauen kenne, die noch »Dank schön!« sagen würden, wenn er käme und sie holte. Nun, so weit war sie doch noch nicht, es lief ihr bei dem Gedanken kalt über den Rücken. Ihr Leben war zwar verdorben, aber so bald wollte sie sich doch nicht davonmachen; lieber Jahre lang hungern, als schon jetzt ins Gras beißen!

»Er ist betrunken!« sagte sie voll Ekel und Schrecken. »Die Verwaltung sollte wenigstens keine Trunkenbolde schicken, man bezahlt ohnehin teuer genug!«

Nun wurde der Leichenbesorger gemein und unverschämt.

»Nur keine Aufregung, junge Mutter, ich komm' schon wieder. Ich steh Ihnen ganz zu Diensten, verstehen Sie? Sie brauchen nur zu winken. Ich bin ja der Tröster der Damen ... Du brauchst nicht auf Vater Bazouge zu spucken; der hat schon ganz andere, wie du bist, in seinen Armen gehalten, die sich zurechtmachen ließen, ohne sich zu beklagen, und die sehr froh waren, im kühlen Schatten ruhig ihr Schläfchen machen zu können!«

»Seien Sie schon ruhig, Vater Bazouge!« sagte Lorilleux streng, der bei dem lauten Ton der Stimmen hereingekommen war. »Das sind unpassende Witze. Wenn ich Sie anzeigen würde, man würde Sie wegjagen ... Vorwärts! Schauen Sie, daß Sie hinauskommen, wenn Sie sich nicht anständig aufführen können!«

Der Leichenbesorger zog ab, aber man hörte ihn noch auf der Straße sich verteidigen:

»Zu was auch noch Anstand! ... Es gibt keinen Anstand! ... Es gibt keinen Anstand! ... Es gibt nur Ehrlichkeit!«

Endlich schlug es zehn Uhr. Der Leichenwagen verspätete sich. Es waren schon Leute im Laden, Freunde und Nachbarn: Herr Madinier, Mes-Bottes, Madame Gaudron und Fräulein Remanjou. Alle Augenblicke steckte ein Mann oder eine Frau den Kopf zur Tür heraus, um zu sehen, ob der Leichenwagen noch nicht da sei. Die Familie, die im Hinterzimmer vereinigt war, drückte allen die Hände. Manchmal wurde es ganz still, bis ein hastiges Flüstern entstand; es war ein ärgerliches, fieberhaftes Warten, wobei plötzlich ein starkes Rascheln der Kleider entstand, wenn sich Madame Lorilleux erhob, um ihr Taschentuch zu suchen, das sie irgendwo liegengelassen hatte, oder wenn Madame Lerat aufstand, sich ein Gebetbuch zu borgen. Jeder sah beim Kommen den offenen Sarg, der in der Mitte des Zimmers vor dem Bett stand, und jeder blieb unwillkürlich stehen und prüfte mit einem Seitenblick die Weite des Sarges, denn es schien ganz unmöglich, daß Mama Coupeau da hineinpassen sollte. Alle hatten denselben Gedanken und sahen sich daraufhin an, aber niemand sprach davon. Plötzlich vernahm man einen Stoß an der Ladentür und Herr Madinier verkündigte mit tiefer, feierlicher Stimme und einer erklärenden Handbewegung:

»Da sind sie!«

Es war noch nicht der Leichenwagen. Vier Leichenbesorger traten einer hinter dem andern ein; sie hatten es sehr eilig, ihre Gesichter waren gerötet, ihre Hände steif vor Frost und ganz zerarbeitet. Die schwarzen Kleider, in denen sie staken, waren schäbig und ganz blank gescheuert vom Reiben an den Särgen. Vater Bazouge war der erste; er war noch immer betrunken, benahm sich aber anständig; sowie er im Dienst war, fand er wieder seine Haltung. Sie sprachen kein Wort, schienen aber mit geneigten Köpfen das Gewicht von Mama Coupeau zu tarieren. Das dauerte nicht lange; die arme alte Frau wurde eingepackt in der Zeit, die einer braucht, um zu niesen. Der Kleinste, ein junger schielender Kerl, streute Weizenkleie in den Sarg, als ob Brot gebacken werden sollte. Ein anderer, ein großer Magerer von spaßigem Aussehen, legte das Laken darauf und dann: eins – zwei – hopp! ergriffen die vier den Körper, hoben ihn hoch, zwei an den Füßen, zwei am Kopf. Das geschah im Handumdrehen!

