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Der Topf der Danaiden

Ernst von Wolzogen: Der Topf der Danaiden - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorErnst von Wolzogen
booktitleSüddeutsche Geschichten
titleDer Topf der Danaiden
publisherVerlag Georg Westermann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Franz Xaver Meusel erwachte spät am andern Morgen aus wunderbar tiefem Schlafe. Sein Dichtergeist spann nach dem Erwachen noch lange die entzückenden Träume der Nacht fort. Er zweifelte wirklich, ob er auch nur ein Kleinstes von alledem wirklich erlebt habe; denn das war so unwahrscheinlich schön gewesen, als ob Ariost und Alfred de Musset zusammen daran gedichtet hätten. Und mitten in diesem Traum von Schönheit und Leidenschaft war eine garstige Fratze aufgetaucht, die sich durchaus nicht bannen lassen wollte und selbst im Wachen immer noch sich aufdringlich in die süße Erinnerung mischte. Ein Wasserkopf auf spindeldürren Beinen mit einem garstigen, greinenden kleinen Gesicht – ein Alb, ein Alräunchen!

Ganz seltsam war dem Dichter zumute, halb feierlich, halb ängstlich. Er hatte nie eine ähnliche Stimmung erlebt und wunderte sich baß über sich selbst. Es war ihm ganz unmöglich, an diesem hellen Hornungstage seinem gewohnten ironisch-pathetischen Ton anzuschlagen, und Balzer Theo, der beim gemeinsamen Frühstück in pikanten Erinnerungen schwelgte, war ihm mit seinem behaglichen Genüßlingslachen geradezu unerträglich. So lehnte er denn eine gemeinsame Spazierfahrt, die jener vorschlug, schroff ab und blieb allein daheim. Er griff in die Tasche seines Paletots. Richtig: da war der Hausschlüssel, den sie ihm mitgegeben hatte, und den er heute wiederbringen sollte. Er ging, mit dem Schlüssel in der Hand, eine lange Weile sinnend im Zimmer auf und ab, und dann tat er ihn wieder in die Paletottasche zurück. Er traute sich nicht fort. Weshalb eigentlich, darüber wußte er sich keine Rechenschaft zu geben. Er war ganz scheue Empfindlichkeit. Bei jedem Lärm auf der Straße, bei jedem Anschlag der Hausglocke fuhr er zusammen. Auf dem Sofa ausgestreckt liegend, mit seiner guten Zigarre, den blauen Rauchringeln nachstarren und weiterträumen, das war das einzige, was ihm in seiner ängstlichen Feststimmung zusagte. Er wollte auch sie, die berückende Fee, die ihm die Zaubergärten der Armida aufgeschlossen hatte, heute nicht wiedersehen. Er fürchtete, daß sie vielleicht am Tage irgend etwas an sich haben könnte, das ihn störte, daß sie irgendein Wort sprechen könnte, das ihn enttäuschte. Er versuchte aus seiner verklärten Stimmung heraus etwas zu gestalten – ein paar Verse, blitzende Wendungen, glänzende Bilder stiegen ihm auf: aber sie wollten sich keiner Form fügen – es dünkte ihm unwürdig nach Reimen zu suchen und den Feuerstrom seiner Empfindung in das feste Gefüge eines Versmaßes zu dämmen. So ließ er es denn bleiben.

Er speiste allein. Aber als er nach Tisch heimkehrte, um weiterzuträumen, da fand er daheim Gesellschaft vor. Balzer Theo hatte ein paar alte Freunde und ein paar neue Bekanntschaften vom Bal paré zum Kaffee eingeladen. Fräulein Milly Moosgrün, das sogenannte Afferl, war auch dabei, und es stellte sich heraus, daß sie das tolle Ding gewesen war, mit dem er die erste Quadrille getanzt hatte. Außer ihr waren noch andere sonderbare Damen erschienen. Franz Xaver wurde mit lautem Hallo begrüßt und neckisch nach seinem schönen Domino im schwarzen Paillettenkleid gefragt. Er solle doch fesch sein und die Dame auch zur Stelle bringen. Er ärgerte sich und saß einsilbig und geistesabwesend eine halbe Stunde lang bei der lauten Gesellschaft: dann machte er sich davon.

Er ging spazieren in den Englischen Garten hinaus, über eine Stunde lang. Dann kehrte er zurück durch die Straßen und fand sich auf einmal, ganz ohne Absicht, vor dem Hause der Geliebten. Ihre Fenster waren hell. Unschlüssig ging er ein paarmal auf und ab, aber endlich entschied er sich doch, hinaufzugehen. Er konnte ihr doch den Hausschlüssel nicht vorenthalten, sagte er sich. Vielleicht wollte sie heute abend ausgehen, und dann kam sie ja dem Mädchen gegenüber in Verlegenheit. Ganz langsam stieg er die Treppen hinauf, und dennoch hatte er ein arges Herzklopfen, als er oben auf den Knopf der elektrischen Klingel drückte. Pepi öffnete ihm.

»Ist die gnädige Frau zu Hause?«

»Ja, gewiß, gnä' Herr, es ist Besuch da.«

»Besuch? So, da will ich nicht stören. Wenn ich vielleicht die gnädige Frau auf einen Moment sprechen könnte – nein, ich geh' gar net 'nein, sagen Sie auch net, wer da ist.«

Pepi lächelte und ging in den kleinen Salon hinein. Franz Xaver blieb bescheiden draußen vor der Tür stehen. Gleich darauf erschien Frau Gregory in einem einfachen schwarzen Hauskleid.

»Ach, Sie sind's,« sagte sie leise, sobald sie ihn erkannte. Sie blickte über ihre Schultern zurück, bis Pepi in die Küche verschwunden war, und dann trat sie rasch über die Schwelle zu ihm hinaus.

»Ich kann dich leider nicht hinein bitten,« flüsterte sie rasch, aber ohne besondere Verlegenheit. »Ich habe Besuch drin, und ich weiß nicht recht, in welcher Eigenschaft ich dich vorstellen sollte.«

Es war so frostig draußen im Treppenhaus, und sie erschien ihm auch so kalt und ihr Lächeln so sonderbar.

