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Der Tod des Cosimo

Paul Ernst: Der Tod des Cosimo - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Tod des Cosimo
authorPaul Ernst
firstpub1912
year1912
publisherMeyer & Jessen
addressBerlin
titleDer Tod des Cosimo
created20070331
sendergerd.bouillon
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Ein Eid

In den letzten Zeiten des Merowingerstaates in Frankreich lebte ein Graf Austregisil. Er hatte zwei Söhne, Landegisil und Fortunatus, mit denen er allein in seinem alten Hause wohnte. Seine Gattin war schon seit Jahren gestorben. Er selbst war ursprünglich gemeiner Soldat in der Leibwache des Königs gewesen und hatte sich durch Tüchtigkeit und Schmeichelei seine hohe Stellung errungen. Jetzt war er ein kräftiger Mann in der Mitte der Vierziger mit einer blutroten Narbe von einem Axthieb über die Stirn und mit schwarzem, dichtem und kurzgeschorenem Haupthaar und Bart. Der älteste Sohn, welcher seine Stelle erben sollte, wenn er dem König gefiel, schien sein verjüngtes Ebenbild; der jüngere, den er hatte zum Priester weihen lassen, war ein blasser Mensch mit unheimlichen, verzehrten Augen.

Ein reicher Grundherr in der Nachbarschaft starb und ließ eine einzige Tochter zurück namens Pelagia. Der Vorsteher von Austregisils Schreibern brachte eine Klage ein, er habe vor Jahren dem Herrn seine Güter für eine bestimmte Summe abgekauft, mit der Bedingung, daß er erst nach seinem Tode den Besitz antreten solle. Der Rechtsfreund Pelagias erklärte das Dokument für gefälscht; Austregisil legte dem Schreiber auf, er solle in der Kapelle des Grafenhauses auf die Gebeine des heiligen Remigius schwören, daß seine Behauptung wahr sei; der Schreiber leistete den Schwur und trat den Besitz an; nach einigen Monaten verkaufte er die Güter an Austregisil.

Fortunatus ging im Frühjahr auf das Land, trat in ein Bauernhaus und fand Pelagia, welche bei dem Bauern wohnte, wie sie kostbare Borten webte; der Bauer sagte, daß er die Borten in der Stadt teuer verkaufe und daß er an Pelagia verdiene. Fortunatus fragte sie nach ihrem Namen; sie antwortete: »Ich bin Pelagia, die Herrin dieses Gebietes, welches dein Vater gestohlen hat.« Er sprach: »Du mußt nach deinem Stande leben, ziehe in das Haus meines Vaters.« Sie antwortete ihm nicht. Er erzählte alles seinem Vater, und der zwang sie, zu ihm zu ziehen; er gab ihr ein eigenes Zimmer in seinem Haus und eine Magd zur Bedienung.

In einer Nacht pochte er an ihrer Tür. Sie fragte: »Wer ist draußen?« Er sprach: »Ich bin Austregisil, öffne mir.« Sie rief um Hilfe, er versuchte die Tür aus den Haspen zu heben. Auf das Rufen kam Landegisil, sein ältester Sohn; er sprach zu ihm: »Ich habe noch nicht gewagt, ein Wort mit ihr zu sprechen; du bist ein alter Mann; du darfst sie nicht zu meiner Mutter machen, sie soll mein Weib werden.« Austregisil lachte. »Heiraten will ich die Bettlerin nicht, mein Gut soll zusammenbleiben bei einem Erben.« Landegisil zog sein Schwert und schlug ihn über den Kopf, dann erschrak er, warf das Schwert fort, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte, indem er rief: »Du bist mein Vater.« Austregisil wischte sich das Blut aus dem Gesicht, damit es ihm nicht in die Augen lief und ging. Pelagia öffnete die Tür eine kleine Spalte, hing die Kette ein und flüsterte: »Hast du ihn erschlagen?« Er antwortete: »Nein, Gott und die Heiligen haben mich vor dem Vatermord behütet, er trägt einen starken Blechstreifen in seiner Mütze eingenäht.« Sie sprach: »Ich will beten, daß ihr euch gegenseitig mordet, ihr Räuber.« Er antwortete: »Ich bin kein Räuber.« Dann ging er fort.