Die Leute, welche die Hälse streckten, konnten glauben, Mama Coupeau sei von selbst in ihren Kasten gesprungen. Sie war hineingeschlüpft, als ob sie da zu Hause wäre; sie paßte so genau hinein, daß man hörte, wie sie das Holz der Wände berührte. Sie stieß auf allen Seiten an, wie ein Bild in einem Rahmen. Aber sie war hineingegangen, trotzdem es die andern nicht begreifen konnten; sicher war sie seit dem Abend vorher wieder dünner geworden. Die Leichenbesorger hatten sich wieder aufgerichtet und warteten; der Schielende nahm den Deckel, um die Familie einzuladen, zum letztenmal Abschied zu nehmen. Inzwischen nahm Vater Bazouge die Nägel in den Mund und hielt den Hammer bereit. Nun warfen sich Coupeau, die beiden Schwestern, Gervaise und die andern Anwesenden auf die Knie und küßten Mama Coupeau unter heißen Tränen, die das kalte Antlitz benetzten. Alles schluchzte laut. Dann wurde der Deckel aufgelegt, Vater Bazouge setzte die Nägel ein, er tat das mit der ganzen Gewandtheit der täglichen Übung, zwei Schläge für jeden Nagel. Das Weinen wurde übertönt, das Geräusch erinnerte an Möbelreparaturen; alles war vorüber. Man sprach wieder.

»Ist es möglich, ein solches Aufsehen zu machen!« sagte Frau Lorilleux zu ihrem Mann, als sie den Leichenwagen vor der Türe sah.

Der Leichenwagen brachte das ganze Viertel in Aufregung. Die Kaldaunenhändlerin rief die Ladenburschen des Kaufmanns, der Uhrmacher lief auf die Straße, die Nachbarn lehnten in den Fenstern. Alle sprachen von den Borden und den baumwollenen Fransen. Oh, die Coupeaus hätten lieber ihre Schulden bezahlen sollen! Aber die Lorilleux' sagten es ja: wenn man stolz ist, so zeigt sich das in allem.

»Es ist schändlich,« sagte im gleichen Augenblick Gervaise auf die Lorilleux' hin, »das muß man schon sagen, diese Geizhälse haben nicht einmal einen Veilchenstrauß für ihre Mutter gebracht!«