»Soso, wer ist's denn?« erkundigte er sich, teilnahmlos an ihr vorbeischauend. Da ergriff sie ihn am Kragenumschlag, lachte kurz auf und flüsterte dicht an seinem Ohr: »Nicht eifersüchtig sein, Schatz, es ist bloß mein Professor.«

»Dein Professor?« sagte er unwillkürlich laut.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und blickte rasch um sich: »Pst, nicht so laut. Ich erzähle dir später alles ausführlich. Das ist nämlich bloß ein Herr, der mich heiraten will – weißt du, so ein richtiger Professor mit einer goldnen Brille und einem schönen langen Bart, schon ein bißchen graumeliert. Er kennt mich schon von klein auf, und jetzt, wo ich frei bin, hat er sich wieder eingefunden. Du begreifst, daß ich euch nicht gut zusammenbringen kann. Wann sehen wir uns? Du hast mir versprochen, ich dürfte mal kommen und in deinem Goldtopf wühlen. Wann paßt es dir?«

»Wann Sie wollen. – Hier ist der Schlüssel.«

»Danke. Adieu, Liebster, und hörst du – nicht eifersüchtig sein!«

Ehe er sich dessen versah, hatte sie ihn geküßt – einen kühlen, flüchtigen Kuß auf den Mund, und dann huschte sie hinein und warf mit einem Knall die Tür ins Schloß.

Wie betäubt stand Franz Xaver draußen und starrte die Tür an. Dann stieg er wieder langsam die Treppe hinunter. Draußen auf der Straße ertappte er sich dabei, daß er ganz dumm vor sich hinlachte. Er ärgerte sich über das Lachen und probierte es mit dem Fluchen; aber das führte auch zu nichts. Das Herz klopfte ihm wie toll. War es denn möglich, daß Menschen von Geschmack und Bildung so undankbar sein konnten gegen die höchste Himmelsgabe eines so traumhaft schönen Erlebnisses? Ja freilich, der Balzer Theo und seinesgleichen, die konnten über so etwas mit einem satten Schmunzeln hinweggehen. Aber ein Weib, das endlich der langjährigen Gefangenschaft einer freudlosen Ehe entronnen war, und das zum erstenmal in seinem Leben ein Dichter zu Entzückungen emporgerissen hatte, wie sie nur wenigen Sterblichen beschieden waren, ein Weib, das ihn in trunkenem Gestammel ihren Erlöser, ihren Gott genannt hatte – wie konnte die ein paar Stunden später nur mit so frivoler Ruhe von ihrer Versorgung sprechen! Er begriff das schlechterdings nicht. Und er war doch kein dummer Junge, ihm war doch nichts Menschliches mehr fremd. Immer wieder, im langsamen Dahinschreiten, schüttelte er den Kopf, zuckte er die Schultern.

Er ging heim. Da war die lustige Gesellschaft noch immer beisammen. Nach dem Kaffee und Kuchen hatte Freund Balzer Sekt und kalten Aufschnitt kommen lassen, und da war es sehr lustig geworden. Der Heldenbariton strahlte über die ganze weite, glatte Fläche seines behäbigen Antlitzes und seiner Glatze von befriedigter Eitelkeit und allgemeiner Menschenliebe. Die Damen hatten sich alle geschart um den Spender all der guten Dinge, und die Herren ihm fleißig zugetrunken. Ja, dieser Biedermann genoß sein Leben und war restlos glücklich.

In seiner gegenwärtigen Verfassung war dem verstörten Franz Xaver diese Gesellschaft gerade recht; er wollte sich betäuben. Darum stürzte er rasch ein paar Gläser Schaumwein hinunter, um in der flüchtigen Erregung des Alkohols den Schlüssel zu finden, mit dem er das Werkel seines Geistes wieder aufziehen könnte. Und nach einer kleinen Weile kam das auch wirklich wieder in Gang, und die alte Walze spielte das alte Stück: geistreiche Grobheiten, feine Zynismen, lustige Paradoxe und phantastische Übertreibungen sprudelte er hervor, wie seine Freunde es von ihm gewöhnt waren zu vorgerückter Nachtstunde im engsten Kreise des genialischen Proletariats. Alle hingen sie an seinen Lippen. Der Geist der Männer entzündete sich zu wilden Diskussionen an seinen kühnen Behauptungen, und die Weiber kicherten und kreischten über seine meist unverstandenen Frechheiten. Vor dem Glanze seiner Beredsamkeit erbleichte der Stern des Hofopernsängers, so daß dieser bald nur noch als Wirt in der munteren Gesellschaft geduldet zu werden schien. Aber das genierte ihn weiter nicht, denn er war des süßen Weines voll, und Fräulein Moosgrün saß auf seinem Schoß.

Es wurde ziemlich spät, aber trotzdem zog die ganze Gesellschaft noch mitsammen ins Café. Beim Aufbruch nahmen die beiden stärksten Damen den Bariton in die Mitte, denn er bedurfte dringend der Unterstützung, und das Afferl hing sich an Franz Xavers Arm.

»Geh, schau,« begann die Kleine die Unterhaltung, »du mußt net denken, daß ich mit dem Herrn Balzer was hätt', 's wär' mer leid, wenn du meintest, ich hätt' an solchen G'schmack.«

»Pardon,« versetzte Franz Xaver, »haben wir gestern eigentlich Brüderschaft getrunken? Sie entschuldigen, mein Fräulein, wenn ich mich nicht erinnern kann.«

»San's doch net so fad. 's ist doch Fasching.«

»Ah so, da geht's in einem hin. Na meinetwegen.«

Die Kleine war ein Weilchen still. Aber sie hatte ihren Ärger bald verwunden, und dann schmiegte sie sich wieder zutunlich an und fragte ihren großen Kavalier, wer denn eigentlich sein Domino gestern abend gewesen sei, er sollte es nur ihr allein sagen, sie würde es gewiß nicht verraten.

»Also, bei Gott, das weiß ich selber nicht, Kind,« erwiderte der Dichter abweisend, »übrigens ist sie von außerhalb und heute wieder abgereist.«

»Ach, wirklich?« Das Afferl stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Wissen's, Herr Meusel, so was gehört doch gar nicht auf die Redoute.«

»Wieso?«

»Die gehört auf Allerseelen.«

»Wieso?«

»No ja, entweder ich geh auf die Redoute, oder ich geh zu aner Leich' – beides auf amal schickt sich net.«

»Sie sind vermutlich sehr witzig, mein Fräulein, aber ich verstehe Sie immer noch nicht.«

Da zog sie ihren Arm unter dem seinigen hervor, blieb stehen und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf: »Es ist doch wirklich unbegreiflich, was gebüldete Herrn manchmal für einen G'schmack haben! Die hat doch ausgschaut wie eine wandelnde Leich'. Grauslich einfach!«

»Kennen Sie die Braut von Korinth?« fragte Franz Xaver, indem er das Mädchen so durchdringend anstarrte, daß es schier erschrocken die Augen niederschlug.