Fortunatus saß in der Kapelle auf den Stufen des Altars vor dem silbernen Sarkophag des heiligen Remigius. Er dachte: »Gott hat mich geführt; denn wenn ich mein Leben bedenke, so finde ich, daß alles notwendig war für mich, auch das, was mir als Zufall erschien damals, als es mir geschah. Wenig Freude habe ich gehabt in meinem Leben, aber ich durfte auch keine Freude haben, sonst wäre ich nicht der geworden, der ich bin. Aber nun, wohin gehe ich nun weiter? Ich weiß es nicht, aber Gott weiß es. Alles ist nötig für mich gewesen bis nun, so wird alles weitere auch nötig sein; und wenn ich das nicht jetzt mache, so werde ich es später machen, wenn alles andere geschehen ist und ich an meinem Ende bin. Aber vielleicht ist dieser ganze Gedanke falsch? Ich erscheine mir selbst heute notwendig, so, wie ich bin; deshalb muß mir auch alles notwendig scheinen, was mir geschehen ist, und was ich getan habe, denn durch das alles bin ich ja, was ich jetzt bin. Hätte ich nun anderes getan, und wäre mir anderes geschehen, so wäre ich heute der Mensch, der diesen anderen Geschehnissen entspräche, und also ein anderer; dann würde ich, der andere, mir jetzt eben so notwendig vorkommen, und mein bisheriges Leben, das anders war, als eben so von Gott geleitet.«

Dann dachte er: »Vielleicht bin ich der andere?« Und er fürchtete sich.

Pelagia wurde in ihrer Kammer ermordet gefunden. Sie lag mit dem süßen Gesicht auf dem Boden, erschlagen mit dem Schüreisen des Kamins.

Der König in seinen langen Haaren, die von dem goldenen Reif zurückgehalten wurden, fuhr durch das Land, in seinem Wagen, gezogen von weißen Stieren, und überall strömten die Menschen ihm zu, damit sein Blick auf sie falle. Er saß in dem Saal im Hause des Grafen Austregisil, um selbst den Mörder zu erforschen. In einem Halbkreis, niedriger wie er, saßen die Vornehmen seines Palastes und die Großen der Grafschaft. Der König sprach: »Wer etwas zu sagen weiß über den Mord, der stehe auf und spreche«.

Da erhob sich Landegisil und sprach: »Kein anderer kann die Tat vollbracht haben wie mein Vater, denn es hatte zu Pelagia niemand Zugang wie wir; und ich weiß, daß er sie mit unzüchtigen Anträgen verfolgte. Ich klage ihn des Mordes an und will mit meinem Schwert gegen ihn eintreten für meine Klage.«

Austregisil erhob sich, und wie er dem Sohn gegenüberstand, fiel allen die wunderbare Ähnlichkeit der beiden auf, und einige flüsterten: »Er ist sein Vater.« Austregisil schwieg eine Weile, dann fragte er seinen zweiten Sohn Fortunatus, der in seinem Priestergewand dasaß, gesenkten Hauptes und die Hände in den weiten Ärmeln. Er fragte ihn: »Wenn dein Bruder stirbt, willst du dann die Kirche lassen, wieder in die Welt gehen, mein Gut und Amt erben, ein Weib nehmen und Kinder zeugen?«

Fortunatus schüttelte das Haupt und sprach mit leiser Stimme: »Ich will Priester bleiben und ein frommes Leben führen, gleich dem heiligen Remigius, dessen Sarg ich bewache. Er war der Sohn eines Grafen wie ich, wurde Priester und ist nun ein Heiliger; und auf seine Gebeine legen wir die Hand, wenn wir schwören, und er hat solche Macht, daß er den tötet, der falsch schwört über seinen Gebeinen.«

Austregisil sprach: »So willst du auch als Priester kein Weib nehmen, damit ich Enkel sehe aus meinem Blut, welche erben, was ich mir erworben?«

Fortunatus schüttelte wieder den Kopf.