Die Lorilleux' waren wirklich mit leeren Händen gekommen. Frau Lerat hatte einen Kranz aus künstlichen Blumen gebracht. Man legte noch einen Immortellenkranz und ein von den Coupeaus gekauftes Bukett auf den Sarg. Die Leichenträger mußten fest zugreifen, um den Sarg auf die Schultern zu laden. Es dauerte eine Weile, bis das Gefolge sich geordnet hatte. Coupeau und Lorilleux, beide in schwarzen Röcken, die Hüte in der Hand, führten den Zug an; zwei Gläser Wein, die Coupeau getrunken hatte, hielten ihn in Rührung, seine Beine waren noch schlaff und der Kopf war ihm noch schwer, er stützte sich auf den Arm seines Schwagers. Dann kamen die Männer, Herr Mardinier, sehr würdig, ganz in Schwarz, Mes-Bottes, einen Paletot über seiner Bluse, Boches gelbes Beinkleid war unten schon ausgefranst, dann folgten Lantier, Gaudron, Bibi-la-Grillade, Poisson und andere. Hierauf die Damen, in erster Linie Frau Lorilleux, die den eingenähten Unterrock der Toten nachschleppte, Frau Lerat, die unter einem schwarzen Tuch eine mit Fliederblüten bedruckte Taille verbarg; dann folgten Virginie, Frau Gaudron, Frau Fauconnier, und Fräulein Remanjou bildete den Schluß des Zuges. Als der Leichenwagen sich in Bewegung setzte und langsam die Straße hinabfuhr zwischen den Leuten, die ehrerbietig die Hüte lüfteten und sich bekreuzten, setzten sich die vier Leichenbesorger an die Spitze; zwei gingen voran und zwei gingen rechts und links. Gervaise war zurückgeblieben, um die Läden zu schließen. Nana übergab sie Frau Boche und lief dann hinterher, um den Zug noch einzuholen; die Kleine hielt die Hausbesorgerin fest, sie schaute mit großem Interesse dem schönen Wagen nach, in dem die Großmutter am Ende der Straße verschwand. Als Gervaise, ganz außer Atem, den Zug erreichte, kam Goujet von der andern Seite dazu; aber er wandte sich sofort ab, nachdem er mit einem Kopfnicken gegrüßt hatte; er hatte das aber so sanft gemacht, daß sie sich wieder sehr unglücklich fühlte und ihre Tränen wieder zu fließen begannen. Jetzt weinte sie nicht nur über Mama Coupeau, sondern über etwas ganz Abscheuliches, das sie nicht hätte aussprechen können und das sie fast erstickte. Während des ganzen Weges hielt sie ihr Taschentuch an die Augen gepreßt. Frau Lorilleux, die keine Träne vergoß, sah sie von der Seite an, als wolle sie sie der Verstellung anklagen.

Die Feier in der Kirche war schnell vorüber. Nur die Messe dauerte etwas länger, weil der Priester schon sehr alt war. Mes-Bottes und Bibi-la-Grillade hatten es vorgezogen, draußen zu bleiben, denn der Klingelbeutel war ihnen nicht bequem. Herr Madinier beobachtete immer den Priester, er teilte Lantier seine Beobachtungen mit: er meinte, daß diese Spaßmacher, die ihr Latein dahersagten, selbst nicht wüßten, was sie sprachen; sie begrüben genau so wie sie tauften oder verheirateten, ohne jede Empfindung. Dann tadelte er die Zeremonie, die Kerzen, die traurigen Gesänge, die man da vor den Familien breittrat. Die Männer gaben ihm recht; es war doch noch ein peinlicher Augenblick, wenn nach beendeter Messe die Gebete gesprochen werden mußten, die Leidtragenden an der Leiche vorübergehen und Weihwasser darauf sprengen mußten. Glücklicherweise war der Kirchhof nicht weit; es war der kleine Kirchhof von La Chapelle, ein Stück Garten, der seinen Eingang von der Rue Mercadet hatte. Der Zug kam ohne Ordnung und mit den Füßen stampfend an, jeder sprach von seinen Geschäften. Der hartgefrorene Boden dröhnte. Die Öffnung, neben die man den Sarg gesetzt hatte, war an den Rändern gefroren und der ausgeworfene Boden hell und steinig wie grober Mörtel; die Leidtragenden, die um den Erdhügel herumstanden, bemerkten gar nicht, wie sonderbar es ist, daß man sie in der Kälte warten läßt vor dem gähnenden Loch. Endlich kam ein Priester in einer Soutane aus dem kleinen Häuschen, er zitterte vor Kälte und man sah bei jedem » de profundis«, das er sprach, seinen Hauch in der Luft. Beim letzten Kreuzzeichen ging er fort, er hatte keine Lust, von vorn wieder anzufangen. Der Totengräber nahm seinen Spaten; da aber der Boden gefroren war, lösten sich nur große, harte Stücke ab, die beim Hinunterfallen eine merkwürdige Musik machten; ein wahres Bombardement auf den Sarg, man hätte denken können, der Sargdeckel müsse platzen. War man ein noch so großer Egoist, diese Musik fiel einem auf die Nerven. Die Tränen fingen wieder an zu fließen. Als man draußen war, hörte man immer noch das dumpfe Rollen. Mes-Bottes blies sich in die kalten Finger und sagte: »Donnerwetter! es wird der armen Mama Coupeau nicht allzu warm da unten werden!«