»Die Braut vom Korinth?« wiederholte sie verwundert. »Meinen Sie vielleicht den Maler Corinth?«

Franz Xaver lachte laut hinaus: »Ja, ja, die war's. Die Braut vom Corinth. Aber sagen Sie's ja net weiter, kleines Fräulein.« Damit ließ er sie stehen und gesellte sich zu einem der eben herankommenden Herren von der Gesellschaft.

Vor ihrer Haustür wurde den beiden Glücksgenossen noch einmal eine lärmende Ovation dargebracht, und in dem Durcheinander der Verabschiedung und des Händedrückens rief Franz Xaver dem Fräulein Milly zu: »Sie, Fräulein Affengrün, also geben's fei Obacht, was ich Ihnen sag': die Braut von Korinth trinkt Blut – und sie weiß ihre Feinde zu finden!«

Da blitzten ihn die kecken schwarzen Augen an, und ihr weicher Kindermund verzog sich dabei weinerlich. »Warum sind's denn gerad' zu mir so harb? Bin ich Ihnen denn so vüll z'wider? Ich tät Ihnen doch alles z'lieb, wenn S' nur a bissel freundlich zu mir sein möchten.« Damit drückte sie ihm heftig die Hand und schlüpfte dann rasch wieder in die Gruppe der Abziehenden hinein.

Als die beiden Genossen in ihrem noch ganz von Tabaksqualm und Weindunst erfüllten Wohnzimmer allein waren, fiel der kleine Theodor dem großen Franz Xaver gerührt und selig um den Hals: »O Freundche, was ist doch das Lewe schön!« rief er mit tränenden Augen. »Die Leut' sind alle so lieb und so gut mit mir und die Dame und die Mädcher – o, was gibt es doch für goldige Mädcher! Weißt, ich hab' ja meine Alte sehr lieb, bei Gott, ja, aber ...«

»Ja, ja, laß nur gut sein, deine werte Psychologie ist mir vollständig klar,« unterbrach Franz Xaver den gerührten Freund. »Sag' mir nur eins, eh du schlafen gehst: du hast heute Topf-du-jour gehabt – hast du eine Ahnung, wieviel herausgeflossen ist?«

»Das ist ja ganz egal,« lallte Balzer, »es war ja so schön! Die Mädcher waren so goldig, und meine Alte sitzt in Stuegert! O Gott, meine gute Alte! Wenn sie wüßte! Aber ich werde ihr einen Brillantschmuck mitbringen.«

»Wenn's nur dazu noch langt,« rief Franz Xaver ungeduldig. »Ich hab' das Fräulein Affengrün, oder wie es heißt, vorhin immer um den Topf herumstreichen sehen wie ein hungriges Katzerl. Gib's einmal her, unser heiliges Gefäß, wollen einmal nachschauen, was noch darin ist.«

»Du bist eine alte Pappschachtel,« regte sich der Bariton auf, »du verdienst gar net, daß die Mädcher so goldig sind, und wenn du die Milly verleumdest – die Milly – Moosgrün heißt sie, du schäbiger Schuft! – das ist die allergoldigst'. Ich hab' ihr auch eine Handvoll gegeben. Alle haben sie was gekriegt, die lieb zu mir waren – und jetzt is nix mehr drin, du alle Pappschachtel! Ich geh' ins Bett. Du bist ein verrückter Mensch, du verstehst mich net – aber unsere Freundschaft währet ewiglich.«

»Amen,« fagte Franz Xaver lachend und schob den Dicken in sein Schlafzimmer ab.

Am anderen Tage erhob sich der Balzer Theo ausnahmsweise einmal früher als sein Freund. Er hatte einen kleinen Moralischen wegen seiner wüsten Verschwendung und der trieb ihn, sich zu Franz Xaver ans Bett zu setzen und ihn reumütig um Vergebung zu bitten. Er hätte zwar die Summen nicht gezählt, die er fortgeworfen, aber er wollte sich's gern gefallen lassen, daß Franz Xaver sie selber beliebig hoch abschätze und ihm an seiner Hälfte kürze. Überhaupt wär's ihm schon lieber, sie teilten den Rest ihres Gewinnes, und jeder verwaltete ln Zukunft seine Hälfte selbständig. Es wäre ihm zu leid, wenn etwa über Geldstreitigkeiten ihre Freundschaft in die Brüche gehen sollte.

Franz Xaver hörte ihn gleichgültig zerstreut an, dann drückte er ihm die Hand und bat ihn, er möchte sich wegen seiner Verschwendung nicht noch mehr Haare ausgehen lassen. Verschwendung sei ja der Zweck der Übung, und er wolle von keiner geschäftlichen, noch überhaupt irgendwie vernünftigen Behandlung der Sache etwas wissen. Vorläufig sei noch Fasching, und da solle auch faschingsmäßig toll gewirtschaftet werden. »Heut wollen wir noch amal so viel Geld flüssig machen, als die Münchener Banken hergeben können, und den Topf der Danaiden bis zum Rand füllen, und dann greif' hinein, so oft und so tief du magst. Freunderl. Mich freut das Geld an sich net. Mir genügt das Bewußtsein, gegenwärtig ein Mann zu sein, der net aufs Geld zu schauen braucht. Packt mich irgendein Rappel, so werd' ich mich auch meinerseits net genieren, tief hineinzugreifen.«

Mit dem Flüssigmachen von zehntausend Mark in die beliebten Zechinen und Doppelzechinen vergingen viele Stunden. Dann speisten die Freunde zusammen. Aber Franz Xaver war einsilbig und mit nichts zufrieden, oder vielmehr, das glänzende Menü ließ ihn, der sonst immer bereit war, über jede halbwegs anständige Leistung eines Koches in Begeisterung zu geraten, völlig gleichgültig. Der biedere Bariton war aufrichtig besorgt um seinen Freund und forschte mit freundschaftlicher Zudringlichkeit nach der Ursache seines Kummers.