Da sprach Austregisil: »Ich werde mir neue Söhne erzeugen. Ich bin unschuldig an dem Mord; aber aus demselben Grunde wie mein Sohn Landegisil mich, klage ich ihn an; denn außer mir und meinen beiden Söhnen hatte niemand Zutritt zu Pelagia; und ich weiß, daß mein Sohn eine Neigung zu ihr hatte. Und ich will meine Anschuldigung beweisen im Schwertkampf gegen diesen, der aus meinen Lenden entstammt.

Der Älteste der Beisitzer erhob sich und sprach: »Es ist nicht erhört bis heute, daß Vater und Sohn einander mit dem scharfen Schwert gegenüber gestanden haben. Und wenn das geschähe, so habe ich Furcht, daß Gott eine Strafe auf unsere Völker sendet, so groß wäre das Verbrechen. Deshalb ist mein Rat, lieber bleibe der Mörder unbekannt und die Tat ungesühnt, als daß ein so schändlicher Kampf von dem König angeordnet werde.« Die anderen Männer murmelten beistimmend.

Es hatte sich ein schweres Gewitter am Himmel zusammengezogen, ein Frühlingsgewitter. Während der König ruhig überlegend verharrte und eine große Stille im Saal war, kam plötzlich ein heftiger Donnerschlag zugleich mit einem leuchtenden Blitz; die an der Wand aufgehängten Waffen klirrten. Erschrocken sprangen die Beisitzer auf, denn sie dachten, der Blitz habe im Raum eingeschlagen, dann flehten sie den König an, der Meinung des Alten beizustimmen.

Der König sprach: »Der Blitz darf mich nicht erschrecken, und es wäre eben solche Sünde, den Mord ungesühnt zu lassen, als wenn Vater und Sohn sich mit tödlichen Waffen schlügen. Aber ich habe einen andern Weg gefunden, die Wahrheit zu treffen. Dieser Priester sagte, daß die Reliquien eines Heiligen hier im Hause sind. Vater und Sohn sollen auf diese Reliquien schwören, daß sie unschuldig sind an dem vergossenen Blut. Ist der Heilige so mächtig wie der Priester sagte, so wird er denjenigen von den beiden bestrafen, welcher der Meineidige, Mörder und falsche Ankläger seines nächsten Verwandten ist.«

Der König erhob sich langsam und schritt zur Kapelle. Die andern folgten.

Der Vater gürtete sein langes Schwert ab, legte es zur Seite und stieg die Stufen des Altars empor. Auf dem Deckel des Sarges war in dem blanken Metall eingeritzt und mit Niello ausgelegt die Figur des Heiligen, ruhend, mit geschlossenen Augen, die Hände über die Brust gelegt. Der Graf erhob die Schwurfinger der linken Hand, legte die rechte Hand auf das Haupt des Heiligen und sprach mit lauter und fester Stimme die Worte des Schwurs nach, welche ihm Fortunatus, am Fußende des Sarges stehend, vorsagte. Alle schwiegen, als er geendet; und in der tiefen Stille ging er mit schweren Schritten die Stufen wieder herab.

Nun machte sich Landegisil bereit, und in die Stille kam von außen ein leises Rollen des Donners, als ziehe das Gewitter ab. Die Stimme des Fortunatus war noch leiser wie vorhin, Landegisil sprach ruhig und laut nach. Als er die Worte fast beendet hatte, erfüllte plötzlich das Licht eines Blitzes die Kapelle, daß alle die Augen schließen mußten, und unmittelbar folgte ein entsetzlicher Donnerschlag. Als die Männer wieder aufblickten, stand nur noch Landegisil aufrecht, die Hand auf dem Haupt des Heiligen; Fortunatus lag tot am Fußende des Sarges.

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