»Meine Damen und Herren,« sagte der Zinkarbeiter zu den Freunden, die bei ihnen geblieben waren, »wenn Sie es erlauben, bieten wir Ihnen eine Kleinigkeit an ...«

Er war der erste, der in eine Schenke in der Rue Mercadet eintrat, die »Zum Kirchhof« hieß. Gervaise, die noch auf der Straße geblieben war, rief Goujet zu, der fortgehen wollte, nachdem er gegrüßt hatte. Warum er nicht ein Glas Wein mit ihnen trinken wolle? Er hatte aber Eile, er mußte in die Werkstatt zurückkehren. Sie blickten sich einen Augenblick lang an, ohne zu sprechen.

»Ich bitte um Verzeihung der sechzig Francs wegen,« sagte die Büglerin leise. »Ich war wie wahnsinnig und dachte nur an Sie ...«

»Oh, das ist nicht der Rede wert, daran denke ich gar nicht,« sagte der Schmied. »Sie wissen, ich stehe Ihnen immer zu Diensten, wenn Ihnen ein Unglück passiert ... Aber meiner Mutter sagen Sie nichts davon, sie denkt so anders in diesen Dingen, und ich möchte ihr keinen Kummer machen.«

Sie blickte immer noch zu ihm auf; sie sah ihn so traurig und gut in seinem schönen blonden Bart, daß sie nahe daran war, seinen früheren Vorschlag anzunehmen, irgendwohin zu gehen und dort mit ihm glücklich zu sein. Dann hatte sie wieder einen bösen Gedanken; sie wollte die beiden Mietsraten von ihm borgen, koste es, was es wolle. Sie zitterte dabei und sagte wieder mit schmeichelnder Stimme:

»Wir sind doch nicht böse miteinander?«

Er schüttelte den Kopf und antwortete:

»Nein, wir werden nie miteinander böse sein ... Aber, Sie wissen, es ist zwischen uns alles aus.«

Darauf ging er mit großen Schritten davon und ließ Gervaise betrübt stehen, weil ihr seine letzten Worte wie Töne einer Glocke vor den Ohren hallten. Als sie nun in der Schenke war, hörte sie immer wieder in ihrem Innern die Worte: »Alles ist aus, alles ist aus! Was habe ich denn noch zu tun, wenn alles aus ist?« Sie setzte sich nieder, schlang einen Bissen Brot mit Käse hinunter und leerte ein Glas Wein, das vor ihr stand.

Der Raum lag zu ebener Erde, es war ein langer Saal mit niedriger Decke, den zwei große Tische fast ganz ausfüllten. Es waren der Reihe nach aufgestellt: geschnittenes Brot, breite Scheiben Briekäse und einige Liter Wein. Sie aßen alle ohne Teller und Servietten. In der Ecke beim glühenden Ofen beendeten die vier Leichenträger ihr Frühstück.

»Mein Gott,« erklärte Herr Madinier, »jeder kommt einmal an die Reihe. Die Alten machen den Jungen Platz ... Das wird euch jetzt zu Hause ganz leer vorkommen, wenn ihr zurückkommt.«

»Ja, mein Bruder zieht ja aus,« sagte jetzt lebhaft Frau Lorilleux. »Dieser Laden ist ja der blanke Ruin.«

Man bearbeitete Coupeau. Sie drängten ihn, den Kontrakt abzutreten. Sogar Frau Lerat. Sie befreundete sich in letzter Zeit sehr mit Lantier und Virginie, weil sie annahm, daß diese beiden ineinander verliebt waren, was ihr ganz besondern Spaß machte; sie schnitt Grimassen und sprach von Konkurs und Gefängnis. Aber plötzlich wurde der Zinkarbeiter ganz böse; seine Trauer hatte er allzu reichlich begossen, und das verwandelte ihn nun; er wurde ganz wütend.