Aber Franz Xaver ließ sich nicht in seine Heimlichkeilen gucken: »Weißt, Freunderl« sagte er ausweichend, »ich glaube, mir spukt ein Trauerspiel im Kopf oder so was. Dieser blödsinnige Glücksfall hat mir, scheint's, Juckpulver in mein Zerebralsystem gestreut: ich muß mich mit der Feder kratzen. Ich glaube, es wird das gescheitste sein, ich befreie dich und deine fidele Kumpanei für einige Zeit von meiner faden Persönlichkeit. Ich werde mir eine Geldkatze voll Zechinen um den Leib schnallen und auf ein paar Wochen nach Italien verduften. Ich meine, da wird's schließlich doch auch Orte geben, wo Herren, die einige Zeit in stiller Zurückgezogenheit zubringen wollen, liebevolle Aufnahme finden.«

»Nimmst du dein Weib mit?« fragte Balzer Theo.

»Wen? Das Mademeusele, das Bischibischerl? Fallt mer gar net ein. Wenn ein Dichter seine Niederkunft erwartet, so ist das ganz dasselbe, als wenn ein Weib seine Niederkunft erwartet – sie sollten dazu beide in die Einsamkeit gehen – das ist das Schamgefühl der ästhetischen Kultur. Ich sehe es deinen geistvollen Zügen an, mein lieber Theo, daß du das wieder einmal nicht begreifst, aber es ist nun einmal so.«

Der gute Balzer begriff allerdings nicht, wie einer aus dem herrlichen Münchner Fasching davonlaufen und sich irgendwo draußen in der Einsamkeit vergraben könne, um zu arbeiten. Eine Arbeit, die höchst wahrscheinlich nichts einbrachte, und noch dazu zu einer Zeit, wo das Arbeiten gar nicht vonnöten war. Er trauerte aufrichtig darüber, daß er nun mit seinen vielen lieben Freunden und Freundinnen so ganz allein bleiben sollte. Aber er unterließ doch bald weitere Versuche, den Dichter umzustimmen. Ein Narr war und blieb Franz Xaver in seinen Augen; aber wenn er nicht der Narr gewesen wäre, wäre er auch wahrscheinlich kein Dichter gewesen. So ließ er ihn denn laufen.

Franz Xaver lief aber vorläufig noch nicht – wenigstens nicht nach Italien. Er machte nur weite Spaziergänge in die Umgegend, und wenn das Wetter dafür zu schlecht war, so schickte er den Bariton fort und lag daheim sinnend auf dem Diwan. Er wartete noch – er verzehrte sich sogar vor Sehnsucht nach einem Ereignis, das ihn verhindern sollte, seinen Plan auszuführen. Er wartete auf eine kleine Hand, die sich ausstrecken sollte, um ihn festzuhalten. Er wartete auf ein gebieterisches »Bleib!« von schmalen, blutroten Lippen.

Einmal brachte die Post ein französisches Billett von Biche: sie hätte eine hübsche Parterrewohnung gefunden und wollte in den nächsten Tagen hineinziehen. Ob er nicht einmal kommen würde, die Wohnung anzuschauen und seinen Rat wegen der Möblierung zu geben. Auch mache ihr Froh viele Sorgen. Er laufe ihr fort und komme wieder, wann's ihm beliebe, und beim Klavierspielen heule er.

Da ging Franz Xaver, kaufte einen hübschen Kasten, den er mit Pralinés füllen ließ, und zwischen die Pralines steckte er fünfzig Doppelzechinen für die neuen Möbel. Er schrieb ihr einen kurzen Gruß dazu, und daß er bald kommen würde, sie möchte sich nur inzwischen ganz nach ihrem Gefallen einrichten. Er ließ die kostbare Sendung durch sein Dienstmädchen hintragen. Selbst hinzugehen, konnte er sich nicht entschließen – auch die ganze folgende Woche über nicht.

Und dennoch war von der Abreise noch keine Rede. Er lebte so hin, beständig auf der Flucht vor dem biederen Hausgenossen und seiner lauten Gesellschaft. Er ging auf keine Redoute, kaum ein-, zweimal ins Theater und – wartete.

Täglich kam er bei ihrem Hause vorbei, oft sogar mehrere Male, und dennoch blieb er seinem Entschluß getreu, nicht hinaufzugehen. Er wollte nicht den ersten Schritt tun oder sich gar wieder an der Korridortür abweisen lassen; sie mußte kommen und ihn holen.

Das ging so zehn Tage lang fort; Faschings Ende stand bevor. Am Abend dieses letzten Tages sah er, als er wieder durch die bewußte Straße schritt, aus der Tür ihres Hauses einen stattlichen Herrn heraustreten, der eine goldene Brille und einen schöngepflegten, leicht graumelierten Bart trug. Das war also mit großer Wahrscheinlichkeit der bewußte Professor.

Er ging dem Herrn in einiger Entfernung nach. Eine rasende Begier, den Mann in einer stillen Ecke zu überfallen und windelweich zu dreschen, rumorte ihm in den Adern. Er trug einen guten Stock bei sich – der Herr Professor auch. Eine Mensur auf spanische Rohre ohne Binden und Bandagen – so furchtbar jungenhaft sie war, ihm erschien die Idee köstlich erfrischend; oder auch bloß den Mann zu überholen und ihn unter der nächsten Laterne mit höflich gezogenem Hut anzusprechen: »Guten Abend, Herr Professor, ich habe gehört, Sie beabsichtigen die schöne Frau Lona zu heiraten. Ich kann Ihnen zu Ihrer Wahl nur herzlichst gratulieren, denn ich habe den Vorzug, die Dame sehr genau zu kennen, und ich kann Ihnen sagen, sie besitzt Qualitäten...!«

Aber es kam kein stiller, dämmeriger Winkel. Der Herr wohnte in einer sehr belebten Gegend. – Im nächsten Café ließ sich Franz Xaver das Adreßbuch geben und stellte mit dessen Hilfe den Namen des Professors fest. Dann ging er nach Hause und schämte sich. Und dann packte er seinen Koffer.

Da klingelte es draußen. Das Mädchen kam herein und meldete eine Dame, die Herrn Meusel zu sprechen wünsche.

»Kennen Sie die Dame?«

»Nein. Sie hat einen dichten, schwarzen Schleier vorm G'sicht.«

»Also bitte, lassen Sie sie eintreten!«

Franz Xaver stand am Tisch und hielt sich mit der Rechten daran fest. Er zitterte am ganzen Leibe.

Die schwarzverschleierte Dame trat über die Schwelle und drehte ihm alsbald den Rücken zu, indem sie nach der Klinke griff.

»Herr Balzer ist nicht daheim?« fragte sie.

»Nein. Herr Balzer ist nicht daheim. Mit wem habe ich die Ehre?« stammelte der Mann kindisch verwirrt.

Da schob die Dame vorsichtig den Riegel vor die Tür, nestelte dann ihren Schleier ab und wandte sich mit einer flotten Kehrtwendung ihm zu.

»Fräulein Moosgrün?! Was soll denn... Das ist doch wirklich...!« Er rang nach Worten. Ganz rot war er im Gesicht vor zorniger Enttäuschung.

Und mit bittend gefalteten Händen trat das Afferl auf ihn zu und flehte in süßem Kinderton: »Bitt' schön, net bös sein! Gellens, lieber Herr Meusel, net bös sein! Ich hab' g'wußt, daß ich Sie heut' gegen Abend allein treffen würbe, und da hab' ich mir ein Herz g'faßt und bin g'schwind her.«

»Ja, was wollen Sie denn von mir,« rief Franz Xaver unmutig, »und was fällt Ihnen denn ein, die Tür zuzusperren?« Er trat rasch hinter das Mädchen und schob den Riegel wieder zurück. »Ich habe keine Heimlichkeiten mit Ihnen, Fräulein Moosgrün.«

Sie stand immer noch bei der Tür, dicht neben ihm. Ängstlich schaute sie zu ihm auf, als fürchte sie, im nächsten Augenblick Schläge zu bekommen. »Net bös sein.« stammelte sie noch einmal, und dann liefen ihr auf einmal die hübschen, lustigen Augen über, und sie fing herzbrechend zu schluchzen an.

Franz Xaver konnte Frauen nicht weinen sehen. Ganz nervös schritt er ein paarmal im Zimmer hin und her, und dann klopfte er ihr leicht auf die Schulter und sagte: »Na, nu hören's scho auf, Fräulein. Ist Ihnen was Schlimmes passiert? Was druckt Ihnen denn das Herzl ab? – Also gehen's, so reden's scho.«

Immer noch schluchzend entledigte sie sich ihrer Handschuhe, zog ihr Tüchlein hervor, trocknete sich die Augen und schneuzte sich umständlich. Dann vermochte sie endlich Worte zu finden: »Also schaun's, Herr Meusel,« begann sie, indem sie seiner Aufforderung folgte und sich auf den Diwan niedersetzte: »das grämt mi halt so vüll, daß mich alle für so ein leichtfertiges Afferl halten, und Sie besonders, Herr Meusel. Sie sollen net denken, daß i mit dem Herrn Balzer ein G'spusi hätt', weil er mich so oft einladen und mir schöne Sachen schenken tut. Ja, mein Gott, ich bin ein arms Madel, und wann mir jemand was schenken tut, so sag' i halt dank' schön und nimm's; aber z'wegen dem bin i doch noch net schlecht, und a bissel Leichtsinn ist doch ka so große Sünd', wenn mer jung is und a bissel sauber.«

»Ja, dagegen habe ich ja gar nichts einzuwenden,« lachte Franz Xaver gutmütig; »aber weshalb müssen Sie mir denn das sagen? Gehen's doch zu Ihrem Beichtvater.«

»Aber, Herr Meusel, schaun's, mir liegt doch gar nixen an der Absolution, wann Sie mich immer so bös anschaun.«

»Bös, ich?«

»No etwa net? Ich weiß net, Herr Meusel, ob Ihna irgend a Madel in ganz München so gern hat als wie ich. Alle die anderen Mannsleut lach' ich gerad' ins Gesicht, aber Sie, wann's mich so spöttisch anschau'n, möcht' ich vor Zorn und Gram gleich gerad' 'nausschrei'n. San's denn so vüll stolz, daß Ihnen an arm's Ballettmädel zu g'ring is?«

Franz Xaver rang nervös die Hände ineinander: »Ja, mein liebes gutes Kind, die Liebe läßt sich doch nicht kommandieren.«

»Bin ich Ihna denn so vüll z'wider?« fragte sie von neuem, vor sich hinschluchzend. »Ich möcht' Ihna doch so gern alles z'lieb tun, wenn Sie's bloß mit mir probieren möchten und mi a bissel gern haben. Schaun's, ich hab' auf der letzten Redout eine sehr großartige Bekanntschaft gemacht, an sehr an reichen jungen Herrn. Sein Vater is Kommerzienrat, und er selbst hat a scho sei eigne Brauerei. Der hat mich g'fragt, ob ich sein Weib werden will.«

»Was, Deifel, gleich heiraten will er Sie? Aber Madel, das ist ja eine großartige Chance! Greifen's doch zu.«

»Heiraten gerat' net,« versetzte sie harmlos, indem sie ihr Sacktuch zu einem kleinen Ballen zusammenwurstelte und damit in ihre Augen tupfte, »bloß so, wissen's, wie mer sagt: sein Weib werden. D' Mutter und meine Schwestern reden mir natürlich zu, ich soll's annehmen, denn es ist doch eine Versorgung für die ganze Familie, net? Und wann's a net lang' dauert, mer kann doch was auf d' Seit legen, net? Aber ich hab' mer denkt, ich müßt's Ihna doch erst sagen, Herr Meusel.«

»Ja, warum denn mir?« rief Franz Xaver erstaunt. »Ich werd' Sie doch net hindern. Ihr Glück zu machen.«

»Ein Glück is doch des gar net für mich, weil ich doch um den Herrn nix nachfrag', 's ist a rechter feiner, nobler Herr, und Reserveoffizier is er auch. Des wär' scho alles recht, aber – 's fehlt halt doch d' Lieb' dabei.«

Franz Xaver ging auf sie zu und legte ihr die Hände auf die schmalen Schultern: »Und da kommen Sie zu mir, um sich zu vergewissern, ob Sie d' Lieb' net vielleicht bei mir finden, net wahr? Is das so, versteh' ich so recht?«

Sie nickte eifrig mit dem Kopf.