»Hör' einmal,« schrie er, nahe an seine Frau herantretend, »ich will, daß du mir folgst, du tust mit deinem harten Schädel immer nur was du willst. Diesmal werde ich aber meinen Willen durchsetzen, das sage ich dir.«

»Jawohl!« sagte auch Lantier. »Bei ihr ist mit Vernunftgründen nichts auszurichten. Man müßte einen Hammer nehmen, um ihr das einzupauken.«

Und beide fielen über sie her. Und dabei kauten sie alle weiter. Der Käse wurde aufgegessen, der Wein floß wie aus einem Brunnen. Durch all dieses Gerede wurde Gervaise nachgiebig. Sie gab gar keine Antwort mehr, stopfte sich nur immerzu den Mund voll, als wenn sie den größten Hunger gehabt hätte. Als sie aufhörten, erhob sie den Kopf und sagte sanft:

»Laßt es gut sein! Ich schere mich den Teufel um diesen Laden! Ich will ihn nicht mehr haben ... Versteht ihr mich! Laßt mich in Ruhe! Alles ist aus!«

Jetzt wurde nochmals Käse und Brot bestellt und man diskutierte die Sache ernsthaft durch. Poissons traten in den Kontrakt ein und erboten sich, die beiden rückständigen Mieten zu bezahlen. Und Boche nahm dieses Übereinkommen im Namen des Hausherrn an. Er vermietete sogar auf der Stelle eine leere Wohnung im sechsten Stock, auf demselben Flur, wo die Lorilleux' wohnten, an die Coupeaus. Was Lantier betraf, er wollte gern sein Zimmer behalten, wenn das die Poissons nicht genierte. Der Stadtsergeant verbeugte sich, das geniere ihn gar nicht; unter Freunden verständige man sich, auch wenn die Ansichten über Politik auseinandergehen. Jetzt kümmerte sich Lantier nicht mehr weiter um den Vertrag, wie einer, der sein Geschäft im Trocknen hat und den alles andere nichts mehr angeht; er machte sich eine ungeheure Käsestulle, lehnte sich zurück und aß mit bescheidenem Aussehen, um seine Freude zu verbergen, die ihm das Blut in die Backen trieb; er zwinkerte heimlich bald zu Gervaise, bald zu Virginie.

»Heda, Vater Bazouge!« rief Coupeau. »Kommt her und trinkt einen Schluck. Wir sind nicht stolz, wir sind auch nur Arbeiter.«

Die vier Leichenträger, die im Begriff waren fortzugehen, kamen heran und stießen mit allen an. Man könne niemanden beschuldigen, aber die Dame von vorhin war hübsch schwer und wohl ein Glas Wein wert. Vater Bazouge sah Gervaise geradezu an, ohne ein unschickliches Wort zu sagen. Gervaise, der das unheimlich war, verließ die Männer, die sich jetzt einen Rausch antranken. Coupeau war schon ganz betrunken und fing wieder zu weinen an.

Als Gervaise später allein im Hause war, sank sie erschöpft auf einen Stuhl. Alles kam ihr ungeheuer groß und verlassen vor. Ja, da war gut aufgeräumt. Sie hatte mehr als bloß Mama Coupeau da unten in der Grube des kleinen Gartens der Rue Marcadet gelassen. Zuviel hatte sie nun verloren; der Laden, ihr Stolz als Arbeitgeberin – und die andern Empfindungen, die sie an diesem Tage noch begraben hatte. So hohl, wie jetzt die Wände waren, so hohl war auch ihr Herz; das war ein vollständiger Umzug, ein Sinken in den Rinnstein. Jetzt fühlte sie sich zu erschlafft, später vielleicht würde sie sich wieder aufraffen.

Um zehn Uhr, als sie sich auszog, weinte Nana und strampelte mit den Füßen. Sie wollte durchaus in Mama Coupeaus Bett liegen. Ihre Mutter wollte ihr Furcht machen, doch die Kleine war frühreif, die Toten erregten nur ihre Neugierde; schließlich wurde es ihr erlaubt. Dieses Gassenmädchen liebte die großen Betten, sie wälzte sich darin herum. Sie schlief gut in der schönen Wärme und dem Kitzel des Federbettes.

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