»Ja, Sie glauben wohl, daß die Wirtschaft aus dem vollen Topf immer so weitergehen würde bei mir? Da irren Sie sich, mein liebes Kind. Dieser Topf ist unten durchlöchert wie ein Sieb: das Gold fließt durch und immer in ein Faß ohne Boden hinein. Das geht vielleicht noch ein paar Wochen oder Monate so hin und dann, eines schönen Tages, huit, futsch, aus is! Da haben wir nix mehr und gehen wieder in die Kronfleischküche mittagmahlen.«

Das Fräulein erhob sich, streichelte Franz Xaver zaghaft über die Weste und sagte verschmitzt lächelnd: »So lang' S' mi gern haben, kommt's net so weit, daß Sie in der Kronfleischküch' speisen müssen. Ich sorg' schon dafür, daß Ihna nie nix abgeht. Z'wegen was hat mer denn an reichen Verehrer!«

Franz Xaver stand ganz starr da: »Also so meinen Sie's?«

»Ja, geh, schau, das wollt' ich dir – das wollt' ich Ihnen doch erst sagen, eh' ich dem jungen Braudirektor seinen ehrenvollen Antrag annimm. Darum bin ich doch herkommen, daß S' net schlecht von mir denken sollen, Herr Meusel.«

Franz Xaver stand sprachlos. So was war ihm doch noch nicht vorgekommen! Sollte er nun das schamlose Geschöpf, das ihm einen so schmachvollen Antrag anzudeuten wagte, mit einem Fußtritt zur Tür hinausbefördern, oder sollte er über soviel lasterhafte Naivität eine gerührte Träne vergießen? Er tat weder das eine noch das andere. Vielmehr vergaß er ganz die Rolle, die er selbst in diesem merkwürdigen Abenteuer spielte, und freute sich der seltsam neuen Situation mit rein künstlerischem Behagen. Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen und machte von Zeit zu Zeit vor dem Fräulein Milly Moosgrün halt, indem er es äußerst interessiert ins Auge faßte, wie der Forscher ein seltenes Naturobjekt. Seine dichterische Phantasie war eifrig an der Arbeit, indem sie sich die anmutigen Familienverhältnisse dieses talentvollen Kindes und seine ganze seelische Entwicklung vorzustellen suchte.

Die Kleine hatte vom vielen Weinen den Schlucken bekommen und erzählte, von häufigen Luftstößen unterbrochen, daß ihr der Herr Brauereidirektor eine Villa am Tegernsee und für die Wintermonate ein paar hübsch möblierte Zimmer in München und sonst noch alle möglichen Herrlichkeiten mitsamt liebevoller Behandlung in Aussicht gestellt habe. Die einzige Bedingung war, daß sie auch fernerhin dem königlichen Corps de Ballet und außerdem ihm selber treu bliebe.

Aber Franz Xaver hörte gar nicht mehr auf ihr Geschwätz. Er war ganz in seine Gedanken verloren. Die gute Stadt München ist nicht nur im Fasching, sondern auch zu allen anderen Jahreszeiten ein gar lustig brodelnder Hexenkessel von unterschiedlichsten Humoren und wunderlichsten Moralen – er hatte die merkwürdigste Kostprobe mit dem Punschlöffel herausgeschöpft: ein so sonderbares Küchlein wie die Spezies Milly Moosgrün war ihm doch noch nicht unter die Nase gekommen. Und dieses Schladrigackerl gedachte ihm die Uneigennützigkeit seiner Liebe dadurch zu beweisen, daß es den Sündensold des Braudirektors mit ihm teilte! Er schüttelte sich. Und dann ging er in sein Schlafzimmer und holte ein Glas Wasser, denn er konnte das Schlucksen nicht mehr anhören.

»Da, Mädel,« sagte er, indem er ihr das Glas hinreichte, »halt' den Atem an und trink' neun kleine Schlucke, verstanden?« Und während sie seinen Befehl gehorsam ausführte, bewegte der Dichter seinen dicken Kopf hin und her und dachte: »Was hab' denn ich nur an mir, daß mir lauter so Geschöpferl, denen ich gar net nachfrag', ihre opferfreudige Verehrung so ins Haus tragen?«

Da schlug draußen die Entreeglocke an. Die Milly sprang auf und setzte hastig das Glas weg, und auch Franz Xaver blieb lauschend beim Tisch stehen. Draußen wurden leise, unverständliche Worte gemurmelt, und dann klopfte es an die Tür.

Das Dienstmädchen trat herein. Verhaltenes Lachen zuckte über ihre einfältigen Züge, während sie meldete, daß abermals eine schwarzverschleierte Dame den gnä' Herrn zu sprechen wünsche. Einen Moment stand Franz Xaver unschlüssig da, dann schritt er mit einem raschen: »'s is recht, ich schau selbst nach,« hinaus.

Es war Frau Lona. Ratlos starrte er ihr in das blasse Gesicht, von dem sie rasch den Schleier fortgezogen hatte.

»Ich komme wohl ungelegen? Haben Sie Besuch?« fragte sie und blickte lauernd zu ihm hinauf. Sie machte Miene, zu gehen.

»Nein, nein, kommen Sie nur herein.« Und er griff hastig nach ihrer Hand und führte sie vom Korridor aus direkt in sein Schlafzimmer. Die Tür zum Salon stand noch auf. Franz Xaver ging hinein und machte die Tür hinter sich zu. Verlegen, am ganzen Leibe zitternd vor Aufregung, trat er zu dem kleinen Fräulein und flüsterte drängend: »Also bitt' Sie, Fräulein, lassen's mich allein. Mir reden schon noch ein andermal drüber. Schlagen's sich die Dummheiten aus dem Kopf, ja? Ich bin Ihnen net bös – aber so geht's amal net.« Er griff in seine Westentasche und holte zwei Goldstücke heraus, die er ihr rasch in die Hand drückte: »Da hier, kaufen's sich ein schönes Andenken.«

Da verzerrte sich plötzlich ihr weinendes Kindergesicht zur Wut. Sie warf ihm die beiden Goldstücke vor die Füße und fauchte ihn an wie eine böse, kleine Katze: »Ah, so ist des: jetzt ist Ihr Schatz kommen – jetzt kann i gehen? Recht is, ich geh schon, 'nauswerfen laß i mi net. Adie, Herr Meusel – mich sollen's noch anders kennenlernen! Ich hab' a mein' Stolz. Wünsch' gute Unterhaltung. Servus.« Draußen war sie und warf die Tür mit einem Knall ins Schloß.

Franz Xaver wartete, bis er auch die äußere Tür zuschlagen hörte, dann ging er hinaus, sah sich im Korridor um, horchte auf die auf der Treppe sich entfernenden Tritte, seufzte tief auf und fuhr sich mit allen zehn Fingern durchs Haar. Dann ging er wieder hinein und rief Frau Lona aus dem Schlafzimmer in den Salon.

»Wer war denn das?« fragte die Dame, eifrig mit den beweglichen Nasenflügeln in der Luft herumschnuppernd. »Das riecht ja nach Patschuli. Soll das vielleicht Ihre Rache dafür sein, daß ich Sie neulich nicht hineinließ?«

»Sie verkennen mich vollständig,« versetzte Franz Xaver mit dem äußersten Bemühen, recht kühl zu bleiben. »Wenn Sie Wert darauf legen, kann ich Ihnen diesen Besuch in einer Weise erklären, die mich vollständig in Ihren Augen rechtfertigen dürfte. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß keinerlei Beziehungen...«

»Lassen Sie nur, lassen Sie nur,« rief Frau Lona nervös, »Sie sind mir ja durchaus keine Rechenschaft schuldig. Ich glaubte nur, daß nach dem, was zwischen uns...« Sie brach plötzlich ab und wandte ihm den Rücken.

Eine Weile wartete er, daß sie weiterreden sollte, aber als sie beharrlich schwieg, machte er einen Schritt auf sie zu und sagte leise: »Und ich glaubte, daß nach dem, was neulich zwischen uns passiert ist, und nach der Abweisung, die ich am andern Tage erfahren mußte, von Ihnen, meine gnädige Frau, etwas früher irgendeine Aufklärung erfolgen mußte – eine Zeile – ein Wink.«

Sie wandte sich ihm wieder zu und stöhnte statt aller Antwort: »Uff! es ist furchtbar heiß hier! Geben Sie mir ein Glas Wasser, bitte.«

Franz Xaver schaute verwirrt um sich, und da kein anderes Wasserglas vorhanden war, nahm er jenes vom Tisch, aus dem das Afferl getrunken hatte, ging damit ins Schlafzimmer, spülte es heftig aus und brachte es frisch gefüllt zu der blassen Dame herein. Sie trank es gierig leer, und dann folgte sie seiner Aufforderung, abzulegen und Platz zu nehmen. Sie saß auf dem Sofa, er stand vor ihr und ließ einen verstohlenen, scheuen Blick an ihrer schönen, schlanken Gestalt, die heute in einem originellen, weichfaltigen Seidengewande steckte, herabgleiten.

»Ich habe drin gesehen, daß Sie beim Kofferpacken sind,« hub Frau Lona nach einer Paule wieder an, »wollen Sie denn verreisen?«

»Allerdings. Heute noch, mit dem Nachtzug über den Brenner.«

»Nach Italien? Allein?«

Er nickte nur bejahend.

»Doch nicht etwa wegen dem Professor?«

»Nein. Aber... Schau'n Sie, Frau Lona, ich habe die Sache eben, scheint's, ganz anders aufgefaßt wie Sie: mich hat's total aus dem Gleis geworfen. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ich g'fall mir selbst net mehr – ich will schauen, daß ich drüben über den Alpen einen anderen Franz Xaver find', der mir bessere G'sellschaft leisten kann. Dieser Kerl ist mir z'wider geworden.« Er schlug sich mit der Faust auf die Brust und lachte. »Ihnen kommt's vielleicht komisch vor, daß ich, ein ausgewachsenes Mannsbild, durch das Abenteuer einer Faschingsnacht mich so über den Haufen werfen lass'. No ja – Sie sagten ja auch, ich wär' der erste Dichter, den Sie kennenlernten. Wir sind einmal Querköpfe: Spaß nehmen wir für blutigen Ernst und blutigen Ernst für Spaß – je nach Stimmung.«

»Ja, glaubst du denn, daß ich das für Spaß genommen hätte?« Sie hatte die Hände ineinandergeschlagen und richtete die großen Augen mit schmerzlichem Lächeln zu ihm empor. »Ich bin doch auch nicht mehr ich selbst. Ich bin doch auch ganz und gar über den Haufen geworfen – so verwirrt, ich weiß nicht aus und ein. Nur das eine weiß ich: zu mir darfst du nicht wieder kommen! Es war so schrecklich, es überläuft mich kalt, wenn ich daran denke. – Das Kind...«

»Also habe ich das nicht geträumt?« flüsterte Franz Xaver heiser, indem er sich auf einen Stuhl ihr gegenüber setzte und mit seinen großen Tatzen die Lehne umklammerte.

Sie nickte verstört, und dann fügte sie leise hinzu: »Das Kind wiederholt's alle Tage: der böse Mann soll nicht wiederkommen. – Siehst du, darum konnte ich mich zu keiner Zeile aufraffen. Ich wußte nicht, was ich dir schreiben sollte. Aber heute nachmittag sah ich von meinem Fenster aus, wie du dem Professor nachgingst, und da packte mich eine solche Angst – nicht um den Professor – um dich! Ich wußte auf einmal, daß du alle Tage da vorübergegangen sein mußtest, daß du dich in fürchterlichen Zweifeln quälst, daß du mich vielleicht verachtest. Und da hielt es mich nicht länger, ich mußte selbst kommen und dir alles erklären und dir sagen – daß ich dich wahnsinnig liebe.« Sie kniete plötzlich neben ihm, und ihre Arme strebten an seiner Gestalt hinauf.

»Lona, ist das wahr?« Er packte sie bei den Schultern und starrte ihr in die Augen, übermannt von Entzücken und wilden Zweifeln.

»Wie soll ich es dir beweisen? – Fordere!«

Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und beugte sich nah zu ihr herunter: »Laß den Professor laufen und trenne dich von dem Kinde.«

Da schrie sie auf: »Du...!« Sie machte sich los, sprang auf die Füße und begann händeringend, schweratmend auf und ab zu gehen.

Franz Xaver erhob sich gleichfalls und ließ sie nicht aus seinen Augen. Wie ein schönes, wildes Tier im Käfig lief sie da auf und ab, hochatmend, ihre schmalen Lippen zwischen den weißen Zähnen beißend. Lange sprach keines von beiden ein Wort.

Dann wandte sich Franz Xaver und knirschte fast unhörbar vor sich hin: »Ich wußte es ja.« Er lachte kurz auf und trat an den Vertiko. Dann zog er den Schlüssel aus der Westentasche, öffnete, entnahm dem Schrank die schöne Majolikavase und stellte sie auf den Tisch.

»Da, das ist der Topf der Danaiden. Du wolltest ja kommen und im Golde wühlen.«

Sie trat herzu, ohne ihn anzuschauen, streifte ihren Ärmel vom rechten Handgelenk in die Höhe, versenkte die Hand in das Gefäß und ließ die Goldstücke klirren. »Das ist schön,« sagte sie. »Auf so etwas kann nur ein Dichter kommen.« Sie warf die Lippen auf und zeigte ihr blitzendes Gebiß. Dann holte sie eine Handvoll Goldstücke heraus und ließ sie von hoch oben wieder hineinfallen. Plötzlich lachte sie wild auf und trat dicht vor ihn: »Willst du mich damit in Versuchung führen? Willst du mir damit meinen Professor und mein Kind abkaufen? – Du kennst mich schlecht.«

Wortlos nahm er das Gefäß auf und stellte es wieder an seinen Platz, dann sagte er leichthin: »Ich wollte dir nur noch ein Vergnügen machen – zum Abschied.«

»Ach so,« lachte sie ebenso leichthin, und dann steckte sie eine Strähne ihres roten Haares, die sich von der Frisur losgelöst hatte, wieder auf, nahm ihren Hut und trat damit vor den Spiegel.

»Du fährst also heut nacht – bestimmt?«

»Jawohl, ganz bestimmt heut nacht.« Er half ihr in ihre Pelzjacke hinein und begleitete sie bis zur Tür.

Da blieb sie stehen und legte ihm leicht die Hand auf den Arm und blickte mit ihrem nixenhaften, lockenden Lächeln zu ihm empor: »Leb' wohl, mein Freund,« sagte sie leise, wie mit verhaltenem Kichern, »du sollst mich kennenlernen!« Dann schlüpfte sie mit leichten Schritten auf den Korridor und zur Tür hinaus.

Franz Xaver war allein. Und genau so, wie eben noch das schöne Weib, schritt nun er raubtiermäßig in seinem Käfig auf und ab und nagte sich die Lippen und knirschte vor sich hin: »Kennenlernen soll ich sie – und die andre auch! Haha, muß denn das so sein, daß die Weiber solche Narren aus uns machen? Hol's der Deixl, ich geb' mich net dazu her!« Und er trumpfte mächtig mit der Faust auf den Tisch, riß das Fenster auf und sog, wildschnaubend, die kalte Nachtluft ein.

Um zehn Uhr fünfundzwanzig ging der Nachtzug nach Italien. Es waren kaum mehr anderthalb Stunden Zeit bis dahin. Von dem Mädchen ließ er sich etwas kalte Küche auftragen, dann aß er und packte gleichzeitig. Zehn Minuten vor zehn war er fertig und fuhr zum Bahnhof. Eine tolle Idee tauchte plötzlich in seinem Gehirn auf: wenn sie da wäre –! Er lief durch alle Wartesäle und auf den Perron hinaus und wieder in die weite Vorhalle und starrte allen verschleierten Damen ins Gesicht – sie war nicht da. Dann kaufte er sein Billett nach Venedig, besorgte sein Gepäck und ging zum Zug. In alle Kupees sah er hinein – sie war nicht da. Unsinn auch, so etwas zu denken!

Aber fünf Minuten vor Abfahrt erschien in großer Gesellschaft sein Freund, der Hofopernsänger. Den ganzen Stammtisch aus dem Kaffeehaus und eine stattliche Auswähl der neuesten und schönsten Redoutenbekanntschaften hatte der gute Mann aufgeboten, um dem scheidenden Freunde eine Ovation darzubringen. Eine Flasche Sekt und einen Maßkrug hatte er mitgebracht. Der ging reihum, und Franz Xaver mußte mit einem tiefen Schluck Bescheid tun. Und als der Zug plötzlich sich in Bewegung setzte, da brüllte die ganze Gesellschaft wie toll: »Heil und Sieg!« und Balzer Theo ließ seinen herrlichen Bariton erschallen und schmetterte Wotans dreimaliges »Lebewohl!« hinaus, daß es von der weiten Glaswölbung mächtig widerhallte.

Die Lokomotive fauchte in die Nacht hinaus, und Franz Xaver warf sich aufs Kissen, bearbeitete seine Knie mit seinen Fäusten und knirschte vor sich hin: »Du Narr du; warum kannst jetzt du das Leben net nehmen wie die edle Gesellschaft da? Laßt uns essen, trinken und lieben, denn morgen sind wir tot. Gesunde Philosophie das. Und man kann ein ehrlicher Philister trotzdem werden, wenn man nicht vorher an Magenerweiterung und Herzverfettung zugrunde geht.«

Am Ostbahnhof gab's den ersten kurzen Aufenthalt. Franz Xaver wischte den Schweiß von den Scheiben und schaute hinaus. Kein Mensch stieg da ein. Und der Zugführer setzte eben die Pfeife an den Mund, als in größter Aufregung eine Dame den Perron betrat und an dem Zuge entlang zu laufen begann.

»Arrêtez, arrêtez donc!« hörte er sie ängstlich kreischen. Die Lokomotive zog bereits an. Da gab der Stationsvorsteher Gegensignal, und mit einem Ruck prallten die Wagen aufeinander, daß Franz Xaver, der sich erhoben hatte, schwer auf den Sitz zurückfiel.

»Montez, madame, vite, vite, en voiture!« hörte er den Stationsvorsteher rufen. Eine Tür knallte, die Pfeife schrillte, der Zug setzte sich abermals in Bewegung.

»Damische Weibsbilder,« brummte ein dicker Herr, der mit Franz Xaver das Kupee teilte, ärgerlich; »immer zum letzten Moment müssen's kommen, und nachher verlangen's auch noch, daß ein königlich bayrischer Stationsvorstand französisch reden soll. – Machen's sich nur bequem, Herr, ich fahr' nur bis Rosenheim.«

Franz Xaver holte seinen Handkoffer herunter, schloß ihn auf und kramte darin herum nach Pantoffeln und Kommodjacke. Er machte sich für die Nacht zurecht, und dann schmiegte er sich in seine Ecke, die Beine unter der Reisedecke. Bald schloß er die Augen und ließ sich von dem Rasseltakte der Räder einlullen.

Die Tür wurde zurückgeschoben. Er griff in die Tasche, holte sein Billett heraus und streckte es aufblinzelnd dem Schaffner entgegen. Aber es war nicht der Schaffner. Etwas Weiches, Duftiges schmiegte sich an ihn, und zwei kleine Hände in zarten Glacés schlossen sich um seine Rechte, und eine süße Stimme flüsterte ihm dicht am Ohr: »Ich bin's. Ich komme mit.«

Sie war es wirklich. Der rote Kopf lag an seiner Schulter, und die schmalen, blutroten Lippen schwatzten französisch. – Und der dicke Herr gegenüber, der nach Rosenheim wollte, riß die Augen weit auf und glotzte wie ein Ochs, dem ein unwahrscheinliches Windspiel über den Weg läuft. Franz Xaver aber saß da wie betäubt. Alle seine Pulse hämmerten, das Blut rauschte ihm in den Ohren – und bis Rosenheim sprach er kein Wort.

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